Bildschirmfoto 2014-01-29 um 20.41.09
Lesen mit Links
von und mit Jan Drees

Nach seinem realen Tourtagebuch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ kommt Element of Crime-Sänger Sven Regener nun mit einer erfundenen Fassung um die Ecke – in „Magical Mystery“ gibt es ein Wiedersehen mit Karl Schmidt und, ganz am Ende mit: Herrn Lehmann. „Magical Mystery“ ist ein Spin-off der brutal erfolgreichen Herr-Lehmann-Trilogie, die in den Jahren 2001 bis 2010 erschienen, teilweise auch verfilmt wurde: Mit Christian Ulmen als Herr Lehmann im ersten, mit Frederick Lau in gleicher Rolle bei „Neue Vahr Süd“. Vermutlich haben bei der Ulmen-Sache alle Detlev Buck als Herr-Lehmann-Freund Karl Schmidt ins Herz geschlossen, den Kartoffelchips-süchtigen Künstler mit seinen Stahl-Schrott-Installationen. Ein hektisch-tragischer Typ. Das Gegenteil des eher leichtfüßig-gelangweilt daherkommenden Frank Lehmann. Irgendwann muss Karl Schmidt komplett abgestürzt sein – zum Ende des Romans zeichnet sich ein derartiger Lebensweg bekanntlich ab. Denn zur Eröffnung der neuen Geschichte bewohnt er die Ex-Alkoholiker-WG „Clean Cut 1“ in Hamburg Altona und verzichtet sogar auf Schnapskirschen im Eisbecher. Karl nimmt Antidepressiva, arbeitet als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim, kümmert sich um den Kleintierzoo und wirkt vollkommen abgeschlafft – nach Psychiatrieaufenthalten, Arbeitslosigkeit, Depersonalisationsschüben. Karl Schmidt ist Mitte der Neunziger gezwungenermaßen dort angekommen, wo Frank Lehmann gestartet ist – nur hat er keinen Spaß. Er muss ein Unikum sein in jener Zeit. Da taucht sein alter Kumpel Raimund Schulte auf, der inzwischen ein Technolabel gestartet hat und wie ein aufgezogener Duracell-Hase vor Karl rumkaspert und ihn für eine scheinbar grandiose Idee zu casten. Raimund möchte mit mehreren Techno-Acts durch Deutschland ziehen und in Anlehnung an „Magical Mystery“ der Hippie-Beatles seine elektronische Form der Liebe unters Volk bringen. Von Euphorie getragen zieht die Crew also los, zwei Meerschweinchen im Gepäck, landet aber nicht im siebten Himmel, sondern auch Rollstuhlpartys in der Provinz, in abgeranzten „Künstlerwohnungen“, auf Veranstaltungen, die den spröden Charme einer japanischen Karaokebar ausstrahlen. Der Schwung dieses Buchs entsteht einerseits aus dem XTC-Wahnsinn von Raimund, der permanent seinen eher lahmen Technohaufen in Stimmung zu bringen sucht und sein Magical-Mystery-Konzept zur Mission überhöht, dem andererseits Karl Schmidt gegenübergestellt ist, der das Ganze lakonisch kommentiert oder sich in alter Frank Lehmann-Wortklauberei mit bedauernswerten Hotelangestellten streitet: Ein Slapstick-Buch, ein Dialogmonstrum, das sich im Gegensatz zu anderen Technogeschichten schlafen legt, wenn Primetime an der DJ-Kanzel ist, stattdessen umso genauer hinschaut, wenn irgendwann mittags das Putzlicht angeht.

magical mystery Sven Regener: – Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Galiani, 508 Seiten, 22,99 Euro
Hörbuch bei Tacheles, 8 CDs, ungekürzte Lesung vom Autor, 39,99 EUR
www.lesenmitlinks.de