Szene-Special Dresden – Wo Belastbarkeit und Fragilität kein Widerspruch sind

Als in Dresden vor einigen Jahren ein Brand gleich mehrere subkulturelle Räume traf, stand für einen Moment mehr auf dem Spiel als nur Inventar und Infrastruktur. Wochenlang war unklar, wie es weitergeht. Was folgte, war eine Welle aus Solidarität – Spenden, Ausweichveranstaltungen, praktische Hilfe. Der Schock saß zwar tief, hat die Szene aber letztlich nicht gelähmt, sondern vielmehr enger zusammengeschweißt. Und vielleicht deutlicher denn je gezeigt, wie fragil und zugleich wie belastbar Dresdens elektronische Musikkultur ist.

Denn einfach war es hier noch nie. Fehlende Förderstrukturen, Tänze auf der wirtschaftlichen Rasierklinge, die konstante Abwanderung junger Kreative in Städte mit vermeintlich besseren Perspektiven – all das gehört zur Realität. Wer in Dresden Club- und Subkultur erfolgreich leben will, braucht Durchhaltevermögen. Gleichzeitig entstehen genau unter diesem Druck Strukturen, die man anderswo vermisst. Clubs wie das objekt klein a, der Sektor Evolution oder die Koralle sind längst mehr als „nur“ Orte für durchtanzte Nächte. Sie funktionieren als soziale Knotenpunkte, als Räume für Diskurs, Workshops und kollektive Selbstorganisation. Das DAVE Festival wirkt dabei wie ein Scharnier: Es bündelt Kräfte, vernetzt Sparten und trägt Dresdner Positionen in einen größeren Kontext. Mit Uncanny Valley sitzt hier zudem eines der einflussreichsten Electronic-Labels Sachsens, das mit seinem experimentellen und doch Tanzflächen-orientierten Ansatz ein Beweis dafür ist, dass Relevanz nicht zwingend an Metropolgröße gebunden ist. Daneben arbeiten junge Kollektive wie fragmented: und HTXSTHSTX sowie etablierte Plattformen wie SPUR1 daran, Sichtbarkeit zu schaffen, Nachwuchs zu fördern und digitale wie analoge Präsenzen aufzubauen. Zwischen Widerstand, Selbstermächtigung und dem Wunsch nach mehr Raum entsteht hier etwas, das weder romantisiert noch unterschätzt werden sollte. Mehr lest ihr im Feature.

Foto: David Pinzer

objekt klein a | Freiraum im Industriegelände – Im Gespräch mit Josefine Went (Geschäftsführung, Booking)

Seit 2017 bespielt das objekt klein a (oka) eine einstige Industriebrache als kollektiv organisierten Freiraum. Zwischen Clubnacht, Konzert, Performance und Diskurs entsteht hier ein Ort, der Vergnügen und politische Haltung zusammendenkt. In Eigenregie gewachsen, versteht sich das oka als solidarisches Experiment urbaner Kulturproduktion – offen, interdisziplinär und selbstbestimmt.

Josefine, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch nachträglich! Ihr habt im November 2025 den Preis in der Kategorie „Beste Livemusik-Spielstätte“ beim APPLAUS Award abgeräumt. Was bedeutet euch diese Auszeichnung – persönlich und auch für die Stadt Dresden?
Der Preis ist – neben dem finanziellen Aufatmen – vor allem eine Anerkennung für unsere Arbeit im Kollektiv. Auch für das Bild der Clubkultur in Dresden ist er ein starkes Signal: Sie wird dadurch vielleicht stärker als relevanter Teil der Stadtkultur wahrgenommen – nicht nur als Nachtleben. Da wir auf kommunale Förderungen angewiesen sind, ist das ebenfalls ein wichtiger Aspekt des APPLAUS Awards.

Wirtschaftlich beschreibt ihr die Situation des Clubs offen als „krasses Auf und Ab“. Wie ist der aktuelle Stand?
Das entspricht so ziemlich der Wahrheit. Manche Monate laufen gut, andere sind extrem schwierig. Steigende Mieten, Energie- und Personalkosten sowie schwankende Einlasszahlen machen es uns schwer, langfristig planen zu können. Rücklagen aufzubauen, ist schwer, oft arbeiten wir von Veranstaltung zu Veranstaltung. Derzeit braucht es viel Idealismus und Durchhaltevermögen, um so einen Ort dauerhaft zu betreiben. Unsere Offenheit gegenüber Gästen ist uns wichtig – zuletzt haben wir unsere finanzielle Situation auch via Instagram und Website transparent gemacht.

Das APPLAUS-Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro dürfte angesichts dessen ein echter Segen gewesen sein. Konntet ihr einen Teil der Summe investieren oder diente sie einzig und allein der Erhaltung des Clubs?
Wir würden gerne sagen, dass wir investieren konnten, das war aber leider nicht der Fall. Das Preisgeld hat uns Luft verschafft, um laufende Kosten abzufedern und offene Rechnungen zu bezahlen. Auch konnten wir die Löhne pünktlich zahlen, was in den letzten Monaten nicht immer möglich war.

Foto: David Pinzer

Sprechen wir über die Venue. 300 Quadratmeter, zwei Floors und ein großer Außenbereich bieten verschiedenste Nutzungspotenziale. Einige Worte zu eurem Clubkonzept?
Unser Club ist aus einer selbstorganisierten Renovierung einer Industriebrache entstanden – inspiriert von der Energie temporärer, halblegaler Freiräume. Seit der Eröffnung verstehen wir uns als sicherer Hafen für Nachtschwärmer*innen, Künstler*innen und unterschiedliche Szenen. Wir wollen bewusst den Gegensatz zwischen Vergnügungs- und politischer Kultur auflösen: Bei uns treffen Clubnächte auf Konzerte, Performances, Ausstellungen, Diskurs und gemeinschaftliche Projekte. Der Ort ist über Jahre in kollektiver Eigenarbeit gewachsen und funktioniert bis heute als Raum, der nur durch Zusammenarbeit und Community existiert.

Wie sieht es musikalisch bei euch aus? Auch hier seid ihr grundsätzlich breit aufgestellt, oder? Gibt es Partyreihen, die man als „Zugpferd“ bezeichnen könnte?
Bei uns gibt es in erster Linie Techno und House bis zu Trance oder experimentelleren Sounds – ergänzt durch Live-Acts. In den letzten Jahren kamen weitere Partyreihen dazu, wie beispielsweise der sexpositive teaser. oder CRUSH mit Baille und Afro. Auch Drum ’n’ Bass, Gabber oder Psytrance sind vertreten – es ist uns wichtig, offen für unterschiedliches Publikum und unterschiedlichen Sound zu bleiben. Das zeigt sich auch in unseren Kooperationen mit Kollektiven aus Dresden, Leipzig, Berlin und darüber hinaus. Zugpferde waren lange die Trance-Partys, allen voran Kooperationen mit Sachsentrance oder Trancekraft4000 – zuletzt liefen aber auch andere Sounds sehr gut.

Mit welchen Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen blickt ihr dem Rest des Jahres entgegen?
Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt, doch die Energy in der Crew macht Hoffnung: Es gibt einen Generationenwechsel, neue Mitarbeitende übernehmen Verantwortung. Zusammen mit stabileren Einlasszahlen der letzten Wochen und der Hoffnung auf einen besseren Sommer lässt uns das optimistisch bleiben.

Fotos: David Pinzer
www.objektkleina.com

Foto: Christin Nitzsche

DAVE Festival | Elektronische Musik als kulturelle Praxis – Im Gespräch mit Lotte und Oliver

Das DAVE (Dresden Audio Visual Experience) hat sich seit 2014 als essenzieller Bestandteil der elektronischen Musikkultur in Dresden etabliert und gilt dabei als Schnittstelle zwischen Clubkultur, Medienkunst und Technologie. Das Festival bespielt verschiedene, teils ungewöhnliche Orte, vernetzt unterschiedliche Disziplinen und denkt elektronische Musik über den Dancefloor hinaus. Die diesjährige Ausgabe findet vom 4. bis 8. November statt.

Hi, Lotte & Oliver, die Hintergrundgeschichte zur Etablierung des DAVE Festivals ist tatsächlich eine ganz rührende. Was könnt ihr uns hierzu erzählen?
Im April 2012 brannte es im Plattenladen Fat Fenders, einem Herzstück der Dresdner Szene. Als Unterstützung zur Wiedereröffnung wurde eine Benefiz-Party im Sektor Evolution organisiert. Diese gemeinschaftliche Arbeit erzeugte einen so positiven Vibe, dass daraus eine Reihe und schließlich das DAVE Festival entstand. Im Oktober 2014 eröffnete das Dresden Audio Visual Experience Festival dann erstmals im Kino Schauburg.

Das Projekt hat damals neue Synergien in der Dresdner Szene geschaffen. An welchen Stellen war dies spürbar und welche positiven Folgen lassen sich noch heute wahrnehmen?
DAVE stärkte das Bewusstsein, dass sich die Szene einmal im Jahr gemeinsam präsentiert. Formate wie DAVE Con oder Labelmarkt förderten den Austausch. Mit dem „Artists in Residence“-Programm gaben u.a. Electric Indigo oder Kabuki neue Impulse, während das „Artist in Focus“-Programm lokale Talente stützte. Ein Anliegen war die Sichtbarkeit der Clubkultur für die Politik, was nun das Klubnetz weiterführt. Ein weiterer Pfeiler ist die Wissensvermittlung zu Themen wie DJing, Synthesizer-Löten, Musikproduktion oder die Gestaltung von Visuals. Der DJ-Contest war für Talente wie Suma, Miss Hyde oder DJ DVB der Startpunkt. DAVE schließt eine Bedarfslücke — denn Menschen wollen Kultur aktiv mitgestalten.

Der multidisziplinäre Ansatz des Festivals sieht vor, Verbindungen zwischen Sub- und Hochkultur und Medien- und Kreativwirtschaft zu schaffen. Das ist grundsätzlich nichts Neues, endet in der Szene aber häufig in einer kommerziellen Ausschlachtung. Wie gelingt euch hier der Spagat?
Die Arbeit ist weitestgehend ehrenamtlich. Ohne das große Team wäre ein jährliches Festival über diesen Zeitraum nicht realisierbar. Das Team wandelt sich stetig und bringt neue Ideen ein. Finanziell sind wir auf Fördergelder, Sponsoren und Spenden angewiesen. Das Festival wird vom DAVE e.V. getragen, der ausschließlich ideelle Ziele zur Förderung von Kunst und Kultur verfolgt und sich so gegen kommerzielle Ausbeutung schützt.

Sprechen wir über die musikalischen Facetten, die DAVE zu bieten hat. Ein Überblick?
Im Zentrum steht elektronische Musik als kulturelle Praxis. Techno ist in vielen Facetten vertreten, ebenso Ambient, Disco, House und Drum ’n’ Bass. Live-Acts bringen eine performative Ebene ein: Analoge Synthesizer treffen auf digitale Setups und schaffen neue Hörsituationen jenseits des klassischen Clubs. Visuelle Erlebniswelten verbinden Musik und Raum zu nachhaltigen Eindrücken.

Das Festival findet an Orten in ganz Dresden statt. Mögt ihr ein paar essenzielle Orte und deren Funktionen benennen?
Elektronische Musik an besondere Orte zu bringen, ist ein zentrales Anliegen. Klanglandschaften entstanden schon im Hygiene-Museum oder in den Staatlichen Kunstsammlungen. DAVE verschiebt Grenzen und bringt Menschen zusammen. Off-Spaces wie das Hole of Fame hosten Workshops. Die DAVE OFF-Abschluss-Party ist Tradition, bevor das Festival sonntags mit der audiovisuellen Inszenierung „Beyond The Club“ in der Martin-Luther-Kirche endet.

Was dürfen wir von der diesjährigen Ausgabe erwarten? Gibt es Neuerungen?
Ein Highlight ist die Kooperation mit der TU Dresden. Ein Ort der Forschung wird zum Resonanzraum für Clubkultur – ein Treffen von Wissenschaft und Nachtleben. Trotz sinkender Fördermittel verstehen wir das Festival als Gemeinschaftsprojekt, das von Solidarität lebt.

Foto: Christin Nitzsche
www.dave-festival.de

Foto: Robby Klee

Sektor Evolution | Warehouse-DNA seit 2009 – Im Gespräch mit Tim (Inhaber)

Aus illegalen Raves entstand 2009 mit dem Sektor Evolution ein fester Ankerpunkt der Dresdner Clubkultur. In einem Industriegebäude anno 1920 wuchs ein kompromissloser Warehouse-Club mit DIY-Charakter, großem Soundsystem und rauer Ästhetik. Neben elektronischer Musik aus verschiedenen Sparten steht der Sektor vor allem für kollektiven Zusammenhalt und Solidarität.

Tim, blicken wir zunächst auf das Jahr 2009 – das Eröffnungsjahr des Clubs. Wie ist der Sektor Evolution damals entstanden?
Wir haben früher mit unserem Soundsystem vor allem Free- und Warehouse-Partys in und um Dresden gemacht, was ab 2005 immer schwieriger wurde. Oft wurden wir schon in den ersten Stunden geräumt. Deshalb suchten wir länger nach einer passenden Location, um endlich Raves bis in die Puppen feiern zu können. Als wir 2007 fündig wurden, war klar, dass wir das Projekt nicht nur für uns machen wollten, sondern auch anderen Crews und Soundsystemen einen Ort geben wollten.

Ihr beschreibt die Venue als „nahezu perfekte Blaupause“ eines klassischen Warehouse-Clubs. Ein paar Details?
Der Sektor befindet sich in einem Teil eines alten Industriebaus von 1920, der seit den 90ern als Lager genutzt wurde. Beim Ausbau haben wir nur das Nötigste verändert – Brandschutz und Sicherheit mussten sein. Drinnen gibt’s hohe Backsteinwände, viel Stahl, rauen Putz und Betonboden, dazu dezentes Licht für eine dunkle Stimmung und große Soundsysteme auf jedem Floor. Die Einrichtung ist komplett aus Stahl und selbst geschweißt. Draußen wirkt es durch Holz und ein Zirkuszelt gemütlicher, auch wenn bewusst nichts perfekt zusammenpasst.

Ihr habt phasenweise auch ein eigenes Label betrieben, dessen Katalog ruht. War das eine Folge der Corona-Pandemie?
Die Idee gab es schon länger. Wir machen selbst Musik und kennen viele Artists aus dem Club. Da lag das natürlich nahe. Neben unserem Plattenladen Crispy Bacon fehlte also nur noch das Label, um alles abzurunden. Während Corona hatten wir endlich die Zeit, das wirklich anzugehen. Die fehlt uns inzwischen wieder, aber wir haben auf jeden Fall vor, das Label wiederzubeleben.

Foto: Robby Klee

Neben dem objekt klein a wart auch ihr von einem schweren Brand betroffen. Das Klubnetz Dresden ergriff daraufhin unmittelbar die Initiative und startete eine Spendenaktion. Wie bewertet ihr den Zusammenhalt der Szene?
Der Brand wirkt bis heute nach. Wir hatten gerade erst wieder regulär geöffnet, nach drei Jahren Corona-Stillstand, und plötzlich stand alles erneut infrage. Die Feuerwehr brauchte fast eine Woche, um das Feuer zu löschen, danach dauerte es noch Wochen bis zur Freigabe. Niemand wusste, ob es weitergeht. Die Nachricht verbreitete sich schnell – von Dresden über Sachsen schließlich europaweit. Uns erreichte eine enorme Welle aus Mitgefühl und Hilfsangeboten. Das Klubnetz hat die Spendenaktionen dann gebündelt. Letztendlich kam nicht nur viel Geld zusammen, sondern auch Angebote für Partys in anderen Locations. Das hat den starken Zusammenhalt der Szene deutlich gemacht.

Schauen wir auf euer musikalisches Programm. Steht der Club vor allem für Techno?
Wir haben von Anfang an ein bis zwei eigene Veranstaltungen im Monat gemacht, die eher im Techno-Bereich lagen und für die der Club auch überregional bekannt ist. Klar, der Sektor ist auch für Techno-Partys bekannt, aber dabei spielen die vielen Mieter*innen über inzwischen mehr als 15 Jahre eine große Rolle. Dazu kommt, dass bei uns auch House, Tech-House, Goa, Psytrance und eigentlich fast alle elektronischen Styles laufen.

Was passiert abseits der Clubnächte?
Ein zentrales Projekt sind die Kunsttage, zu denen wir den Club im November in eine Galerie mit Warehouse-Flair verwandeln. Im Sommer gibt es den Clubgarten, einmal im Jahr ein Familienfest. Zudem treffen sich regelmäßig Kollektive und Initiativen bei uns, etwa für Erste-Hilfe- oder Awareness-Schulungen. Wenn es möglich ist, organisieren wir auch Workshops, Konzerte oder Theaterabende.

Fotos: Robby Klee
www.sektor-evolution.de

Uncanny Valley | Dresdens Labor für House, Ambient & Experimente – Im Gespräch mit Philipp Demankowski

2010 aus dem Dresdner Clubkontext heraus gegründet, steht Uncanny Valley bis heute für stilistische Offenheit und DIY-Ethos. Was einst als lose Plattform für befreundete Producer*innen begann, entwickelte sich zu einem prägenden Akteur zwischen House, Ambient und experimentellen Spielarten. Über Sub-Labels und interdisziplinäre Kooperationen hinaus versteht sich das Kollektiv als Impulsgeber einer vernetzten Dresdner Szene. Zum Katalog zählen Releases von Artists wie Massimiliano Pagliara, Perel, Credit 00 und Lauer.

Philipp, als „plattform for friends“ startete das Label im Jahr 2010. Erzähl uns gerne etwas zur Gründungsgeschichte und zur Namenswahl.
Das Label entstand aus einer Idee von Leuten aus der Dresdner Clubkultur, in der wir seit jeher auflegen und Partys organisieren. So lernten wir einander und viele Produzent*innen ohne eigene Plattform kennen – die erste Generation des späteren Katalogs. Die konkrete Idee formte sich 2009 in der Berghain-Schlange, 2010 ging das Label offiziell an den Start. Anfangs waren bis zu zwölf Personen an Listening-Sessions beteiligt, letztlich übernahmen vier die Verantwortung; heute wird das Label von Conrad Kaden, Carl Suspect und mir geführt. Albrecht Wassersleben hat sich zurückgezogen. Inhaltlich stehen wir nicht für einen bestimmten Sound, sondern für musikalische Offenheit von House bis Ambient. Einziges Kriterium ist, dass alle Beteiligten die Musik überzeugend finden. Fairness und Transparenz gegenüber den Künstler*innen sowie eine enge Zusammenarbeit mit visuellen und interdisziplinären Kunstformen gehören seit Beginn zur Philosophie. Der Name, vorgeschlagen von Jacob Korn, spielt auf das Dresdner „Tal der Ahnungslosen“ sowie auf den wissenschaftlichen Begriff „Uncanny Valley“ an, der das Unheimliche in menschenähnlichen Technologien beschreibt – ein Konzept, mit dem wir ästhetisch spielen.

An welchem Zeitpunkt habt ihr festgestellt, dass aus Uncanny Valley etwas Größeres werden kann?
Groß ist relativ, aber beim Nachtdigital 2010, als wir einen Floor kuratierten und die erste Platte über einen improvisierten Bauchladen verkauften, merkten wir, dass unsere Ideen Anklang finden und es weitergehen kann. Ein schöner Start!

Blicken wir auf euren Katalog. Dieser ist auch dank Rat Life und dem mittlerweile pausierten shtum üppig und vielfältig bestückt. Erklär uns die unterschiedlichen Sound-Philosophien.
Rat Life ist das von Credit 00 kuratierte Label. Klanglich gibt es vielleicht Anleihen an Wave und Electro, generell ist es aber offen angelegt. Hier ist grundsätzlich vieles möglich. Shtum steht für eine deutlich rauere, direktere Spielart von Techno und House, gedacht für dunkle Keller, Stroboskoplicht und körperliche Cluberfahrungen. Und für Uncanny Valley gilt: Wir stehen einfach auf viele verschiedene Arten von Musik und finden Projekte cool, die uns Raum für unterschiedlichste musikalische Ansätze, neue Formate und genreübergreifende Ideen geben. Entscheidend bei neuen Releases sind Neugier, musikalische Qualität, Entwicklung und künstlerische Freiheit.

Gab es essenzielle Releases oder Meilensteine, die prägend waren?
Alle Platten sind uns wichtig, aber unsere Compilation-EPs wurden oft besonders gemocht – vielleicht auch durch das markante Artwork von Paul Waak, mit dem wir lange zusammengearbeitet haben.

Eine zentrale Intention zur Labelgründung war die stärkere Vernetzung der Dresdner Szene. Wie würdet ihr euren Impact bewerten?
Könnte schon sein, dass wir Menschen dazu ermutigt haben, dieses Label-Ding mal auszuprobieren, nachdem wir selbst das Schicksal beim Schopfe gepackt und uns mit der Zeit immer weiter professionalisiert haben. Und da wir generell immer auf der Suche nach fresher Musik aus Dresden sind und interdisziplinär arbeiten, geschieht die Vernetzung gewissermaßen on the fly. Es passieren aber in Dresden auch viele spannende Dinge, die nichts mit uns zu tun haben.

Ein kurzer Ausblick: Welche Release-Highlights und Projekte stehen an?
Wir bringen weiterhin Platten heraus und experimentieren mit anderen Formaten. Als Nächstes erscheint ein neues Release von CVBox. Außerdem arbeiten wir an einem Album von Gareth Psaltis (ehemals Barking), dessen schwer kategorisierbarer Sound gut zum Label passt.

www.uncannyvalley.de

Koralle | Dresdens kleinster „Techno“-Club – Im Gespräch mit Suze und Robert (Betreiber)

Die Koralle an der Rothenburger Straße ist ein echtes Urgestein der Dresdner Szene. Situiert in einem alten Kellergewölbe, verspricht die Venue einen einmaligen verruchten Charme – und Intimität: Der Club bietet gerade einmal Platz für 100 bis 120 Personen. Nach einem Betreiberwechsel im Jahr 2021 hat sich die Koralle in puncto Technik und Atmosphäre zuletzt spürbar modernisiert, ohne ihren subkulturellen Kern zu verlieren.

Die Koralle feiert in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag, herzlichen Glückwunsch! Nehmt uns mit auf eine Reise durch die wichtigsten Ereignisse.
Vielen Dank! 20 Jahre sind für einen kleinen Club in einem Wohngebiet alles andere als selbstverständlich. Seit 2021 sind wir als drittes Betreiberkollektiv an Bord. Die Koralle war immer ein Ort für elektronische Clubmusik und hatte – wie viele kleine Clubs – ihre Höhen und Tiefen. Dass sie noch existiert, ist für uns das größte Ereignis. Als wir während der Corona-Pandemie übernommen hatten, lag der Club im Dornröschenschlaf – das war Risiko und Motivation zugleich. Unser Antrieb war, ihn nicht nur zu erhalten, sondern wieder als lebendigen Treffpunkt für Subkultur zu etablieren. Heute verstehen wir die Koralle als kleinsten „Techno“-Club der Stadt mit einer Kapazität von rund 100 bis 120 Personen: intim, nahbar und manchmal roh. Aber genau darin liegt die Stärke: die Nähe zwischen DJs, Crews und Publikum.

Ihr habt es angesprochen: Die Koralle ist 2021 in ihre dritte Betreibergeneration gegangen. Was habt ihr verändert?
Wir sind ein Team aus Veranstalter*innen und Gastronom*innen mit Wurzeln im Umfeld des DAVE Festivals. Einen Club zu betreiben, war lange ein Wunsch, allerdings nicht unbedingt unter Pandemie-Bedingungen. Technisch und atmosphärisch gab es viel zu tun: neue Anlage, neues Lichtkonzept, klarer Fokus auf Clubatmosphäre statt Eventcharakter. Wir haben den Einlassbereich neugestaltet, einen kleinen Chill-out-Bereich geschaffen, Awareness-Strukturen etabliert und das Booking komplett neu gedacht. Wir wollten keinen High-End-Showroom, sondern einen Ort mit Charakter – mehr DIY als Hochglanz, mehr Haltung als Marketing. Das positive Feedback zeigt uns, dass dieser Weg funktioniert.

Euer musikalischer Fahrplan ist durchmischt, aber primär auf elektronische Musik ausgerichtet. Wie sieht die Kuration aus?
Nach Corona war klar: Das alte Bookingmodell trägt nicht mehr. Also entschieden wir uns bewusst, lokalen Kollektiven und jungen Crews Raum zu geben. Bei uns als kleinem Club ist die Einstiegshürde niedrig: Hier können junge DJs ihre ersten Club-Slots spielen, neue Kollektive ihre eigenen Veranstaltungsformate ausprobieren, Live-Acts sich präsentieren. Viele Reihen sind hier entstanden und gewachsen. Wir verstehen die Koralle als Plattform und Vernetzungsort. Szene entsteht nicht durch einzelne Headliner, sondern durch Strukturen, in denen sich Menschen entwickeln können.

Die Koralle ist eine langjährige Institution im Dresdner Nachtleben. Welche Verantwortung geht damit einher?
Vor allem die Verantwortung, einen sicheren und respektvollen Raum bereitzustellen – ohne Diskriminierung oder Ausgrenzung. Als kleiner Club sind wir nah an der Szene. Das bedeutet, transparent zu handeln, fair zu bleiben und trotz wirtschaftlicher Herausforderungen Haltung zu zeigen. Clubkultur ist für uns Teil urbaner Kulturarbeit.

Im Vergleich zu anderen Städten erscheint die Club-Fluktuation in Dresden geringer. Woran liegt das?
Dresden bietet strukturell weniger Freiräume für neue Clubs. Stadtentwicklung, Genehmigungen und Wohnraumsituation machen Neugründungen schwierig. Wer eine funktionierende Location hat, hält daran fest. Die Szene ist kleiner und enger vernetzt – vielleicht weniger dynamisch, aber stabil. Und vielleicht braucht man hier tatsächlich ein bisschen mehr Sitzfleisch – und Idealismus.

Dresden braucht mehr …?
Vielfalt, internationale Perspektiven und Offenheit gegenüber Subkultur. Und vor allem mehr strukturelle Unterstützung für Clubs als kulturelle Orte.

… und weniger …?
bürokratische Hürden, ökonomischen Druck auf kleine Clubs und Fixierung auf Hochglanz und Headliner – zugunsten nachhaltiger Strukturen.

www.instagram.com/koralle_dresden

Foto: Phil Dittrich / Sverra

HTXSTHSTX – „Wir wollen die Dresdner Szene stärken und überregional sichtbar machen.“

Neun Artists, ein gemeinsamer Nenner: HTXSTHSTX versteht sich als Dresdner Label und Veranstaltungscrew, die elektronische Musik als kulturellen Raum denkt. Zwischen Downtempo, Breakbeat, Industrial, Techno, Hard Dance und Schranz entsteht hier kein definiertes Klangprofil, sondern ein vielschichtiges Spannungsfeld. In Dresden unterhält das Kollektiv gleich mehrere elektronische Veranstaltungsformate, die stets Raum für neue als auch etablierten Artists zugleich bieten.

HTXSTHSTX bewegt sich bewusst zwischen Wertebewahrung und Zukunftsdrang: „Wir respektieren die Wurzeln der Szene und bleiben zugleich offen für Entwicklung und neue Impulse“, erklärt uns die Crew im Interview. Das Team setzt auf kollektive Strukturen, faire Zusammenarbeit und Formate, die unterschiedliche Facetten zulassen: von großen, mehrfloorigen Techno-Nächten („RITUAL“) über rohe, experimentelle Settings („KORE“) bis hin zu hardwarefokussierten Live-Performances („STRUCTURES“).

Ergänzt wird das Programm durch kleinere, flexible Veranstaltungen, die einzelnen Artists Freiräume eröffnen. Und auch jenseits des Dancefloors versteht sich das Kollektiv als Impulsgeber: „Wir wollen die Dresdner Szene stärken und überregional sichtbar machen. Clubkultur hier ist mehr als Unterhaltung: sie ist sozialer Raum, Schutzraum und Diskursraum – Kraftquelle trotz gesellschaftlicher Diskrepanzen.“

Mit eigenen Releases, neuen Kooperationen und Formaten außerhalb klassischer Clubräume soll die Sichtbarkeit in Zukunft weiter wachsen, ohne den eigenen Anspruch zu verwässern: „Wir wollen größer denken, verbunden bleiben, ambitioniert und gemeinschaftlich handeln. Und falls es doch um den Globus geht, dann mit gutem Soundsystem.”

Foto: Phil Dittrich / Sverra
www.htxsthstx.carrd.co

fragmented: – Vielfalt für die Szene

Das noch junge Dresdner Label fragmented: versteht sich als Antwort auf eine Entwicklung, die viele in Dresden beobachten: Kreative gehen, weil Räume, Förderung und Perspektiven fehlen. Das Kollektiv will dagegensteuern – als interdisziplinäre Plattform, die Subkultur vernetzt, sichtbarer macht und politische Haltung mit musikalischer Praxis verbindet.

Seit einigen Jahren, so beschreibt es die Crew, wiederholt sich ein bekanntes Muster: Nachwuchs-DJs wachsen lokal, spielen erste Gigs außerhalb – und stehen dann vor der Frage, ob sie bleiben oder gehen. „Bei vielen fällt dann das Urteil, dass es in Dresden schwerer als anderswo ist“, heißt es. Förderstrukturen seien begrenzt, kleine Locations – insbesondere in der Neustadt – müssten schließen. Für Newcomer*innen werde es dadurch zunehmend eng. An dieser Stelle will fragmented:, das über einen Vinyl- und Merch-Store verfügt, ansetzen. Zwar könne man fehlende institutionelle Förderung nicht ersetzen, wohl aber eine Plattform bieten. Mit der Podcast-Reihe fragmented:select lädt das Kollektiv vor allem lokale Artists ein, schafft Reichweite und Vernetzung. Releases – häufig Various-Artists-Compilations – folgen einem klaren Prinzip: Parität. Eine 50/50-Besetzung zwischen FLINTA- und cis-männlichen Artists ist fest verankert. „Wir finden das wichtig“, betonen sie. Einige Nachwuchsproducer*innen konnten so ihr erstes Release realisieren. Musikalisch gibt es bei fragmented: keinen engen Genre-Fokus – Ambient, Acid, House oder Breakbeat stehen gleichberechtigt nebeneinander. Entscheidend ist, dass die Tracks als Gesamtbild funktionieren und die Vielfalt der lokalen Szene abbilden. Dabei versteht man sich nicht nur als Label oder Partyreihe, sondern als Akteur für politisch motivierte Strukturarbeit. Mehr geförderte Räume für Musiker*innen – das sei es, was Dresden dringend brauche. Bis dahin schafft man eigene.

www.fragmented.digital

Pyrea, Venom, Cosai, Sarah und Sonza. Es fehlen auf den Bild: György, Eski un

SPUR1 – Dresden ist auf Sendung

Was 2003 als einstündige Radiosendung startete, entwickelte sich rasch zu einer festen Größe der Dresdner Subkultur. SPUR1 wuchs zur wöchentlichen Instanz heran, organisierte Partys und übernahm die Booking-Verantwortung in Clubs wie Puschkin und Sabotage. Parallel entstand 2008 ein eigenes Label, das seit seiner Wiederbelebung im Jahr 2022 mit zahlreichen Releases weiter ausgebaut wird.

Im Anschluss an die erfolgreichen Club- und Partyjahre wurde der Fokus bei SPUR1 zunehmend auf digitale Inhalte gerichtet: Eigene Videoformate, Interviews und Mitschnitte dokumentierten die Szene, später folgte mit der „Spur1 Kitchen“ ein hybrides DJ-Setting. Dabei zu Gast: viele namhafte Acts und DJs. Mitbegründer Thomas aka György de Val blickt zurück: „Gleich zu Anfang hatten wir ein Telefonat mit Chris Liebing geführt. Andere Acts hatten wir durch die Clubveranstaltungen hingegen direkt vor Ort und so bekamen wir auch Größen wie Modeselektor, Apparat, Robot Koch, Westbam oder Funkstörung vors Mikro.“ Neben einer mehrjährigen Mitwirkung beim DAVE Festival hat man 2022 außerdem sein hauseigenes Label mit knapp 30 Releases wiederbelebt und verschiedene neue Formate ins Leben gerufen. In der Koralle veranstaltet man zudem monatlich ein Producer-Meeting, das großen Anklang findet: „Junge Künstler haben die Chance, ihre Musik auf der großen Anlage zu hören. Die Reihe ist inzwischen sehr beliebt und jeder Platz ist besetzt“, erklärt György, der mit SPUR1 lokalen und regionalen Acts auch in Zukunft eine Plattform bieten will. Abschließend äußert er noch einen frommen Wunsch hinsichtlich der musikalischen Entwicklung in Dresden: „Ich würde mir wieder etwas mehr Abwechslung wünschen. Zurzeit ist es doch schon sehr Techno-lastig und es gibt wenig Bass- und Drum ’n’ Bass-Partys.“

www.spur1.media

Aus dem FAZEmag 169/03.2026