
Aus dem legendären Tresor in der Leipziger Straße hervorgegangen, führt der Club seit 2007 im ehemaligen Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße seine Geschichte fort. Der namensgebende Keller, erreichbar über einen 30 Meter langen Tunnel, steht für kompromisslosen Techno, während der Globus-Floor Raum für House und verwandte Spielarten bietet. Tresor-Gründer Dimitri Hegemann und Jonas Münch, Kurator der das auf Talente fokussierte „New Faces“-Programm kuratiert, liefern Einblicke.
Woran erkennt ihr heute Artists, die wirklich zum Club passen?
Nichts ist monokausal, wer zum Club passt, entscheidet sich sehr organisch. Meist zeigen Künstler durch authentische Entscheidungen selbst, ob unsere Vorstellungen zusammenpassen. Wichtig ist, dass ein Weg nicht von Egoismus, sondern von Respekt gegenüber der Kultur und ihren Mitwirkenden geprägt ist. Wer ihre Geschichte und Werte versteht, entwickelt ein Gefühl für Verantwortung. Diese Haltung ist wichtiger als kurzfristiger Erfolg.
„New Faces“ und eure Residencies zeigen, wie wichtig euch die Förderung des Nachwuchses ist. Dennoch empfinden viele den Markt als übersättigt. Wie stehen diese Aspekte im Verhältnis?
Wir betrachten Subkultur nicht als übersättigten Markt, sondern eher als sprießenden Garten. Es geht um Erhalt und Weiterentwicklung von Clubkultur und die Werte dieses Kosmos. Aufstrebende Künstler, welche sich mit unserem Verständnis decken, sind immer willkommen und werden von uns unterstützt. Gleichzeitig wollen wir aber auch aufrichtig sein: Wir stehen immer im kreativen Austausch mit den Artists, versprechen aber von unserer Seite keine garantierte Karriere. Die Entwicklung eines künstlerischen Weges braucht Zeit, Ausdauer und die richtigen Umstände.

Die Geschichte des Tresor ist mit einer irren Nostalgie aufgeladen. Gleichzeitig verändern Internet und Technologie die Technokultur immer mehr. Wie bewahrt man sein Gesicht, ohne aus der Zeit zu fallen?
Sich treu zu bleiben, heißt nicht, sich vor Fortschritt zu verschließen. Man adaptiert, was sinnvoll ist, bleibt flexibel und entwickelt sich weiter, ohne die eigene Identität zu verlieren. Ein Club ist für uns mehr als ein Ort oder Konzept. Er besitzt eine eigene Seele, die man spürt oder eben nicht. Unsere Philosophie gründet auf Offenheit, Respekt, Vielfalt und Wertschätzung. Technologien und Ideen, die das unterstützen, nehmen wir gerne an.
Dimitri, du bist sehr engagiert, was die Erhaltung und Förderung der Berliner Clubkultur betrifft. Was bewegt dich momentan besonders?
Unsere Bildungseinrichtung Academy of Subcultural Understanding ist mein Herzensprojekt. Damit möchten wir Wissen, Erfahrungen und Haltungen weitergeben. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die Kultur nicht nur konsumieren, sondern aktiv gestalten. Gute Kulturtreibende, Kuratorinnen und Programmverantwortliche sind die Grundlage lebendiger Clubkultur. Unsere Vision reicht dabei über den eigenen Club hinaus. Wir wünschen uns in jeder Kleinstadt Orte wie das OHM: unabhängige, mutige Clubs mit klarer Identität und anspruchsvollem Programm. Entscheidend sind nicht Architektur, Technik oder Ruf, sondern Inhalte und Menschen.
Fast vergessen, alles Gute zum 35. Geburtstag nachträglich! Solche Jubiläen werden ja stets bejubelt und glorifiziert. Was nimmt man von solchen Anlässen mit?
Mit der Zeit lernt man, Erfolge anders einzuordnen. Auch ein Club entwickelt sich in Wellen. Die Resonanz von außen zeigt uns, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird, unsere Werte Bestand haben und wir auf dem richtigen Weg sind. Wir freuen uns darüber, dass wir nach all den Jahren noch da sind. Stolz macht uns dabei aber nicht die Jahreszahl, sondern dass unsere Arbeit bei Menschen weiterhin Resonanz findet. Dafür sind wir dankbar.
Aus dem FAZEmag 174/08.26
tresorberlin.com