Worauf man sich als Erstes freut, wenn es was Neues gibt von Robag Wruhme? Auf den Namen. Und „Venq Tolep“, so der Name des neuen Albums, enttäuscht da kein bisschen. Auch inhaltlich nicht. Sieben Jahre hat es gedauert, natürlich nicht ohne Grund, ohne Gründe. Und über die sprechen wir natürlich hier im Interview. Und über die Zeit, die sich verändert hat. Was sich nicht verändert hat: die Kunst, ein rundes und eigenwilliges Album abzuliefern.


Der Vorgänger „Thora Vukk“ ist mittlerweile sieben Jahre alt. Wie kam diese lange Pause zwischen den Alben zustande?

Grundsätzlich bin ich eigentlich gar nicht so der Album-Ablieferer. Als „Thora Vukk“ erschien, lag mein Debütalbum „Wuzzelbud KK“ ja auch schon sieben Jahre zurück. Allerdings gab es dieses Mal einen entscheidenden Unterschied. Ich fing zwar direkt 2012 mit der Arbeit an einem neuen Album an, aber ich wurde dann sozusagen ausgebremst. 2014 kam unser Sohn, 2018 unsere Tochter zur Welt. Und dann gestaltet sich so was schwierig, denn das Grundcredo beim Machen von Musik lautet „Zeit haben“. Und davon blieb dann nicht mehr viel. Eigentlich bin ich sogar ziemlich verwundert, dass ich es überhaupt geschafft habe. Aber ich habe über die Jahre einen Fundus an Projekten und Liedern zusammengetragen und daraus dann „Venq Tolep“ gemacht.

Gab es denn letztlich einen bestimmten Auslöser oder eventuell auch mal ein mehr oder weniger druckvolles Nachfragen von Pampa-Seite oder wem auch immer?

Die Frage, wie es mit einem Album aussieht, kam natürlich zwischendurch. Aber ich habe auch mal einen Vertrag bei einem Major gekündigt, weil ich mich nicht unter Druck setzen lassen wollte, ich bin eben keine Maschine. Es ist auch irre, was sich in diesen letzten acht Jahren auf dem Musikmarkt getan hat, das bekam ich ja gar nicht mehr richtig mit. Ich war zwar immer noch Teil des Ganzen, steckte aber nicht so richtig in der Struktur drin, weil ich eben mit den Kindern beschäftigt war und bin. Und dann bekommt man auf einmal mit, was sich verändert und entwickelt hat, das ist ganz schön heftig. Da merkt man einmal mehr, dass das natürlich auch ein großer Luxus ist, sich so viel Zeit zu lassen. Ich glaube, es gibt da einige wie mich, die vor vielen Jahren einen Vertrag unterschrieben haben, aber da war das alles noch easy, da konnte man noch fragen, ob die Leute, die einem gegenüber sitzen, gut oder böse sind. Die schmunzelten dann und sagten, sie seien noch die Besseren von den Bösen. Man ist da irgendwie noch rausgekommen, ohne irgendwelche Vertragsstrafen zu zahlen. Ich glaube, das ist jetzt alles noch mal ein bisschen anders, weil das Thema Musik ein Produkt geworden ist, das so schnelllebig ist, dass es schwierig ist, dass die Musik oder ein Song länger als drei Wochen im Kopf hängenbleibt. Oder man hat dann die – Achtung, Sarkasmus – gut sortierten Radiosender, die alles in Schleife laufen lassen. Wenn von „Venq Tolep“ zwei Lieder mehrere Monate in Schleife laufen würden, hätte ich natürlich auch mehr Fans.

In welchem Kontext steht eigentlich das Doppel-Vinyl „Wuzzelbud FF“, das im Herbst letzten Jahres rauskam? Von der Track-Anzahl ist es schon eher Album, aber viel stärker am Dancefloor orientiert als „Venq Tolep“.

Da dachte ich eigentlich, ich bin der große Schlaumeier, ich mache was, was die anderen nie machen: zwei Alben innerhalb von sechs Monaten rausbringen. Ich fand die Idee saugeil – das eine ist dann mehr auf den Dancefloor gerichtet, das andere ist der Nachfolger von „Thora Vukk“, was ja auch Musik ist, die mir jetzt im Laufe der Jahre mehr liegt. Man wird ruhiger, man ist älter, man hat Kinder und ich habe natürlich auch gemerkt, dass „Thora Vukk“ gut angekommen ist. Andererseits bin ich auch jedes Wochenende unterwegs und gebe da den Partytypen. So entstand dann eben die Idee. Aber im letzten Sommer dann, als ich das umsetzen wollte, schaltete sich der Vertrieb ein und meinte, dass er mit so was ganz schlechte Erfahrungen gemacht habe. Sie haben mir auch einige namhafte Beispiele genannt und damit war meine Idee schließlich hinfällig. Das habe ich auch durchaus alles verstanden und so wurde aus dem Album „Wuzzelbud FF“ eine Doppel-EP. Selbst mein neuer Vorschlag einer Dreier-EP hatte da keine Chance mehr. Dennoch bin ich sehr zufrieden damit, wie es jetzt umgesetzt wurde.

Auf „Venq Tolep“ gibt es einen Track mit Sidsel Endresen und Bugge Wesseltoft, einen mit Oxia und zwei weitere beinhalten Vocals von Lysann Zander, mit der du auch schon auf „Thora Vukk“ zusammengearbeitet hast. Wie kam es zu den Kooperationen?

1999 kam auf Jazzland Records der Song „You Might Say“ von Bugge Wesseltoft raus und als ich diese Stimme von Sidsel Endresen gehört habe … das war der Wahnsinn. Damals gab es auch einen Remix von Andreas Dorau, der ebenfalls sehr geil war, aber ich dachte mir: Das geht noch geiler. Auf der Platte war auch noch ein a cappella nur mit dem Piano von Bugge und der Stimme von Sidsel, das habe ich genommen und 2003 auf meinem Bootleg-Label meine Version veröffentlicht. Ich wollte aber eigentlich das ganze Ding noch mal offiziell rausbringen, und das hatte sich jetzt für das Album angeboten. Ich habe die Rechte angefragt, das dauerte auch lang, aber es hat geklappt – Bugge hat sein Okay gegeben.
Mit Lysanns Einsatz war es recht unspektakulär. Ich hatte noch einen Ordner mit Vocals von ihr, die mir zur Verfügung standen, und die habe ich dann einfach genutzt.
Bei Oxia sah es so aus: Vor zwei Jahren gab es einen Remix, den ich für seinen Track „Domino“ gemacht habe und der auch veröffentlicht wurde. Wenn ich Remixanfragen bekommen, mache ich manchmal zwei Versionen. In dem Fall war es dann so, dass die zweite Version gar kein Remix mehr war, sondern eher eine komplett eigene Neuinterpretation. Zu Remixen noch allgemein angemerkt: Ich liebe es, Remixe zu machen, sage aber nur ganz wenige zu. Jeder Remix ist eigentlich immer eine eigene Idee, die man verliert, und rechtlich gesehen gibt man die dann aus den Händen. Ich habe schon Remixe gemacht, da habe ich mir gedacht: „Oh Mann, das ist so gut, das hätte auch bei mir hingepasst.“ Und dieser zweite Remix, diese Interpretation liebte und liebe ich sehr. Und nachdem ich beide Versionen schon zu Oxia und Agoria – auf dessen Label Sapiens der Remix rauskam – geschickt hatte, habe ich nachgefragt, ob ich die zweite nicht doch für mein Album benutzen dürfte, und das war dann auch gar kein Problem.

Also letztlich waren es keine klassischen Koops, bei denen man zusammen im Studio sitzt.

Ich hasse das, ich bin absolut nicht kompatibel. Ich habe das alles probiert, ich habe die ganzen Nummern für Whighnomy Brothers auch allein gemacht, im Studio unterm Kassablanca in Jena damals. Wir haben das mal zusammen versucht, aber das funktionierte nicht. Wenn man beispielsweise stundenlang Samples raussucht, dann hat der andere einfach nichts zu tun, ich würde da einschlafen. Noch viel früher, als ich angefangen habe, in Bands zu spielen, habe ich sehr schnell festgestellt, wie das mit diesen Hierarchien läuft, dass der eine der Boss sein will und die anderen das nicht dürfen. Ich bin dann sehr schnell zur der Erkenntnis gekommen, dass es für mich der beste Weg ist, Musik allein zu machen. Einzig bei meinem Projekt Beefcake, das ich Mitte der 90er-Jahre mit Volker Kahl begonnen hatte, lief das gut – da hatten wir einen sehr guten Austausch und haben Rücksicht auf die Ideen des anderen genommen. Das war ein guter Ansatz, um das Ganze weiterzuspinnen. Aber die darauffolgenden Jahre – alle Momente, die auf Zusammenarbeit hinausliefen, damit war ich nicht glücklich. So habe ich mich grundsätzlich dazu entschieden, das sein zu lassen.

Wie sieht das denn genau aus mit der Zeit fürs Studio – mit zwei Kindern?

Als ich vor sieben Jahren mit meiner Familie nach Weimar gezogen bin, habe ich es nie geschafft, mein Studio hier wieder aufzubauen. Kein extra Zimmer, ich habe im Wohnzimmer gearbeitet, über den Kopfhörer. Von Anfang an, also seit Anfang der 90er-Jahre, habe ich das so praktiziert, mit Ausnahme von der Zeit, als wir das Studio im Kassablanca hatten. Aber wenn ich dann im Wohnzimmer sitze und die Kinder kommen, bin ich natürlich ansprechbar für sie. Da gibt es schon Momente, in denen ich gerne einen eigenen Studioraum hätte. Aber auf der anderen Seite: Wenn der Sohn kommt und fragt, ob ich mit ihm spielen möchte, dann habe ich sehr gerne die Zeit dafür.

Was auch auffällt: Das Album ist insgesamt recht kurz, orientiert sich bei der Laufzeit an klassischen Popalben.

Definitiv, das wollte ich eigentlich schon bei „Thora Vukk“ machen, aber da hatte ich vielleicht auch noch nicht so das Selbstbewusstsein, das durchzusetzen, und habe zu sehr im Clubkontext gedacht. Ich finde die Möglichkeit, dass man das Album rasch noch mal anhören kann, sehr reizvoll. Außerdem muss man auch erst mal die Zeit haben, sich ein langes Album durchzuhören. Als ich mir „Venq Tolep“ nach der Fertigstellung beispielweise im Flugzeug angehört habe auf meinem Telefon, dann fängt das automatisch wieder von vorn an und diese Verknüpfung vom letzten Track und der ersten Nummer, die gefällt mir besonders gut. Da ist kein Bruch, das geht nahtlos ineinander über, und das könnte dann endlos weitergehen.

Das Album endet und beginnt demnach auch mit „Ende #2“ und spielt damit natürlich nicht nur namentlich auf den Finaltrack „Ende“ von „Thora Vukk“ an. Auch dieses Mal hast du Freunde und Bekannte dafür versammelt.

Als „Thora Vukk“ rauskam, haben mich sehr viele darauf angesprochen, daher war für mich klar, dass auf dem Nachfolgealbum auch ein letztes Lied dabei sein muss, das auch wieder Freunde und Bekannte einbezieht. Das war damals auch gar nicht so einfach – manchen ist das leichter gefallen, manchen schwerer, auch wenn es nur so ein „Da-da-damm“ ist, aber trotzdem. Aber am Ende hat es genau das auch ausgemacht; wenn man das hört, bekommt man eine Gänsehaut.

Dieses Mal gibt es keinen Chor, die Freunde und Bekannten kommen nacheinander zum Einsatz, aber wie beim Vorgänger beenden Markus Fink von Pampa und sein Sohn Julius den Track: „Tschüss, Gabor“ – Gänsehaut, Ende.

 

KURZ & KNAPP

Deine erste selbst gekaufte Platte:

Die Ärzte – Die Ärzte (Amiga, 7Inch-Version)

Dein erster Gig:

1991 im Kassablanca in Jena (ich bin mir nicht ganz sicher)

Deine Geheimwaffe:

Eigene Lieder, eigene Edits.

Dieses Album höre ich gerade am liebsten:

Helado Negro – This Is How You Smile

Deine Top-5-Tracks aktuell:

Robag Wruhme – Wuzzelbud FF/Mike Dehnert Remix (unveröffentlicht)
Robag Wruhme – Wabb Bodun/Andre Kronert Remix (unveröffentlicht)
Robag Wruhme – Nata Alma (mit Sidsel Endresen & Bugge Wesseltoft)/Club Smash Hit Version 12Inch Max (unveröffentlicht)
Robag Wruhme -–Venq Tolep/Club Hit Version 12Inch MAX (unveröffentlicht)
Robag Wruhme – Topinambur (unveröffentlicht)

 

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Tassilo Dicke
Foto: Katja Ruge
www.robag.fm