
Stuttgart – in der Geschichte des deutschen House und Techno war die Stadt selten die erste Adresse, zu dominant war lange der Blick nach Berlin, Frankfurt oder Köln. Und doch: Schon in den 90er-Jahren existierte hier eine lebendige Szene mit illegalen Raves, frühen Veranstalternetzwerken und Clubs wie dem Red Dog oder M1, die stilbildend für die Region wirkten. Aus dieser Zeit ist viel verschwunden – geblieben ist hingegen der Wille, eigene Räume zu schaffen und elektronische Musik nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv mitzugestalten.
Heute präsentiert sich die Szene der Daimler-Stadt als vielschichtiger Mikrokosmos aus etablierten Clubs, jungen Initiativen und kollektiver Energie. Im Fokus unseres Specials stehen Formate und Orte, die die Szene derzeit prägen: Fridas Pier mit einem einzigartigen Schauplatz eines stillgelegten Industriekahns, flexiblem Booking und Fokus auf Community-Arbeit; der 2009 aus dem legendären PRAG hervorgegangene Lehmann Club, der mit klarer musikalischer Haltung und langjährigen Residents auf technoide Beständigkeit setzt; oder die Romantica, die seit fast zehn Jahren ein Safe Space für queere, progressive Clubkultur geblieben ist – eng vernetzt mit ihrer Szene. Auch das technisch aufgerüstete Proton ist längst mehr als ein Club: Mit LED-Walls, Surround-Sound und Festival-Atmosphäre versteht sich die Venue als „Electronic Playground“, der klassische Strukturen hinter sich lässt. Gesprochen haben wir außerdem mit Mutual-Rytm-Labelhead Marco Bläsi alias SHDW, dem wohl international bekanntesten Techno-Gesicht der Stadt. Noch heute wohnt er mit seiner Familie im beschaulichen Plochingen und trägt maßgeblich zur Erhaltung und dem Wandel der Stuttgarter Szene bei. Das junge RELIKT-Kollektiv wiederum macht vor, wie sich musikalischer Tiefgang, Vinyl-Kultur und politische Haltung verbinden lassen – gegen Kommerzialisierung, für Inklusion und Substanz.
Abgerundet wird unser Blick auf die Stadt durch Szene-Tipps der Deep-Techno-Künstlerin Laima Adelaide. Sie zeigt uns Orte, an denen elektronische Musikkultur, Workshops, Safe Spaces und spannende Visionen aufeinandertreffen.

SHDW
„Stuttgart wird oft unterschätzt“
Marco Bläsi alias SHDW ist ein echter Stuttgarter Lokalmatador. Nach vielen erfolgreichen Jahren als Teil des Duos SHDW & Obscure Shape schlug er 2024 ein neues Solo-Kapitel auf, um sich frischen Zielen und Ambitionen zu widmen. Mit seiner Event-Reihe „Mindshift“ kuratiert er im Fridas Pier eigene Clubnächte, bei denen zeitloser Techno, lokaler Support und kollektive Energie im Mittelpunkt stehen. Parallel treibt er mit seinem Label Mutual Rytm den Sound einer neuen Generation voran – als internationale Plattform für Innovation, Präzision und musikalische Tiefe.
Marco, beginnen wir mit einem kleinen Flashback. Wann hat alles angefangen? Welche waren damals deine ersten Berührungspunkte mit der Stuttgarter Szene, deine ersten Partys, dein erster Gig? Ich war gerade mal 15 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in Stuttgart feiern gegangen bin – damals kam man mit Schülerausweis noch in die Clubs. Über meinen Freundeskreis bin ich früh in die Szene gerutscht. Einen Stammclub hatte ich nicht, wir sind dorthin, wo das Line-up spannend war: Romy S., Rocker33, Play, Finca, und sonntags ins ToY. Mein erster „Gig“ war 2007 in der Suite 212 Lounge, meine Mutter musste mit, weil ich noch minderjährig war. Der erste richtige Clubauftritt folgte 2010 bei der Newcomer Night im ToY, als Duo Crackpots mit Ahmet Tosun. Danach spielten wir regelmäßig im Kessel – bald kamen auch erste Residencies dazu.
Mittlerweile bist du in Stuttgarts Szene eine treibende Kraft. Erzähl uns etwas über deinen aktuellen Einfluss und deine derzeitigen Projekte in der Stadt. In den letzten Jahren hat sich viel bewegt, und ich freue mich, aktiver Teil der Szene zu sein. Mein Hauptaugenmerk liegt auf Vernetzung, Talentförderung und besonderen musikalischen Erlebnissen – mit Fokus auf zeitlosen Techno. Mit meiner Event-Reihe „Mindshift“ im Fridas Pier versuche ich genau das. Außerdem bin ich auch bei anderen Formaten beteiligt – als DJ oder beratend im Hintergrund. Qualität, Authentizität und Gemeinschaft sind mir dabei besonders wichtig.
Du hast den Bezug zu deiner Heimat nie verloren und wohnst nach wie vor im beschaulichen Plochingen mit deiner Familie. In heutigen Zeiten ist das unter Künstler*innen durchaus eine Ausnahme. Was hält dich in der Region – und welche Vorteile bietet dir das für dein künstlerisches Schaffen? Ich lebe ganz bewusst in Plochingen. Der Ort gibt mir Ruhe, Bodenhaftung und Nähe zur Familie. Gerade in einer schnelllebigen Branche ist es wichtig, einen Rückzugsort zu haben. Die Umgebung hilft mir, klar zu bleiben und mich zu fokussieren. Gleichzeitig bin ich schnell in Stuttgart oder am Flughafen – dieses Gleichgewicht passt für mich perfekt.
Stuttgart ist national wie international nicht unbedingt als Techno-Hochburg bekannt, verfügt mit Institutionen wie Lehmann, Proton und Fridas Pier sowie kleineren Venues wie der Romantica aber durchaus über eine Auswahl profilierter Clubs. Sind Realität und Image hier zwei verschiedene Paar Schuhe? Stuttgart wird oft unterschätzt, aber mit dem Lehmann und Fridas Pier gibt es echte Leuchttürme. Auch kleinere Clubs wie Romantica oder Climax leisten wichtige Beiträge. Dennoch fehlt es der Szene manchmal an Sichtbarkeit und gemeinsamer Außenwirkung. Wenn mehr Menschen zusammenarbeiten würden, könnte hier noch viel entstehen – es steckt definitiv Potenzial drin.
Du hast die Entwicklung der Stuttgarter Sub- und Clubkultur von klein auf miterlebt. Welche positiven wie negativen Entwicklungen verzeichnest du – und was würdest du dir für die Zukunft wünschen? Ich habe die Szene lange beobachtet, und leider hat sich in manchen Bereichen wenig verändert. Konkurrenzdenken ist noch immer spürbar, es wird selten offen kommuniziert. Ich finde es schade, dass man sich oft nichts gönnt. Auch das Ausgehverhalten hat sich seit der Corona-Pandemie stark verändert – Clubs zu füllen, ist schwieriger geworden. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Zusammenhalt, Offenheit und langfristiges Denken. Nur so kann nachhaltige Clubkultur entstehen.

www.fridaspier.de, www.instagram.com/mariuslehnert_discotronic
Fridas Pier – schwimmender Freiraum auf dem Neckar
Im Gespräch mit Marius Lehnert (Booking, Resident-DJ)
Fridas Pier ist das derzeit spannendste Clubprojekt Stuttgarts – und zweifellos das ungewöhnlichste. Auf einem stillgelegten Frachtkahn, fest verankert auf dem Neckar, vereint die Location rauen Industrie-Charme mit kreativer Offenheit. Seit der Eröffnung hat sich der Club zu einem neuen Ankerpunkt der elektronischen Szene entwickelt: mit vielfältigem Booking, hohem ästhetischem Anspruch und viel Raum für lokale Kollektive.

Marius, nach zehn Jahren im Kowalski bist du seit 2024 Resident in Fridas Pier. Welche Umstände haben dich dorthin geführt? Nach der Schließung des Rocker 33, wo ich meine erste Residency hatte und die Discotronic Night entstand, fand ich mit dem Kowalski schnell eine neue Heimat. Dort habe ich ab 2016 auch das Booking größerer Acts übernommen. Nach knapp zehn Jahren war es dann Zeit für eine Veränderung. Ende 2023 habe ich mich Fridas Pier zugewandt – einem neuen, spannenden Projekt, in dem ich von Anfang an Potenzial gesehen habe. Mit den Jungs war ich teils schon befreundet, die Wege waren also kurz. Jetzt bin ich für das Booking verantwortlich, führe meine Event-Reihe fort und bin Resident. Eine sehr gute Entscheidung!
Fridas Pier versteht sich nicht nur als Raum, sondern als Lebensraum. Was macht den Ort so besonders – und wie wirkt sich das auf eure musikalische Ausrichtung aus? Die Location ist einzigartig: Fridas Pier ist ein ausrangierter Frachtkahn, der auf dem Neckar liegt und zum Club umgebaut wurde. Im Sommer bespielen wir mit Unterdeck, Oberdeck und dem Pier selbst bis zu drei Floors parallel. Das gesamte Gelände ist eine kreative Spielwiese, die laufend weiterentwickelt wird – etwas Vergleichbares gibt es nicht. Diese Vielseitigkeit ermöglicht eine große musikalische Bandbreite. Gerade in Zeiten veränderten Ausgehverhaltens ist das ein klarer Vorteil.
Ihr möchtet allen einen Raum bieten, um sich zu verwirklichen. Wie niedrig ist die Schwelle für kleinere Kollektive, bei euch Partys zu machen – und wie fördert ihr die lokale Szene? Wir fördern von Anfang an kleinere Kollektive und die lokale Szene. Fridas Pier ist eine kreative Plattform – wir probieren gerne Neues aus, solange es unseren Werten entspricht und Qualität mitbringt. Dabei geht es nicht nur um Musik, sondern auch um Licht- und Videokunst. Unsere speziell entwickelte Lichtanlage steht dafür sinnbildlich. Wir binden gezielt junge DJs und LJs ein, die sich bei uns ausprobieren können.
Ist Fridas Pier auch deshalb so besonders, weil Orte künstlerischer Freiheit in Stuttgart rar sind? Wie schätzt du die Lage ein – auch im Hinblick auf Behörden und Politik? Solche Orte gibt es tatsächlich immer seltener – das gilt bundesweit. Was uns abhebt, ist unsere Lage am Neckar, etwas außerhalb. Das macht Fridas Pier zu einem Safe Space, in dem Kreativität gut gedeihen kann. Es gibt heute mehr Austausch mit Behörden, auch die Politik zeigt sich immer wieder offen für Themen der Nachtkultur. Aber es bleibt Luft nach oben – auch wir spüren immer wieder die Strenge von Auflagen.
Mit welchen Ambitionen – aber vielleicht auch Zweifeln – blickt ihr in die nahe Zukunft? Stillstand gibt es bei uns nicht. Wir tüfteln ständig an Neuem, strukturell wie programmatisch. Was genau kommt, wollen wir noch nicht verraten – aber es ist viel in Planung. Natürlich beschäftigt uns auch die Unsicherheit, mit der Clubs derzeit zu kämpfen haben. Wir arbeiten als Team mit viel Energie und Leidenschaft daran, dass der Kutter weiterfährt – trotz aller Herausforderungen.

www.lehmannclub.de, www.instagram.com/raphaeldincsoy
LEHMANN Club – Techno, Treue, Transformation
Im Gespräch mit Raphael Dincsoy (Booking, Resident-DJ)
Der LEHMANN Club zählt seit seiner Gründung im Jahr 2009 zu den zentralen Institutionen der elektronischen Musik in Süddeutschland. Als Nachfolger des legendären PRAG-Clubs entwickelte er sich rasch zu einer etablierten Marke in der Techno-Landschaft – mit internationalem Booking, klarem künstlerischen Profil und einem Fokus auf Inklusion und Awareness. Neben dem Clubbetrieb betreibt das Team ein Label, eine Bookingagentur und fördert gezielt lokale Artists. Der LEHMANN Club steht für kompromisslose Clubnächte – roh, direkt und stets am Puls der Zeit.

Der LEHMANN Club entstand 2009 als Nachfolger des legendären PRAG. Wie hat sich das Erbe dieser Vorgänger-Ära in eure Identität übertragen? Anfangs war es uns wichtig, den PRAG-Spirit bestmöglich in den neuen Club zu transportieren – gerade, weil die neue Location früher als M1 Club bekannt war, was sehr konträr zum PRAG war. M1 war schicker, „housiger“ etc. Dort spielten zwar auch Legenden wie Väth, Carola, Hawtin, Garnier etc., aber der Club stand eher für Ibiza-Vibes, House/Minimal und „kommerzielleren“ Techno.
Wohingegen der Club PRAG …? Der Club PRAG war hart, dunkel, rough, dreckig, laut – außer dem Strobolight gab es kaum Licht. Beim Umbau haben wir das „alte M1“ komplett entkernt und rund acht Tonnen Schutt rausgetragen. Heute spielt der PRAG für unsere Gäste keine Rolle mehr und ist für uns nur noch eine schöne Erinnerung. Die aktuelle Generation hat verständlicherweise keinen Bezug mehr – wie auch!? Es gab kaum Social Media oder Handys mit Kamera, nur wenige Sound-, Foto- oder Videodokumente. Die Erinnerungen bleiben in den Köpfen der damaligen Generation – und in unseren. Der LEHMANN Club ist heute eine eigenständige, etablierte Marke, die für sich steht – und für aktuelle Musik- und Clubkultur. Sich an einem vergangenen Club festzuhalten, wäre nicht zeitgemäß.
Die meisten würden sagen, dass ihr innerhalb Stuttgarts der etablierteste Club seid. Damit geht auch Verantwortung einher. Wie tragt ihr aktiv zur Stabilität und Identität der Stuttgarter Szene bei? Wir leben Clubkultur seit 16 Jahren. Keiner von uns fährt Porsche – eher U-Bahn (ich zumindest) – und keiner hat sich ein Haus gebaut. Im Grunde opfern wir uns für das Projekt LEHMANN auf und bieten der Stadt einen Raum, in dem man sich frei fühlen kann. Trotz starker Umsatzeinbußen und weiterer post-pandemischer Herausforderungen halten wir die Preise moderat, bieten ein internationales Programm und fördern gleichzeitig die lokale DJ-Szene. Neben dem Clubbetrieb veranstalten wir DJ-Workshops, haben ein Studio gebaut, betreiben ein Label und eine Bookingagentur.
Die Szene ist unheimlich schnelllebig geworden. Ein Trend jagt den nächsten. Wie agiert man da als Club – und vor allem du als Booker? Eher reaktiv oder proaktiv? Wir versuchen, möglichst nah am Puls der Zeit zu sein – ohne deshalb alles mitzumachen. Unser musikalischer Rahmen ist klar definiert, und uns zu verbiegen, nur um Trends aufzugreifen, war nie unser Anspruch. Man muss aber ehrlich sein: Wir im „Kernteam“ sind alle 40+. Deshalb binden wir seit Jahren bewusst junge Menschen ein. Das hilft enorm – und ist aus unserer Sicht essenziell.
Wie seid ihr beim Thema Inklusion und Awareness aufgestellt? Eine No-Photo-Policy habt ihr ja bereits – seit wann? Awareness ist für uns ein sehr wichtiges und ernstzunehmendes Thema. Wir haben ein sichtbares und geschultes Awareness-Team im Club. Zudem haben wir ein eigenes „Hilfetelefon“ eingerichtet. Alle Infos dazu findet ihr auf unserer Webseite. Unsere No-Photo-/No-Video-Policy besteht seit 2018. Wir haben Unisex- sowie reine FLINTA-Toiletten und veranstalten regelmäßig queere Events. Generell könnte unser Clubteam – vom Personal bis zu den DJs – nicht „bunter“ sein.
Was war der emotionalste oder absurdeste Moment, den du je im LEHMANN erlebt hast – on oder off stage? Emotionale Momente gab es viele. Für mich als DJ war es das B2B mit Green Velvet 2016. Dieser war damals einer meiner größten Einflüsse – ich hatte zu dem Zeitpunkt vermutlich von keinem Artist so viele Platten wie von ihm. Die absurden Momente erlebe ich eher im Büro – wenn es um Gagen-, Travel- oder Rider-Diskussionen geht. Zum Beispiel, wenn Artist XY eine Strecke wie Frankfurt-Stuttgart fliegen möchte – oder wenn auf ein Hotelzimmer mit Balkon bestanden wird, es aber in ganz Stuttgart kein Hotel mit Balkon gibt (lacht).

Proton The Club – Electronic Playground mit Festivalformat
Im Gespräch mit Oliver Schaugg (Social Media, Marketing)
Als selbsternannter „Electronic Playground“ setzt das Proton seit 25 Jahren auf maximale Reizdichte: Surround-Sound, LED-Wall, modulare Lichtkonzepte – mehr Festival als Club. Musikalisch bleibt Proton The Club offen für alles, was kickt: von Techno über D’n’B bis Hardstyle. Wer hier auflegt oder feiert, soll Musik nicht nur hören, sondern sie erleben. Und genau das ist die Idee: ein Raum für Szenen, Sounds und Menschen, die Lust auf mehr als Standard haben.

Olli, zuletzt haben wir während der Corona-Pandemie mit euch gesprochen – das war im Herbst 2021. Ein kurzer Recap, was in der Zwischenzeit bei euch im Club passiert ist? Ich bin seit einem Jahr neu im Team – zuvor habe ich meine Psytrance-Party „NEBULA“ im Proton veranstaltet. Jetzt kümmere ich mich Vollzeit um Marketing und Social Media. Technisch haben wir weiter aufgerüstet: neue Lichtelemente, mehr Laser, eine LED-Wall. Unser Haustechniker Pierre – eigentlich unser „Mädchen für alles“ – hält alles am Laufen. Musikalisch bleiben wir unserem vielseitigen Konzept treu, haben D’n’B und Uptempo dazugeholt und setzen stärker auf Kollektive.
Ihr definiert euch als „Electronic Playground“; investiert viel in Licht, Technik und Surround-Sound. Wie prägt diese Ausrichtung euer Programm? Die Location bietet enorme Möglichkeiten – von Festival-Stage bis Boiler-Room-Setup. Das spiegelt sich auch im Programm wider: Wer bei uns den Floor betritt, kann immer etwas Überraschendes erleben. Unser Team und die Veranstalter*innen bekommen viele Freiheiten. Wir wollen ständig neue Konzepte umsetzen – mit geiler Musik und abgefahrenem Licht.
Entsprach diese Ausrichtung von Anfang an eurer Philosophie? Oder hat sich das erst im Laufe der Zeit entwickelt? Das war ein Prozess. Früher gab’s im Proton freitags Hip-Hop, samstags Trance. Mit Corona kam der Switch zu rein elektronischer Musik. Der Wandel in der Erlebniskultur hat diesen Kurs verstärkt – heute gehen Leute seltener aus, erwarten aber mehr. Wer zu uns kommt, soll das volle Programm bekommen. Deshalb bieten wir auch in verschiedenen Genres Highlights – von Hardstyle bis D’n’B.
Euer Konzept wirkt in Teilen mehr wie ein Indoor-Festival. Entspricht dieses Hybrid-Modell auch eurer Vision für die nächsten 25 Jahre? Definitiv. Diese besondere Experience gibt es in keinem anderen Club in Baden-Württemberg. Die größte Herausforderung ist der schnelle Wandel: Trends vergehen rasant, Gagen explodieren. Viele Acts, die unser Publikum feiern würde, sind wirtschaftlich kaum umsetzbar. Trotzdem sind wir für die Zukunft gut aufgestellt – die kommende Indoor-Season wird spannend.
Wie reagiert ihr auf die Schnelllebigkeit aktueller Trends? Wir arbeiten derzeit intensiv am Booking, vernetzen uns stärker, tauschen uns mit anderen Clubs aus. Wichtig sind für uns auch Veranstalter*innen, die neue Ideen mitbringen. Da wir uns stilistisch nicht festlegen, können wir flexibel auf Entwicklungen reagieren. Gleichzeitig wollen wir das Erlebnis rund um die Musik weiter ausbauen – wie bei einem kleinen Festival.
Inwieweit versteht ihr euch auch als Club mit überregionaler Strahlkraft? Unsere Größe und Technik machen es möglich, Acts zu buchen, die in kleineren Clubs nicht realisierbar sind. Dazu kommen Genres, die andernorts kaum Platz finden. Bei uns haben schon Leute aus Spanien oder UK gefeiert – etwa bei „DEUTSCHER KRACH“ mit Dr. Donk. Das ist immer wieder beeindruckend.
Abschließend eine Frage an das gesamte Team: Wenn ihr die letzten 25 Jahre in einem Track zusammenfassen müsstet – welcher wäre es? Für mich: „Feels Like Home“ von Sonic Species & Divination – gespielt beim Abschluss-Set meiner NEBULA-Party. Ein echter Tränendrüsen-Moment. Benny (Booking): „Mokba“ von Cirez D – dieser düstere Groove zieht dich in eine andere Dimension. Svenja (Betriebsleitung): „Time of my Life“ von Hermann Hesse – uplifting, mit Techno und Vocals, das passt zum Vibe im Club. Pierre (Technik): „Wodka“ von Da Tweekaz – die Jungs bringen Energie auf und hinter der Bühne. Am Ende sind wir alle Freaks mit derselben Liebe für Bass. Lars (Inhaber): „Played a Life“ von Safri Duo – der Track steht für unsere Trance-Nächte um die 2000er. Krass, dass die hier gespielt haben – und heute Weltstars sind.

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Romantica – House, Herzblut & Haltung
Im Gespräch mit Clubbetreiberin Femke Bürkle
Die Romantica feiert 2025 ihr zehnjähriges Bestehen – und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Was einst als spontane Notlösung begann, entwickelte sich unter der Leitung von Femke Bürkle und Marco Schreieck alias Marco Bastone zu einem festen Bestandteil der Stuttgarter Club- und Subkultur. Nach dem Scheitern eines ersten Betreiberteams übernahmen die beiden den damals noch konzessionslosen Raum in der Hauptstätter Straße 40 – ohne Kapital, aber mit Haltung. Heute steht die Romantica für einen offenen, diversen und musikalisch eigenständigen Clubbetrieb, der weit über Stuttgart hinaus Anerkennung findet.

Die Romantica feiert 2025 ihr zehnjähriges Jubiläum. Herzlichen Glückwunsch! Ob der Club in seiner heutigen Form überhaupt existieren könnte, war vor zehn Jahren allerdings alles andere als sicher. Kannst du die Achterbahnfahrt für uns einmal rekapitulieren? Das war wahrlich eine Achterbahnfahrt – vor allem der Gefühle. Die Betreiber der damaligen Bar Romantica suchten einen Nachfolger. Ein Bekannter von mir hatte Interesse und das nötige Kleingeld, aber keine Verbindung zur Szene. Ich stellte den Kontakt her – und er bekam den Zuschlag. Irgendwann fragte er, ob Marco Schreieck und ich nicht als stille Teilhaber einsteigen wollten. Wir sagten, dass uns das Geld fehle, worauf er meinte: „Kein Problem, das lässt sich abstottern.“ Wir gaben unser Wort – und kurz vor dem Notartermin kam per SMS: „Ich bin raus!“ Wir standen da, ohne Mittel, aber mit Zusage. Um unser Wort zu halten, mussten wir Geld auftreiben – eine unangenehme Erfahrung. Dank Freund*innen und Familie gelang es irgendwie. Um über Wasser zu bleiben, standen wir fünf Tage die Woche selbst hinterm Tresen und haben morgens den Club geputzt. Glamourös war das nicht – aber es hat sich gelohnt.
Wo lässt sich die Romantica im Stuttgarter Club- und Subkultur-Gefüge einordnen? Ich tue mich schwer, die Romantica zu kategorisieren. Wir versuchen, Dinge menschlicher, zugänglicher, experimenteller zu denken – was nicht immer gelingt, aber aufrichtig gemeint ist. Wir stehen in ständigem Austausch mit unseren Residents und lernen permanent dazu – Fehler inklusive. Ob Awareness, Diversität oder queerer Support: Wir wollen einen Schutzraum bieten, in dem sich jede*r sicher der Zerstreuung hingeben kann. Musikalisch erlaubt uns die intime Größe, unerwartete Sounds zu präsentieren – abseits der „Big Airwaves“, aber immer mit Blick auf den Dancefloor.
In einem Interview hast du kürzlich angedeutet, dass die Romantica in Berlin bekannter sei als in Stuttgart selbst. Könnte euer Fokus auf wärmere Sounds und House in einer ansonsten technoid geprägten Stadt einer der Gründe dafür sein? Vielleicht. Mein Gefühl ist, dass unser Ansatz, unsere Authentizität und die besondere Atmosphäre in Berlin mehr wahrgenommen werden – der Sound spielt dabei sicher auch eine Rolle.
Die Lage des Clubs wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich – unter dem Büro des Ordnungsamts, gegenüber vom Rotlichtviertel. Was hat das für Auswirkungen? Mit dem Ordnungsamt gibt’s keine Probleme – wir halten uns einfach an die Regeln. Das Rotlichtviertel bringt ab und zu seltsame Situationen mit sich, ist aber vernachlässigbar. Schwieriger sind manche Bars in der Nachbarschaft, die kein Sicherheitskonzept haben – deren Versäumnisse müssen wir dann teilweise auffangen. Leider kein Einzelfall.
Talent-Förderung ist ein zentraler Aspekt eurer Booking-Philosophie. Die Anzahl der Bewerbungen geht dabei bis in den Tausenderbereich, sagt ihr. Was tut ihr, um diesen Prozess fair zu gestalten? Unser letzter Aufruf richtete sich explizit an Newcomer*innen aus Stuttgart. Trotzdem kamen massenhaft Anfragen – teils von DJs mit 20 Jahren Erfahrung und aus ganz Europa. Diese Flut hat den Prozess sehr gestreckt. Wir haben die Bewerbungen zunächst der Reihe nach sortiert, die Entscheidung basierte dann auf Musik, Motivation, Genre, Sympathie – und auch auf Diversitäts- und Inklusionsaspekten.
Was habt ihr zum Jubiläum – oder generell für die Zukunft – geplant? Wir starten ein Projekt mit dem Jugendhaus Stuttgart und öffnen unseren Club für queere Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Für junge Menschen ist es essenziell zu wissen: Ich bin nicht allein. Ich bin okay, wie ich bin. Punkt. Außerdem wollen wir unseren Raum künftig noch stärker als Educational Hub nutzen – mit DJ-Workshops von unseren Residents Jorkes, Chaos Disco Club und TiZiAN. Weitere Projekte zu Awareness und Safer Use sind in Planung – Näheres folgt, wenn es spruchreif ist.

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RELIKT Records
Vinyl, Visionen & Verbundenheit
RELIKT ist ein Kollektiv und Label aus Stuttgart, das für rohen Techno, Vinyl-Kultur und visuelle Ausdrucksformen steht. Abseits von Hypes und Algorithmen schafft das Team Räume für tiefe Sounds, gelebte Subkultur und kreative Vernetzung – auf der Platte, im Club und darüber hinaus.
Ihr fokussiert euch auf Vinyl und klanglichen Tiefgang. Wollt ihr mit RELIKT eine Lücke in der Szene der Stadt schließen? Wie lautet eure Vision? Es geht uns weniger darum, eine Lücke zu füllen, sondern der Musik, für die wir brennen, mehr Sichtbarkeit zu geben – als Gegenpol zur technoiden Mainstream-Szene. Unsere Vision: weniger Kommerz, mehr Inklusion, Individualität und ehrliche Leidenschaft.
Das Gleichgewicht zwischen Sichtbarkeit und Underground zu finden, ist ein Balanceakt. Wie gelingt euch das? Wir gehen da sehr intuitiv vor. Wichtig ist uns, echt zu bleiben. Wir glauben, dass gute Musik ihren Weg findet – ganz ohne Hype-Kalkül oder Zwang, „underground“ zu wirken.
Gibt es Orte, Menschen oder Momente in Stuttgart, die für euch prägend waren? Die Szene ist vielfältig – da jemanden hervorzuheben, ist schwer. Besonders inspirierend ist der Austausch mit Different Spaces: starke Bookings und Support für lokale Artists. Ein prägender Moment war unser erster Vinyl-Workshop. Da wurde klar: Stuttgart hat Bock auf echten Sound und Subkultur mit Haltung.
Aus der Sicht eines Kollektivs – wie bewertet ihr die Möglichkeiten, die Stuttgart der Subkultur bietet? Subkultur hat es hier nicht leicht. Es fehlt an Räumen, und auch strukturell läuft vieles nicht rund – sowohl auf Seiten der Stadt als auch intern. Trotz kurzer Zeit in der Szene haben wir das schnell gespürt.
Ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie geht’s bei euch weiter, und was wünscht ihr euch für die Szene in Stuttgart? Als Nächstes kommt unser erstes Vinyl-Release, weitere Events sind in Planung – auch außerhalb Stuttgarts. Gleichzeitig wollen wir die lokale Community stärken, vernetzen und Talente fördern. Unser Wunsch: mehr Offenheit für abseitigere Sounds. Denn Techno steht für uns vor allem für Freiheit und Gemeinschaft.

5 Szene-Tipps
mit Laima Adelaide
Laima Adelaide wählte den umgekehrten Weg und zog von der Techno-Hauptstadt nach Stuttgart, wo die Producerin aktiv die Szene mitgestaltet. Ihre Releases bewegen sich im Bereich zwischen Deep-Techno und Ambient, veröffentlicht auf einflussreichen Labels wie Diffuse Reality und Oslated.
Projektraum Kunstverein Wagenhalle
Ein besonderer Ort für Kunst, Clubkultur und Experimente. Der Raum ist flexibel bespielbar, schlicht gestaltet und bietet Flächen für Ausstellungen, Performances und Festivals. Hinten befinden sich Ateliers und Werkstätten – rund 9.500 m², individuell nutzbar. Wer Formate zwischen Installation, Tanz und Musik sucht, ist hier richtig.
White Noise
Beton trifft auf Beats: Das White Noise ist ein wandelbarer Club- und Konzertort. Neben klassischen Clubnächten gibt es Ambient-Konzerte, DJ-Workshops und eine Bar gegenüber, die unter der Woche geöffnet ist. Für alle, die gerne abseits des Mainstreams feiern oder einfach gute Musik hören wollen.
Different Spaces im Lehmann
www.instagram.com/different.spaces
Eine Event-Reihe im Lehmann Club, die sich dem deepen, treibenden Techno widmet. Kuratierte Line-ups, visuelle Konzepte und ein klarer Awareness-Ansatz schaffen einen Raum für Intensität, Tiefe und sichere Cluberlebnisse. Wer Techno liebt, findet hier sein Zuhause.
Kulturbunker Stuttgart
Dieser 1941 erbaute Tiefbunker unter dem Diakonissenplatz ist mit über 3.000 m² der größte in Stuttgart und bietet Platz für 100 bis 150 Personen. Die Akustik ist dicht und gut gedämmt. Der raue Look eignet sich perfekt für „Underground“-Partys, Konzerte, Ausstellungen und experimentelle Formate.
Utopia Kiosk
Ein Raum für die queere Szene und alle, die offenes Miteinander suchen. Zwischen Parkhauswänden finden hier Konzerte, Ausstellungen, Workshops und Lesungen statt – manchmal auch Partys. Der Außenbereich ist belebt, das Programm nischig. Ein wichtiger und lebendiger Ort.
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Aus dem FAZEmag 162/08.2025
Text: M.T.
Credits: Marc Schäfer und weitere
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