In der Zeit von 2007 bis 2013 veröffentlichte Robert Babicz, einer der wohl talentiertesten und renommiertesten Live-Acts, auf Systematic Recordings eine Album-Trilogie, bestehend aus den Werken „A Cheerful Temper“, „Immortal Changes“ sowie „The Owl And The Butterfly“. Die Eule, das Symbol für Weisheit und Erfahrung, ergänzte für ihn damals den Schmetterling, das Symbol der Transformation. Nun ist der Schmetterling zurück. Nach seinem letzten Album „A Moment Of Loud Silence“ 2016 auf Traum Schallplatten folgt mit „Utopia“ das mittlerweile achte Album des nun auf Malta lebenden Babicz. Das Werk, an dem er fast vier Jahre gearbeitet hat, repräsentiert unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt, und zwar mit der Überzeugung, dass dieser Wunsch letztlich kein Ziel ist, sondern eine Reise, auf der wir selbst jeden Tag versuchen müssen, diese Welt zu erschaffen. Jeder Track ist Spiegelbild einer Entdeckung, fungiert als auditive Darstellung seiner persönlichen Geschichte. „Utopia“ erschien am 13. November 2020.

 

Robert, wie hast du das verrückte Jahr 2020 bislang erlebt?

Also, grundsätzlich bin ich kein sonderlich großer Fan von diesem Jahr. Für unsere Branche war und ist die Pandemie eine absolute Vollkatastrophe. Und so eine Karriere als Künstler ist ja immer ein Auf und Ab. Ich persönlich hatte Anfang des Jahres einen echten Schwung, von dem ich gedacht habe, dass dieser mich voller Kreativität durchs Jahr bringen würde. Bookings auf den tollsten Festivals auf allen erdenklichen Kontinenten kamen rein und ich hatte eine ungeheure Vorfreude auf 2020. Aber plötzlich war von all dem nichts mehr übrig und man stand vor einem Scherbenhaufen. Psychologisch war das dementsprechend eine riesige Belastung. Ich wusste plötzlich nicht mehr, wovon ich meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, weil Shows bis dato meine Haupteinnahmequelle waren. Natürlich freue ich mich über jede Quartalsabrechnung von GEMA und sämtlichen Streams, aber davon leben kann man leider absolut nicht. Bereits im letzten Jahr hatte ich aber die Idee, eine Art Mentor-Plattform zu gründen. Ende Februar habe ich dann mit robertbabiczmastermind.com begonnen, und das hat mir absolut den Arsch gerettet, um das mal ganz direkt zu sagen.

 

Erzähl uns mehr über diese Plattform. Wie kann man sich das vorstellen?

Es gibt wöchentliche Sessions, bei denen sich alle meine Schüler*innen gemeinsam online treffen und wir zusammen jedes Mal ein neues Thema besprechen. Dazu gibt es eine geschlossene Facebook-Gruppe, in der sich alle austauschen. Der Fokus liegt natürlich auf den Einzelstunden, in denen ich ganz gezielt helfe und Fragen beantworte. Das geht vom Mastering über Sounddesign und Produktion selbst bis hin zu Business-Themen. Ich habe ja generell keine Geheimnisse und gebe mein Wissen sehr gerne weiter. Und ich freue mich wahnsinnig, wenn ich den Fortschritt und die Entwicklung der einzelnen Schüler*innen sehe. Die Freude, die dort zu spüren ist, treibt mich an.

Du bist vor zweieinhalb Jahren nach Malta gezogen. Wie geht es dir dort und wie erlebt man die Pandemie auf der Insel?

Malta hat sich ja recht früh abgeschottet und den Flughafen komplett geschlossen – der Vorteil einer Insel. Hier gibt es nur sehr wenige Fälle bis dato. Und was ich besonders an den Malteser*innen mag, ist die Tatsache, dass hier alle einfach tiefenentspannt sind. Natürlich bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass einige Dinge auch mal länger dauern können. Aber wenn man damit umgehen kann, lässt es sich hier äußerst gut aushalten. Im Prinzip wartet man hier also ab, bis es wieder losgeht.

In unserem letzten Interview sagtest du: „Ich muss sagen, dass ich verlernt habe, Fehler zu machen. So sinnlos und eingebildet zugleich das klingt, aber man ist mit dem Computer nach einer gewissen Zeit auf Perfektion getrimmt und setzt sich damit unweigerlich auch Scheuklappen auf. Man akzeptiert keine Fehler und verkennt dabei auch die Möglichkeit, Fehler als Features anzusehen.“ Wie siehst du das heute, viereinhalb Jahre später? Damals bist du gerade aus einer persönlichen, mittelschweren Krise hervorgekommen.

Grundsätzlich würde ich behaupten, dass ausnahmslos alle „richtigen“ Kunstschaffenden irgendwie verrückt sind und auf eine gewisse Art und Weise leiden. Das bedeutet also, so wahnsinnig das klingen mag: Ein*e Künstler*in leidet, und als Nebenprodukt entsteht Kunst. Kunst durchleidet für mich also stellvertretend für die gesamte Gesellschaft Dinge und versucht daraufhin emotionale Lösungen anzubieten. So kommt mir das immer häufiger vor. Es ist wirklich interessant, denn bei mir sind es meist sehr extreme und starke Wellen, die manchmal Wochen andauern. Wann immer sich bei mir auch nur ein Hauch von Zufriedenheit einstellt, wird dieses Gefühl binnen kürzester Zeit von Sätzen wie „Vielleicht geht es doch noch etwas besser“ abgelöst. Ich sage ja nicht umsonst, dass ich auch nach 30 Jahren immer noch ein „Advanced Beginner“ bin. Ich lerne wirklich jeden Tag, und wenn es nur die geringste Kleinigkeit ist. Dabei renne ich einem Idealbild hinterher. Ich höre in meinem Kopf Musik und ich schaffe es noch immer nicht, diese so umzusetzen, wie ich sie in meinem Kopf höre. Vielleicht bin ich aber einfach nur total wahnsinnig und werde das nie erreichen. Aber dann ist es halt so, der Weg ist ja das Ziel … (lacht)

Bist du bei diesem Album etwas von deiner Perfektion abgewichen, um neue Dinge auszuprobieren?

Ja, absolut. Genau für dieses Thema der „Happy Accidents“, wie ich sie nenne, habe ich ja extra ein Label gegründet. Auf Dirt Cuts kann es durchaus auch mal dreckig, kaputt und maximal verspult zugehen, es sind dort im Prinzip reine Jam-Sessions zu hören. Dieser Lernprozess, Fehler durchaus auch mal als Feature anzusehen, war auch für das neue Album immens wichtig. Titel haben sich zum Teil drastisch verändert, nur weil ich mal einen falschen Knopf gedrückt habe. Und das Ergebnis war mitunter viel geiler als das, was ich mir vorher ausgedacht hatte. Früher hätte ich den Weg des falschen Knopfs unter keinen Umständen weiterverfolgt. Heute ist das anders. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich in diese modulare Welt rund um Euroracks eingestiegen mit. Damit hätte ich niemals gerechnet.

Obwohl du schon so viel Musik veröffentlicht hast, liegt dein letztes Album „A Moment Of Loud Silence“ auf Traum Schallplatten vier Jahre zurück. Außerdem war das ein Ambient-Album …

Die Musik ist für mich immer so eine Art Soundtrack für innere Filme geworden. Auf dem gesamten Album gibt es nur rund vier Tracks, die Dancefloor-kompatibel sind. Der Rest ist eher für innere Gefühlswelten geeignet. Das ist eine wunderbare Freiheit, die Marc Romboy mir bei Systematic auch immer einräumt, ohne jegliche Grenzen oder Vorgaben genau das zu machen, was ich möchte. Am Ende haben es 13 von ungefähr 50 Titeln auf das Album geschafft. Der Rest wird ja, manche wissen das schon von mir, kompromisslos gelöscht. Ich verfolge eigentlich sogar die mir selbst auferlegte Regel, dass alles, was nicht innerhalb eines Tages fertig wird, im Papierkorb landet. Aber Regeln sind ja auch dazu da, um gebrochen zu werden. Wahrscheinlich ein Grund, warum ich dann doch so lange an diesem Album gearbeitet habe. Irgendwann habe ich festgestellt, dass einige Titel wie ein guter Wein auch reifen können. In manchen Fällen kam es sogar vor, dass ein Sound, der eigentlich nur im Hintergrund zu hören war, plötzlich zum Hauptelement avanciert ist.

Das Album thematisiert die Sehnsucht nach einer besseren Welt, von der du sagst, dass man diese auf seiner jeweiligen Reise nur selbst erschaffen kann. Erzähl mir mehr davon.

Nun ja, den lieben Gott, den sich viele oft in negativen Situationen herbeiwünschen, damit er ihnen eine bessere Welt beschert, haben wir, wenn überhaupt, nur in uns selbst. Das ist meine Meinung. Wenn du Glück haben willst im Leben, musst du dich für dieses Glück vorbereiten. Du musst dein Leben in diese Richtung hin gestalten. Das ist etwas, was ich, der ich nun 47 bin, leider erst recht spät gelernt habe. (lacht)

Wie erschaffst du dir immer wieder eine bessere Welt für dich?

Der Umzug nach Malta war sicherlich ein Schlüsselmoment. Das Meer ist direkt vor der Haustür, die Natur ist atemberaubend, es gibt im Durchschnitt 300 Sonnentage pro Jahr und auch die Menschen sind unglaublich nett. Generell war dieser Schritt sehr spontan. Es war ursprünglich zu keinem Zeitpunkt geplant, hierher zu ziehen. Ich habe damals meine Wohnung bei Köln, wo ich auch mein Studio hatte, vom Vermieter gekündigt bekommen, weil dieser das gesamte Areal zu Büro-Objekten umbauen wollte. Daraufhin habe ich nichts wirklich Bezahlbares gefunden, wo ich mich studiotechnisch auch frei hätte entfalten können. Das ist ja meist das Problem, das Musikschaffende haben. Man will ja niemanden ärgern mit der Lautstärke, ist dadurch aber extrem eingeschränkt bei der Auswahl des geeigneten Ortes. Ich hatte dann zwar ein paar passende Objekte im Bergischen Land, wo es sehr schön ist. Allerdings war das Netz vor Ort grausam. Durch meine Mastering- und Mixdown-Services bin ich aber darauf stark angewiesen. Mein Leid habe ich dann meinem guten Freund Guy J geklagt, der schon lange auf Malta lebt. Er hat mich damals eingeladen, um ein paar Tage dem Stress zu entfliehen, hatte in der Zwischenzeit aber schon mit Maklern auf der Insel gesprochen und mir einige Objekte rausgesucht. Obwohl wir vorher niemals darüber gesprochen hatten. (lacht) Am zweiten Tag, als ich eigentlich total davon überzeugt war, wieder zurück nach Köln zu fliegen, haben wir uns ein abgelegenes Haus angeschaut, in dem ich mich bereits nach ungefähr fünf Minuten zu Hause gefühlt habe. Ich habe noch am gleichen Tag den Mietvertrag unterschrieben. Wenn man seine Meinung davon, wie etwas zu sein hat, ein bisschen offenhält für Möglichkeiten, kann Unglaubliches daraus entstehen. Das lerne ich immer wieder.

Die Pandemie ist für viele Fluch und Segen zugleich. Welche Chancen und Möglichkeiten hätten wir in deinen Augen, aus dieser Situation eine bessere Welt zu erschaffen?

Im Prinzip ist es zunächst einmal natürlich traurig, was aktuell passiert. Aber eigentlich ist es eine richtig große Chance, sich neu aufzustellen. Zumindest für die, die es schaffen werden. In meinen Augen ist Techno vor allem in den letzten Jahren zu dem geworden,
gegen das man anfangs rebelliert hat: eine riesige Maschinerie mit unzähligen Superstars. Heute sagt man ja auch gerne Business-Techno. Als Techno angefangen hat, Ende der 80er-Jahre, war es genau die Zeit der Superstars und Überhelden in den Mainstream-Genres. Genau davon wollte man sich ja eigentlich abkoppeln. Aber jetzt haben wir genau das Gleiche kreiert. Ich hoffe, dass sich die Szene neu organisiert und Qualität doch etwas mehr in den Fokus rückt. Geld sollte nicht überall das allumfassende Argument sein. Und ich habe auch das Gefühl, dass sich die Musik sogar schon etwas verändert hat in diesem Jahr. Weniger Dancefloor-Funktionalität mit XXL-Breaks und Drops, mehr Mut. Es entsteht mehr Platz, und Künstler*innen toben sich künstlerischer aus. Und das finde ich super.

 

Aus dem FAZEmag 105

Text: Triple P
Foto: Privat
www.facebook.com/robertbabicz