Senses mit ATB im Bootshaus: So war die Trance Night – exklusive Interviews

Senses mit ATB im Bootshaus: So war die Trance Night – exklusive Interviews. Foto-Quelle: Instagram

Senses. Zu Deutsch: Sinne. Wie der Name der Veranstaltung, so auch das Gefühl der Nacht – eine Nacht, in der man mit den vollen Sinnen in verschiedene Facetten des Trance-Genres eintauchen konnte. Träumerisch, euphorisch, melancholisch, emotional. Aber auch: Hart, eckig, nach vorne, progressiv. Jene Balance zwischen verschiedenen Emotionen und Modi gelang den Veranstaltern der Reihe „Senses“ in der Nacht von Ostersonntag auf den Ostermontag in Köln exzellent. Die perfekte Location hierfür: das Bootshaus, einer der renommiertesten Clubs für elektronische Musik weltweit, im Ranking der DJ Mag Top 100 seit Jahren unter den Top zehn, zwischen Clubs wie dem Hï Ibiza oder Echostage in den USA.

Wir waren an Ostern im Bootshaus vor Ort und haben mehr als nur Eindrücke gesammelt: Zwei internationale DJs, einer davon Sander van Doorn, standen uns Rede und Antwort zu ihren eigenen Interpretationen dessen, wohin sich Trance mittlerweile bewegt.  Neben Sander van Doorn spielten unter anderem ATB, Markus Schulz (USA), Amy Wiles (UK), Scot Project, Renegade System (UK) oder auch Will Atkinson (UK).

Das Artwork zur Senses im Bootshaus

Mit „The Final Chapter“ heißt es Abschied nehmen für André Tanneberger aka ATB. So lautet nämlich die aktuelle Jubiläumstour des Künstlers, die gleichzeitig auch sein letztes Studioalbum anteasert. Ans Aufhören denkt das deutsche Trance-Idol jedoch noch lange nicht. Das Goodbye bezieht sich auf das Album als konzeptuelles Format. Die Tour feiert eher sein 30-jähriges DJ-Jubiläum und blickt gleichzeitig in die Zukunft.

Der Produzent und DJ prägt mittlerweile im vierten Jahrzehnt die globale Szene der elektronischen Musik entscheidend mit – und hat dabei alles erreicht, wovon man als Musiker in puncto Erfolg so träumen kann. Mit seiner Hymne „9 PM (Till I come)“ schrieb Tanneberger Musikgeschichte und schuf einen der prägendsten Evergreens des Trance-Genres. Der Track landete 1998 auf Platz eins in den offiziellen Charts in Großbritannien und verhalf ATB zum weltweiten Durchbruch.

Selbstverständlich ließ sich der im Bochum beheimatete Ex-Tarm-Center-Resident, der nach seiner Residency dort in den 90er-Jahren zum Weltstar avancierte, es sich nicht nehmen, seinen bekanntesten Track auch auf dem Tourstopp bei Senses auf dem Mainfloor im Bootshaus zum Besten zu geben – im Original, auch wenn etwa das 2021 erschienene Remake „Your Love (9 PM)“ mit Topic und A7S sich nochmal deutlich länger in den Charts hielt und die Zahlen von damals nochmals toppte. Ansonsten balancierte sein Set in dieser Nacht zwischen Neuinterpretationen weiterer seiner Klassiker, wie etwa „Let U Go“ (2001), und frischen Tracks.

One for the books: der größte Klassiker von ATB

Klassiker und Neuinterpretationen spielen auch bei der jüngeren Amy Wiles eine Rolle. Die aus Essex, England, stammende Künstlerin fing mit 16 in lokalen Clubs in ihrer Heimat mit dem DJing an – seit jeher von Trance-Klassikern geprägt. Wie sie uns im Backstage-Interview im Bootshaus verriet, tanzte sie schon im Alter von drei Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter zu Trance-Musik durchs Haus – wovon sogar Videos existieren. Amy: „Heute spiele ich manchmal Tracks aus dieser Zeit, zum Beispiel ,Café del Mar‘ von Energy 52. Das ist schon etwas Besonderes.“

Zum 2000er-Klassiker „The Theme“ von Jurgen Vries (unter anderem Platz vier in den offiziellen UK-Charts im Jahr 2002) erschien jetzt gerade ein eigener Remix von Amy Wiles auf Armada Music, den Trance-Guru Armin van Buuren sogar schon beim Ultra Festival in Miami gespielt hat, was einem Ritterschlag gleicht.

Aber nicht nur das: Auch Tiësto spielte bereits einen kommenden Track von Amy, „Imagination“, „eine Kollaboration mit Josh Story“, „den ich heute auch gespielt habe und der richtig gut ankam“, wie Amy uns strahlend erzählt. Eine witzige Anekdote Amys dazu: „Es ist total surreal. Ich schreibe zum Beispiel mit Tiësto, schicke ihm meine Musik – und dann spielt er sie tatsächlich. Das ist ein echter Full-Circle-Moment für mich, weil ich seine Musik schon als Kind mit meiner Mutter gehört habe. Das bedeutet mir extrem viel.“

Amys Interpretation des aktuellen Trance-Sounds: „Das ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Ich würde sagen, es ist eine Art neue Trance-Welle – ein moderner, europäischer Sound. Es geht in eine schnellere, energiegeladene Richtung, hat aber gleichzeitig viele Oldschool-Elemente. Ehrlich gesagt sehe ich es gar nicht als klar definiertes Genre. Es entwickelt sich eher in seine eigene Richtung.“ Sie selbst spielt ihrer Auffassung nach „Oldschool-Sounds mit einem modernen Twist“ – eine Weiterentwicklung der Trance-Musik, in der Oldschool ein Revival erlebt und trotzdem Fortschritt und Progressivität bedeutend sind.

Beim Gig im Bootshaus handelte es sich um ihren ersten in Deutschland, auch wenn die Produzentin und DJ bereits zuvor international kreuz und quer unterwegs war, etwa an der Seite von Ben Hemsley und Kettama im legendären Amnesia Ibiza oder im Londoner Kult-Club fabric.

Schwang zuvor noch etwas Unsicherheit über ihre Deutschland-Premiere bei Amy mit, zeigt sie sich beim Interview nach ihrem Set erleichtert und zufrieden – Amy: „Ich habe Deutschland immer eher als Techno-Land wahrgenommen. Deshalb wusste ich nicht genau, was mich erwartet, vor allem weil viele sagen, dass Trance hier nicht so präsent ist. Ich war mir unsicher, ob ich vielleicht etwas härter spielen sollte. Am Ende habe ich mich aber entschieden, einfach komplett ich selbst zu sein – und ich glaube, das war die richtige Entscheidung. Die Crowd hat super reagiert.“

Amy Wiles in Action:

Amy: „Ich habe einfach mein Ding gemacht und nicht versucht, mich anzupassen.“ Gar nicht mal so leicht, wenn man bedenkt, wie die globale Top-Star-Liga der elektronischen Musikwelt mittlerweile so tickt. Amy dazu: „Als ich angefangen habe, hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung von der Musikindustrie. Ich war einfach jung, unschuldig und habe jeden Moment genossen – auch wenn ich super nervös war. Heute ist das Ganze viel ernster geworden. Es gibt mehr Druck, vor allem durch Social Media und Erwartungen von außen. Ich liebe es immer noch, aber inzwischen sehe ich es auch als Job.“

Dennoch schafft Amy den Spagat, sich klar von zu engen Erwartungen zu lösen: „Am Anfang ist es normal, sich ein bisschen anzupassen, um sich einen Namen zu machen. Aber jetzt, wo ich regelmäßig eigene Musik veröffentlich und meine Marke aufbaue, möchte ich einfach ich selbst sein. Ich hoffe, dass die Leute genau das mögen.“ Wohl ein weiterer Full-Circle-Moment.

Auf YouTube betreibt Amy einen Vlog über ihr Leben als DJ:

Amy: „Mein Sound bleibt eine Mischung aus Oldschool-Trance und moderner, schneller Dance-Musik. Ich lasse mich von Artists wie Ben Böhmer oder ARTBAT inspirieren, aber auch stark von klassischen Trance-Einflüssen. Es geht mir darum, beides zu verbinden und etwas Eigenes daraus zu schaffen.“ Das ist Amy Wiles bei Senses auf jeden Fall gelungen, würden wir sagen. Amy Schlusswort zu ihrem Deutschland-Debüt im Bootshaus: „Ich bin super happy damit“.

Anders schaut es bei Sander van Doorn aus, der schon viele Male in Deutschland gespielt hat und seit Jahren rund um den Globus tourt. Der Niederländer ist schon seit den 2000er-Jahren fest in der internationalen Trance-Szene etabliert, über den Namen Sander van Doorn hinaus veröffentlichte er etwa auch unter den Pseudonymen Filterfunk oder Sam Sharp.

Sowohl fürs Bootshaus, als auch für die Veranstaltungsreihe Senses, die etwa auch schon im international beachteten Noa Club in Zrce, Kroatien, stattfand oder beim Parookaville Festival mehrmalig eine eigene Stage hostete, legte er nicht zum ersten Mal auf. Sander schildert uns seine Erinnerung an seinen letzten Bootshaus-Gig: „Ich erinnere mich an eine sehr intensive und energiegeladene Nacht. Das Publikum hier reagiert extrem stark, und die Atmosphäre ist wirklich besonders. Das macht es sehr angenehm, hier zu spielen.“

Senses im Noa Beach Club in Kroatien:

Wir gehen zurück. Einer der größten Hits von Sander war das 2009 erschienene „Close My Eyes“, ein Remake eines Tracks von Robbie Williams mit dessen Original-Vocals. Sander, auf die Frage, ob er sich erneut eine Kollabo mit dem britischen Kult-Sänger vorstellen könne: „Ja, warum nicht? ,Close My Eyes‘ hat ursprünglich als Remix angefangen und sich dann weiterentwickelt. Für solche Kollaborationen bin ich immer offen. Heute geht es weniger darum, sich auf einen Stil oder Künstler festzulegen – sondern darum, Musik zu machen, die sich richtig anfühlt.“ Sander führt fort: „Mein Ziel ist es immer, eine starke Verbindung zum Publikum aufzubauen. Ich möchte, dass die Leute auf dem Dancefloor richtig abgehen.

Das Interview führten wir vor seinen Gig. Sanders Erwartungen an seinen Auftritt bei Senses: im Bootshaus: „(…) Ich werde viele eigene Produktionen spielen. Das Tempo variiert (…) Es geht darum, die richtige Balance zu finden und auf das Publikum einzugehen.“ Sein aktueller Sound: „Es geht auf jeden Fall in Richtung Melodic, aber mit einer härteren Kante. Manche Tracks sind sehr emotional und atmosphärisch, andere treiben mehr nach vorne und sind energiegeladener.“

Seine nächsten Veröffentlichungen: „Ich habe sehr viel produziert – wahrscheinlich um die 50 oder 60 neue Tracks. Konkrete Titel verrate ich noch nicht, aber es kommt definitiv einiges Neues.“

Im März auf Dreamstate erschienen: „My Body“, eine Kollabo mit Crooked Bangs:

Persönlich motiviert Sander, der schon lange in der Szene unterwegs ist, dass sich die Welt ständig verändert. Das inspiriere ihn. Sander: „Musik entwickelt sich weiter, Menschen entwickeln sich weiter, und es gibt immer neue Herausforderungen. Das hält mich kreativ.“ Dabei schreckt Sander auch nicht davor zurück, dorthin zu gehen, wo es nicht ganz so sicher ist, wie ein kürzlicher Gig in Kiew in der Ukraine, im März dieses Jahres zeigt, Sander zu seinen Eindrücken von dort: „Das war sehr intensiv und emotional. Einerseits geht das Leben weiter, andererseits spürt man die Situation sehr deutlich. Die Menschen wollen trotzdem feiern, tanzen und für einen Moment Normalität erleben. Dort zu spielen (…) war etwas ganz Besonderes und sehr inspirierend.“

Sander van Doorn in Kiew im März:

Doch wie sieht Sander die aktuelle Entwicklung der Trance-Musik? „Ich finde, alles wird etwas härter und energetischer – und das ist gut so. Wenn Leute feiern gehen, wollen sie Energie spüren, sich bewegen und komplett in der Musik aufgehen. Genau darum geht es.“ Sander weiter: „Die Genres wachsen immer stärker zusammen. Egal ob Melodic Techno, härterer Techno oder Trance-Elemente – alles verbindet sich. Die Leute achten nicht mehr so sehr auf klare Genre-Grenzen. Es geht mehr um das Gesamtgefühl und die Energie.“

Provokant stellen wir Sander die Frage, ob Melodic Techno der neue Trance-Sound sei, da sich ja mittlerweile vieles in diesem Bereich vermische. Sanders Antwort: „Es gibt definitiv Parallelen. Wenn man bestimmte Melodic-Techno-Tracks mit höherem BPM spielt, kommen sie dem Trance-Genre sehr nahe. Die Genres hängen ohnehin historisch zusammen und entwickeln sich ständig weiter.“

Wir fragen ihn daraufhin, ob er das Gefühl habe, dass sich alle Genres zu einem großen Sound vermischen, entgegengesetzt der Abspaltung von Trance und Techno, wie sie in den frühen 90ern stattgefunden hat. Sander: „In gewisser Weise ja. Es wird ein Mix aus vielen Einflüssen. Am Ende geht es immer um Energie und Emotion – das ist das, was alles miteinander verbindet.“

Energie und Emotion – das trifft nicht nur auf Sanders Sound zu, sondern beschreibt auch das Ethos der Nacht auf der „Senses“ im Bootshaus – eine Nacht voller verschiedener Klangwelten, Fusionen, einer breiten BPM-Range, euphorischer Gänsehaut-Momente und gleichzeitig treibender Sounds – alles rund um verschiedene Facetten der Trance-Musik.

Eindrücke der Senses im Bootshaus:

Ging es zu Beginn noch entspannter mit einem Opening-Set des niederländischen DJs Estiva zu, lieferten Amy Wiles auf dem Mainfloor oder auch Renegade System auf dem zweiten Floor tanzbare Uplifting-Sets um die 140 BPM an, während die Headliner Markus Schulz (USA), ATB und Sander van Doorn ihren jeweils ganz eigenen Sound zum Besten gaben.

Am Ende wurde es dann auf beiden Floors schnell und hart: Will Atkinson aus Schottland auf dem Mainfloor und Scot Project auf dem zweiten Floor feuerten ihre jeweils ganz eigene Interpretation von Hardtrance auf die Crowd im Bootshaus ab. „Senses“ zeigte im Bootshaus, wohin die aktuelle Trance-Szene sich bewegt, wie ihre Vergangenheit klingt und, dass Trance auch in Deutschland lange noch nicht tot ist, sich im Gegenteil sogar immer wieder neu erfindet und weiterentwickelt. Auf ein nächstes Mal mit vollen Sinnen!

Eindrücke der Nacht eines YouTube-Nutzers:

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