SNIPER MODE – Gregor Tresher verbindet Vergangenheit & Zukunft

Foto: Bernd Bodtländer

Nach über zwei Jahrzehnten kehrt ein Projekt zurück, das in den frühen 2000ern für experimentierfreudige Electro-Sounds stand: Sniper Mode. Mit dem neuen Album „Riot Gear“ öffnet das Projekt ein Kapitel, das weder Nostalgia-driven noch trendkonform wirkt. Stattdessen präsentiert sich ein Künstler, der seine Wurzeln neu befragt und Electro mit der Erfahrung und Reife seiner langen Karriere auflädt. Das Ergebnis ist ein Album voller Energie, Charakter und Haltung – eine bewusste Abkehr von Routinen und ein mutiges Statement in einer Szene, die allzu oft dem Erwartbaren folgt. Das Album ist am 28. November auf Turbo Recordings erschienen.

„Ich habe in letzter Zeit wieder viel Electro gehört und meine Liebe zum Genre irgendwie neu entdeckt“, sagt Gregor Tresher über den Moment, der Sniper Mode zurück ins Leben rief. Mit den ersten Skizzen war sofort spürbar, dass hier mehr entstehen würde als eine weitere EP: „Die musikalischen Grundideen waren zügig im Kasten, die Ausarbeitung und Vocals waren dann nochmal viel Arbeit, aber die eigentliche Komposition ging mir leicht von der Hand, einfach weil ich so viel Spaß dran hatte.“ Das neue Album ist sein erstes Sniper-Mode-Release seit 2003. Heute blickt er anders auf das Genre als damals: „Als ich mich Mitte der Nullerjahre voll auf die Musik unter meinem richtigen Namen konzentriert habe, war das mein alleiniger Fokus. Außerdem hatte ich zu der Zeit den subjektiven Eindruck, dass sich Electro nicht weiterentwickelte, sondern sich hauptsächlich wiederholte. In letzter Zeit hab ich aber wieder ganz viel tolle neue und spannende Musik in dem Bereich gehört und das hat mein Interesse am Genre ganz neu entflammt.“

Für „Riot Gear“ hat Tresher hochkarätige Stimmen eingeladen. Besonders eng verbunden ist er mit Detroit-Legende Jay Denham: „Die Vocals von Jay sind ja von seinem alten Klassiker auf Black Nation, den ich schon immer sehr mochte. Ursprünglich sollten diese schon auf mein letztes Album ‚False Gods‘ mit draufkommen, allerdings war ich mit dem Track damals nicht ganz zufrieden. Bei der Produktion des neuen Instrumentals passten sie dann aber wie die Faust aufs Auge, und glücklicherweise mochte Jay den Track auch auf Anhieb.“ Die erste Single „Blinded By The Dark“ entstand gemeinsam mit Dave Clarke, für Tresher ein Wunschkandidat: „Ich kenne und schätze Dave schon sehr lange, und als ich überlegte, wer auf dem Track für Vocals perfekt wäre, kam er mir sofort in den Sinn. Ich mag seinen authentischen englischen Akzent und bin großer Fan seines White-Noise-Podcasts, in dem er unermüdlich Electro pusht und präsentiert. Ich war sehr froh, dass er sofort zusagte und on top als Native Speaker meine Lyrics gut fand und diese dann auch eingesprochen hat. Die Nummer ist einer meiner Favoriten auf dem Album.“

Soundästhetisch zeigt Tresher eine klare Handschrift, aber mit neuem Fokus: „Bei Electro bin ich generell ein Fan dieser gewissen bedrohlichen Grundstimmung in den Tracks. Ohne das starre 4/4-Kickdrum-Korsett öffnet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten, was das Beatprogramming angeht.“ Gleichzeitig bleibt sein Anspruch an Melodien ungebrochen: „Ich versuche, eine mysteriöse, bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen, das zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.“ Die unterschiedlichen Vocal-Gäste prägen das Gesamtbild entscheidend. „Ich wollte ein reines Electro-Album ohne Füller-Tracks, Intro, Outro oder ähnliches ‚Beiwerk‘, und ich wollte auf keinen Fall irgendwo eine gerade Kickdrum drauf haben. Ich bin sehr glücklich über die personelle wie auch musikalische Vielfalt, die die Künstler beigetragen haben.“

Trotz des frischen Ansatzes gibt es auch bewusste Rückbezüge auf die frühen Sniper-Mode-Jahre. „Der Track ‚Echoes From A Wasted Land‘ spielt auf den Titeltrack meines ersten Sniper-Mode-Albums ‚Wastelands‘ an und greift auch einige musikalische Elemente desselben auf. Ich fand es spannend, den Kreis auf diesem Weg zu schließen beziehungsweise an Vergangenes zu erinnern, ohne in Nostalgie abzudriften.“

Der Albumtitel ist Programm: „‘Riot Gear‘ klang für mich einfach gut. Die Assoziationen gehen in Richtung Widerstand und Rebellion, gefühlte Bedrohung durch gewappnete Gegner, wie auch die wortwörtliche ‚Rüstung‘ im Sinne von Selbstschutz.“ Passend dazu erscheint das Album auf Turbo Recordings. Tresher beschreibt die Verbindung zu Labelboss und Musiker Tiga begeistert: „Die Zusammenarbeit mit Tiga und dem Label ist ein Traum. Als ich das Album fertig hatte, habe ich es an Tiga geschickt und er meldete sich nach ganz kurzer Zeit und meinte, er sei extra nochmal mit dem Auto durch Montreal gefahren, um es ein zweites Mal zu hören, weil er es so geil findet.“

Auch live könnte Sniper Mode künftig wieder sichtbarer werden: „Es ist nach wie vor manchmal schwierig, Electro-Tracks in meinen DJ-Sets unterzubringen, weil viele Leute nicht drauf klarkommen, wenn die gerade Kickdrum fehlt. Ich plane aber, in meinem Live-Set in 2026 auch den ein oder anderen Sniper-Mode-Track einzubauen.“ Für Tresher ist dieses Kapitel weit mehr als nur eine Rückkehr: „Ich denke, es ist eine Rückbesinnung auf die Anfänge meiner Karriere als Produzent, aber gleichzeitig ein Neubeginn. Das Letzte, was ich möchte, ist, mich zu wiederholen. Das neue Album unterscheidet sich total von den alten Sniper-Mode-Sachen, und es fühlt sich irgendwie richtig an, das Projekt gerade jetzt neu zu beleben. Ich denke, manchmal ist es eine gute Idee, gegen den Strom zu schwimmen, um zu überraschen – und ein Electro-Album zu veröffentlichen, ist ja nun mal ganz sicher nichts, das irgendwelchen aktuellen Trends folgt. Es soll spannend bleiben und unvorhersehbar, das ist der Ansatz.“

Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Triple P
Foto: Bernd Bodtländer
www.instagram.com/gregortresher