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So wirklich abergläubisch scheint man in der Berliner Falckensteinstraße Nummer 49 nicht zu sein, denn sonst würde jetzt wohl direkt die vierzehnte statt der dreizehnten Ausgabe der beliebten Watergate-Compilationreihe erscheinen. Andererseits kann einen derart nahe am Wasser gebauten Club, der stets auf das vom anderen Ufer herüberleuchtende Logo eines weltweit bekannten Majorlabels blicken muss, bestimmt nicht mehr allzu viel schocken. Der wöchentliche Berliner Party- und Jetsetraverwahnsinn, der auf den beiden Floors zelebriert wird, gehört schließlich ebenso zum Programm, wie die Treffsicherheit bei der Auswahl der Tracks für die erwähnten Zusammenstellungen. „Watergate 13“, die wie immer über das hauseigene Label kommt und in diesem Sinne von Ruede Haegelstein gemixt wurde. Der Herr mit dem illustren Namen ist schon viele Jahre treuer Wegbegleiter, Resident und Freund des Ladens, wie auch mittlerweile Teil des Artist Roster der internen Bookingagentur.

Geboren wurde er im Umland der Hauptstadt als Tobias Hagelstein, doch schon zur Jahrtausendwende hat es ihn unaufhaltsam ins pulsierende Zentrum elektronischer Musik, eben nach Berlin gezogen. In relativ kurzer Zeit machte er sich an der Spree als vielseitig engagierter Szeneaktivist einen guten Namen und tauchte tief ins Nachtleben ein. Sei es als langjähriger Redakteur beim Flyer Magazin, als Mitbegründer der verschworenen Restrealitaet.de oder eben als umtriebiger DJ und Producer. Seit 2004 erscheinen Platten von ihm auf Labels wie Upon.You, Souvenir, Lebensfreude, Freundinnen oder Keinemusik. Beim SAE Institut erlernte er zudem die Feinheiten des Audioengineerings, was ihm natürlich auch bei der eigenen Arbeit wertvolle Dienste leistet. Das Studio teilt er sich mit seinem guten Freund Fraenzen, mit dem er auch als The Cheapers musiziert. Auf der „Watergate 13“ bekommen wir nun neben zwei exklusiven Ruede Hagelstein-Produktionen (darunter eine Zusammenarbeit mit Emerson Todd) und einer Cheapers-Nummer Tracks von Prins Thomas, Don Disco, The Lower Dens, Henrik Schwarz und Manuel Tur auf die Ohren. Ebenso werden umwerfende Klassiker wie „Mushrooms“ von Marshall Jefferson im Salt City Orchestra Out There Mix, „Phreaky MF“ von Mike Dunn Pres. MR. 69 oder „Open Door“ von Losoul gelungen eingebunden. Schon im amüsanten Promovideo zur Compilation wirft Ruede Hagelstein seine Angel weit aus, in seinen Sets demonstriert er das noch deutlicher. Den 24 Tracks starken Mix für das Watergate kann man daher getrost als eine komprimierte Variante der von ihm gestalteten Clubnächte sehen. Im Interview möchten wir dem Künstler noch einige weitere Erkenntnisse und Anekdoten entlocken. Los gehts.

Was macht das Watergate für dich als Club und Residency eigentlich so besonders, auch im Vergleich zu anderen Läden in Berlin?
Die Nähe zum Wasser und die intime Übersichtlichkeit auf dem Waterfloor machen für mich den Charme des Clubs aus. Deswegen lege ich hier auch am liebsten auf. Klar sind die LED-Decke und der Sound auf dem oberen Floor klasse, aber die Sonnenaufgänge auf Sicht höhe mit den Enten ist unschlagbar. Das schöne an Berlin ist, dass hier (noch) alle erdenklichen Clubkonzepte statt finden. Von düster bis draussen, von dreckig bis posh – das Watergate hat irgendwie von allem etwas.

Welche erlebte/bespielte Nacht dort wird dir auf ewig in Erinnerung bleiben?
Ich kann mich erinnern, dass es irgendwann mal anfing zu schneien, während ich spielte, und zwar in einem äußerst emotionalen Moment. Das war, als ob alle auf einmal den Atem anhielten, total verstrahlt. Man schaut ja beim Tanzen in Richtung Spree, und ich werde nicht vergessen, wie auf einmal wirklich jeder im Club das bemerkte. War es Weihnachten? Silvester? Mein Geburtstag kann es nicht gewesen sein, der ist ja im Hochsommer. Hm, es gab viele solcher tollen Momente im Club, an die ich mich in dieser löchrigen Form erinnern kann.

Wie bist du insgesamt an die Auswahl der Tracks für die „Watergate 13“ herangegangen? Was war die besondere Herausforderung? Und was gefällt dir am Format Mix-CD?
Das Format Mix-CD ist in der Lage eine musikalische Idee haptisch werden zu lassen. Du kannst dir zwar auch den Soundcloud-Mix von DJ XY brennen, aber eine gekaufte CD mit einem schönen Cover in der Hand hört sich anders an, denn du erwartest mehr, hörst bewusster hin. Vom Internet erwarte ich nichts anderes als eine Flut von Sachen, ständig verfügbar. Eine CD nimmst du ernster, weil sie die Aufmerksamkeit bündelt, du nimmst dein Leben in die Hand. Anklicken ist und bleibt dagegen unsinnlich.

Gibt es generell ein Stück, das für dich herausragt und das vielleicht mit einem besonderen Watergate-Event oder -Moment verknüpft ist?
K.O.-Frage. Da gibt es so viele. Vielleicht Pachanga Boys „Time“, da hatte ich einige schöne Momente mit, drauf, bei…

Hat dich in deinem Leben jemand in deinem Werdegang beziehungsweise in deiner musikalischen Sozialisation als DJ speziell beeinflusst?
Mich beeinflusst eigentlich alles irgendwie. Man grenzt sich ab von den Sachen, die man nicht mag und meine Favoriten inspirieren mich. Deswegen höre ich morgens eigentlich nur Info-Radio, weil mich Musik zu stark verstimmen kann. Wenn ich früh einen schönen Popsong höre, bin ich mittags nicht in der Lage, Dancezeug zu machen. Speziell auf meinen Werdegang als DJ bezogen würde ich sagen: DJ Koze, Innervisions, Mathew Dear … alles Leute, die mir bis heute das Gefühl geben, dass da draußen auch noch intelligente Menschen mit Clubsound ihr Geld verdienen. Sicher war auch ND Baumecker wichtig, der meine erste EP auf seinem Label Freundinnen herausgebracht hat.

Was hat sich in den letzten Jahren gravierend für dich in Berlin verändert? Welche Veränderungen bewertest in der lokalen Club- und Musikszene du als positiv, welche eher nicht?
Die Trennung von lokaler Subkultur und den internationalen renommierten Berliner Clubs ist merkbarer geworden. Früher sind alle ins E-Werk, den Tresor und ins Ostgut gegangen. Heute mischt sich der junge Berliner viel weniger unter die Touristen und nutzt Off-Locations und kleinere Clubs mit weniger Publicity zum Ausgehen. Das finde ich normal, aber irgendwie auch schade. Auf der einen Seite stehen Clubs wie Berghain, Kater Holzig und Watergate für Berlin, auf der anderen Seite stehen sie aber auch für Entberlinerisierung (wasn Wort). Negativ ist auch, dass um jeden Quadratmeter Nachtleben gekämpft wird und die Locations langsam aus dem Zentrum der Stadt verdrängt werden. Früher war in jedem Keller in Berlin Mitte eine wilde Party, heute trinkt man dort Kaffee für fünf Euro. Das ist der Lauf der Zeit, aber die Politik scheint nicht wirklich entschlossen zu sein, wichtige Freiräume zu schützen.

Und zum Schluss noch die immer sehr populäre Frage: Was kommt von dir als Produzent noch dieses Jahr und welche anderen Projekte sind in Planung?
Ich fokussiere momentan drei Singles, eine für Upon You, eine für Souvenir und eine für Watergate Records. Letztere ist fertig und wird gerade noch um Remixe von Marek Hemmann und Ian Pooley ergänzt. Gerade abgegeben habe ich auch meinen Beitrag für die kommende Souvenir-Compilation. Dazu kommen auch Releases mit meinem Partner Fraenzen als The Cheapers, aktuell eine Single auf Upon.You. In der zweiten Hälfte des Jahres will ich mich selbst überraschen, mal schauen. Ich habe einige coole Ideen und Kollaborationen in der Schublade und will mich da auch mal soundmäßig so richtig locker machen.

www.water-gate.de

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