Wir werfen einen Blick auf die Historie – das erste SMS fand 1997 statt – und haben den Pressesprecher Uwe Oertel interviewt.

SMS2005 (c) Toralf Brakutt


Historie
1997. Es war das Jahr, in dem Michael Jackson mit seiner HIStory-Tour nach Deutschland kam, in dem die Members of Mayday mit „Sonic Empire“ auf Platz 1 der Single-Charts landeten und in dem die erste Fuckparade stattfand, die die Kommerzialisierung der Loveparade anprangerte. 1997 war auch das Jahr, in dem der BVB tatsächlich noch die Champions League gewann, Martin Garrix seinen ersten Geburtstag feierte und die bis dato arbeitslose J. K. Rowling „Harry Potter und der Stein der Weisen“ veröffentlichte. Und 1997 war das Jahr, in dem SonneMondSterne zum ersten Mal seine Pforten öffnete.

Was war das doch für ein heilloses Durcheinander 1997. Viel zu wenige Getränkestände mit viel zu wenig Personal für viel zu viele Besucher. DJs beklagten sich über viel zu leise eingestellte Monitorboxen und 1500 Leute nutzten die günstige Gelegenheit, dass die Bauzäune nicht verschraubt waren, und verschafften sich somit kostenlosen Zugang zum Gelände. Doch die Organisatoren – damals lediglich aus einer guten Handvoll Leute bestehend – haben aus den Fehlern gelernt und ein Jahr später ein reibungsloses Event auf die Beine gestellt. Und trotz Sturmwarnung, Dauerregen und sechs Grad in der Nacht war die Party ein voller Erfolg. Und die Stimmung sensationell. 1999 dann: Ein SMS, das seinem Namen gerecht wird – Sonne, Mond, Sterne. Kein Regen. Und pünktlich zum Start des neuen Jahrtausends erweiterte man das Festival dann auf das ganze Wochenende. Zwei Jahre später: große Aufregung! Der Fahrer eines Heißluftballons landete neben dem Zeltplatz und stürzte aus der Gondel. Wir können euch aber beruhigen – mittlerweile geht es ihm wieder gut. Die nächste Katastrophenmeldung folgte im Jahr darauf: „Land unter!“ heißt es in den Wettervorhersagen für ganz Europa. Orkanartige Sturmböen, Starkregen und sogar Hagel waren prophezeit. Und das Ergebnis: Sonne pur von Donnerstag bis Sonntag! 2003, der Jahrhundertsommer. Hätten 2raumwohnung bereits ihren Song „36 Grad“ geschrieben – sie hätten ihn auf der Mainstage aus Dankbarkeit für Petrus spielen können. Die Feuerwehr war im Dauereinsatz und sprühte Wasser über das ganze Gelände, um der Staubwolke Herr zu werden, die sich hitzebedingt bildete. 2004: Das erste Mal in seiner Historie war das SMS ausverkauft. Und der im Frühling frisch gesäte Rasen verhinderte das staubige Desaster des letzten Jahres. 2007 und 2010 war mal wieder Dauerregen angesagt. Doch der Stimmung tat dies bei den mittlerweile wettererprobten Festivalbesuchern keinen Abbruch. Vielleicht auch deshalb, weil die Veranstalter satte 600 Tonnen Rindenmulch ankarren und viereinhalb Kilometer Aluminiumstraßen spontan legen ließen, um die Schlammschlacht so klein wie möglich zu halten. Seit vielen Jahren ist das Festival stets ausverkauft, die Bühnen wurden größer, die Shows spektakulärer und das Line-up hielt sein stets hohes Niveau. Und heute, im Jahr 2018, findet tatsächlich bereits die 22. Ausgabe des Festivals statt, das sich seit eh und je auf Acts der DJ-Szene spezialisiert hat. Somit ist SMS eines der wenigen Festivals, die zu annähernd 100 Prozent Stars und Sternchen aus dem Bereich der elektronischen Musik auffahren.

SMS2009 (c) Stephan Flad

Lebensgefühl SonneMondSterne – Uwe Oertel im Interview
Uwe Oertel ist seit letztem Jahr der Pressesprecher des Festivals. Das erste Mal auf dem Festival war er 2001, ein Jahr später gehörte er schon zur Crew. Mit ihm werfen wir einen Blick hinter die Kulissen eines der bedeutendsten Festivals Deutschlands, das von zwei Personen aus der Taufe gehoben wurde und bis heute geleitet wird: Bine und Rico Tietze. Neben dem SMS veranstalten sie noch ein paar kleinere Events und seit 2008 das Sputnik Springbreak auf der Halbinsel Pouch bei Bitterfeld.

Uwe, erzähl uns doch mal von den Strukturen hinter dem Festival. Wer steckt alles dahinter?

Nun, Bine und Rico leiten das Festival und haben drei feste Mitarbeiter. Das ist letztlich die Kern-Crew – es steckt keine große Mutterfrma oder Ähnliches dahinter.

Also so eine Art Familienbetrieb?

Auf jeden Fall. Viele von den Helfern sind Freunde, kommen Jahr für Jahr und helfen beim Aufbau; egal ob IT-Spezialist, Straßenbauer oder Arzt – sie schwingen seit vielen Jahren immer wieder die Bauzäune. Da ist viel Herzblut im Spiel, da gibt es keinen Konzern, der nur das Geld abschöpfen will, eher wird noch etwas mehr investiert, um das Festival reibungslos über die Bühne zu bringen. Da wir in unserer Geschichte oft mit schlechtem Wetter zu kämpfen hatten – wir haben direkten Kontakt zu Meteorologen, um alles im Blick zu behalten –, sind dafür benötigte Hilfsmitte immer ausreichend da, zum Beispiel Rindenmulch, um den Schlamm abzudecken, und Aluminiumstraßen, auf denen Autos
zu den Bühnen fahren können. Wir gehen da kein Risiko ein. So schlimme Regentage, wie wir schon hatten – das Riesenchaos gab es bisher noch nicht, weil die Vorbereitung gut war.

1997 gab es die erste Ausgabe. Wie ist SonneMond- Sterne eigentlich an der Bleilochtalsperre gelandet?

Rico und Bine wollten ein Techno-Open-Air veranstalten und sind gezielt alle Bundes- und Landstraßen mit anliegendem See in Thüringen abgefahren. Als sie dann über die Brücke Gräfenwarth, die über die Talsperre führt, gefahren sind, haben sie die Wiese entdeckt, die bis heute Austragungsort ist. Perfekt für ein Open Air mit 2000 bis 4000 Menschen, dachten sie sich. Wer konnte schon ahnen, dass es mal über 42 000 werden würden …

Wie stand und steht der Ort Saalburg, wo sich die Location befindet, zum Festival?

Stadt und Bevölkerung sind sehr kooperativ und stehen dem Festival sehr positiv gegenüber. Das Festival ist ja stetig und gesund gewachsen. Hier sind ja nicht auf einmal Zehntausende aus dem Nichts eingefallen und haben alles verwüstet. Gemeinde und Bürger konnten sich daran gewöhnen und viele Gewerbe – Hotels, Restaurants, Supermärkte, Tankstellen – profitieren ja auch vom Festival. Man ist im ständigen Kontakt mit den Behörden und zahlt auch dort seine Gewerbesteuer.

Der Festivalsektor boomt sein einigen Jahren – das hat doch sicherlich auch Auswirkungen auf Organisation und Planung, oder?

In der Tat. Wo wir gerade schon die Behörden angesprochen haben: Der Sektor wird auch immer zeitintensiver und aufwendiger. Je größer das Festival wird, desto genauer wird hingeschaut und seit ein paar Jahren steigen natürlich auch – als Folge der Loveparade-Katastrophe und natürlich auch der geopolitischen Lage – die Anforderungen an die Sicherheit. Da möchten immer mehr mitreden und die Erwartungen sind groß, sowohl von offizieller Seite als auch von den Besuchern – und diesen Erwartungen werden wir auch gerecht.

Aber sicherlich hat sich die Situation auch von Künstlerseite verändert?

Auch das. Die Anforderungen der Künstler an die technischen Gegebenheiten werden immer größer, die Bühnen werden größer, es wird mehr Equipment herangekarrt. Die kommen nicht nur mit zwei Trailern, sondern mit vier bis fünf Trailern. Wo kann man die zwischenlagern? Manche Acts wollen bestimmte Größen bei den LED-Wänden haben oder wollen alle CO2-Maßnahmen durchorganisiert haben. Das beschäftigt uns das ganze Jahr über. Und dann hast du ja auch nur bestimmte Umbauzeiten für das Gelände, daran müssen wir uns halten. Dann natürlich auch die Auftrittsreihenfolge der Künstler. Der eine will nicht nach dem, der andere nicht vor dem spielen …

Worauf achtet ihr denn musikalisch beim Line-up, was gibt es da für Vorgaben?

Das Programm ist musikalisch immer breit gefächert. Das war schon immer so und das ist auch ein Grund, warum das SMS immer noch so gut dasteht und auch t für die Zukunft ist. Zwar liegt der Schwerpunkt schon auf Techno, aber hier ist für jeden was dabei, wir decken viele Segmente ab. Es gibt zwar immer wieder Kritik, vor allem an den EDM-Acts, aber bei einer Masse von 250 DJs und Live-Acts sind das gerade mal um die sieben Prozent. Der Mehrheit scheint es ja sehr zu gefallen, wir sind seit Jahren ausverkauft. Wenn dann zum Beispiel Axwell Λ Ingrosso ihr Feuerwerk aus Musik und Show abrennen, explodiert die Menge förmlich. Und das Publikum ist auch sehr flexibel, denn auch Acts wie Fanta 4, Marteria oder Clueso wurden mehr als begeistert aufgenommen. Rico hat einen sehr guten Riecher, wenn es darum geht, die richtigen Acts aufzuspüren und aus der Masse auszusuchen. Er ist sehr gut vernetzt, hat sich ein gutes Image aufgebaut und ist auf dem Markt gut positioniert, auch international.

Was war denn dein persönliches Highlights bisher und was macht das Festival aus?

Das war der Auftritt von Kraftwerk im Jahr 2006, eine tolle Show. Viele der jungen Leute haben sich etwas gewundert und gefragt, was das denn soll. Aber da haben wir auch eine Art bildungsp litische Komponente im Sinn – wir wollen den jungen Leuten zeigen, wo elektronische Musik in Deutschland ihre Wurzeln hat. Und dann gibt es zum Beispiel die schon seit vielen Jahren erfolg- reichen Kooperationen mit Muna, Watergate oder Cocoon, die dem Ganzen eine gewisse Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit geben. Ich gehe auch gerne über die Campingplätze und freue mich dann über die Kreativität und Leidenschaft der Besucher. Was die für einen Aufwand betreiben! Da werden kleine Türme gebaut, Gärten angelegt, Musikanlagen aufgebaut. Das alles zusammen macht für mich dieses Festival aus. Das ist ein Lebensgefühl. Und hier zitiere ich nochmal Rico: „Wir kommen ja alle aus dem Techno, das hat bis heute nicht geändert. Und wir freuen uns über den
jetzt gerade anhaltenden Technoboom in Deutschland und Europa und dass dementsprechend das Festivalprogramm auch wieder technoider wird.“

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Aus dem FAZEmag 072/02.2018 
Historie: Torsten Widua
Interview Uwe Oertel: Tassilo Dicke
Fotos: Tony Günther, Toralf Brakutt, Betram Boelkow, Swen Reichold, Stephan Flad, André Künßler