Sven Dohse – Zwischen Unit und Bar 25

Sven Dohse – Zwischen Unit und Bar 25 Foto: Carolin Saage

Er spielte die allererste Platte in der legendären Bar 25 und zählt zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten in der Techno-Hauptstadt Berlin: Sven Dohse. Der notorische Genre-Grenzgänger und gebürtige Hamburger steht bereits seit 1992 hinter den Decks und legt seither ein einzigartiges Gespür für ekstatische Momente auf dem Dancefloor an den Tag, das seinesgleichen sucht. House, Techno, Acid, Disco: Sven Dohse ist mit allen Wassern gewaschen und seine farbenfrohen Klänge schallen bis in die entlegensten Orte dieser Welt hinaus: Auf Tanzflächen in Hongkong, in New Yorker Lagerhallen, in Cabanas am Strand von Tulum und Melbourne-Raves wird sein musikalischer Soundtrack mit Freude aufgenommen und umarmt. Er ist Dauergast auf der Fusion, dem Garbicz und der Nation of Gondwana, spielt Marathon-Sets und setzt sich ganz nebenbei auch noch leidenschaftlich für den Erhalt der elektronischen Subkultur ein. In aller Regelmäßigkeit glänzt die Stilikone jedoch nicht nur hinter den Plattentellern, sondern auch im heimischen Studio, wo Sven Dohse bereits die ein oder andere elektronische Feinkostware à la bonne heure produziert hat. Getreu dem Motto „Klasse statt Masse“ veröffentlicht er nun – nach mehrjähriger Kreativpause – endlich wieder neue Musik. „Gork“ lautet der flapsige Titel seiner EP, die uns groovige Beats und entspannte Vocals beschert. Als Extrawurst legt er außerdem drei Remixe von Acid Pauli, Ali Schwarz (Tiefschwarz) und Sebo & Kuriose Naturale mit in den Präsentkorb. Wir legen die Platte auf und quatschen ‘ne Runde mit der wohl bekanntesten Do(h)se Berlins.

Hallo, Sven. Wie ist der Status quo bei dir? 2022 – ein global gesehen höchst unheilvolles Jahr – gut überstanden? Was waren deine Methoden, um dieser Negativität zu trotzen?

Zu sagen „kümmert mich alles nicht“, wäre eine bodenlose Übertreibung. Wir haben uns allerdings zu Beginn der Corona-Pandemie einen Hund zugelegt. Sie hat durchaus gute Unterstützungsarbeit geleistet.

„Früher war alles besser“ – ist eine gern verwendete Floskel. Wir reisen zurück an den Anfang der 90er-Jahre – deine Karriere nimmt langsam Fahrt auf. Was waren die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Themen, die dich damals beschäftigt oder bewegt haben?

Es ist wirklich traurig, aber mich haben die gleichen Themen bewegt, die mich auch jetzt beschäftigen: globale Erderwärmung, keine wirkliche Gleichbehandlung, Nazis, der Kampf gegen das ewige Gestrige …

Losgelegt als DJ hast du 1992. Du warst damals Resident im 6am Eternal Frühclub – ein Novum zu jener Zeit. Wie kam euch die Idee? Heutzutage gehört Feiern bis in den späten Vormittag ja fast schon zum Leitbild der modernen Ravekultur …

Als ich 1989 im Front das erste Mal Acid-House erleben und betanzen konnte, wollte ich unbedingt ein Teil dieser neuen Bewegung werden. Da es zu der Zeit eigentlich nur Residents gab, hatte ich keine Möglichkeit,  in den wenigen Clubs Hamburgs zu spielen. Ich habe dann mit Astrid und Thorsten (Grüße!) den 6am Eternal Club erdacht …

Du hast dann später auch auf größeren Events in Norddeutschland aufgelegt – Technology und Sundance, um mal zwei zu nennen. Was war damals der Büchsenöffner für deinen Aufstieg?

Als Büchsenöffner würde ich schon 6am Eternal Club nennen. Das lag vielleicht an meinem Mix. Im Jahr 1991, wo ich anfing, Techno und House zu kaufen, gab es viel Deep House und eine ganze Menge Hardcore-Techno. Ich habe die House-Tracks so schnell und die Techno-Stücke so langsam wie möglich zusammengemixt.

In den 00er-Jahren ging es dann nach Berlin … War Hamburg nicht mehr cool genug?

Auf Hamburg lass ich nichts kommen. Es ging da mehr um die Liebe zu einer bestimmten Person und Berlin hatte mich schon immer gelockt.

In der Hauptstadt bist du dann zu einer echten Schlüsselfigur innerhalb der Szene geworden. Was waren die Meilensteine auf dem Weg dahin?

Ich wurde bereits in den 90er-Jahren häufiger nach Berlin eingeladen. Richtig los ging es aber erst durch meine Freundschaft zu den Pyonen, die die Nation of Gondwana organisieren. Seit der ersten Ausgabe des Festivals spiele ich auf diesem großartigen Open-Air-Event. Die Pyonen waren auch in Berlin mit vielen Events am Start und gründeten zudem den legendären Schlegel Club, wo ich mit meinem Lieblingskollegen Gianni Vitello (für immer in meinem Herzen!) Resident war.

Es heißt, du hast in der Bar 25 die allererste Platte auflegen dürfen. Welche war‘s denn?

Das kann ich leider nicht sagen. Was in der Bar passierte, blieb auch in der Bar.

Wie beobachtest du die allgemeine Entwicklung der Technoszene in Berlin? Was nervt? Was darf gelobt werden?

Ich bin kein Freund davon, mich in den Medien negativ über die Szene auszulassen, das mache ich lieber Face to Face. Ansonsten könnte ich, gefühlt, die Stimmung als Long Covid bezeichnen. Berlins Clubs funktionieren meines Erachtens nach hauptsächlich durch drei Gruppen: Die Profiraver*innen, die Partytourist*innen und die neue Generation, die frisch in die Clubs darf. Alle drei kommen aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr so oft in die Locations. Ich sehe aber auch viel Engagement seitens der Clubbetreiber*innen, diese Entwicklung aufzufangen.

Du engagierst dich auch in der Politik und setzt dich für wohltätige Zwecke ein, oder? Kannst du das ein wenig genauer erläutern?

Mir ist es generell wichtig, Haltung zu zeigen, und wenn ich um Unterstützung gebeten werde, bin ich bereit, für die Sache gagenfrei aufzulegen und meine Kanäle zu nutzen. Auch sage ich Anfragen ab, wo ich mich nicht mit der Attitude der Veranstalter*innen identifizieren kann.

Fast vergessen … neue Musik gibt‘s auch bald von dir. „Gork“ lautet der Name der EP, die am 27. Januar via URSL erscheint. Deine Chance, die Platte unseren Leser*innen schmackhaft zu machen.

Meine Produktion ist frisch und lecker! It´s gorky. Freuen könnt ihr euch auf die großartigen Remixes von Acid Pauli, Ali Schwarz (Tiefschwarz) sowie Sebo & Kuriose Naturale.

Elektronische Musik ist eigentlich zeitlos und doch irgendwie von einem rasanten Wandel gekennzeichnet. Gab es während deiner Producer-Laufbahn Momente, wo du gedacht hast: „Ich muss mit meiner Musik den aktuellen Zeitgeist treffen“?

Nein, gab es nicht.

Du hast deinen Sound also nie an die musikalische Entwicklung angepasst und immer stur dein Ding gemacht? Oft lässt man sich ja auch unterbewusst beeinflussen …

Alles beeinflusst einen, ob du es willst oder nicht. Ich war noch nie ein Freund des Stillstands, sei es in der Musik oder sonstwo.

Was ist denn eigentlich der typische Sven-Dohse-Sound und welche Entwicklung hat er durchlaufen?

Was mich immer an elektronischer Tanzmusik begeistert hat, ist, dass es die Möglichkeit bietet, mit gängigen Hörgewohnheiten zu brechen. Deswegen wandelt und entwickelt sich mein Sound auch über die Jahre immer wieder. In meinen Produktionen ist es oft eine Art Reduktion meiner DJ-Sets, die eher groovig, verschwurbelt und Subgenre-übergreifend sind.

Welche Highlights stehen in den kommenden Wochen und Monaten bei dir an?

Im Kater Blau spiele ich auf der großen Silvester-Sause, die bis zum 8. Januar nonstop andauert. Ansonsten das übliche Januar-Clubbing, diverse Sachen, und am 27. erscheint dann ja auch schon meine neue Platte auf URSL. Yeah!

Kurz und knapp:

Deine Top-3-Tracks aller Zeiten?

Laurent Garnier – Acid Eiffel
Perry & Rhodan – The Beat Just Goes Straight On And On
Thomas Schumacher – Metro

Dein längstes DJ-Set?

16 Stunden

Lieblingsclub außerhalb Berlins?

Bahnwärter Thiel (München)
Südpol (Hamburg)
Klaus (Zürich)
objekt klein a (Dresden)

Beste Kneipe in Berlin?

Spreelunke
Zur fetten Ecke

Dein miserabelster Clubabend?

Habe ich rasant verdrängt …

Der/die häufigste Interpret*in in deiner Plattensammlung?

Prince

Welche Kopfhörer nutzt du zum Auflegen?

Sennheiser HD25 – ganz klassisch.

Dein Lieblingsgericht?

Fast sämtliche Currys.

Lieblingstier?

War für mich lange Zeit undenkbar: ein Hund namens Kenla Conzuela.

Sportfan?

Kein Fan.

Wohin würdest du gerne einmal reisen?

Island

Und wohin auf gar keinen Fall?

Katar

Drei Dinge, die Hamburg Berlin voraushat:

-Elbe
-etwas frischerer Fisch
-meine Familie

„Gork“ erscheint am 27. Januar via URSL.

 

Aus dem FAZEmag 131/01.2023
Text: Hugo Slawien
Foto: Carolin Saage
www.soundcloud.com/svendohse