Dieses Jahr hatte das Flow mit einigen schlechten Nachrichten im Vorfeld zu kämpfen, so sagten einige Künstler ab, Bobby Womack wegen seiner Krebserkrankung oder Hudson Mohawke, der seine ganze Tour cancelte. Kurzfristig kam dann die Hiobsbotschaft, dass Frank Ocean, immerhin Headliner am Freitag, auch nicht kommen konnte. Vorweg genommen: Es hat der Freude am Festival nicht geschadet. An den drei Festivaltagen kamen jeweils bis zu 20.000 Menschen auf das Gelände, was eine weitere Steigerung zum vorigen Jahr darstellte.
Die schöne Vorabshow von Bon Iver am Mittwochabend  begeisterte auch Menschen, die mit dem Songwriter gar nicht soviel anzufangen wussten, bevor er sie live überzeugen konnte. Durch geschickte Anordnung von Bühnendeko wurden die Visuals gut auf das Songmaterial abgestimmt.

Der Freitag: von Miike Snow bis Caribou
So richtig los ging es dann am Freitag, nach einer Einstimmung mit finnischen Freunden ging es zu Miike Snow, der eine sehr überzeugende Performance ablieferte. Die Kollegen fanden die Show mit die Beste vom ganzen Festival. Von Lykke Li, die eine der Publikumsmagneten war, ging es zum Soulsänger Charles Bradley im Blue Tent. Der Sound war etwas wenig filigran, aber insgesamt hat das Konzert viel Spaß bereitet. Beim Auftritt von Oneohtrix Point Never ließ man uns leider lange vorm Gebäude warten, so dass wir nur noch die letzten Minuten mitbekamen. Schön jedoch, dass auf einem Festival dieser Größenordnung auch Acts Gehör finden, die Musik machen, zu der man sitzend ein Konzert genießen kann. Goodiepal hielt an gleicher Stelle am Sonntag einen Vortrag über seine Radtour und ökologisches Handeln in der DJ- Szene, was stellenweise recht amüsant war.

Four Tet und Caribou brachten uns dann abschließend im Black Tent zum Tanzen, hier sah man mal wieder, dass man auch mit intelligenten Tunes Menschen in großer Menge in Bewegung versetzen kann. Leider mussten beide schon um 1 Uhr aufhören, denn das Festival hat leider strenge Auflagen der Stadt bekommen. Open Air Bühnen mussten um 1 Uhr schließen, in den Hallen war um 2 Uhr Schluß. Zappenduster halt und schade um die verpasste Chance, ein wenig mehr Partystimmung aufkommen zu lassen.

Der Samstag: Soul mit Nicole Willis, Black Keys und Pinch
Samstag nachmittag begann mit dem Soul von Nicole Willis, eine schöne Show auf der Hauptbühne, die mitunter einen besseren Sound verdient hätte. Kurz mal vorbei geschaut bei Awesome Tapes from Africa auf der Wastelands- Bühne, die kreisrund angelegt war mit den Künstlern in der Mitte. Diese Bühne wurde im Allgemeinen sehr gut angenommen, wie sich auch Sonntag zeigen sollte. Die tiefen Bässe kamen dann bei Horace Andy und seiner Begleitband zu ihrem Recht, eine routinierte Veranstaltung bei passend strahlendem Sonnenschein. Natürlich durfte auch das Massive Attack Stück „The Big Wheel“ dabei nicht fehlen. Ein Höhepunkt war der Auftritt von Nicolas Jaar, der zwar auf seine größten Hits verzichtete, aber ansonsten eine tolle Show bot, die meiste Zeit in Nebel und blaues Licht getaucht. Die Finnen feierten ihn dementsprechend ab.

Die Headliner an diesem Tag waren die Black Keys, die zwar gut ab rockten, aber doch mit erheblichen Soundproblemen zu kämpfen hatten. Ein großer Teil des Publikums musste mit sehr bassarmen Lauten aus den Speakern leben, bei einer Band, die auch von ihrem druckvollen Sound lebt, ging ein Großteil des Vergnügens leider flöten. Wir teilten uns danach auf. Mein persönlicher Held der Nacht war Pinch ab Mitternacht, der ein äußerst abwechslungsreiches Set hinlegte und sich den diversen Spielarten zeitgenössischer Bassmusik widmete. Die Rundum- Visuals machten diese Zeit zu einem Erlebnis nicht nur fürs Ohr.

Bei den Chromatics im Black Tent war es sehr voll, man hatte Mühe, rein oder wieder raus zu kommen. Die Band rockte straight durch und brachte die Meute zum Kochen. Krönender Abschluss war eine tolle Coverversion des Kate Bush- Songs „Running up that Hill“.

Von Skweee bis Björk – Am Sonntag kam die Sonne raus
Sonntag nachmittag ging es weiter mit Daniel Savio, dem schwedischen Produzenten und Protagonisten der nordeuropäischen Skwee-Szene. Sein Set, dass er  hauptsächlich mit seinen eigenen Produktionen bestritt, war vielfältig und gut. aber das anwesende Publikum chillte lieber auf der Wiese vor der Lounge herum. Ein kurzes Interview mit ihm folgt am Ende dieses Berichts.

Pepe Deluxe wiederum trafen auf eine interessierte Masse, aber sie haben natürlich auch ein Heimspiel im Blue Tent. Die großflächigen Visuals  im Stil der 60er Science Fiction Filme begleiten die rockende Elektropopshow, bei der auch mal die E-Gitarre mit einem Bogen bearbeite wurde. Beim letzten Song wurde dann noch das sensationelle Theremin, dem russischen elektronischen Instrument, mit dem einst die Sowjets mit den Außerirdischen kommunizieren wollten auf die Bühne geholt.Bei Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou sah man nur noch Hüte, so voll war die Open Air- Tanzfläche auf der Wastelands-Bühne. Mit Calypso-Rhythmen und afrikanischen Trommeln unter der beleuchteten Kugel der Wastelands-Bühne macht das Tanzen ja auch doppelt Laune.

Björk lieferte den fulminanten Abschluss mit Frauenchor und einem schlangenartigen Kostüm, das im Dunkeln durch Glühbirnen illuminierte, überzeugte sie wieder mit wahnsinnigen Visuals und einer Stimme, die nicht von dieser Welt ist. Björk wirkt vor allem auf Open Air Bühnen im Sonnenuntergang – der Himmel ist die die beste Halle für diese gewaltige Stimme, die zerbrechlich-rauh, als auch kraftvoll und trotzdem gläsern klingen kann. Vor der Kulisse des Sonnenuntergangs am schönsten Abend des Flows eine großartige Impression. Die Show war wie ein Film – inspiriert von organischem Sound und mit einer schönen Pyro-Einlage.

Fazit: Ein abwechslungsreiches Festival, das straff und insgesamt gut organisiert war. Besonders spektakulär ist das Gelände am Abend, wo die grauen Industriegebäude mit intelligenter Lichtdeko ausgeleuchtet werden. So kann man auch aus einer etwas trostlosen Gegend eine warme Atmosphäre entstehen lassen. Einziger Wermutstropfen: Mitunter hätte ein wenig mehr Extase beim Publikum nicht geschadet, vielleicht war der Alkohol zu teuer oder es wurde zu früh beendet.  Ansonsten habe ich auf einem Festival selten eine so hohe Qualität an progressiver Musik geboten bekommen. Ein dickes Lob an das Booking soll an dieser Stelle nicht fehlen. Einen Star wie Frank Ocean, der aus fadenscheinigen Gründen seine Tour cancelt, hat das Flow gar nicht nötig.

 

Ein gut gelaunter Schwede und der Skweee-Sound
Bei strahlendem Sonnenschein traf ich auf den noch etwas müden schwedischen Produzenten Daniel Savio, der dennoch gut gelaunt meine Fragen beantwortete. Er gilt als derjenige, der den SKWEE- Sound populär gemacht. Skwee steht für das Quietschen, das beim Produzieren der abwechslungsreichen Bass-Tunes mitunter als Element auftaucht.

Du wirst als einer der Erfinder des nordeuropäischen Skweee–Sounds dargestellt. Magst Du deine Sicht der Entwicklung kurz schildern?
Die Behauptung, dass ich den Stil erfunden habe, ist nur zur Hälfte wahr. Wir waren eine Reihe von Produzenten, und irgendwann brauchte das Ding einfach einen Namen. Aber diese Art von Musik haben auch schon andere vor mir gemacht.

Siehst du dich in einer Tradition von Musik, z.B. in einer Reihe mit den Anfängen von Warp oder Ninja Tune?
Auf die Weise denke ich nicht. Klar habe ich meine Einflüsse gehabt, aber ich sehe mich nicht in einer Linie. Was man festhalten kann, ich bin über Hiphop überhaupt zum Musikmachen gekommen.

Wo Du gerade von Einflüssen gesprochen hast, was sind diejenigen, die dich am wesentlichsten geprägt haben? Wer hat dich inspiriert bzw. tut es heute noch?
Afrika Bambataa zum Beispiel, dieser ganze elektronische HipHop-Kram, Funk hat mich auch geprägt, aber auch Klassisches wie Wagner. Bei mir muss es düster, aber auch voller Soul sein. Generell kommen werde ich aber weniger durch andere Musik inspiriert,das passiert mehr durch meine persönlichen Erfahrungen.

Was denkst du über das Flow und finnische Festivals allgemein?
Ich bin zum ersten Mal hier als Performer, kann sein, dass ich schon mal als Gast hier war. Aber seit 2005 bin ich mindestens einmal im Jahr in Finnland auf Festivals, hier haben elektronische Acts einen höheren Status als z.B. in Schweden  In Schweden regiert auf Festivals leider immer noch die Rockmusik, es ist fast wie eine Mafia (lacht). Außerdem gibt es eine lange Verbindung von Schweden nach Finnland, was meine Musik angeht. Ich habe einige Freunde hier.

Legst du gerne auf Festivals auf?
Es macht mehr Spaß im Club, wo die Leute eher tanzen. Bei einer Open Air Geschichte wie hier sitzen die Leute eher rum. Generell habe ich aber wenige Erwartungen an das Publikum, ich bediene es in dem Sinne nicht, ich spiele, was ich möchte. Wenn es Ihnen gefällt, freue ich mich natürlich trotzdem.

Und was steht so in den nächsten Monaten bei Dir an?
Ich habe das Gefühl, ich bin immer noch auf einem Weg, auf dem das beste Stück noch kommt. Ich bin noch lange nicht auf dem Höhepunkt meines Schaffens.

Daniel Savio (Dødpop Records) 2012
www.flowfestival.com/en 

Text & Foto: Tobi Kirsch