
Dortmund. Die bevölkerungsreichste Stadt im Revier hat sich still und unaufgeregt zu einem der spannendsten Clubstandorte im Westen entwickelt. Während andernorts über Gentrifizierung, Verdrängung und ausverkaufte Ideale diskutiert wird, entsteht hier gerade etwas Echtes – nie gab es in der Stadt zeitgleich so viele Venues mit kuratierten elektronischen Veranstaltungen wie heute. Der Dank hierfür gebührt insbesondere einer Gruppe an Menschen, die Dinge nicht nur aussprechen, sondern auch anpacken. Ist das auf die vielbeschworene Ruhrgebietsmentalität zurückzuführen – weniger Show, mehr Substanz? Sie trägt sicherlich ihren Teil dazu bei.
Fakt ist jedenfalls, dass sich hier in den vergangenen Jahren etwas verschoben, ja, verändert hat. Und das spürt man. Die Szene ist gewachsen, selbstbewusster geworden, aber sie hat sich ihre Offenheit bewahrt. Orte wie das JUNKYARD, der Tresor.West oder die ewige Oma Doris* sind längst mehr als nur Clubs – sie sind Treffpunkte, Werkstätte und kulturelle Freiräume. Man muss nur um wenige Jahre zurückschauen, um festzustellen: Das war mal anders. Die positive Entwicklung der Dortmunder Clubszene ist dabei die logische Konsequenz eines manifestierten Glaubens der Beteiligten an etwas, das mehr als eine berauschende Clubnacht ist. Hier trifft der Spirit von Pionieren – etwa von Tresor-Visionär Dimitri Hegemann – auf den erfrischen Geist von Newcomerinnen und Newcomern und eine DIY-Mentalität, vor der selbst Hornbach seinen Hut zieht. Das JUNKYARD lässt grüßen.
Im Rahmen unseres neuen Szene-Specials haben wir mit einigen der treibenden Kräfte der Dortmunder Aufwärtsspirale gesprochen, die uns daran erinnern, dass die Szene sich nicht neu erfunden hat, sondern mittlerweile das ist, was sie eigentlich schon immer war: herzlich, eigenwillig und auch ein bisschen wild. Zu Wort kommen neben der neuen Tresor.West-Betriebsleiterin Luisa Paolini und den JUNKYARD-Verantwortlichen auch das ANTEA-Kollektiv – das sich zu einem echten Anker der Szene gemausert hat – und das Dortmunder Urgestein Juliet Sikora, die mit der elektronischen Kultur der Stadt verknüpft ist wie keine Zweite. Was sonst noch so los ist und warum man auch in einer scheinbar gefestigten Szene mit Bangen in die Zukunft schaut, erfahrt ihr im Feature.

ANTEA – Im Gespräch mit Tim Erich-Reineke, Henning Luggenhölscher & Tien Duc Pham
Aus einer durchzechten Nacht mit Freunden entstand vor rund drei Jahren das Dortmunder ANTEA-Kollektiv. Die überregional agierende Event-Reihe kuratiert ihre Veranstaltungen in Clubs mit Charme wie der Oma Doris, dem Kölner Odonien sowie exklusiven Off-Locations und sieht sich als Gegenentwurf zu einer zunehmend glattpolierten Techno-Szene. Statt Hype und Oberflächlichkeit setzt man auf Intimität, Gemeinschaft und echte Verbindung auf dem Dancefloor. Bespielt wurden die technoid geprägten ANTEA-Events in Vergangenheit bereits von Acts wie Alarico, Blasha & Allatt, Matrixxman, Yanamaste oder Blanka, die sich das Line-up mit Künstlerinnen und Künstlern aus der lokalen Szene teilen.
Ihr vermittelt nach außen hin einen sehr familiären Eindruck. Gleichzeitig wollt ihr „anders sein“ in einer Clubszene, die sich selbst als offen und progressiv versteht. Wie bringt ihr das unter einen Hut?
Ohne Freunde und Gäste funktioniert bei uns gar nichts – wir sind wie eine Familie zusammengewachsen. Deshalb ist es essenziell, kontinuierlich einen Safer Space zu schaffen, in dem unsere Werte wirklich gelebt werden. Zu oft sind Techno-Events nur glänzende Hülle: trendorientierte Remixe des Remix, schnell konsumierbar, während der nächste Rausch und das perfekte Selfie vor riesiger Produktion schon warten. Wir wollen Begegnung statt Konsum, Bewegung statt Stillstand. Das spiegelt sich in Bookings, visueller Identität und Locations wider. Unsere Events sind klein, familiär und stetig im Wandel – wir wollen niemandem gefallen, sondern uns und unserer Community treu bleiben.
Dortmund gilt nicht unbedingt als einfache Stadt für neue Formate. Warum habt ihr euch gerade hier verwurzelt – und was bedeutet euch die Region?
Dortmund ist oft der Underdog, doch hier brodelt eine lebendige, herzliche Szene. Zwischen vielen Kollektiven, Talenten und Clubs konnten wir schnell unsere Nische finden. Mit der Oma Doris hatten wir von Beginn an eine starke Location – offen, charmant, anders. Wir bleiben bewusst in der Region, auch wenn es nicht immer leicht ist. Aber hier gibt es eine Community, für die es sich lohnt zu kämpfen – wir wollen beweisen, dass man für Szenekultur nicht unbedingt nach Köln oder Berlin muss.

Diversität und Solidarität gehören fest zu eurem Mantra. Wie übersetzt ihr diese Werte in die tatsächliche Clubpraxis?
Unsere Werte sollen überall spürbar sein – in Kommunikation, Bookings, Awareness. Wir schaffen Räume ohne Vorurteile, ohne Druck, und verstehen das als politisches Statement. Techno ist für uns Gegenkultur – mit klaren Werten, die wir bewusst stärken. Wir lehnen Diskriminierung und Hass ab, geben marginalisierten Gruppen eine Stimme und unterstützen NGOs, die diese Haltung teilen.
Auch Nachhaltigkeit habt ihr euch auf die Fahnen geschrieben. Wie setzt ihr das um?
Nachhaltigkeit bedeutet für uns Verantwortung und Haltung. Wir achten auf umweltfreundliche Abläufe, etwa durch Bahnreisen unserer Acts. Gleichzeitig denken wir langfristig: Wir wollen Kultur schaffen, die bleibt und positiv auf die Region wirkt – nicht nur für den Moment.
Nimm uns mit auf eine Reise durch eure musikalische Philosophie. Für welchen Sound steht ANTEA?
Bei uns läuft Techno. Hypnotisch, ekstatisch — immer mit Seele und Anspruch. Musik zum Hinhören, Bewegen, Verlieren und Wiederfinden. Das passt auch zur Mentalität des Ruhrgebiets: rau, ehrlich, voller Energie. Wie Detroit in den 90ern: unangepasst, ausdrucksstark, eigenständig. Der Pott ist ein Schmelztiegel, ständig im Wandel, genau wie unser Sound.
Was würdet ihr euch auf lange Sicht für die Szene in Dortmund wünschen?
Dortmund hat enormes Potenzial, doch viele kleine Kulturinitiativen kämpfen ums Überleben. Elektronische Musik wird politisch oft noch unterschätzt. Dabei entstehen in Clubs Räume, in denen Gemeinschaft und Vielfalt gelebt werden. Wir wünschen uns mehr Anerkennung und Unterstützung – Clubkultur ist kein Freizeitluxus, sondern ein Teil der gesellschaftlichen Identität, der dringend geschützt werden muss.

Tresor.West – Im Gespräch mit Luisa Paolini (Booking/Betriebsleitung)
Als DJ und Kuratorin trägt Luisa Paolini seit 2018 maßgeblich zur Entwicklung der Kölner Clubszene bei und leitete viele Jahre die Geschicke im JAKI Club. Mit ihrem Kollektiv Précey engagiert sie sich zudem für mehr Sichtbarkeit von Queer- und FLINTA*-Artists in einer männerdominierten Branche. Sie mag zwar tief mit Kölns Subkultur verwurzelt sein, stammt aber gebürtig aus Dortmund und ist der Meinung, dass sie dort geblieben wäre, wenn es den Tresor.West schon vor zehn Jahren gegeben hätte. Seit diesem Herbst arbeitet sie als Bookerin und Betriebsleiterin des Clubs.
Ein Tresor im Ruhrgebiet. Eine Idee, die vor ziemlich genau sechs Jahren in die Tat umgesetzt wurde. Welche Rolle spielte der Standort des Ruhrgebiets?
Ich habe letztens einen Videoausschnitt von Dimitri (Hegemann, Tresor-Gründer Anm. d. Red.) zum elfjährigen Tresor-Jubiläum gesehen. Schon in diesem Ausschnitt erwähnt er seine Vision eines Tresor.West. Die Idee gibt es also lange – er kommt ja auch aus der Region. Als die Location in Dortmund ihm dann damals angeboten wurde, passten Ort und Vision perfekt zusammen. Ein echter Glücksgriff.
Der Tresor.West ist zweifellos beeinflusst von der legendären Historie des „Originals“ in Berlin. Aber trägt er auch dieselbe DNA in sich? Was unterscheidet den Club vom Berliner Tresor?
Der Tresor.West ist irgendwie die verrückte kleine Schwester. Ich würde sagen, das macht den Club so spannend: Wir teilen Ideen, was die Ursprünge der Musik und damit einhergehende Werte und Haltungen angeht, die werden aber in einer anderen Umgebung gepflanzt, wo sie anders wachsen.
Wie wirkt sich das auf das musikalische Konzept aus? Orientiert ihr euch streng am Tresor-Berlin-Sound oder entwickelt ihr eigene Akzente?
Es gab Formate, die mal etwas mehr nach links und rechts geschaut haben, aber in den letzten zwei, drei Jahren war das Booking sehr konsequent. Wir sind einem Techno verpflichtet, der seine Geschichte kennt, gleichzeitig funktioniert ein junger Club in Dortmund anders, als ein seit 34 Jahren bestehender Club in Berlin. Und jeder Booker bringt da natürlich etwas Eigenes rein. Das wird auch bei mir nicht anders sein.
Ein gutes Stichwort. Wie sieht deine musikalische Signatur aus, mit der du den Club in Zukunft prägen möchtest?
Meine musikalische Sozialisierung war breit: geprägt von der französischen DIY-Szene, House, Industrial, Trance, Techno. Der Tresor.West bleibt technoid, aber ich denke auch konzeptionell: Was funktioniert wann und wo? Ein Garten muss anders bespielt werden als der Club. Ich will den Leuten auch mal etwas Neues zeigen können. Als Club, der offen damit umgeht, eine Gagenobergrenze und finanzielle Hürden zu haben, fände ich es aber auch befremdlich, jetzt nur mit großen Namen um mich zu schmeißen.
Die Formate im Garten, aber auch die „New Faces“-Reihe und die „Community Nights“ zeigen, wie wichtig euch die lokale Szene und der Community-Gedanke sind. Erzähl uns mehr dazu.
Neben den „New Faces“, die es auch in Berlin gibt, gibt es bei uns die „Community Nights“: lokale, unangekündigte Line-ups mit Fokus auf NRW-Künstler*innen, die bis Mitternacht immer kostenlos sind. Dazu der Garten als Open-Air-Ort mit Afterhours im Sommer und ein neues Format, das wir bald austesten: Fridays @ UFO, ein Konzept, das einen Start am frühen Abend mit Live-Performances und anschließendem DJ-Set auf unserem UFO Floor verbindet.
Die „Community Nights“ sind anfangs nur als Experiment gestartet, scheinen sich nun aber etabliert zu haben. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Ursprünglich aus der Not geboren, sind sie heute fest im Programm. Ich finde, wenn man einmal diese Haltung gezeigt hat, muss man auch dranbleiben. Wir fahren die Reihe zwar aktuell gezielter, dafür aber konsequent weiter. Bei allen anderen Veranstaltungen erheben wir wieder Eintritt. Da wollen wir den Leuten auch vermitteln, woran das liegt: Warum erheben wir Eintritt, was kostet Clubbetrieb? Wir wollen uns nicht die Taschen vollmachen, sondern den Club am Leben erhalten. Dennoch wollen wir es weiterhin möglich machen, den Laden unabhängig von sozioökonomischen Privilegien besuchen zu können.
Hast du ein persönliches Ziel, das du in den nächsten Jahren gemeinsam mit dem Club erreichen willst?
Mein Ziel ist, dass unsere Vision weiter Früchte trägt – im Club-Kontext, aber auch im Kontext von Dortmund. Die Stadt hat enormes Potenzial, ein fester Punkt auf der Karte elektronischer Musik zu werden. Neulich traf ich zwei Gäste aus Tschechien, die extra wegen des Tresor.West und des Open Ground in Wuppertal angereist waren. Genau das wünsche ich mir öfter.

JUNKYARD – Im Gespräch mit …
„Ein Ort für Kunst, ein Ort für Musik, ein Ort zum Chillen“: Mit dieser Vision startete 2017 das Projekt JUNKYARD. Acht Jahre später lässt sich konstatieren: Diese Vision hat immer noch Bestand. Der Ottonormalraver mag das JUNKYARD insbesondere mit den stets übermäßig gut besuchten House- und Techno-Open-Airs verknüpfen, doch schon vor der offiziellen Eröffnung galt der alte Schrottplatz als beliebter Ort für elektronische Subkultur und kleine Punkkonzerte. 2025 wird die Venue zwar mit mehr Professionalität und Wirtschaftlichkeit betrieben, von ihrer Diversität hat sie allerdings nichts verloren. Von klassischer Musik bis Hard-Techno gibt es hier so ziemlich alles.
Das Gelände der Venue hat einen einzigartigen Charme. Erzählt uns etwas darüber, über die Gimmicks auf dem Gelände und wie ihr auf die Location aufmerksam geworden seid.
Der Schrottplatz war ein echter Zufallsfund. Auf der Suche nach einem Ersatzteil für einen Lieferwagen stand Chris irgendwann auf diesem Schrottplatz an der Schlägelstraße. Und das war dann tatsächlich auch Liebe auf den ersten Blick. Außerdem bot er optimale Rahmenbedingungen für das JUNKYARD als Club und Livespielstätte, so die Lage im Industriegebiet trotz der Nähe zur Stadt. Diese hohe Backsteinmauer um das gesamte Gelände, die gleichzeitig Immissionsschutz mit sich bringt und ein Stadtoasen-Flair vermittelt. Und natürlich die U-Bahn-Station direkt gegenüber, die durch eine Nachtexpress-Haltestelle ergänzt werden konnte, brachte schon eine gute Ausgangslage mit sich. Unser liebstes Gimmick auf dem Gelände ist der legendäre Doppelbus, den wir irgendwann mit der Stadt zusammen über die Mauer an seine letzte Ruhestätte überführt hatten und der schon so manche „Gute-Nacht-Geschichte“ erzählen könnte.
Welchen Ansatz verfolgt ihr im Kontext elektronischer Musik?
Seit der Corona-Pandemie verfolgen wir verstärkt die Philosophie, offen für neue Strömungen der elektronischen Musik zu bleiben, alte Wege zu hinterfragen und ein vielfältiges Spektrum an Genres und Zielgruppen abzubilden. Die Szene und das Ausgehverhalten haben sich verändert, wir wollen da eher mitgehen, als uns zu verschließen.

Die Venue zählt mittlerweile zu den meist frequentierten in Dortmund und im gesamten Ruhrgebiet. Inwieweit seid ihr dennoch von der Clubkrise betroffen? Welche Herausforderungen beschäftigten euch derzeit?
Das Ausgehverhalten hat sich komplett verändert. Die Leute gehen heute nicht mehr einfach feiern, sondern suchen gezielte Erlebnisse – schnell konsumiert, passend zur Zeit. Selbst im Techno-Bereich ist das fast wie bei Konzerten geworden: der Fokus liegt stark auf dem Artist. Eine normale Clubnacht, wo wir Newcomern eine Bühne geben, zieht nicht mehr so wie früher. Dadurch konzentriert sich der Markt auf dieselben Acts – mit weniger Vielfalt und höheren Gagen. Irgendwann sind die Summen an einem Punkt, wo wir sagen müssen: Das geht nicht mehr. Wir könnten das teils zahlen, aber dann bleibt am Ende nichts übrig. Und das funktioniert nicht, weil unsere Fixkosten ständig steigen. Da wir komplett privat finanziert sind und keine Förderungen bekommen, bleibt das eine Dauerbaustelle – aber wir kämpfen weiter, mit Haltung und eigenem Anspruch.
Konntet ihr euch während der Corona-Pandemie durch das großzügige Open-Air-Gelände einen Vorteil verschaffen?
Klar, unser Open-Air-Gelände war in der Zeit absolut entscheidend. Das war unsere Lebensader. Wir waren mit die Ersten, die draußen wieder etwas machen durften, und das hat uns natürlich Sichtbarkeit und Rückenwind gegeben. Aber wichtiger war eigentlich, dass wir den Menschen überhaupt wieder die Möglichkeit geben konnten rauszukommen, Musik zu hören, Menschen zu sehen. In dieser Zeit hatte das nochmals eine ganz andere Bedeutung. Es ging weniger ums Feiern, sondern einfach darum, ein Stück Normalität zurückzuerhalten. Und dies zu ermöglichen, war für uns ein starkes Gefühl.
Wie bewertet ihr den Status quo in der Dortmunder Szene?
Die Situation war eigentlich nie besser als heute. Zumindest gab es nie zeitgleich so viele Clubs mit kuratierten elektronischen Musikveranstaltungen wie derzeit. Erwähnenswert sind aber auch die vielen kleinen Festivals von verschiedenen Kollektiven sowie die monatlichen In-Store-Platten-Sessions von Robin Tasi im Black Plastic. Die sind total wichtig für die Szene.

Juliet Sikora – „Dortmund hat wieder Lust auf Kultur und Nachtleben“
Kein Dortmund-Special ohne Juliet Sikora. Die international erfolgreiche DJ und Producerin wohnt seit ihrer Kindheit in der größten Stadt im „Pott“ und gestaltet die Dortmunder Electronic-Szene seit vielen Jahren mit prägender Handschrift. Bekannt sein dürfte sie den meisten wohl insbesondere als Teilhaberin von Kittball Records, das sie mit Tube & Berger betreibt. Darüber hinaus kuratiert sie weitere Events in Eigenregie und sieht sich selbst als generationsübergreifendes Bindeglied, das die lokale Community fördert und eng mit ihr zusammenarbeitet.
Die meisten verbinden dich mit Kittball. Wie sehr prägt die Stadt bis heute euer Label und vice versa?
Kittball wurde 2005 von Tube & Berger in Solingen gegründet. Ich bin 2009 dazugekommen – die Jungs haben mich quasi „headhuntermäßig“ von einem anderen Label abgeworben – und seitdem bin ich Teilhaberin. Da ich aus Dortmund komme, lag es irgendwann nahe, das Büro hierher zu verlegen. Die Jungs waren viel auf Tour, und ich wollte auch nicht mehr alleine in Solingen sitzen. Dortmund hat sich als perfekte Base erwiesen – bodenständig, ehrlich, kreativ. Heute zeigen wir, dass man auch von Dortmund aus international erfolgreich sein kann.
Was muss man tun, um als Label, das seit fast 20 Jahren seine Soundidentität bewahrt, interessant zu bleiben?
Ein Selbstläufer ist das auf keinen Fall. Wichtig ist, authentisch zu bleiben und sich trotzdem weiterzuentwickeln. Unser Kernsound – dieses groovige, warme House-Gefühl – bleibt, aber wir sind offen für neue Strömungen. Man darf sich nicht von Trends treiben lassen, sondern muss verstehen, warum etwas funktioniert, und es auf die eigene Art interpretieren. Kittball hat nie versucht, jemand anderes zu sein – genau das hält uns auch nach 20 Jahren relevant.
Neben Kittball bist du bei weiteren Projekten aktiv. Wo liegt aktuell dein Hauptaugenmerk?
Neben meinen DJ-Auftritten arbeite ich an eigenen Konzepten wie Come Closer, den Collab-Events mit He.She.They. und The Boogie Brunch, der mir besonders am Herzen liegt. Dieses Jahr fand erstmals das Boogie Brunch Open-Air am Kemnader See statt – ein voller Erfolg. Das Konzept steht für elektronische Musik aus den letzten 30 Jahren, Leichtigkeit und ein respektvolles Miteinander. Es ist ein Safe Space, frei von Druck und Phones, für alle Menschen. Außerdem habe ich mein Label NO EXIT gegründet, das den Sound verkörpert, den ich aktuell spiele – deeper, housiger, grooviger. Vom Sound her bezeichne ich mich nicht umsonst als „Positive Groover“.
Oma Doris, Junkyard und Tresor.West bilden aktuell die Grundpfeiler der Dortmunder Clubszene. Haben wir eine Venue vergessen?
Das sind definitiv die drei zentralen Orte. Darüber hinaus passiert in Dortmund viel Neues – gerade durch Formate wie ANTEA, die frischen Wind bringen. Rund um den Hafen entwickelt sich eine spannende Dynamik. Man spürt: Dortmund hat wieder Lust auf Kultur und Nachtleben – das ist großartig.
Inwieweit pflegst du heute noch deine Verbindung zur lokalen Szene abseits deiner eigenen Veranstaltungen?
Mir ist es wichtig, den Bezug zur Szene zu behalten. Ich sehe mich als Bindeglied, das Erfahrungen teilt, Türen öffnet und junge Künstler*innen unterstützt. Die neue Generation soll ihre eigene Handschrift entwickeln – und das passiert derzeit in Dortmund. Ich mag diesen frischen Spirit und unterstütze ihn, wo ich kann – durch Austausch, Feedback oder gemeinsame Projekte.
Wie siehst du die Zukunft der Dortmunder Szene – wo liegen Chancen, wo Risiken?
Es gibt wieder Mut, Neues zu wagen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die große Chance liegt in diesem Zusammenhalt. Gleichzeitig braucht es Balance zwischen Szene, Kultur und Clubleben, damit sich alle gesehen fühlen. Besonders wichtig ist, dass man sich nachts in der Innenstadt wieder sicher fühlt – das ist aktuell eine Herausforderung. Damit sich Clubkultur weiter entfalten kann, braucht es mehr Zusammenarbeit zwischen Stadt, Politik und Szene – mit dem Ziel, Vertrauen und Freiräume zu schaffen. Dortmund ist längst ein starkes Zentrum elektronischer Musik. Man muss diese Energie nur weiter fördern und sichtbar machen.
www.instagram.com/julietsikora
www.kittball.com
Und sonst so? Black Plastic Recordstore, mono Listening Café & Electronic Adventure
Black Plastic / mono Listening Café
Mit dem Black Plastic betreiben Michael Kosslers und Valentin Gube einen der größten Plattenläden im gesamten Ruhrgebiet. Die beliebte Anlaufstelle für Musikfans aus den verschiedensten Genres wurde Ende 2024 um das mono Listening Café erweitert, das als Ort für hochwertige Kaffeespezialitäten in Kombination mit Musik in High-End-Qualität schnell zu einem Dortmunder Szenetreff avanciert ist. Valentin Gube liefert Einblicke.
Valentin, ihr seid grundsätzlich breit aufgestellt, habt aber auch viele elektronische Platten. Ein kleiner Einblick ins Sortiment? Selektiert ihr die Platten selbst?
Wir unterscheiden in unserem gesamten Sortiment zwischen Neuware und Gebrauchtware. Die Gebrauchtware kommt über größere und kleinere Ankäufe zu uns, wir entscheiden dann, welche Platten wir im Ladensortiment haben wollen und welche direkt ins Netzt wandern. Bei der Neuware bestellen wir bestimmte Platten, von denen wir denken, dass sie bei uns gekauft werden. Letztendlich versuchen wir ein möglichst schön kuratiertes Sortiment zu haben, mit einer Mischung aus zeitlosen Klassikern im Techno- und House-Bereich und einer ansprechenden Auswahl an Veröffentlichungen aktueller Künstler*innen.
Ende 2024 habt ihr direkt nebenan das mono Listening Café eröffnet. Was hat euch dazu bewegt und welche Vision verfolgt ihr mit dem Café?
Das Café ist tagsüber während der Öffnungszeiten Aufenthaltsort für unsere Kundschaft und andere Passanten, abends haben wir dort regelmäßig Veranstaltungen, wie etwa DJ-Sets, kleine Konzerte, Lesungen etc — alles im weitesten Sinne zum Thema Musik. Neu hinzukommt demnächst ein Streamingangebot, Live und auf YouTube. Dabei möchten wir die Bekanntheit des mono Listening Cafés weiter steigern und verschiedenen Künstler*innen eine Plattform bieten, auf der sie sich präsentieren können und gleichzeitig Content generieren.
Das Café verspricht Musikgenuss in High-End-Qualität. Was habt ihr an Technik verbaut?
Unsere Technik fängt an bei zwei Technics 1210 MKII, ausgestattet mit den Ortofon-Club- bzw. Elite-Tonabnehmern, einem Clearaudio Innovation mit einem Stereo- und vor allem einem Mono-Tonabnehmersystem von Ortofon. Gemischt werden die Signale in einem Isonoe 420 Rotary Mixer und gehen dann über eine McIntosh-Vorstufe an eine McIntosh-Endstufe, und schließlich erklingt ein Paar Tannoy Berkeley Lautsprecher, diese liefern wundervollen Klang über einen Basstreiber, in dessen Mitte ein Horn für die Hochtöne verantwortlich ist.
Abschließend ein paar Worte zu eurem aktuellen Programm?
Wöchentlich am Freitag haben wir DJs zu Gast. Oft sind es zwei, die sich die Zeit zwischen 18:00 Uhr und 22:00 Uhr aufteilen. Musikalisch gibt es dabei keine Grenzen, wir bewegen uns in verschiedenen Stilarten der elektronischen Musik und haben ebenfalls regelmäßig Sets aus den Bereichen Jazz, Funk und Soul etc.

Electronic Adventure – DJ-Workshop im Kulturzentrum uzwei
Die uzwei im Dortmunder U fungiert als Kulturzentrum und Museum zugleich. Die Räumlichkeiten bieten Platz für eine junge, experimentelle und vielfältige Szene mit Fokus auf Workshops, Ausstellungen und weiteren Programmen aus der Kategorie Musik, Film, Fotografie, Design, Gaming und mehr. Alle zwei Wochen findet hier der DJ- und Producer-Workshop „Electronic Adventure“ statt.
Geleitet wird der Workshop von den DJs und Producern Jan Bielefeldt, Julian Schmelter, Cyril Buchart und Max Kuffel, die Groß und Klein die Grundlagen des DJings und der Musikproduktion beibringen. Am Ende jedes Halbjahres findet „BackzweiBack“ statt, eine Party, bei der die Teilnehmer*innen selbst an den Plattentellern stehen und Mucke auflegen.
Der „Electronic Adventure“-DJ-Workshop findet zweiwöchentlich am Donnerstag zwischen 17:00 und 19:00 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos.
Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: M.T.
Foto Juliet Sikora: Fallstaff Fotografie
Fotos Tresor: Heike Regener