
In der Schweiz nimmt die Debatte über den Umgang mit Kokain neue Fahrt auf. Die Westschweizer Arbeitsgruppe für Suchtforschung (Grea) hat einen Leitfaden vorgestellt, der konkrete Modelle für eine staatliche Regulierung von Kokain und anderen Stimulanzien beschreibt.
Ausgangspunkt ist die Einschätzung, dass die bisherige Prohibitionspolitik ihre Ziele nicht erreicht hat. Der Vorstoß stützt sich auf aktuelle Daten zur Situation im Land. Laut Sucht Schweiz haben 6,2 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren bereits Kokain konsumiert.
Besonders verbreitet ist der Konsum in der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen. Abwasseranalysen zeigen zudem einen kontinuierlichen Anstieg seit 2012, vor allem an Wochenenden in Städten wie Lausanne, Zürich und Chur.
Für die Befürworter einer Neuausrichtung ist genau diese Entwicklung ein Beleg dafür, dass Verbote den Konsum nicht entscheidend eindämmen. „Drogen von unserem Planeten zu verbannen, ist schlichtweg unmöglich“, sagt Romain Bach, Co-Generalsekretär der Grea.
Nach seiner Auffassung habe die Prohibition vor allem den Schwarzmarkt gestärkt, Konsumenten kriminalisiert und den Zugang zu Behandlungen erschwert. Der vorgestellte Leitfaden unterscheidet drei Risikostufen.
Kokainhaltige Produkte mit geringem Risikopotenzial, etwa Kokatee, könnten demnach frei im Einzelhandel erhältlich sein. Für Kokainpulver schlägt die Grea ein streng kontrolliertes Verkaufsmodell vor, das ausschließlich über spezialisierte Fachgeschäfte erfolgen soll.
Vorgesehen sind dabei Werbeverbote, Mengenbeschränkungen, neutrale Verpackungen aus der Apotheke sowie eine verpflichtende Registrierung der Käufer. Crack und injizierbare Formen sollen dagegen nicht frei erhältlich sein.
Der Zugang wäre ausschließlich über medizinische Einrichtungen und Angebote zur Schadensminderung möglich. Die Initiatoren argumentieren, dass dadurch Teile des Marktes aus der Illegalität geholt werden könnten.
Gleichzeitig sollen Konsumenten besser vor verunreinigten Produkten geschützt werden. Als Beispiele nennt der Leitfaden gestrecktes Kokain oder mit Pestiziden und Entwurmungsmitteln belastete Substanzen.
Auch die heute kriminellen Organisationen zufließenden Gelder könnten teilweise in Form von Steuereinnahmen dem Staat zugutekommen. Parallel dazu wird in Genf bereits ein konkreter Ansatz vorbereitet.
Das Universitätsspital HUG plant, schwer crack-abhängigen Patienten pharmazeutisches Kokain auf Rezept zu verschreiben. Das Modell orientiert sich an der heroingestützten Behandlung, die in der Schweiz seit den 1990er-Jahren praktiziert wird.
„Es geht nicht um die Abgabe einer Droge, sondern um ihre ärztliche Verschreibung“, betont Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie. Der Ansatz knüpft an Erfahrungen an, die das Land bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gemacht hat.
Damals reagierte die Schweiz auf die offene Drogenszene in Zürich mit dem sogenannten Vier-Säulen-Modell aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und kontrollierter Heroinabgabe. Was seinerzeit als umstritten galt, wird heute von den Befürwortern als international beachteter Meilenstein bewertet.
Weniger Todesfälle, weniger Kriminalität und stabilere Lebensverhältnisse werden als Ergebnisse dieses Ansatzes genannt. Die Grea betont dabei, dass Regulierung nicht mit Verharmlosung gleichzusetzen sei.
Bach verweist auf internationale Studien, die keinen Zusammenhang zwischen der Intensität der Strafverfolgung und dem tatsächlichen Konsumniveau erkennen lassen. Als Beispiel nennt er Frankreich, wo trotz einer besonders repressiven Drogenpolitik ein hoher Kokainkonsum verzeichnet werde.
Quelle: Loop Rituals
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