
Zum fünften Jubiläum von Rave The Planet haben Tommahawk und Dr. Motte gemeinsam die offizielle Hymne „Imagine Love“ produziert – einen Track, der Techno-Druck mit einer warmen, euphorischen und zutiefst idealistischen Botschaft verbindet. Im Interview sprechen die beiden über die Entstehung des Songs, ihre gemeinsame Arbeit im Studio, die Bedeutung von Musikveröffentlichungen für die gemeinnützige Arbeit von Rave The Planet und darüber, was sie am 15. August auf der Parade, bei der Afterparty in der Columbiahalle und in ihrem gemeinsamen FAZE Mix erwartet. Dr. Motte blickt außerdem auf 20 Jahre seit der letzten Berliner Loveparade zurück und auf die Dokumentation „Love is Stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet“, die die Geschichte des Projekts begleitet.
Mit „Imagine Love“ habt ihr die offizielle Hymne zum fünften Jubiläum von Rave The Planet produziert. Wann war für euch klar, dass der Track nicht nur funktionieren, sondern auch eine konkrete Botschaft transportieren muss?
Tommahawk: Für mich war das irgendwie von Anfang an klar. Rave The Planet existiert als Demonstration, als Statement für Technokultur und für Akzeptanz. In einer Zeit, in der so vieles auseinanderdriftet, war es mir wichtig, etwas zu schaffen, das Menschen zusammenbringt. Genau wie es auch die Parade dies jedes Jahr aufs Neue schafft, war es mir wichtig, dass dieser Track genau daran anknüpft.
Dr. Motte: Wir tanzen jetzt über 30 Jahre mit Techno in Love, Peace, Unity, Respekt. Deswegen sind alle Loveparade- und Rave-The-Planet-Hymnen immer auch Botschaften, und wir leben das auch. „Imagine Love“ hat sogar eine sehr tiefe Bedeutung, denn jeder Handlung liegt immer ein Gedanke zugrunde. Wir selbst können entscheiden, welche Gedanken unser Handeln bestimmen sollen. Da denkt man doch am besten an Liebe. Hier der Text der aktuellen Hymne: Imagine the rhythm as our language – Imagine hands reaching through sound – Imagine our hearts in sync – Imagine how we move as one – Imagine love.
Das Motto „Imagine Love“ klingt bewusst idealistisch. Was bedeutet es für euch persönlich – und weshalb braucht es diese Botschaft gerade im Jahr 2026?
Tommahawk: Ich habe es in der ersten Frage ja schon kurz angeschnitten: Gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, dass wir zusammenhalten, zusammen stark sind und uns nicht von Hass, Hetze, Gewalt und Negativität unterkriegen lassen. Und für mich persönlich ist Techno Liebe. Das klingt vielleicht erstmal komisch, aber für mich ist es der Kern von allem. Dabei ist es für mich egal, ob zehn oder zehntausend Menschen zusammen auf der Tanzfläche stehen und sich gemeinsam fallen lassen. Wichtig ist, dass wir beisammen sind und uns über die Musik hinweg verstehen. Dabei kommen nicht nur Generationen zusammen – Dr. Motte und ich sind da vielleicht ein schönes Beispiel –, sondern auch Menschen aus verschiedenen Lebenswelten, mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Geschlecht, Ansichten und Identitäten. Wir sind vielleicht alleine auf der Party, aber doch irgendwie alle zusammen dort. Ich kann dieses Gefühl kaum in Worte fassen, aber ich erlebe es immer wieder, ob auf der Parade, im Club oder auf einem Festival. Für mich ist dieser Moment, dieses Zusammenkommen zur Musik, eine Art von Liebe. Dr. Motte hat diese Idee vor Jahrzehnten auf die Straße gebracht: dass ein Dancefloor ein Ort sein kann, an dem alle dieselbe Sprache sprechen, unabhängig davon, wer du bist, woher du kommst oder wen du liebst. „Imagine Love“ ist für mich dieser eine Moment kurz vor dem Drop. Wenn alle wissen, was kommt. Wenn man sich anschaut und lächelt, ohne sich überhaupt zu kennen. Diese eine Sekunde, in der alles zusammenkommt. Genau diese Momente braucht es gerade 2026.
Dr. Motte: Ein Sprichwort sagt: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen …“ Es ist also sehr wichtig, wie wir denken und was wir denken. „Imagine Love“ ist abgeleitet von „Imagine Peace“ (von Yoko Ono). Das ist doch eine schöne, positive Message, oder? Lass uns mehr an Liebe denken und liebevoller miteinander umgehen. Das kriegen wir doch wieder hin! Wir wollen doch alle eine gute Zeit haben.

Wie habt ihr bei der gemeinsamen Produktion eure unterschiedlichen musikalischen Handschriften zusammengeführt? Gab es einen Moment, in dem der Track seine endgültige Identität gefunden hat?
Tommahawk: Es hat sich sehr organisch entwickelt. Wir hatten von Anfang an ein ähnliches Gefühl dafür, was eine Hymne leisten muss: Sie muss etwas in dir auslösen, sie muss tragen, ohne zu erschlagen. Und dann gibt es diesen Moment, in dem man einfach spürt: Das ist es. Den kann man nicht planen.
Dr. Motte: Die Hymne ist in Hamburg entstanden. Wir hatten uns im Dezember 2025 getroffen und hatten vorher schon Ideen dazu ausgetauscht. Deswegen ging es dann im Studio bei André Winter auch ziemlich schnell. Das war toll, und ich bin sehr dankbar für diese schöne Hymne.
Die Hymne verbindet einen druckvollen Techno-Puls mit warmen, progressiven und beinahe euphorischen Elementen. Wie schwierig war es, einen Track zu produzieren, der sowohl auf der Straße als auch im Club funktioniert?
Tommahawk: Die komplett ehrliche Antwort wäre, dass es uns gar nicht so schwer gefallen ist, was aber, glaube ich, vor allem daran lag, dass wir uns musikalisch sehr gut ergänzt haben und unsere Erfahrungen und Ideen gut zusammenbringen konnten. Eine Straße und ein Club sind verschiedene Settings, aber das Ziel ist dasselbe: Menschen in Bewegung bringen, körperlich und emotional. Der Track musste funktionieren, wenn die Sonne brennt und 250.000 Menschen auf der Straße tanzen, und genauso in einem abgedunkelten Club um vier Uhr morgens. Diese Frage haben wir uns bei jeder Entscheidung gestellt. Wenn die Antwort ja war, haben wir es behalten.
Dr. Motte: Gute Techno-Musik funktioniert überall. Wir haben ja viel Erfahrung und können uns in die Situation hineinversetzen, wie die Hymne auf der Rave The Planet Parade klingen soll. Daran haben wir gearbeitet. Wir haben den Track inoffiziell natürlich auch schon vorher getestet und dann angepasst. Ich finde, „Imagine Love“ geht gut rein und hat einen guten Nachhall. Ich freue mich schon sehr, sie auf der Parade zu spielen.
Sämtliche Einnahmen aus dem Release fließen in die gemeinnützige Arbeit von Rave The Planet. Welche Bedeutung haben Musikveröffentlichungen wie die Hymne oder die Supporter Series inzwischen für die Finanzierung und Unabhängigkeit der Parade?
Tommahawk: Als Künstlerin ist es ein anderes Gefühl, Musik zu veröffentlichen, wenn man weiß, dass sie nicht einfach nur existiert, sondern aktiv etwas ermöglicht. Rave The Planet finanziert sich nicht durch Eintrittsgelder, sondern durch genau diese Art von Releases und durch Menschen, die an das glauben, wofür das Projekt steht. Zu wissen, dass ein Track, den ich mitproduziert habe, direkt dazu beiträgt, das zu erhalten, gibt der Veröffentlichung eine ganz andere Dimension.
Dr. Motte: Die Parade ist und bleibt als Demonstration für alle kostenlos zugänglich. Gleichzeitig ist die ganze Organisation sehr teuer und zeitintensiv. Da braucht es auch Unterstützung aus der Community, um sie auch langfristig möglich zu machen. Unsere Hymnen sollen auch helfen, dass die Parade in dieser Form stattfinden kann. Alles, was wir mit Rave The Planet tun, dient unseren gemeinnützigen Zielen. Die Finanzierung der Parade basiert auf vielen Bausteinen – u. a. Spenden, Merchandise, Musikveröffentlichungen und weiteren Unterstützungsformaten über das ganze Jahr hinweg.
Tommahawk, du hast bereits einen eigenen Track auf der Rave The Planet Supporter Series veröffentlicht. Wie hat sich deine Beziehung zu dem Projekt seitdem entwickelt – und was bedeutet es dir, nun die offizielle Hymne gemeinsam mit Dr. Motte produziert zu haben?
Tommahawk: Es ist eine riesige Ehre, und ich nehme das nicht als selbstverständlich. Schon die Veröffentlichung auf der Supporter Series hat sich sehr bedeutsam angefühlt, aber die Hymne gemeinsam mit Dr. Motte zu produzieren ist noch mal eine ganz andere Dimension. Zu sehen, dass der Track gerade zu einem der meistverkauften Tracks auf dem Rave The Planet Label auf Beatport wird, macht mich wahnsinnig stolz. Durch die Zusammenarbeit ist meine Verbindung zu diesem Projekt noch tiefer geworden, und ich freue mich schon jetzt riesig darauf, den Track am 15. August ganz laut auf der Parade zu hören und diesen Moment gemeinsam mit Motte, dem ganzen Team, meinen Freunden und natürlich euch allen zu erleben.
Ihr spielt beide auf Float Nummer eins und später bei der offiziellen Afterparty in der Columbiahalle. Wie unterscheiden sich die musikalische Energie und die Aufgabe eines DJs auf einer Demonstration von einem Set in einer geschlossenen Halle?
Tommahawk: Das ist ehrlich gesagt etwas, das ich erst weiß, wenn ich dort stehe. Es gibt kein Rezept, das sagt, draußen läuft es so und im Club so, denn jede Crowd und jeder Gig ist anders. Was ich sagen kann: Tagsüber, wenn die Sonne scheint und Menschen sich sehen können, spiele ich oft heller, genauso treibend, aber mit mehr Wärme. Im Dunkeln, in einem geschlossenen Raum, können sich Menschen noch mal anders fallen lassen, das spüre ich als DJ sehr deutlich. Am Ende entscheide ich immer intuitiv, höre auf mein Bauchgefühl und versuche, die Menschen mitzunehmen und auf eine Reise zu leiten. Vielleicht spiele ich mal denselben Track, aber dasselbe Set werde ich nie zweimal spielen.
Dr. Motte: Das sind für mich zwei sehr wichtige Gigs. Darauf bereite ich mich besonders vor. Auf der Rave The Planet Parade sind natürlich viel mehr Menschen, und es ist tagsüber an der frischen Luft. Das hat einen anderen Vibe. In der Columbiahalle ist das dann ein amtlicher Indoor-Rave. Wir haben dort ein richtig tolles Sound- und Light-Konzept von PAM/events entwickeln lassen, die ja auch schon für die Loveparade-Bühne an der Siegessäule verantwortlich waren. Das wird auf jeden Fall für uns alle ganz besonders werden.

Die Afterparty soll die Parade erstmals konsequent bis in die Nacht verlängern. Dr. Motte, du hast betont, dass in der Columbiahalle mit Sound, Licht und Bühnenbild ganz andere Möglichkeiten bestehen als auf der Straße. Was soll dort entstehen, das innerhalb der Parade nicht realisierbar wäre?
Dr. Motte: Auf der Straße entsteht die besondere Energie der Parade – offen, frei und mitten in der Stadt. In der Columbiahalle können wir dieses gemeinsame Erlebnis noch mal konzentrieren und künstlerisch weiterentwickeln. Dort haben wir die Möglichkeit, mit einer zentralen Bühne, sehr gutem Sound und besonderem Licht eine Atmosphäre zu schaffen, die unter freiem Himmel so nicht umsetzbar ist. Da eine eigene Bühne an der Siegessäule, wie früher bei der Loveparade, heute von der Betreiberin nicht mehr genehmigt wird, fehlt der Parade ein zentraler musikalischer Abschluss. Die Afterparty ist deshalb keine separate Veranstaltung, sondern die direkte Verlängerung der Parade bis in die Nacht. Mit DJ Rush, Nakadia, Teenage Mutants, Tommahawk, mir und Kay Barton als Support Act. Gleichzeitig trägt die Afterparty zur Finanzierung der gemeinnützigen Arbeit von rave the planet gGmbH und der Parade bei.
2026 liegt die letzte Berliner Loveparade genau 20 Jahre zurück. Ist das fünfte Jubiläum von Rave The Planet für dich, Dr. Motte, eher ein Moment des Rückblicks – oder vor allem der Beweis, dass aus der ursprünglichen Idee wieder etwas Eigenständiges und Zukunftsfähiges entstanden ist?
Dr. Motte: Da hat sich viel getan in der Zwischenzeit. Natürlich gehört der Rückblick dazu. Aber entscheidend ist für mich, was daraus im Hier und Jetzt entstanden ist. Mit der Rave The Planet Parade führen wir die Berliner Techno-Tradition der Loveparade fort und entwickeln sie zugleich eigenständig weiter. Wir feiern unsere Kultur, machen ihre gesellschaftliche Bedeutung sichtbar und zeigen, dass sie lebendig ist. Gleichzeitig demonstrieren wir weiterhin für ihre Anerkennung, ihren Schutz und ihren Erhalt. Das fünfte Jubiläum ist deshalb vor allem ein Zeichen dafür, dass aus der ursprünglichen Idee wieder etwas Zukunftsfähiges gewachsen ist. Für uns alle. Rave on, hands on.
Die Dokumentation „Love is Stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet“ begleitet den Weg von der historischen Loveparade zur heutigen gemeinnützigen Organisation. Wie war es, mehrere Jahre lang nicht nur öffentlich, sondern auch in internen Diskussionen und schwierigen Phasen von Kameras begleitet zu werden?
Dr. Motte: Das war eine besondere und manchmal auch ganz schön herausfordernde Erfahrung. Die Kameras waren nicht nur bei öffentlichen Momenten dabei, sondern auch dann, wenn wir intern gerungen, diskutiert oder Rückschläge verarbeitet haben. Dafür braucht es Vertrauen – und zwar auf beiden Seiten. Gleichzeitig war es eine tolle Chance, fast 40 Jahre Geschichte mit der Gegenwart zu verbinden und sichtbar zu machen, wie aus der Loveparade-Idee die heutige gemeinnützige Arbeit von rave the planet gGmbH entstanden ist. Mein Dank gilt Britta Mischer, den Beetz Brothers und allen Beteiligten für ihre Geduld, Ausdauer und den respektvollen Blick auf diesen langen Weg.
Euer FAZE Mix erscheint unmittelbar vor der Parade. Habt ihr ihn eher als gemeinsames musikalisches Statement zu „Imagine Love“ konzipiert, als Vorgeschmack auf eure Sets am 15. August oder als eigenständige Reise – und was verrät der Mix über euren jeweiligen Blick auf Techno?
Tommahawk: Mein Mix ist ein bisschen von beidem. Er gibt einen Einblick in das, was am 15. August passieren wird, aber er ist trotzdem eine eigenständige Reise. Für mich ist ein Set nie einfach eine Abfolge von Tracks, es ist immer ein Bogen. Ich versuche, Menschen mitzunehmen und durch die Musik zu leiten, mal zu tragen, mal herauszufordern. Wer den Mix hört, versteht meinen Blick auf Techno wahrscheinlich besser als jede Beschreibung. Und der 15. August wird zeigen, was passiert, wenn 250.000 Menschen Teil dieser Reise werden. Ich freue mich jedenfalls schon riesig, und sage: bis bald an alle, die das hier lesen und am 15. August mit dabei sind!
Dr. Motte: Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen. Der Mix ist für mich ein kleines Sternchen im großen Kosmos des Techno-Universums. Ich mache mir vorher viele Gedanken darüber, welche Atmosphäre entstehen und wie sich die Dramaturgie entwickeln soll. Dabei treffen Klassiker auf aktuelle Tracks. Natürlich spürt man darin auch meinen Blick auf „Imagine Love“ und einen Vorgeschmack auf mein Set bei der Parade. Aber im Mittelpunkt steht die aktuelle Reise selbst. Lasst euch überraschen (lacht).
Aus dem FAZEmag 174/08.26
Text: Triple P
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