Seit nunmehr über 20 Jahren ist der 1979 im niederländischen Breda geborene Franzose musikalisch aktiv. In dieser Zeit veröffentlichte Léger unzählige Songs unter zahlreichen Pseudonymen, kreierte Label und kollaborierte mit Akteur*innen wie Junior Sanchez, Armand van Helden, Eric Prydz, Kevin Saunderson, Josh Wink oder gar Justin Timberlake. Mit seinen Alben – von „Atomic Pop“ in 1999 bis hin zu „Back To Basics“ in 2013 – und seinem Stil erfand sich Léger mehrfach musikalisch neu und prägte die schillernde Ära des French Touch maßgeblich. Mittlerweile gehört Léger zum Inner Circle des Labels All Day I Dream, auf dem er neben seinem eigenen Imprint Lost Miracle regelmäßig Output generiert.

Im vergangenen Jahr spielte er im Rahmen von Cercle ein Live-Set vor den berühmt-berüchtigten Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Die Vorbereitungen dauerten über ein Jahr, bis Léger inmitten dieser majestätischen Kulisse während eines atemberaubenden Sonnenuntergangs performte. Sein Setup dabei bestand aus einem modularen Synthesizer, Laptop, selbstgebautem MIDI-Controller und einer Soundkarte. Damit lieferten Cercle und Léger nicht nur die allererste musikalische Darbietung an diesem geschichtsträchtigen Ort, sie generierten auch bis dato knapp fünf Millionen Streams bei Facebook und YouTube und gewannen unseren Leserpoll 2020 in der Kategorie „Best Streaming Set 2020“. Passend dazu veröffentlichte er den Track „Giza“ auf Cercle Records. In diesem Monat mixt Sébastien Léger unseren offiziellen FAZEmag-Download-Mix und stand für uns Rede und Antwort im Interview.

 

 

Sébastien, wie geht es dir und wo bist du im Moment?

Hallo, ich bin seit drei Wochen in Mexiko und spiele tatsächlich meine erste große DJ-Tour seit der Krise.

Zuallererst möchte ich dir noch einmal zu deinem unglaublichen Live-Set für Cercle in Ägypten gratulieren und natürlich zum Gewinn unseres Jahrespolls. Wie rekapitulierst du diesen Tag?

Ich habe immer noch nicht ganz realisiert, was passiert ist, ein bisschen so wie an dem Tag, als wir die Show gespielt haben. Ich war den ganzen Tag über in einer Blase und habe auch dort nicht wirklich realisiert, dass ich inmitten eines der beeindruckendsten Monumente der Welt spiele. Ich habe mein Ding gemacht, als ob ich zu Hause im Studio wäre. Ich bin extrem glücklich, diese Chance gehabt zu haben und bin sicher, dass ich noch ewig davon erzählen werde. Und vielleicht realisiere ich irgendwann, was da passiert ist (lacht).

Wir drücken die Daumen! Lass uns noch ein paar Schritte zurückgehen, was hast du von der Idee gehalten, als Cercle mit ihr an dich herangetreten ist?

Zunächst war es ein monatelanges Hin und Her. Von der undenkbaren Idee, so etwas zu machen, bis zur tatsächlichen Umsetzung. Ziemlich genau ein Jahr Arbeit, Diskussionen und natürlich auch jede Menge Hindernisse. Ich war anfangs nicht einmal selbst davon überzeugt, eine Liveshow zu machen, weil es einfach nichts ist, was ich supergerne mache. Ich habe mich dazu durchgerungen und es hat so viele Monate des Ausprobierens gebraucht, um etwas zu finden, mit dem ich mich wohlgefühlt habe. Aber, und das ist das Wichtigste, es war jede Sekunde und jeden Stress wert.

Erzähle uns mehr von deinen Vorbereitungen.

Es war eine der stressigsten Phasen, die ich je in meiner Karriere hatte, um ehrlich zu sein. Schon Wochen vor der Show hatte ich Panikattacken, bei dem Gedanken, dass wir im Prinzip nur einen Versuch hatten, da alles live gestreamt wurde. Man hat also nur eine Chance, es richtig zu machen. Ich habe unglaublich schlecht geschlafen und hatte über Tage, wenn nicht sogar Wochen, einen Kloß im Hals. Vielleicht habe ich mir zu viel Druck gemacht, aber ich bin Perfektionist und ich mag es, wenn die Dinge meinen persönlich gelegten Standards entsprechen, die leider ziemlich hoch sind. Ihr könnt euch vorstellen, was für eine Erleichterung sich breit gemacht hat, als alles geklappt hat und im Kasten war.

Lass uns über dein modulares Setup sprechen, das sich ja ständig weiterentwickelt. Bitte führe uns durch das Equipment.

In der Zeit der Vorbereitung hat sich das Setup förmlich täglich verändert. Am Anfang sollte es zu 100 Prozent nur modular sein, ähnlich wie die Videos, die ich auf meinem YouTube-Kanal präsentiere. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass es nicht möglich war, über eine Stunde lang meine eigene Musik auf diese Art und Weise nachzubauen. Also bin ich jetzt mit einem hybriden Setup unterwegs, bei dem der Computer Dinge macht, die ich mit dem Modular nicht machen kann. Der Modular erlaubt mir dabei, die meisten Synth-Vocals, Drums und Leads zu freestylen. So kann ich die Filter, die Hüllkurven, die Oktavschalter und die Layer der Synths so manipulieren, wie ich es will und wann ich es will. Insgesamt habe ich etwa neun oder zehn Synths in einer Box, einige davon haben eine bestimmte Funktion, andere sind absolut zufällig. Man kann es sich wie ein DJ-Set vorstellen, mit voller Kontrolle über Melodien, Beats und Effekte. Das einzige statische Ding ist natürlich die Playlist.

Das Ergebnis hat mittlerweile über fünf Millionen Menschen beeindruckt und gehört zu den meist gestreamten Shows der letzten Monate. Gekürt wurde das unter anderem mit dem Gewinn unseres Jahrespolls. 

Endlich habe ich auch mal etwas gewonnen (lacht). Ich habe mich wahnsinnig gefreut darüber. Danke nochmal an alle, die für mich gevotet haben.

Trotz all der guten Nachrichten leidet die ganze Welt und vor allem die Kulturszene seit über einem Jahr aufgrund der anhaltenden Pandemie. Wie bist du bisher mit diesem omnipräsenten Thema umgegangen?

Die ersten paar Monate waren für mich in Ordnung, weil ich wirklich dachte, dass das viel früher vorbei sein wird. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, noch mehr im Studio zu sein als vorher – was eigentlich nur schwer bis unmöglich ist, weil ich schon mein ganzes Leben in diesem Raum verbringe. Ich habe über 50 Tracks produziert, was ich in der Regel in einem „normalen“ Jahr auch tue. Der große Unterschied ist aber, dass normalerweise nur ungefähr zehn von diesen 50 wirklich gut werden. Dieses Mal allerdings bin ich mit den meisten sehr zufrieden. Es gibt aktuell so viel Material, dass ich zwei Videos von je zwei Stunden machen könnte für meine YouTube-Kanäle „Lost Miracle TV 2 & 3“. Ich habe immer noch eine Menge unveröffentlichtes Material, das nach und nach kommen wird. Auf der persönlichen Ebene war es ein Segen, mehr Zeit mit meinen vier Hunden zu verbringen.

Das klingt sehr gut. Führe uns doch mal durch die anstehenden Projekte.

Der aktuelle Plan ist, ungefähr alle drei Monate etwas zu veröffentlichen. Ich habe eine EP für All Day I Dream, die nach dem Sommer rauskommt. Obwohl die Tracks schon fertig sind, haben wir noch nicht die endgültige Trackliste entschieden, da sitzen wir aktuell an den Planungen. Was mein Label Lost Miracle angeht, könnt ihr im kommenden Monat neue Releases von Eli Nissan, Shai T, Raw Main, Roy Rosenseld und vielleicht auch von mir erwarten. Aber Covid-19 hat den Zeitplan stark verändert, alles wurde um ein halbes Jahr verschoben. Es geht zwar wieder voran, aber äußerst zögerlich.

Du hast bereits viele Shows geplant, der Auftakt soll beim diesjährigen ADE in Amsterdam stattfinden.

In der Tat, es sind viele, viele Gigs geplant. Sie wurden bzw. werden immer wieder abgesagt, verschoben, neu terminiert, verschoben, abgesagt, verschoben und so weiter. Das ist sehr frustrierend. Ich werde auch in Zukunft mit meiner Live-Show touren, aber auch hier kann niemand sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Die Unsicherheit, die in der Luft liegt, schwindet für mein Empfinden zu langsam, auch wenn es natürlich hier und da schon wieder Licht am Ende des Tunnels gibt. Schauen wir mal, ob wir den Plan umsetzen können. Bis dahin werde ich mich weiterhin so gut wie möglich um mich selbst kümmern und meine Gesundheit an oberste Stelle setzen. Das habe ich viele Jahre nicht wirklich priorisiert, aber nun mit 42 spüre ich, dass ich keine 20 mehr bin. Auch wenn Alkohol und Drogen bei mir noch nie ein Thema waren, sendet dein Körper dir mit der Zeit immer mehr Signale, dass es an der Zeit ist, sich um ihn zu kümmern (lacht).

 

 

 

 

Aus dem FAZEmag 111/05.2021
Text: Triple P
Foto: Tom Hooliganov
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