In den 90ern war die „Steve Mason Experience“ auf BFBS ein großes Ding – jedenfalls für alle, die im Sendegebiet des britischen Soldatenradios aufwuchsen, in Deutschland also eher im Westen und Norden sowie in Berlin. Der britische DJ spielte jeden Samstag zwei Stunden lang das Neueste aus der Rave- und Techno-Szene und moderierte mit viel Witz und positiver Energie.

 

Die Show geriet zum Kult – noch heute kursieren Mitschnitte und liebevoll gepflegte Playlisten im Netz. Und alle, die damals zuhörten, erinnern sich gerne daran, wie auch die Macher von „Riddim Box Radio“ regelmäßig feststellen. Die monatliche Show über aktuelle Bass- und Clubmusik auf dem Kölner Webradio 674FM ist vom Spirit der „Experience“ beseelt, und ihre DJ-Gäste sprechen immer wieder darüber, wie sehr Steve Mason sie beeinflusst hat. So entstand der Gedanke, den Mann fast zwanzig Jahre nach dem Ende der „Experience“ zu einem Interview zu bitten.
Steve Mason hat sich in Lewes in der Nähe von Brighton zur Ruhe gesetzt. Mit Anfang 60 legt er nur noch selten auf, erinnert sich aber gerne zurück, und das mit dem unverkennbaren Timbre in der ewig jungen Stimme. Das komplette Interview mit ihm ist in der Episode #22 von „Riddim Box Radio“ zu hören – hier gibt es exklusiv die übersetzte und gekürzte schriftliche Version.

Wie bist du ursprünglich zum Radio und zu BFBS gekommen?

Schon als kleiner Junge liebte ich das Radio. Nachts im Bett hörte ich immer John Peel, das war ein großer Einfluss für mich. Also beschloss ich, beim Radio zu arbeiten. Damals gab es Radiosender in Krankenhäusern. Ich machte ein Freiwilligen-Ding für ein Klinik-Radio und liebte es, und von da an war es das, was ich tun wollte.

Als ich dann an der Universität war, fuhr ich mal als Anhalter bei einem Typen mit, der für einen Sender namens „Voice of Peace“ im Mittelmeer gearbeitet hatte. Er gab mir die Telefonnummer, ich rief da an und sagte, ich würde gerne als Techniker für sie arbeiten – das war meine ursprüngliche Qualifikation. Also landete ich als Techniker auf diesem kleinen Pirate-Radio-Schiff, etwa drei Meilen vor Tel Aviv. Bald fing ich auch an, Shows zu machen.

Ich blieb dort ungefähr neun Monate. Auf dem Schiff hatte ich BFBS in Zypern gehört und dachte, ich sollte mich vielleicht dort bewerben. Kam zurück nach England, bekam bei BFBS einen Job als Techniker – und wurde direkt nach Zypern geschickt! Dort fragte ich, ob ich auch eine Sendung machen könnte, und sie stimmten zu.

Das war also der Beginn der „Steve Mason Experience“ auf BFBS? 

Es hieß damals schon „Steve Mason Experience“, aber – das war ungefähr 1984 – ich spielte keine Dance Music, sondern Reggae, Blues, Rock, alles Mögliche. Das wurde einigermaßen erfolgreich. Nach ein paar Jahren war ich mit BFBS um die ganze Welt gereist, Hong Kong, Belize, Zypern … Schließlich hörte ich als Techniker auf, um nur noch DJ zu sein. Ich kam zurück nach London und führte meine Show bei der dortigen Station weiter. Zu der Zeit wurden immer mehr Dance- und Rave-Platten an den Sender geschickt, und ich mochte die sehr, während alle anderen im Sender sie als Mist betrachteten. Ich begann, diese Sachen zu spielen, und nach ein paar Monaten kam plötzlich jede Menge Fan-Post. Die „Steve Mason Experience“ wurde dann mehr und mehr zu einer Dance-Music-Show und immer beliebter. So ging es richtig los. Es war also ein Stück Glück dabei. Ich denke, jeder hat ein bisschen Glück in seinem Leben, und wenn man es bekommt, muss man es mit beiden Händen greifen.

Von einem Piraten- zu einem Soldatensender – das muss im Vergleich eine strengere Umgebung gewesen sein?

„Voice of Peace“ war zwar sehr offen, aber ich bekam dort Probleme, weil ich on air Dinge sagte, die man eigentlich nicht sagen durfte. Einmal wurde ich fast vom Schiff geschmissen. Und BFBS war nicht so übel. Im Grunde waren die britischen Streitkräfte dazu da, den Frieden zu sichern, und wir waren zu ihrer Unterhaltung da. Zu der Zeit nahmen wir die Show in London auf Tonbänder auf – die Bänder wurden dann kopiert und in alle Regionen geschickt, in denen britische Truppen stationiert waren. Und sie lief jede Woche, überall. Vor E-Mail und all dem konnte man eigentlich nur anhand der Anzahl der Briefe feststellen, wie erfolgreich eine Show war. Und mein Postfach war immer voll. Es war toll!

In den ersten Jahren der Show lief viel Breakbeat, Jungle und früher Drum’n’Bass. Im Laufe der Jahre spieltest du immer mehr Techno. Eine bewusste Entscheidung, oder war das einfach der Lauf der Dinge?

In der britischen Rave-Szene ging es in den frühen Tagen nur um Breakbeats, hochgepitchte Vocals und sehr schnelle Musik, und ich stand darauf und spielte das gerne, und mein britisches Publikum mochte das sehr. Dann wurde ich eingeladen, in Deutschland aufzulegen, und es kam mein erster Auftritt in Köln mit Mark Spoon. Ich spielte mein Set, The Prodigy und all diese Breakbeats, und die Leute schienen einfach nicht zu wissen, wie man dazu tanzt. Fünf englische Typen rasteten total aus, aber alle anderen standen einfach da und warteten aufs Boom-Boom-Boom. Dann übernahm Mark Spoon und legte direkt mit Boom-Boom-Boom los, die Leute gingen ab – und ich fand es wirklich gut. Das war meine erste echte Berührung mit Techno. Ich beschäftigte mich dann mehr damit und die Show entwickelte sich entsprechend.

Die Briefe, die Tonbänder – angesichts der heutigen digitalen Kommunikation, wunderst du dich nicht manchmal, wie das damals alles funktioniert hat? 

Auf jeden Fall! Um das Signal von London an BFBS in Deutschland zu übermitteln, ging es von einem Sender in England zu einem hundert Meilen entfernten Empfänger, wurde erneut gesendet und so weiter. Ein wirklich komplexer, langer Weg. Und das Signal war sogar nur in Mono!

Aber in vielerlei Hinsicht war es schön damals. Ich bekam Briefe von Leuten, die von Deutschland in einen anderen Teil der Welt versetzt wurden, wo sie BFBS nicht empfangen konnten, und Freunde in Deutschland nahmen die Shows auf Kassette auf und schickten sie ihnen hinterher.

Außerdem lief in jenen frühen Tagen nicht viel Dance Music im Radio. In Deutschland gab es Marusha mit „Rave Satellite“ bei Fritz in Berlin – und mich! Wenn man heute anfängt, ist da so viel Wettbewerb, es gibt Millionen Dinge zu hören, also ist es viel schwieriger. Die Technologie hat sich ebenfalls geändert – es ist eine ganz andere Welt.

Wie ging es bei dir nach 2001 weiter, als die Show bei BFBS auslief? 

Ein paar Jahre lang spielte ich viele Gigs. Ich war gut beschäftigt und alles war in Ordnung. Dann passierten einige Dinge. Ich trennte mich von meiner Frau und musste aus meinem Haus und dem Studio darin ausziehen. Das war eine schwierige Zeit. Ich war damals Ende Vierzig und dachte nur, ich müsste etwas ändern. Ich hatte zehn, zwölf Jahre fast jedes Wochenende aufgelegt. Es nimmt einfach so viel Zeit in Anspruch, du bist immer unterwegs, immer im Flieger und weg von der Familie. Ich habe Kinder und wollte Zeit mit ihnen verbringen.

Da habe ich beschlossen, Lehrer zu werden, was komisch war (lacht). Also habe ich mich ausbilden lassen und als Lehrer für angewandtes Design gearbeitet und nebenbei DJ-Gigs gespielt. Und dann wurden die Auftritte langsam immer weniger und jetzt … nun, durch Covid fällt gerade alles flach. Aber es waren eh nur noch ein paar Gigs im Jahr, eher so die Classic Nights mit einem älteren Publikum. Aber es macht nach wie vor Spaß. Hoffentlich können wir nächstes Jahr wieder feiern.

Ich habe etwa zehn Jahre unterrichtet und vor ungefähr zwei Jahren aufgehört. Dann kaufte ich ein Haus, ein echtes Wrack, ungefähr 300 Jahre alt, um es wieder zu einem Heim zu machen. Und ich bin auf einem guten Weg. Ich bastele die meiste Zeit am Haus herum.

Vermisst du die alten Zeiten – oder hast du keine Zeit für Nostalgie?

Ich werde schon mal nostalgisch. Ich habe eine Kiste mit alten Kassetten mit meinen Shows, und manchmal lege ich eine ein und sitze da und denke zurück. Es war eine fantastische Zeit, ich hatte großes Glück. Viele Menschen sagen mir, dass ich ihr Leben beeinflusst habe, und darauf bin ich stolz. Ich habe das Gefühl, mit meinem Leben etwas Nützliches angestellt zu haben.

Aber das Leben geht weiter, ich habe jetzt anderes zu tun, also kümmere ich mich darum. Man muss nach vorne schauen und darüber nachdenken, wie man die Zukunft positiv gestalten kann, anstatt sich in der Vergangenheit zu verlieren. Und ich bereue nichts. Man muss versuchen, positiv zu bleiben. Und das tue ich.

 

Das komplette Interview könnt ihr euch Freitag, den 27. November auf 674FM anhören.

+++Update+++

Das komplette Interview jetzt auf Mixcloud:

 

 

 

Text: Daniel Giebel
Fotos: Steve Mason