This is Acid
Chicago, irgendwann um 1985/86. Nathaniel Jones alias DJ Pierre hängt wie so oft mit seinen Kumpels Herbert Jackson und Earl Smith Jr. alias Spanky ab. Ziel des Treffens: Musik machen. Musikequipment ist damals im Vergleich zu heute noch sehr teuer und dessen Anschaffung belastet oft wie noch in den 70er-Jahren, in denen es sich anbot, Lieblingskind reicher Eltern zu sein, und man sich schon mal entscheiden musste, ob man sich nun ein neues Auto oder doch lieber den Moog-Synthesizer zulegen wollte. Dennoch muss man auch in den 80ern noch eine ansehnliche Summe auf den Tisch legen, wenn man in die elektronische Musikproduktion einsteigen will. Und so nimmt DJ, was DJ kriegen kann.


Als einer der günstigsten Synthesizer bietet sich ein kleines silbernes Kästchen des Herstellers Roland an. „TB-303 – Transistor Bassline“ ist auf dem Gehäuse zu lesen. Der Neupreis liegt bei umgerechnet etwa 370 EUR, doch schon kurze Zeit später wird das Gerät für etwa 100 Euro abverkauft. Die TB-303 ist ein gehöriger Flop und der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Gerät wurde als Bassisten-Ersatz in einer Rockband konzipiert. Dafür müssen die Basslines wenig intuitiv und per kompliziertem Step-Sequenzer in das Gerät einprogrammiert werden, woran viele Musiker schnell scheitern. Zudem klingt die 303 nur bei geschlossenen Filtern ansatzweise „bassig“ – stellt man die Drehregler auf höhere Werte ein, zwitschert die silberne Kiste wie ein Schwarm paranoider Vögel. So zu hören beispielsweise bei Heaven 17s „Let Me Go!“ (1982) und Shannons „Let The Music Play“ (1983). Ein besonderer Tipp ist die 1983 nur in Indien erschienene LP „Synthesizing – Ten Ragas To A Disco Beat“ von Charanjit Singh, die auf die Acid-Geschichte zwar nur wenig Einfluss hatte, aber ein äußerst interessantes Zeitdokument ist.

Zurück nach Chicago, Mitte der 80er, wo DJ Pierre soeben die ihm noch recht unbekannte TB-303 angeschaltet hat. Die Batterien fast leer, quietschen ihm die Sounds nur so entgegen. Im Grunde hört er, was etliche Musiker vor ihm schon gehört haben. Dennoch ist irgendetwas anders … Plötzlich sieht Pierre den Sound in einem anderen Kontext. Er erkennt, dass es kaum weiterer Elemente bedarf als einer Bassline (im Folgenden auch Acidline genannt) und eine Drumbegleitung (in diesem Fall aus dem ebenfalls von Roland hergestellten Drumcomputer TR-707), um ein eigenständiges Musikstück zu produzieren. Also produziert Pierre kurzerhand einen Track namens „In Your Mind“ und drückt das Tape einige Tage später Ron Hardy in die Hand, der Mitte der 80er-Jahre DER DJ in Chicago ist. Ron gilt bis heute als einer der legendärsten DJs aller Zeiten, weil er es vermochte, die Leute auf eine Reise zu schicken wie sonst niemand zuvor. Dafür bediente er sich neben Disco- und frühen House-Platten auch gerne experimentellerer Sounds. Somit ist er sofort bereit, „In Your Mind“ zu spielen. Als der Track das erste Mal aus den dicken Boxen wummert, ist kurz ein Moment der Verwirrung zu spüren – doch schon nach wenigen Augenblicken geht es auf dem Dance­floor rund! Pierre und seinen Mitstreitern ist sofort klar, dass sie da etwas Großes geschaffen haben.

Fortan fangen die Leute an, über den Track zu sprechen. Da sie den Namen nicht kennen, wird sich einfach auf die Musik bzw. das, was sie daraus hören bezogen: „That Acid Track played by Ron“. Natürlich lassen sich auch andere Produzenten von diesem Sound beeindrucken. Kurz darauf produziert Marshall Jefferson unter dem Namen Sleezy D. mit „I’ve Lost Control“ die erste „richtige“ Acid House-Platte (Trax Records, 1986).

Da sich Jefferson allerdings nie wirklich mit dem Sequenzer der 303 auseinandergesetzt hat, programmiert er sie nach dem Zufallsprinzip.  So verrät Jefferson viele Jahre später in einem Internetforum: „Ich habe einfach ein paar Noten reingehauen – und das war das Ergebnis. Ich würde gerne sagen, es war genau das, was ich wollte, das ist aber leider nicht der Fall.“  Als Meister der 303-Programmierung gilt Adonis. So bedient er die Silver Box bei Marshall Jeffersons 86er Track „My Space“ – die wohl erste Deep House-Acid-Nummer, wenngleich auch noch ohne 4-2-the-floor-Beat.

Es dauert nun aber noch knapp ein Jahr, bis „In Your Mind“ – mittlerweile offiziell in „Acid Trax“ unbenannt – veröffentlicht wird. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Chicago House hat sich weltweit einen Namen gemacht, nicht zuletzt durch Tracks wie Steve ‚Silk’ Hurleys „Jack Your Body“, Farley ’Jackmaster’ Funk’s „Love Can’t Turn Around“ oder dem legendären „House Nation“ (das im Original übrigens auf Dance Mania veröffentlicht wurde).

Die große Acid-Welle kommt ins Rollen. Nach dem erwartungsgemäß durchschlagenden Erfolg von „Acid Trax“ erscheint 1987 eine 12Inch nach der nächsten. Als weiteres großes Label neben Trax Records etabliert sich D.J. International und damals schon aktive Producer wie Mike Dunn, Tyree Cooper oder Fast Eddie fangen ebenfalls an, Acid House zu produzieren. DJ Pierre kreiert nicht nur mit der Formation „Phuture“ weitere wegweisende Tracks, sondern beweist unter verschiedenen Pseudonymen, dass er der König des Vocal-Acid ist. Seine Sehnsucht nach weiblicher Geleitschaft macht er gleich mehrfach deutlich: „Fantasy Girl“ und „Dream Girl“ (als Pierre’s Pfantasy Club) und „Mystery Girl“ (als Fantasy Club).

1988 explodiert Acid dann endgültig: In Chicagos Schlafzimmern gründen sich unzählige kleine Labels, die den angesagten Sound in Kleinauflagen und in Eigenregie propagieren. Und nicht nur dort: Wie schon einst House wird Acid auch in England mit offenen Armen empfangen und adaptiert. Während die meisten Produktionen, die nicht aus Chicago kommen oft noch etwas bemüht und oftmals auch peinlich klingen, erscheinen in England innerhalb kürzester Zeit bemerkenswerte Produktionen, so etwa von 808 State und deren (Ex-) Mitglied A Guy Called Gerald. Acid House wird zum Phänomen und obwohl vielerorts gegen diese „schlimme, stumpfe und unmenschliche“ Musik protestiert wird, finden erste illegale Raves in abgelegenen Lagerhallen statt, was nicht zuletzt einen frühen Weg für die 90er-Jahre Technobewegung ebnet.

Und auch in Deutschland kommt Acid nun mit einiger Verspätung an. Eindeutiges Erkennungsmerkmal der Szene: Der gelbe Smiley, der in Chicago übrigens bis dato überhaupt keine Rolle spielt. Hierzulande dauert der eigentliche Acid-Hype zwar nur etwa sechs Monate, doch in dieser Zeit gibt es geradezu bizarre Szenen zu beobachten: In Fußgängerzonen bieten fliegende Händler Acid-/Smiley-T-Shirts an, in der Jugendzeitschrift „Bravo“ gibt es Smiley-Sticker, selbst auf Modemessen wie der damals wichtigen Igedo in Düsseldorf werden T-Shirts und Buttons mit Acid-Motiven angeboten. Doch so schnell wie Acid als Trend gekommen war, verschwindet es kurz darauf auch schon wieder. Plötzlich ist  Hip House, also House-Tracks mit Rap-Elementen, das neue große Ding – allerdings nicht ohne Überschneidungen. So ist in dem genre-definierenden Track „Hip House“ von Fast Eddie natürlich immer noch die 303 zu hören.

Mit Beginn der 90er-Jahre ebbt die Acid-Flut weltweit deutlich ab. Vereinzelt werden hier und da zwar noch zwitschernde Acid-Platten veröffentlicht, der allgemeine Fokus liegt nun allerdings mehr auf Techno, der sich parallel zur Chicagoer Acid-Bewegung in Detroit formte. Doch auch die Fusion aus Techno und Acid funktioniert. Circuit Breakers (ein weiteres Pseudonym von Richie Hawtin) „Experiments In Sound“ gibt die Richtung an, und nicht zuletzt beweist das niederländische Label Djax-Up-Beats und deren Act Acid Junkies, dass technoider Acid der Sound der Stunde ist. Bis zum ersten großen Chicago-Revival Mitte der 90er ist Djax-Up eines der wenigen Labels, das weiterhin die Artists aus „Windy City“ featured. Und aus Deutschland legt der Düsseldorfer Act Hardfloor mit „Acperience“ einen ernstzunehmenden Acid-Megahit vor.

In den 90ern ist Acid zumindest als Element fast allgegenwärtig. Weder Trance, noch Gabba oder Ambient kommt ohne 303 aus. Doch gegen Ende des Jahrzehnts scheint der Bedarf an Gezwirbel gedeckt und die silberne Kiste kommt vorerst in den Schrank. Doch erinnern sich Mitte 2000 Labels wie Bunker aus Den Haag an ihre Wurzeln und halten weiterhin die Fahne des zwitschernden Acid-Sounds hoch. Zudem gibt es neben unzähligen Re-Releases der alten Klassiker mittlerweile wieder eine neue Generation von Produzenten, die ihre Liebe zu Rolands silberner Kiste entdeckt haben und wieder ihre Autos verkaufen, um die zwischenzeitlich extrem gestiegenen Gebrauchtpreise für 303 und Co. aufbringen zu können. Insbesondere in Deutschland gibt es derzeit wieder eine florierende Acid-Szene, so sorgen Acts wie Fatjack aus Dortmund, Elec Pt.1 aus Köln oder auch die Snuff Crew aus Berlin für säurehaltigen Sound auf dem Dancefloor, so dass der Schrei der Szene „Aciiiiiiiieed!“ noch lange zu hören sein wird. / Andreas Gehm

Muss man hören:
• Phuture – Acid Tracks
• Phuture – We Are Phuture
• Phuture – The Creator
• Phuture – Slam
• DJ Pierre – Box Energy
• Pierre’s Pfantasy Club – Mystery Girl
• Pierre’s Pfantasy Club – Dream Girl
• Pierre’s Pfantasy Club – G.T.B.
• Armando – Land Of Confusion
• Armando – 151
• Armando – World Unknown
• Bam Bam – Where’s Your Child
• Bam Bam – Give It To Me
• MD III – Face The Nation
• MD III – Personal Problem
• MD III – Take Me There
• Sleezy D. – I’ve Lost Control
• Sleezy D. – Trust Track
• K. Alexi (K.A. Posse) – Dog Dance
• Vertigo – Tell Alexi
• Vertigo – Our Love Stops And Goes
• Vertigo – Stick Music
• Code 3 – Code Of Acid
• Maurice – This Is Acid
• James „Jack Rabbit“ Martin – There Are Dreams And There Is Escape
• Tyree Cooper – Acid Over
• Tyree Cooper – T.J.G.P.
• Tyree Cooper – Night Of Acid
• Tyree Cooper – Acid Is My Life
• Fast Eddie – Acid Thunder
• Fast Eddie – Clap Your Hands
• Fast Eddie – Can U Still Dance
• Fast Eddie – My Melody
• Slick Master Rick – Halloween House
• Mix Masters – House Express
• Jack Frost – Clap Me
• Jack Frost – Tom Tom
• Jack Frost – Shout
• Mr.Lee – Art Of Acid
• Mr.Lee – Acid Pump Up London
• Liddell Townsell – The Groove
• Liddell Townsell – As Acid Turns
• Adonis – We‘re Rockin Down The House
• Adonis – No Way Back
• Adonis – Lack Of Love
• Hardfloor – Acperience 1
• Lil Louis – Jupiter
• Circuit Breaker – Overkill
• Plastikman – Sheet One
• Acid Junkies – Part 1
• Woody McBride – Basketball Heroes
• Snuff Crew – Control
• Elec Pt.1 – I Am NOT a Freak
• Elec Pt.1 – We Play Acid
• Elec Pt.1 – I Like The Way You Shake Your Ass
• Fatjack – 303º
• Jared Wilson – This Love
• The Minister – Jack your Bodey (House your mind)
• Hardton – Time To Jack
• Bad Cop Bad Cop – Alien Acid
• Franz & Shape – Acid One

THEMENWOCHE ACID (KW14/2013)
Einleitung:
Themenwoche Acid
Montag:
Acid – Mysterons Invade The Jackin’ Zone (Soul Jazz)
Dienstag:
THIS IS ACID – Ein silbernes Kästchen verändert die Musikwelt
Mittwoch:
RdioFAZE Playlist #043: Acid!
Verlosung: Forward To The Past Pt. 2 – The Acid Flashback (Poker Flat)

Donnerstag:
Cyclone Analogic TT-303 BassBot – Die Sauer-Sau
Freitag:
Fatjack – Aus Liebe zur TB-303
Samstag:
Steve Bug – 20 Acid-Favoriten von gestern und heute
Sonntag:
FAZE TV Special – Live-Set Stefan Gubatz mit 303 Bassbot, 606 & 707
Acid-Tracks – eure Favoriten!
Verlosung: Acid – Mysterons Invade The Jackin’ Zone

Weitere Artikel zum Thema: 
Forward To The Past 2 – The Acid Flashback (Poker Flat)
Bringmann & Kopetzki’s Wildlife – Acid