
Roubix hat wenig Interesse daran, die Vergangenheit möglichst originalgetreu nachzubauen. Zwar liegen die musikalischen Wurzeln des britischen Produzenten tief in Italo Disco, doch auf seinem Debütalbum „Error 404“ trifft diese Welt auf Hyperpop, digitale Störungen, übersteuerte Signale und eine Ästhetik, die eher nach beschädigter Datei als nach liebevoll restaurierter 80er-Jahre-Nostalgie klingt. Für ihn ist dieser Zusammenprall kein Stilmittel, sondern eng mit der eigenen Biografie verbunden: geboren am Ende der Achtziger, aufgewachsen mit der Digitalkultur der Neunziger und gleichzeitig fasziniert von einer musikalischen Vergangenheit, die er selbst nur über CDs, Radio und Platten kennenlernen konnte. „Error 404“ wird so zum Album zwischen verschiedenen Zeiten – aber auch zu einer sehr persönlichen Platte, deren euphorische Oberfläche häufig aus deutlich weniger euphorischen Momenten entstanden ist.
Dass „Error 404“ sein erstes Album ist, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Einzelne Singles konnten bislang immer nur Ausschnitte dieser Welt zeigen. „Ein Album gibt mir die Möglichkeit, die Geschichte wirklich zu erzählen“, sagt Roubix. Tatsächlich versteht er die Platte fast wie eine Art musikalisches Tagebuch. „Jeder Song basiert auf einem echten Ereignis in meinem Leben, aber man erlebt es durch die Linse von Roubix, ein Alter Ego, das ich geschaffen habe, um mich zu schützen und zu heilen.“ Interessant ist dabei vor allem die Diskrepanz zwischen Inhalt und musikalischer Wirkung. Einige der euphorischsten Momente des Albums seien während besonders schwieriger Phasen entstanden. „Wenn das Leben weh tut, schreibe ich keine traurige Musik, sondern Musik, zu der ich tanzen kann.“ Am Ende werden diese unterschiedlichen Situationen zu einer gemeinsamen Geschichte: dieselbe Figur, die durch verschiedene Lebensabschnitte geschleudert wird, während das System um sie herum zunehmend korrumpiert.
Diese Korruption ist auf „Error 404“ nicht nur eine Metapher. Sie bestimmt den Klang der Platte bis ins Detail. Stotternde Signale, übersättigte Sounds, Sprünge und digitale Fehler wirken teilweise chaotisch, sind jedoch genau geplant. „Auf diesem Album ist nichts Zufall, nicht einmal die Zufälle“, erklärt Roubix. Tracks wie „Bangkok“ und „Disco Call Me“ durchliefen mehr als 60 Versionen, bevor er sie endgültig loslassen konnte. „Jeder Stutter, jeder Skip und jeder übermodulierte Sound sitzt genau dort, wo ich ihn haben wollte.“ Dabei treffen moderne und traditionelle Produktionsmethoden unmittelbar aufeinander. Mal nimmt er einen KI-generierten Synthesizer-Sound und bearbeitet ihn so lange, bis er künstlich beschädigt wirkt, an anderer Stelle werden ein analoges Instrument oder die eigene Stimme so stark übersättigt, bis das Signal auseinanderzufallen scheint. Seine eigene Beschreibung dafür ist ziemlich treffend: „Am Ende wird Signal für Signal behandelt wie 80er-Disco, auf eine CD gebrannt, zerkratzt und dann von einem Computer ziemlich schlecht repariert.“
Auch der Albumtitel führt bewusst in eine andere Zeit als die Musik selbst. „Error 404“ verweist auf die frühe Internet- und Computerkultur der Neunziger, während unter vielen Tracks deutlich die DNA der Achtziger zu hören ist. Für Roubix ergibt sich daraus kein Widerspruch. „Dieser Zusammenprall bin im Grunde ich. Ich wurde 1989 geboren, wuchs mit digitaler 90er-Kultur auf, war emotional aber immer auf dem Weg zurück zur Musik der 80er.“ Er habe nie vorgeben wollen, selbst Teil dieser ursprünglichen Ära gewesen zu sein. „Ich bin kein analoges Baby, das so tut, als hätte es 1984 erlebt; ich bin ein digitales Baby, das diese Welt über CDs, Radio, zerkratzte Discs und Songs entdeckt hat, deren Namen man manchmal nie herausfand.“ Gerade die Unzuverlässigkeit dieser Medien habe für ihn ihren eigenen Reiz gehabt. Die Musik konnte riesig erscheinen, während das Medium, das sie transportierte, jederzeit versagen konnte. „Für mich jedenfalls war genau diese Zerbrechlichkeit romantisch.“
Entsprechend wenig hält Roubix davon, Italo Disco heute als abgeschlossenes historisches Genre zu behandeln. Der Impuls für „Error 404“ wurde sogar stärker, sobald ihm jemand erklärte, was man mit dieser Musik angeblich nicht machen dürfe. „Wenn wir Italo wie ein Museumsstück konservieren, lassen wir das Genre sterben; es existiert überhaupt nur, weil Menschen Regeln ignoriert haben.“ Genau deshalb provoziert er bewusst Reibung zwischen musikalischen Generationen. „Auf diesem Album gibt es Momente, in denen Patrick Cowley und Charli XCX fast im selben Raum miteinander streiten könnten, und genau diese Spannung liebe ich.“ Respekt vor einem Genre bedeute für ihn eben nicht, dessen Regeln blind zu befolgen. „Ich liebe Italo zu sehr, um es in Formaldehyd zu konservieren, und wenn dich die Produktion ärgert, aber das Songwriting trotzdem packt, habe ich meinen Job gemacht.“
Mit „Flash on Me“ und „Bangkok“ hat er bereits zwei unterschiedliche Zugänge zu dieser Welt geschaffen. „Flash on Me ist heiß, verschwitzt und unmittelbar; die Türen gehen auf und der Club ist schon zu laut.“ „Bangkok“ besitzt zwar ebenfalls diese körperliche Energie, emotional betrachtet steht der Track jedoch fast auf der gegenüberliegenden Seite. Roubix beschreibt ihn als „optimistisch, naiv und verletzlich“. Die Euphorie wird von einem Gefühl begleitet, sich in etwas hineinzustürzen, bevor man überhaupt weiß, ob es eine gute Idee ist. Genau diese Mehrdeutigkeit zieht sich durch „Error 404“. „Das Album muss sich nicht zwischen Vergnügen und Angst entscheiden“, sagt er. Besonders interessieren ihn Songs, bei denen man „die beste Nacht seines Lebens haben und gleichzeitig eine katastrophale Entscheidung treffen kann“.
Die musikalische Vergangenheit bleibt dabei ständig präsent. Patrick Cowley bezeichnet Roubix als praktisch unvermeidbaren Einfluss, weil dessen Produktionen für ihn auch Jahrzehnte später noch furchtlos klingen. Giorgio Moroder habe verstanden, wie futuristisch Wiederholung wirken könne, während Fancy tief in seiner musikalischen DNA stecke. Dazu kommt das Instrumentarium der Epoche: Linn-Drums, synthetische Basslines, Vocoder, analoge Polysynths und generell Klänge, die keinen Versuch unternehmen, ihre Künstlichkeit zu verstecken. Doch genau an dieser Stelle setzt der Bruch ein. „Es ging nie darum, 1984 zu cosplayen“, betont er. Stattdessen stellt er diese musikalische Sprache neben Hyperpop-Processing und zerstört sie dort, wo es der jeweilige Song verlangt. Seine Haltung zur Vergangenheit bringt er auf einen einfachen Satz: „Tradition ist nützlich, Anbetung ist langweilig.“
Dass Roubix seine Musik dabei nicht vollständig isoliert entwickelt, gehört ebenfalls zu seinem Arbeitsprozess. Die sogenannten Roubix Cubes sind eine Gruppe von rund 20 Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt, die neue Musik teilweise bereits am Tag ihrer Entstehung hören. Manche Songs begleiten sie dadurch lange vor der eigentlichen Veröffentlichung. Entscheidend ist für ihn jedoch nicht, dass diese Gruppe alles gut findet – sondern gerade das Gegenteil. „Was ich liebe: Sie sind sich nicht einig; manche sind schon komplett von Glitch Disco besessen, andere noch skeptisch, und genau das ist perfekt.“ Eine private Fokusgruppe, die ihm permanent versichert, alles sei brillant, brauche er nicht. Stattdessen gehe es um ehrliche Reaktionen und darum, durch diese Reaktionen selbst besser zu verstehen, was ein Stück ausdrücken soll. „Wenn du etwas hast, das nur funktioniert, solange dir alle zustimmen, ist es wahrscheinlich nicht besonders interessant.“
Veröffentlicht wird „Error 404“ über ZYX Records – ein Label, dessen Geschichte eng mit Italo und Euro Disco verbunden ist. Für Roubix könnte die Kombination kaum passender sein. „ZYX hat die Musik mitgeprägt, die mich als Erwachsenen musikalisch geprägt hat, deshalb ist es wirklich ein Traum, mein Debütalbum dort zu veröffentlichen.“ Ehrfurcht bedeutet für ihn allerdings auch hier nicht Zurückhaltung. „Druck, mich zu benehmen, verspüre ich aber nicht. Steck mich in ein Label mit dieser Geschichte und ich will gegen die Wände drücken.“ Die respektvollste Form des Umgangs mit Italo sei für ihn deshalb, „damit zu fucken“ – nicht, indem er das Genre verlässt, sondern indem er versucht, dessen Grenzen weiter nach außen zu verschieben. „Für mich bleibt es ein Zuhause, weil die Geschichte echt genug ist, dass ich von dort aus Ärger machen kann.“
Parallel zum Album existiert bereits das nächste große Ziel. Roubix hat schon mehrfach versucht, den Eurovision Song Contest zu erreichen und kam 2024 über San Marino bis ins Halbfinale. Für 2027 plant er einen neuen Anlauf – mit einem Song, von dem er selbst außergewöhnlich überzeugt ist. Mit „Error 404“ habe dieser allerdings kaum etwas zu tun. „Nein, er ist völlig anders.“ Während das Album in einer sehr spezifischen emotionalen und klanglichen Welt spiele, sei Eurovision eine eigene Aufgabe: „etwas, das authentisch Roubix ist, aber für diese Bühne, dieses Publikum und diese drei Minuten Explosion geschrieben wurde.“ Der Track befinde sich noch im Demostadium und weitere Produzenten seien beteiligt. Trotzdem formuliert er das Ziel ohne Zurückhaltung: „Ja, ich sage es: Ich glaube, ich habe den Song, der gewinnen kann.“ Besonders bemerkenswert: Roubix würde dabei gerne für Deutschland antreten. „Ich würde sehr gerne Deutschland vertreten, ich habe den Song, jetzt muss er nur vor die richtigen Leute kommen.“
Für den Moment steht aber zunächst „Glitch Disco“ im Mittelpunkt – ein Begriff, den Roubix inzwischen gerne für seinen Sound verwendet. Überraschend findet er eher, dass diese Bezeichnung nicht schon länger existiert. Entscheidend sei allerdings, dass Glitch Disco nicht einfach Disco mit ein paar digitalen Störgeräuschen darüber bedeute. „Die Korruption muss strukturell sein, der Song darf stottern, mutieren, überladen oder klingen, als würde die Datei selbst zurückschlagen, solange dein Körper sich weiterbewegen will.“ Genau darin liegt vermutlich der Kern von „Error 404“: Die Musik darf auseinanderbrechen, ohne ihre Funktion als Pop- und Dance-Musik zu verlieren.
Dass Roubix damit gleichzeitig eine grundsätzlichere Kritik am gegenwärtigen Pop verbindet, überrascht kaum. Ihm fehlt Risiko. Vor allem die zunehmende Orientierung an Social Media und kurzen Aufmerksamkeitsspannen stört ihn. Songs würden inzwischen teilweise rückwärts von einem achtsekündigen TikTok-Ausschnitt aus gedacht, während vorhersehbare Melodien und „Content-first-Songwriting“ immer stärker dominierten. „Ich bin es verdammt leid“, sagt er. Seine Gegenidee ist simpel: „Was bleibt, wird gefunden. Der Song sollte den Song vermarkten.“ Und falls aus Glitch Disco tatsächlich ein eigenständiges Genre werden sollte, hat Roubix schon jetzt einen Plan dafür: „Ich habe vor, es schwierig zu machen.“
Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Triple P
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