Tangerine Dream – die Zeitbrücke von Coventry


Tangerine Dream – die Zeitbrücke von Coventry. Credit: Katja Ruge

Fast fünf Jahrzehnte nach ihrem legendären Auftritt in der Coventry Cathedral kehrten Tangerine Dream 2022 an jenen symbolträchtigen Ort zurück – in neuer Besetzung, aber mit derselben künstlerischen Haltung. Für Thorsten Quaeschning, musikalischer Leiter der Band seit dem Tod von Gründer Edgar Froese, war das Konzert nicht nur ein würdevoller Rückblick, sondern auch ein deutliches Zeichen für die Zukunft: „Besonders nach den Covid-Jahren waren wir einfach dankbar, überhaupt wieder Konzerte spielen zu können – und dann noch in einem so ehrwürdigen und einzigartigen Rahmen.“ Am 27. Juni erschien auf Kscope die Aufnahme des Konzerts als 4-Disc-Earbook-Version auf drei CDs und einer Blue-Ray, als 3LP-Version sowie als 2CD-Version.

Die Rückkehr in die Kathedrale war mehr als ein Nostalgieprojekt. „Alles, was wir tun, steht in einem fortlaufenden Zusammenhang“, so Quaeschning. „Es geht nie darum, Musik ins Museum zu stellen. Es geht darum weiterzumachen – zu suchen, zu wachsen, voranzugehen. Fortschritt ist das Konzept.“ Diese Haltung prägt auch die Struktur des Konzerts: Gespielt wird nie dieselbe Setlist, jeder Raum – ob Kathedrale, Theater oder Club – beeinflusst Tempo, Dynamik und Aufbau. So entstanden auch in Coventry Brücken zwischen den sogenannten Virgin Years der 1970er und der aktuellen Quantum-Phase.

Zum Auftakt des Konzerts entschieden sich Tangerine Dream für „Stratosfear“ – ein Werk, das bereits in den Siebzigern für einen stilistischen Wandel der Band stand. „Die Komposition hat fast orchestralen Charakter, mit klarer Struktur und starken Sequenzen – perfekt geeignet für den sakralen Raum“, erklärt Quaeschning. Auch neuere Stücke wie „Raum“ oder „Continuum“ verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart: Edgar Froeses Melodie-Skizzen wurden digital bearbeitet und in das aktuelle Klangbild eingefügt. Besonders markant sei dabei die leicht verzerrte Streichertextur gewesen, „deren Charakter den Rest des Arrangements fast automatisch geprägt hat.“

Die visuelle Ebene spielt bei Tangerine Dream stets eine wichtige Rolle. In Coventry wurde sie vom sakralen Raum selbst mitgestaltet: „Die Fenster, das Licht, die Atmosphäre – all das floss in das Gesamterlebnis ein.“ Doch besonders wichtig war das, was am Ende des Konzerts stand: die Session. Keine Improvisation im Jazz-Sinn, sondern eine Echtzeit-Komposition – ohne Netz, ohne Plan. „Sie ist abhängig vom Raum, vom Publikum, vom Moment. Für uns ist das der freiste Teil des Abends. Wir müssen reagieren, kommunizieren, gemeinsam schöpfen – und das mit denselben Maßstäben wie bei jeder anderen Komposition.“

Auch die Zusammenarbeit mit Gästen wie Marillion-Gitarrist Steve Rothery wird in diesen Sessions fortgesetzt. „Bei ‚Cloudburst Flight‘ war es einfach naheliegend – ein Stück, in dem die Gitarre immer eine zentrale Rolle spielte. Steve hat das mit seinem warmen, geschmackvollen Ton wunderbar in die Gegenwart geholt.“ In der Session selbst sei seine Zurückhaltung ebenso entscheidend gewesen wie seine Klangfarben: „Keine Show, kein Ego – nur melodische Linien und fein nuancierte Texturen.“

Selbst Werke mit politischem Subtext wie „Kiew Mission“ behalten für Tangerine Dream ihre Relevanz: „Die Vision einer globalen Gemeinschaft, in der Menschen füreinander da sind, ist leider immer noch nicht selbstverständlich.“ Dass Tangerine Dream heute Konzepte aus Physik und Philosophie mit elektronischer Klangkunst verbinden, ist für Quaeschning kein Widerspruch, sondern logische Weiterentwicklung. „Die Idee der Quantum Years besagt: Alles ist miteinander verbunden. Auch unsere Musik ist kein abgeschlossenes System. Sie verändert sich durch den Raum, durch das Publikum, durch uns selbst.“

Es ist eine Philosophie des ständigen Suchens. „Vielleicht gibt es keine wirklich neuen Melodien mehr – mathematisch gesehen. Aber unser Auftrag ist es weiterzugehen. Die nächste Idee zu finden, den nächsten Klang, das nächste Stück. Und hoffentlich sehen wir uns dabei – beim nächsten Konzert oder auf dem nächsten Album.“

 

Das Album „From Virgin To Quantum Years: Coventry Cathedral 22” von Tangerine Dream ist am 27. Juni 2025 via Kscope erschienen. Hier könnt ihr das Werk als 2-CD-Format und hier als 3-LP-Format erwerben.

Text: Lisa Bonn
Credit: Katja Ruge
www.instagram.com/tangerinedreamq
Aus dem FAZEmag 161/07.2025