Deutschland steht für Techno wie kein anderes Land weltweit. Ihren Beitrag dazu geleistet haben nicht nur legendäre Künstler, die den Begriff Techno auf allen Kontinenten bekannt gemacht haben, sondern auch Clubs, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus für feuchte und sehnsüchtige Techno-Augen gesorgt haben. Aktuell spricht natürlich so gut wie jeder Techno-Aficionado über das Berghain. Aber es gab eine Zeit, in der war das U60311 – Fans nannten es liebevoll kurz „U“ – das Maß aller Techno-Dinge und -Träume. Der Frankfurter Club am Roßmarkt hat unzählige rauschende Feste und unzählige Superstar-DJs kommen und gehen sehen. Dann war der Club zu – unvorstellbares Grauen für die hessische Techno-Community und alle Techno-Fans im In- und Ausland. Aber die Idee des „U“ starb ebenso wenig wie seine Faszination. Vereinzelt gab es U60311-Events in Off-Locations, aber die Sehnsucht der Fans konnte damit nicht gestillt werden. Jetzt, im Frühjahr 2020, gibt es großartige Nachrichten für alle Fans des „U“.


Jeder, der sich für Techno in und aus Deutschland interessiert, kennt das Logo und – zumindest – Teile der Geschichte des U60311. Aber wie genau fing alles an damals? Wir haben in den Archiven gekramt, alte Fotos zutage gefördert und mit den Machern des „U“ gesprochen. Angefangen hat also alles in den 1990er-Jahren, als die Frankfurter Nightlife-Legende Ralf Rainer Ryqulla – damals der Geschäftsführer des Cookies – die Idee hatte, aus der alten Fußgänger-Unterführung am Roßmarkt in Frankfurt einen Technoclub zu machen. Die Umsetzung dieses kühnen Plans brachte ihm 1999 sogar den Architekturpreis ein, der ihm persönlich vom damaligen Bundespräsidenten in Berlin überreicht wurde. Die Macher erinnern sich gerne an die Eröffnungsparty zurück. „Als 1998 Fatboy Slim die offizielle Eröffnungsparty gespielt hat, nahm die Geschichte ihren Lauf. Besser kann man sich den Start eines Clubs nicht wünschen, denn bereits die erste Party war legendär. Viele heutige Weltstars wurden Residents, darunter Carl Cox, Paul van Dyk, Sven Väth, Chris Liebing und viele, viele andere.“

Das U60311 erhielt in den Folgejahren eine Auszeichnung nach der anderen und erreichte in den Jahresumfragen der damaligen Szene-Magazine Raveline und Groove regelmäßig den ersten Platz. Einen ersten Schicksalsschlag erlitt der Club 2002, als bei der Cocoon-Party von Sven Väth Razzien der Polizei und der amerikanischen MP durchgeführt wurden. Zum Glück half Sven Väth mit, Schlimmeres zu verhindern; mit einem Megafon forderte er die Raver auf, ins damalige Sam & Lords weiterzuziehen, um eine Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden. Die Stimmung im U60311 war stets von einem freundlichen, friedliebenden Vibe gekennzeichnet, wie sich die Macher gerne erinnern. „Das ‚U‘ hat jedem dieses ganz besondere Gefühl von Familie vermittelt. Jeder kannte jeden und alle waren füreinander da – und das ist genauso gemeint. Egal, was ein Gast außerhalb des Clubs gemacht oder wie viel er verdient hat, im ‚U‘ waren wir eine Einheit, die zusammen gefeiert hat, und das zu Tausenden. Wir haben uns schon von Beginn an als Jugendkultur gesehen und auch aus diesem Grund immer wieder neu erfunden und weiterentwickelt. Deswegen waren wir auch bei unserer Zielgruppe der 18- bis 24-Jährigen immer angesagt – und sind es, wenn wir uns unsere Facebook-Fans anschauen, immer noch. Auch wenn unsere Follower natürlich älter geworden sind.“

Bis zur Schließung des U60311 im Jahr 2013 wurden nicht nur im Club am Roßmarkt, sondern auch in einer anderen besonderen Location wilde Partys gefeiert. So haben die Macher des „U“ 2009 den Hafentunnel wieder aufleben lassen und damit ein Zeichen gesetzt für eine wundervolle Ausgehkultur, die in Frankfurt damals möglich war und hoffentlich immer noch ist. Knapp 30 000 Raver sind dem Ruf gefolgt – unter den DJs war ein damals noch kredibiler House-DJ namens David Guetta, der „sehr überrascht von der Tatsache war, dass es so was wie das ‚U‘ auf dem Planeten überhaupt noch geben kann“. 2010 wurde das U60311 vom DJ MAG UK zum Club Nummer 88 der Welt gewählt, was damals einer Sensation gleichkam, denn Club-Tourismus gab es zu dieser Zeit – von Ibiza einmal abgesehen – noch nicht. Im Laufe des 15-jährigen Bestehens spielten regelmäßig DJs wie Paul van Dyk, Carl Cox, Chris Liebing, Sven Väth, Adam Beyer, Ida Engberg, Marco Bailey, Gayle San, Karotte oder auch The Disco Boys im „U“ als U60311-Residents. In einer so langen Club-Geschichte passieren jedoch nicht nur positive Dinge, was die tragischen Vorfälle im April 2011 belegen. Die Macher erinnern sich. „Leider gehört auch die Tragödie im April 2011 zu unserer Geschichte, als nach einer zuerst verbalen Auseinandersetzung zwischen einem Türsteher und einem Besucher aus England die Situation außer Kontrolle geriet. Der britische Gast wurde durch das völlig inakzeptable und über die Maßen gewalttätige Verhalten der Security-Leute schwer verletzt und verstarb später. Das darf nie wieder passieren. So werden wir in der Zukunft sehr eng mit der Stadt Frankfurt, dem Ordnungsamt und der Polizei zusammenarbeiten, um jedwede Gefährdung von Gästen, aber auch Türstehern zu verhindern. Wir werden uns mit den Instanzen zusammensetzen und uns bei der Wahl der Security beraten lassen. Eine Tragödie wie diese darf nie wieder passieren.“

Aber was wird die Zukunft bringen? Das U60311 plant einen umfangreichen Neu-Start bzw. eine Reanimation. Und das genau ist geplant: Im März werden ein großer Merchandise-Shop unter www.U60311.net und das U60311-Label an den Start gehen. Aber Stopp, wir sprechen nicht nur von einem Label, sondern vom Hauptlabel und zwei Sublabels, die zukünftig als U60311 Recordings, U60 Recordings und 311 Recordings in den einschlägigen digitalen Shops und Streaming-Diensten zu finden sein werden. Im Einzelnen heißt das: Mit dem Hauptlabel U60311 Recordings wird das Label vorwiegend die von früher bekannten und beliebten Mix-Compilations veröffentlichen, für die, wie auch schon früher, namhafte Artists verantwortlich zeichnen werden. Darüber hinaus sind auf dem U60311-Label halbjährlich Einzeltitel-Compilations mit aufstrebenden und bereits bekannten Künstlern geplant. Auf dem U60-Recordings-Label geht es technoid zu. Hier können wir uns auf Techno-Releases in Form von Singles, EPs und Alben freuen, wobei bei besonders namhaften Künstlern auch CD- und Vinyl-Releases geplant sind. Mit dem 311-Recordings-Label widmen sich die Macher der Musik des altbekannten zweiten Floors. Hier stehen Genres wie Tech-House, Deep House und Melodic Techno im Vordergrund. Es gilt: Demos können ab sofort angeboten werden; die Titel müssen unveröffentlicht und ungemastert sein. Alle Titel dürfen noch nicht online zum Hören oder Streamen zugänglich gemacht worden sein und müssen zwingend als downloadfähige WAV-Files als Premaster – keine mp3s – übermittelt werden. Zusätzlich wird darum gebeten, keine Datei-Anhänge zu senden, sondern z. B. die SoundCloud-Hidden-Track-Funktion oder Playlist-Option zu nutzen und diese downloadfähig zu machen. Eine kurze Künstlerinfo und weiterführende Links sind sehr gerne gesehen. Alle, die sich jetzt angesprochen fühlen, senden ihre Demos direkt an demo@u60311.net!

Als besonderer Service startet auch zeitgleich der U60311-Promo-Pool, für den sich DJs und Presse unter label@u60311.net bewerben können. Für das Label-Management wurde ein kompetenter kreativer Kopf gefunden, der unter anderem schon auf TRAUM Schallplatten und Axis Red Releases vorzuweisen hat und als studierter Audio Engineer das notwendige Gespür mitbringt, um den zukünftigen Sound der U60311-Labels zu lenken.

Und auch der große Merchandise-Shop unter www.U60311.net wird es in sich haben: Shirts, Hoodies, Caps – euch erwartet eine Neuauflage der damals so angesagten Styles sowie coole Accessoires und Give-aways. Wir sagen nur: U – US – USE – USER. Apropos damals, die Macher haben Original-Shirts aus alten Zeiten gefunden, die sie euch mitsamt einer Goodie-CD anbieten möchten. Ein regelmäßiger Blick auf die Social-Media-Kanäle von Instagram und Facebook lohnt sich also, denn dort erfahrt ihr nicht nur, was sich die Macher für euch ausgedacht haben, sondern auch, wann es die ultimativen U60311-Styles zu haben gibt. Lasst euch überraschen!

Aber widmen wir uns wieder der Musik und den Veranstaltungen. Im November sind Off-Location-Partys in Frankfurt geplant, es wird eine U60311-Tour in den coolsten Clubs Europas geben und in fünf Jahren soll der neue Club U60311 eröffnen. „Dieser Club, und da sind wir uns sicher, wird alles mitbringen, was es braucht, um wieder einer der Top-100-Clubs der Welt zu werden. Derzeit sondieren wir diverse Angebote für eine ständige Location, aber auch große Räumlichkeiten für die Off-Location-Partys. Das ,U‘ war schließlich immer schon eine Nummer größer und wird es wieder. Das U60311 war Kult und soll es wieder werden: offen, urban, modern.“ Aber jeder weiß, es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Darum wird aktuell ein Kinofilm produziert, der den bezeichnenden Titel „U60311/What A Rave“ trägt und in Bälde das Licht der Kinowelt erblicken wird.

Doch bei aller Vorfreude sollten wir nicht die Augen vor der Realität verschließen. Es gibt immer weniger gute Clubs in Deutschland, das Clubsterben nimmt rasant zu. Das hat mehrere Gründe, aber die längere Festival-Saison und die explodierten Gagen sind wichtige Faktoren. Auf die Frage, wieso dennoch ein neues U60311-Domizil gefunden werden soll, antwortet das Team: „Wir sind davon überzeigt, dass sich gerade in Frankfurt ein elektronischer Club mit hohem Anspruch durchsetzen wird. Ja, es stimmt, manche Clubs sind in große Bedrängnis geraten, und das hat mehrere Gründe. Zum einen hängt das mit der immer länger werdenden Festival-Saison zusammen, zum anderen hat sich auch die Ausgehkultur der Leute verändert. Aber die Qualität unseres Projektes, nicht zuletzt durch das Alleinstellungsmerkmal in Frankfurt mit seiner musikalischen Ausrichtung, wird sich durchsetzen. Es gibt Tausende, die auf einen elektronischen Club, so wie wir ihn planen, sehnsüchtig warten. Das belegt auch die große Fanschar in den sozialen Medien.“

Das klingt sehr zuversichtlich, obschon die jüngste Vergangenheit wenig Anlass zur Freude bietet. Frankfurt, für viele nicht weniger als die Geburtsstätte von Techno, hat viele große Momente erlebt. Aktuell ist die Main-Metropole aber sehr irrelevant, wenn man sich die deutsche Club-Szene anschaut, was die U60311-Macher nicht bestreiten. „Mit der Schließung des U60311 und des Cocoon-Clubs ist eine lange Frankfurter Ausgeh-Tradition verschwunden. Wir denken da vor allem an das Dorian Gray und an das Omen. Auch wenn jetzt viele Berliner lachen dürften: Frankfurt ist die Geburtsstadt des Techno – danke, Talla! Und es stimmt, heute ist die Stadt tot, wenn es um diese Musik geht. Abgesehen von seltenen Events, bei denen doch mal ein A-Liga-DJ wie Sven Väth oder Laurent Garnier in Frankfurt spielt. In Frankfurt ist sie gestorben und in anderen Städten wie Berlin gewachsen. Weltweit gesehen wird unsere Kultur jedoch immer größer und auch nach Frankfurt muss der Techno wieder zurückkommen. Dafür möchten wir einstehen, denn Frankfurt hat großes Potenzial.“

Dass dies mehr als eine Wunschvorstellung ist, muss sich in der nächsten Zeit herausstellen. Und auch, ob die damals transportierten und heute oft als reaktionär verschrienen Werte wie „Love, Peace & Unity“ auf das Hier und Jetzt übertragbar sind, wird zu überprüfen sein. Die Motivation der U60-Macher ist auf jeden Fall vorhanden. Und auch ihre Definition von Techno klingt sowohl traditionell als auch zeitgemäß. „Wir sagen: Techno ist Familie. Schaut nicht auf das, was jemand darstellt. Alle sind gleich, alle feiern zu ausgesucht guter Musik. Und das friedlich! Es geht uns um dieses ganz spezielle Gefühl, das elektronische Musik und vor allem Techno mit sich bringt. Techno ist weit mehr als gute Musik, Techno ist eine Lebenseinstellung.“

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Kurz und knapp

Das U60311-Team über …

… DJ Rush: Als er live im Club „Get On Up“ gesungen hat, war es unglaublich intensiv. Auf YouTube findet man das noch.

… Karotte und Luciano: Die Stimmung an Karottes Geburtstag, als Luciano 30 Minuten ohne Bass aufgelegt hat und das ganze Publikum komplett ausgerastet ist, als Luciano den Bass wieder reingedreht hat. Es war wie im Fußballstadion, wenn die Eintracht spielt.

… Chris Liebing: Chris hatte seine Freitagsresidency im „U“. Unvergessen, wenn er zum Start ins Feierweekend mit seinem markanten Lächeln verkündete: „Es ist Freitag Aaabend!“

… Carl Cox: Einmal im Jahr kam Carl Cox vorbei und rief „Oh yes, oh yes“ durch den Club. Großartig.

… Sven Väth: Nach dem Omen und vor dem Cocoon Club gab es die legendären Cocoon-Club-Nächte im U60311, bei denen der Schweiß von der Decke tropfte.

… Paul van Dyk: Auch Superstar Paul van Dyk kam einmal im Jahr zu Besuch. Darüber freuten sich nicht nur die Gäste, sondern auch die ganze Belegschaft, da der damalige U60311-Booker und Paul auch privat verbunden waren.

… Rave-Tourismus: Als unsere Homepage online ging, waren wir der erste Club mit einer eigenen Homepage. Als uns dann Fans aus der ganzen Welt geschrieben haben, war das ein besonderer Moment.

Drogen: Nicht wenige Raver nehmen Pillen und anderes. Aber nicht bei uns! Bei der Eindämmung und Ahndung von Drogenkonsum werden wir auch den Rat von allen relevanten Instanzen der Stadt Frankfurt in Anspruch nehmen und konsequent dagegen angehen.

 

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Sven Schäfer
Fotos: Ernst Stratmann