Hinweis der Redaktion: Der Artikel stammt aus dem Augustheft 2012, geschrieben wurde er im Juli und ist daher nicht tagesaktuell, geben unserer Meinung nach aber dennoch einen guten Einblick in die Situation.


Es gibt Themen, die auch bei uns in der Redaktion immer wieder erwähnt und diskutiert werden. Themen, die nichts mit elektronischer Musik, Jugendkultur oder Nightlife zu tun haben, die man in der Regel nur in den klassischen Nachrichtenmedien findet. Syrien gehört dazu. Die Bilder sind allgegenwärtig, werfen viel Fragen auf, brennen sich ins Gedächtnis oder stumpfen eventuell auch schon wieder ab? Der Konfliktherd ist weit weg, Konfliktherde an sich gibt es zudem genügend – rund um den Globus. Und warum das Ganze nun hier auch noch? Wir wollen versuchen, uns ein Bild von die Menschen vor Ort zu machen. Von den Menschen, die wie ihr und wir jede Woche ins Nachtleben abtauchen, um zu feiern, um sich (gerade jetzt) abzulenken. Was wissen wir denn schon über dieses Land? Täglich werden wir mit Informationen und Bildern überflutet, und dennoch wird die Lage für uns immer undurchsichtiger. Unschuld und Wahrheit gehen hier schnell verloren.


We wanted to break free – Der zarte Beginn der syrischen Jugendmusikkultur vor der Revolution
von Jasna Zajcek

In Syrien waren Musik und Tänze aus den USA lange offiziell verpönt. In Damaskus erklärten staatliche Vertreter unter Berufung auf die religiösen Führer, HipHop und Rap seien Teil einer israelisch-inspirierten neuen Methode, die gesamte Weltjugend zu verführen, weg von den islamischen Werten, der arabischen Tradition und Kultur. Techno und elektronische Musik wurde von den offiziellen Stellen nicht so recht beachtet. Nachtclubs, in denen Techno-Bretter-Stücke unter Stroboskoplicht abwechselnd mit arabischen Schmalzhymnen im roten Licht liefen, waren jedoch normal für die junge Mittelklassen- und Oberschicht in Damaskus. Viele Altersgruppen – der modernen, städtischen, säkularen Gesellschaft – gingen gerne aus.

Für viele Sorten von Kultur und Kunst waren die Stellen, die in Syrien alles Öffentliche zu genehmigen hatten, offen. Es gab sogar einmal ein offizielles Rap- und Breakdance-Festival auf der Damaszener Zitadelle, mit Breakdancern aus Frankreich. Das Fest entfesselte ungezügelte jugendliche Lebenslust, jungen Frauen rutschten die Kopftücher herunter beim Versuch, die zackigen Bewegungen der B-Boy-Franzosen auf der Bühne nachzutanzen. Aber das war egal bei dieser Fete de la Musique 2008, denn es wehte der Wind der Rebellion, genuiner Jugendkultur und der Freiheit über der Zitadelle aus Kreuzfahrerzeiten. Doch dem Regime unter dem Präsidenten Baschar al-Assad gefiel das nicht. Breakdance sei „Negerkultur“ hieß es fortan aus offiziellen Kreisen. Drogensucht, Promiskuität, Teenagerschwangerschaften und die Abwendung vom Islam seien die Folgen. Trotzdem bestand Hoffnung auf Veränderung.

Als ich Mahmoud, Ahmed und Michel das erste Mal traf, waren sie voller Vorfreude auf die erste syrische Breakdancemeisterschaft. Das war im Winter 2010, und das Goethe-Institut hatte alles dran gesetzt, dieser Ausprägung der Jugendkultur auch in Syrien ein Forum zu geben. Michel lernte das Graffitisprayen und seine seine ersten Breakdance-Figuren bim Familienbesuch in Australien. Die schnelle, abgehackte Musik, die eingängigen Melodien und die neuen Geräuscheffekte reizten den Turner, der mitten im Gespräch kurz aufsteht und einen Flickflack vorführt. Aus Australien brachte er DVDs über Street Art mit und zeigte seinen Freunden erste Tanzschritte. Die waren begeistert: „Endlich kam jemand mit einem Hobby aus dem Ausland, das cool war, das man überall trainieren konnte, sportlich war und sogar die Mädchen beeindruckte“, erzählt Michel. Dass es illegal war, verstand er damals nicht. Er war der Überzeugung, dass in einem Land wie Syrien, in dem der traditionelle Dabke-Tanz als nationales Kulturgut hochgehalten wird, ein anderer Tanz, ebenfalls von Männern in einem Kreis getanzt, doch kein Vergehen darstellen könne.

Auf der Suche nach neuen Choreografien und anderen Breakdancern in Syrien musste er die staatliche Sperrung vieler Downloadseiten und Social Networks – Youtube, Facebook, Skype waren in Syrien verboten – umgehen und entwickelte sich so nebenbei auch noch zu einem Computerexperten. „Als ich 2006 gerade aus Australien zurück war, trainierte ich ein wenig mit meinen Kumpels auf der Straße vor unserem Haus in der Altstadt von Damaskus“, erzählt Michel. „Schon nach 20 Minuten kam die Schurta Achlaquia, die Sittenpolizei, und befahl uns, das ‚illegale Treiben‘ zu beenden.“ Ob sie denn den Teufel anbeteten, wurden sie gefragt, und was das alles für einen Sinn habe. Die Beamten verboten die Versammlung und schickten die Jungen nach Hause. Fortan mussten Michel und seine Freunde daheim im Kinderzimmer üben. Das war, bevor die staatliche Armee das Land, reich an UNESCO-Weltkulturerbestätten, in Schutt und Asche legte. Als noch nicht ganz klar war, dass auf die erste die zweite, dritte, vierte Breakdance-Meisterschaft folgen würde. Als noch niemand auch nur ansatzweise daran dachte, dass das syrische Volk genug von Unterdrückung, Folter, willkürlichen Verhaftungen und Vetternwirtschaft haben und revoltieren könnte.

Ein Vorreiter für das Erwachen war wahrscheinlich das erste öffentliche Rockkonzert in der Altstadt von Damaskus im August 2010. Nur einige wenige wussten die Zeilen „We Don’t Need No Education“, von der engagierten Damaszener Sängerin Nour eingänglich vorgetragen, zu deuten. Mittlerweile hat sich die Situation dramatisch geändert, ganze Städte liegen in Trümmern, da die syrische Armee gegen die Rebellen der Desertiertenarmee („Free Syrian Army“) mit schwerem Geschütz vorgeht – und die Rebellen bei Sympathisanten untertauchen – sich also oft in Wohnvierteln verschanzen. Trotzdem – oder gerade deshalb – wollten die drei Jungs der „Energy Crew (Celebrate Life)“ der Depression kein Tor öffnen oder gar aus ihrem geliebten Syrien abhauen. Da sie gerade erst ihre eigene Event-Company gegründet haben, kommt Kneifen für sie nicht in Frage. Am zweiten Sonntag im Juli, just an dem Tag, als alle internationalen Medien meldeten, dass erstmals schwere Kämpfe in der Hauptstadt entbrannt seien, fand ihr lange und professionell geplanter „Summer Day“ auf dem Campus ihrer Uni statt. Die Uni ist hoch über Damaskus auf dem Berg Jebel Qassiun gelegen, so dass man nicht nur die Stadt zu Füßen liegen hat, sondern, wie Michel am Tag nach der Party aufgebracht berichtete, auch die drei Explosionen, die die Innenstadt erschütterten, gut sehen konnte. „Wir stoppten die Musik und wollten innehalten, schließlich gab es so was noch nie bei uns, Syrien war immer ein sicheres Land, wir hatten ja nicht einmal Straßenkriminalität aufgrund der strengen Gesetze hier.“

Doch einige der rund 300 Gäste tanzten und breakten ohne Musik weiter. Die Spannung, die sich die letzten 16 Monate während des Aufstandes und bevor er Damaskus erreichte, aufbaute, war einfach zu groß. „Es war so absurd“, erklärt „Energy“-Kollege Mahmoud: „Wir kamen uns vor wie in einem der alten Filme über den libanesischen Bürgerkrieg. Unten fallen die Bomben, aber wir tanzen. Doch was sollen wir machen? Wir sind jung, wir stehen alle unter Spannung, und die Energie muss raus!“ Aufgeben werden die drei ihr Partyprojekt noch lange nicht.

Täglich riskieren tausende Menschen in Syrien ihr Leben, um für Demokratie und Menschenrechte zu demonstrieren. Sie organisieren sich in Bürgerkomitees, um mit ihrem zivilen Widerstand eine echte Alternative zu Bürgerkrieg und militärischer Intervention aufzuzeigen. Dafür ist dringend finanzielle Hilfe notwendig, um die politische Arbeit der AktivistInnen im Untergrund sicherzustellen. Auf www.adoptrevolution.org erfahrt ihr, wie ihr helfen könnt!

Jasna Zajcek
Jasna Zajcek begann als Clubreporterin beim FLYER und führte ihr erstes Interview mit WestBam, kurz vor der dritten MAYDAY. Sie lebt in Berlin mit Musikproduzent und DJ terrible, der ganz früher für die Frontpage und DE:BUG schrieb. Mittlerweile arbeitet Jasna als Buchautorin und Journalistin (hauptsächlich für die taz). Sie lebt in Berlin und Beirut und ist auf arabische Jugendkultur, Militär und Tagesgeschehen im Nahen Osten spezialisiert.
www.reisendereporterin.de

 

Jugendkultur in Syrien – Ein Abend in Damaskus
von Aldona Forys

Aufgrund der aktuellen politischen Konflikte in Syrien und den permanenten Schreckensnachrichten aus diesem Land taucht bei vielen von uns ein negatives Gefühl auf, wenn man an das Land im Nahen Osten denkt. Wie sah das Leben der Jugend vor dem Konflikt in dem Land aus, das bei den meisten Lesern erst durch die aktuellen Schlagzeilen ins Bewusstsein gerückt ist. Hier eine Rückschau auf Damaskus vor den aktuellen Unruhen.

Wie auch in den Ländern der westlichen Welt spielt sich die Jugendkultur in Damaskus vor allem abends ab. Sobald es dunkel und die Hitze erträglicher wird, füllt sich die Altstadt von Damaskus mit jungen Menschen. Vor allem das Christenviertel „Bab Tuma“ in der Altstadt ist ein angesagter Treffpunkt, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier drängeln sich allabendlich junge Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, was vor allem im Kleiderstil deutlich wird. Gruppen von jungen Frauen mit Kopftüchern und junge christliche Frauen mit kurzem Rock und Dekolleté, auf dem ein goldener Kreuzanhänger baumelt, flanieren durch die Altstadt. Anders als hierzulande trifft man sich in Damaskus jedoch nicht im Nachtclub oder in einer Bar, sondern in einem der unzähligen zum Café oder Restaurant umgebauten Altstadthäuser. Man trinkt gemeinsam Tee und raucht Shisha. Alkohol ist in den meisten Cafés und Restaurants tabu. Nur in einigen wenigen christlichen Lokalen ist es möglich, aus dem Libanon importiertes Bier oder Wein zu bekommen. Während man sich gegenseitig die Shisha reicht, wird das rege Treiben auf der Straße beobachtet oder gebannt auf einen der Flachbildfernseher, die im Café hängen und in denen gerade eine der aktuellen syrischen Soaps ausgestrahlt werden, geschaut. Ansonsten flimmern Musikvideos von durchgestylten arabischen Popsängerinnen über den Bildschirm. Im Gespräch zeigt sich eine sehr weltoffene und neugierige Jugend, die Träume hat, etwas von der Welt sehen will und den westlichen Besuchern ihre Kultur näher bringen möchte. Als Besucher aus dem Westen wird man sehr freundlich empfangen. Es werden viele Fragen gestellt, vor allem, wie einem das Land gefällt. Die Jugend ist sehr bedacht darauf, ein möglichst positives Bild ihrer Heimat zu vermitteln, zeigt aber auch Interesse für das Leben im Westen. Wenn man über das wunderschöne und kulturreiche Land ins Schwärmen gerät, zeigt sich ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht des heimischen Gegenüber. Oft kommt es vor, dass man spontan zum Tee, zum Essen oder einer persönlichen Stadtführung eingeladen wird, obwohl man sich erst vor wenigen Stunden kennengelernt hat. Wenn man einen jungen Syrer auf diese bemerkenswerte Gastfreundschaft anspricht, der man hierzulande kaum begegnet, erhält man als Antwort: „Ich weiß, dass man uns im Westen zur Achse des Bösen zählt, aber ich möchte ein anderes Bild von unserem Land zeigen.“ Diese Aussage zeigt, dass sich die Jugend in Syrien sehr wohl bewusst darüber ist, dass im Westen Vorurteile über ihr Land herrschen. Um dem entgegenzuwirken, begegnen sie Fremden mit viel Gastfreundschaft und offenen Gesprächen. Dabei muss auch erwähnt werden, dass schon zur Zeit meiner Reise politische Themen gemieden wurden, was an der Furcht vor dem allgegenwärtigen Sicherheitsapparat in Syrien liegt, an dem man ständig durch die permanente Präsenz von Assad und seinen Verbündeten auf riesigen Postern, Aufklebern, Feuerzeugen oder sonstigen Fanartikeln erinnert wird. Nichtsdestotrotz ensteht der Eindruck einer sehr weltoffenen Jugend, die positiv in die Zukunft schaut und auf eine Öffnung ihres Landes hofft. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich das Land entwickelt und ob sich die Wünsche und Hoffnungen von Syriens Jugend erfüllt.

(c) Fotos Syrien: Aldona Forys
(c) Foto Jasna Zajcek: Privat