SHHE – Das Schweigen des Meeres

Foto: Zac Mahrouche

Mit „THALASSA“ veröffentlicht die schottisch-portugiesische Sound-Künstlerin SHHE ein Album, das weit über klassischen Ambient hinausgeht. Entstanden während einer Residency im ägyptischen Alexandria, setzt sich die Produzentin mit den ökologischen und politischen Spannungen rund um das Mittelmeer auseinander – einem Meer, das zunehmend bedroht, kontrolliert und zum Verstummen gebracht wird. Weil direkte Unterwasseraufnahmen vor Ort aufgrund militärischer Restriktionen unmöglich waren, entwickelte SHHE ihren eigenen Zugang zum Klang des Meeres: mithilfe eines maßgeschneiderten modularen Synthesizers, intensiver Atemtechniken und analoger Unvorhersehbarkeit.

Neugier sei seit jeher die treibende Kraft hinter ihrer Arbeit gewesen, erklärt SHHE. Gleichzeitig habe sich ihre Wahrnehmung in den vergangenen Jahren stark verändert: „Meine künstlerische Praxis und meine Herangehensweise ans Kreieren wurden immer von Neugier geleitet. In den letzten Jahren bin ich viel sensibler für die natürlichen Klänge meiner Umgebung geworden.“ Besonders die Arbeit mit räumlichem Sound habe ihre Herangehensweise nachhaltig geprägt. „Mich inspiriert die Art und Weise, wie räumlicher Klang tiefere Hörzustände und Räume für Reflexion ermöglichen kann.“

Auch der Ausgangspunkt ihrer Musik habe sich verschoben. Während früher persönliche Emotionen stärker im Mittelpunkt standen, gehe es ihr heute zunehmend darum, auf fragile Orte und gesellschaftliche Spannungen aufmerksam zu machen. „Das Zuhören war der Ausgangspunkt vieler meiner jüngeren Projekte“, sagt sie. Projekte in politisch schwierigen Umfeldern hätten ihren Fokus verändert: „Die Arbeit ist weniger auf meinen persönlichen emotionalen oder körperlichen Zustand fokussiert, sondern vielmehr darauf, Aufmerksamkeit auf die fragilen Umgebungen zu lenken, in denen ich arbeite.“ Im Zentrum von „THALASSA“ stehen Atem, Transformation und das Motiv des Abstiegs. Auslöser dafür waren Gespräche mit dem Centre for Maritime Archaeology and Underwater Cultural Heritage in Alexandria. Eigentlich hatte SHHE nach Klangaufnahmen aus dem Mittelmeer gesucht, erhielt stattdessen aber Einblicke in die akustische Realität von Tauchgängen. Besonders die Geräusche der Atemapparate blieben hängen. „Ich begann mich intensiv mit Freediving und Atemtechniken auseinanderzusetzen – als eine Form körperlicher Grenzerfahrung.“ Daraus entwickelte sich die Struktur des Albums: sechs Phasen eines Tauchgangs, vom Untertauchen bis zum Wiederauftauchen.

Alexandria selbst wurde dabei zu einem zentralen emotionalen Bezugspunkt. Die Stadt faszinierte SHHE nicht nur wegen ihrer Geschichte, sondern vor allem wegen ihrer bedrohten Zukunft. „Alexandria ist eine Stadt, die dazu bestimmt ist, unter Wasser zu verschwinden“, sagt sie. Bereits heute seien hunderte Gebäude durch Küstenerosion infolge steigender Meeresspiegel eingestürzt. Gleichzeitig erkennt sie Parallelen zu Dundee, ihrer heutigen Heimatstadt in Schottland, die ebenfalls vom steigenden Meeresspiegel betroffen sein könnte.

Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch: Obwohl das Mittelmeer Ausgangspunkt des Projekts war, konnte SHHE das Wasser kaum wahrnehmen. „Alexandria ist eine Kakophonie aus Hupen, Verkehr, Baustellen und menschlicher Aktivität.“ Unterwasseraufnahmen waren verboten, doch selbst oberhalb der Wasseroberfläche sei das Meer kaum hörbar gewesen. „In gewisser Weise ist ‚THALASSA‘ der Versuch, das Unhörbare hörbar zu machen.“ Dass daraus kein klassisches Field-Recording-Album wurde, sondern ein Werk voller organischer Instabilität, lag auch an ihrer Arbeitsweise mit modularen Synthesizern. Gemeinsam mit Ben Chatwin entwickelte sie ein Setup, das fast ausschließlich auf analogen Modulen basierte. „Dadurch entstand automatisch ein gewisses Maß an Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit, das meine Erfahrung in Ägypten widerspiegelte.“ Zusätzlich performt SHHE live ausschließlich mit dem Modularsystem und ihrer Stimme. „Da analoge Module natürlich auf ihre Umgebung reagieren, ist jede Performance anders.“

Trotz aller Schönheit trägt „THALASSA“ permanent eine unterschwellige Spannung in sich. Genau darin liegt auch die Stärke des Albums: Es will nicht beruhigen, sondern sensibilisieren. „Das Album ist eine Einladung – eine Reise, die jeder antreten kann“, erklärt SHHE. Gleichzeitig hoffe sie, dass die Hörer „über ihre eigene Beziehung zu den Gewässern in ihrer Umgebung nachdenken.“

Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: Zac Mahrouche
www.instagram.com/shhemusic