Nachdem der gebürtige Brasilianer Rodolfo Abrao Wehbba sein Debüt auf Drumcode bereits 2017 mit einem Feature zu „Fake“ auf der „A-Sides Vol. 6“-Compilation gefeiert hatte, kehrt er nun mit einer LP zu dem schwedischen Label zurück. Unter dem Titel „Straight Lines And Sharp Corners“ erscheint am 9. März das neue Album von Wehbba, mit dem er nicht nur sein bisheriges Leben als Künstler reflektiert, sondern auch ein Bild voller Hingabe an sein Handwerk zeichnet.


Dein Debütalbum „Full Circle“ liegt nun zehn Jahre zurück. Wie hat sich dein Sound seitdem verändert?

Ich denke, dass „Straight Lines And Sharp Corners“ dringend nötig war, als eine Art Reflexion darüber, was all diese Erfahrungen der letzten Jahre für mich bedeuten und wie ich mich weiterentwickeln werde. Auf meinem ersten Album ging es darum, mich selbst zu präsentieren, es ging um Ausdruck. Als etablierter und erfahrener Künstler, der viel mehr Klarheit und eine reifere Technik besitzt, konnte ich dieses Album nach dem Bild gestalten, wie ich wirklich bin. Ich habe versucht, den Zuhörer zu berühren, indem ich eine reine Reflexion meines kreativen Prozesses zeige, anstatt zu versuchen, einen Eindruck zu hinterlassen. Ich denke, dass dieser Ansatz entscheidend für den Klang des Albums im Vergleich zu meinen früheren Werken ist.

Nun hast du mittlerweile zahlreiche Produktionen mit hochkarätigen Künstlern hinter dir. Wie wichtig ist dir die Verbindung zu jungen Künstlern?

Ich denke, jede Verbindung zwischen Künstlern – egal, ob jung oder schon erfahren – ist wesentlich, um die Maschine am Laufen zu halten. Alle profitieren davon, sowohl wir Künstler als auch das Publikum. Selbst wenn es eine schlechte Erfahrung wird, ist es eine Chance, zu lernen und dieselben Fehler später zu vermeiden. Ich bin immer offen, über verschiedene Produktionstechniken online oder persönlich zu sprechen, in jeder Situation. Ich bin auf diese Weise in die ganze Sache eingestiegen und habe mich deshalb immer dafür verantwortlich gefühlt, Wissen zu teilen.

Gibt es Künstler, mit denen du in Zukunft gerne noch zusammenarbeiten möchtest?

Wow, das sind ziemlich viele! Ich bin stets aktiv auf der Suche nach anregenden, interessanten oder unerwarteten Kooperationen – so sind die meisten, die ich bisher gemacht habe, zustande gekommen. Dass ich mit einigen meiner Lieblingskünstler wie DJ Deeon, Scuba und David Carretta zusammenarbeiten konnte, und das in ein und demselben Jahr, kommt mir irgendwie surreal vor. Ich hoffe irgendwann einmal auf eine Session mit Adam Beyer, um die Essenz dessen zu erfahren, wofür Drumcode steht – direkt von der Quelle! Das wäre sehr wichtig.

Welchen Einfluss haben deine Podcasts auf deine Produktionen?

Es ist leicht, sich zu verfangen und seinen Sound ziemlich radikal zu verändern, wenn man nur auf Tournee ist und Dinge spielt, die auf jeder Tanzfläche gut funktionieren. Ich glaube, dass ich mich durch die Podcasts wieder mit einer aufgefrischten Sichtweise auf meine Musik konzentrieren konnte, und bin seit dem „RE:Mote“-Podcast viel scharfsinniger geworden.

Wo fühlst du dich wohler: auf den großen Festivalbühnen der Welt oder in Clubs?

Ich denke, Gigs in Clubs unterscheiden sich deutlich von denen auf Festivals. Bei Club-Shows ist die Verbindung direkter, das Feedback des Publikums ist unmittelbar und wenn du ein guter DJ bist, wird das Publikum das aufgreifen und dein Set auf die ein oder andere Weise leiten. Bei Festivals ist es eine weniger direkte Erfahrung, das Publikum ist normalerweise größer und vielfältiger, sodass die Reaktionen in den verschiedenen Bereichen der Tanzfläche sogar radikal variieren können. Die große Bandbreite an Künstlern, die vor und nach dir spielen, sorgt ebenso für Variation. Alle versuchen, einem vielfältigen Publikum zu gefallen, sodass es eine Menge an Variablen zu beachten gilt, die sich letztlich deiner Kontrolle entziehen. Das ist interessant, denn was dann wirklich zählt, ist, wie man sein eigenes Ding präsentieren kann, ohne dass die Verbindung zum Publikum abbricht. Letzten Endes bin ich von beidem gleichermaßen angetan!

„Straight Lines And Sharp Corners“ – wo finden wir die klaren Linien und scharfen Kanten in deinem Leben?

In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, Künstler zu sein. Wir alle sind in der ein oder anderen Hinsicht in uns gefangen und schaffen in unserer sozialen Interaktion kleine Fluchtwege, die unser Verhalten und die Art, wie wir uns präsentieren, bestimmen. Das gilt auch für Künstler. Wenn man zu sehr auf die Außenwelt achtet, vergisst man am Ende sein eigenes Wesen und macht zu viele Zugeständnisse an aktuelle Trends. In der Zeit von Social Media ist es besonders leicht, in diese Falle zu tappen. Bei „Straight Lines And Sharp Corners“ geht es genau um diese Kontraste und darum, wie sich schlussendlich alles zu einer Form verbindet.

Welche Auswirkungen hatte der Umzug nach Barcelona auf dich?

Der Umzug nach Barcelona war das Beste, was ich tun konnte. Ich konnte mich selbst und meine Arbeit viel freier erkunden. Es ist eine unglaublich inspirierende Stadt mit großer Lebensqualität. Für mich hat sie die perfekte Balance zwischen Kunst, Kultur, Küche und „Chill-Faktor“. In Brasilien zu sein, bedeutete für mich, über größere Entfernungen reisen und länger für Touren unterwegs sein zu müssen und somit weniger Zeit im Studio verbringen zu können.

Im Rahmen der Kreation deines neuen Albums hast du dich viel mit Antonio Gaudi auseinandergesetzt. Gibt es Orte in Barcelona, z. B. den Park Güell, die du besonders gerne aufsuchst?

Der Park Güell ist, wie die meisten anderen Gebäude Gaudis, extrem touristisch und somit kein Ort, an dem ich mich aufhalte. Ich bin jedoch ein Fan seiner Arbeit und werde den Park daher irgendwann einmal besuchen. Kürzlich habe ich einige seiner weniger populären Kreationen wie die Bellesguard, Casa Vicens oder Pavellons Güell entdeckt. Nicht nur Gaudi, sondern die gesamte Ära der Moderne ist besonders inspirierend – davon gibt es in Barcelona viel zu entdecken.

Wenn man die elektronische Szene in Europa und Südamerika wertfrei vergleicht, worin liegen die größten Unterschiede?

Ich glaube, in Südamerika wohnt der Szene eine Art Unschuld inne – sie ist offen für alles, was von außen kommt. Hier in Europa ist die Interaktion mit der Musik im Allgemeinen konstanter. Das Publikum hat einen präziser ausgeprägten Geschmack und sucht nach Veranstaltungen oder Künstlern, die wirklich das repräsentieren, worum es geht. Ich denke, in den letzten Jahren sind viele südamerikanische Künstler in der europäischen Szene durch die Decke gegangen, was sehr dazu beigetragen hat, diese Kluft zu überbrücken. Auch die Präsenz der wichtigsten europäischen Veranstaltungsmarken in Südamerika hat den Massenmarkt in diesen Ländern für den elektronischen Sound geöffnet. Wenn du mich also nächstes Jahr dasselbe fragst, könnte die Antwort bereits eine andere sein.

Was bedeutet die Rückkehr zu Drumcode für dich? Welche Parallelen und Unterschiede siehst du zwischen den Produktionen von Adam Beyer und dir?

Ich habe in den letzten drei Jahren eng mit Drumcode zusammengearbeitet. Es fühlt sich mittlerweile wie ein Zuhause an – dass mein neues Album auf genau dem Label veröffentlicht wird, ist ein Beleg dafür. Adam Beyer schafft es, die Klasse zu wahren und dabei immer noch hart schlagende Drums und wirklich fette, energische Basslines einzusetzen. Es gibt immer subtile, aber äußerst effektive melodische Elemente in seinen Produktionen. Das sind Qualitäten, die ich auch in meiner Musik stets erreichen will. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass wir uns von Anfang an gut verstanden haben.

Gibt es Pläne für die Zukunft, über die du bereits sprechen kannst?

In den nächsten Monaten werde ich mich voll und ganz auf das kommende Album fokussieren, die weltweite Tournee dazu beginnt im April. Ich habe auch an einer reinen Hardware-Liveshow gearbeitet und freue mich sehr darauf, wieder mit dem Live-Format aufzutreten. Das ist etwas, was ich seit über zehn Jahren nicht mehr gemacht habe. Es gibt auch einen Kurzfilm, den wir zur Feier der Albumveröffentlichung gemacht haben. Er basiert auf den Gedichten, die ich rund um das Album geschrieben habe – eines ist auch auf dem Vinyl-Cover zu finden. Es war eine erstaunliche Erfahrung, an diesem Projekt zu arbeiten, und ich kann es kaum erwarten, es mit der Welt zu teilen.

 

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Felix Hartmann
Foto: Laia Flynn
www.soundcloud.com/wehbba