Zeitgeschichten – Chris Liebing

Foto: Edith Bergfors

Er zählt zu den bekanntesten Gesichtern, die die deutsche Techno-Szene je hervorgebracht hat: Chris Liebing. Der Aufstieg des Schranz-Pioniers und zweifachen Labelchefs begann in den 90er-Jahren mit der Gründung seines Imprints Fine Audio Recordings sowie Residencies in zwei der angesagtesten Clubs Deutschlands: dem Frankfurter Omen und dem Stammheim in Kassel. Für uns erinnert sich der gebürtige Gießener an vergangene Tage.

Hallo, Chris. Wir tauchen ein in die 90er. Das beste Techno-Jahrzehnt?

Ich würde sagen, das beste Techno-Jahrzehnt ist jetzt, weil es alle anderen Jahrzehnte beinhaltet. Das ist ja das Schöne: Es kommt alles in einem modernen Gewand wieder zurück. Ich glaube, es gab noch nie so viele Menschen, die sich der elektronischen Musik gewidmet haben und ihr zuhören. Dass heute nach 30 oder 40 Jahren Techno-Geschichte so viele Menschen auf der Tanzfläche sind, ist doch etwas Wunderbares.

Was war früher besser im Vergleich zu heute?

Niemand war abgelenkt. Die Leute sind fest verabredet in den Club gegangen und wenn jemand nicht aufgetaucht ist, musstest du zwangsläufig neue Leute kennenlernen. Es wurde (aus technischen Gründen) nicht viel gefilmt und sich vollständig der Musik hingegeben. Ich glaube, das ist etwas, was die junge Generation von heute leider nie verstehen wird, wie sehr ein Handy mit Kamera-Funktion einen Abend stören kann.

Welche Artists waren damals deine ersten großen Inspirationen? 

Da fallen mir als Allererstes Josh Wink, Luke Slater, Damon Wild, DJ HMC, Woody McBride und The Advent ein. The Advent war ganz groß, Colin McBean und Cisco Ferreira, damals noch ein Duo. Das waren so meine ersten Einflüsse im Techno. Das Schöne ist, dass sie auch heute alle noch zum Großteil aktiv und nach wie vor inspirierend sind.

Wie sah dein erstes Setup aus?

Mein erstes Setup für elektronische Musik bestand aus einem Technics MK1, einem MK2 und einem Numark-Mixer. Der MK1 hatte keine Pitch-Control-Funktion, ich hatte also nur einen Player, bei dem ich die BPM grob einstellen konnte. Ziemlich tricky, allerdings stand das Mixen damals noch nicht so groß im Vordergrund. Zumindest nicht in dem Laden, wo ich gespielt habe.

Was ist der älteste Track, den du heute noch in deinen Sets spielst?

Da sind einige dabei, aber ein Artist, von dem mir in den letzten Jahren immer mal wieder diverse Tracks in die Hände gefallen sind, ist Emmanuel Top. Einer dieser Tracks heißt „Acid Phase“.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten bezahlten Gig?

Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut, das war an einem Donnerstagabend in einem Club namens Red Brick in Gießen. Ich bekam wahrhaftig 50 Deutsche Mark dafür und fand es damals unfassbar, dass ich für das, was ich da machte, tatsächlich Geld bekommen konnte. Dieser erste bezahlte Gig war im Jahr 1991, man könnte also quasi sagen, dass ich schon seit 32 Jahren „professionell“ als DJ tätig bin (grinst).

Du hast während deiner Karriere so einiges erlebt. Wir würden abschließend gerne eine kleine Anekdote von dir hören. Gerne etwas Verrücktes.

So um 2002/2003 herum wurde ich für das Riesen-Event Black Sensation in Amsterdam gebucht – mit 40.000 Besucher*innen eine der größten Indoor-Partys, die es damals weltweit gab. Es waren die Anfänge von Final Scratch, ich hatte also meinen Laptop und eine kleine Vinyl-Tasche als Backup dabei. Zu Beginn meines Sets war entgegen meiner Kenntnis offenbar ein Feuerwerk geplant, das während des Intro-Tracks direkt vor meiner Nase zündete. Meine Platten und das Mischpult waren von einer dicken Ascheschicht überzogen und das Audiosignal ging verloren. Es herrschte eine erste unangenehme Stille. Im Anschluss lief es wieder einigermaßen, ehe sich kurz darauf mein Laptop verabschiedete. Die Lüftungsschlitze waren wohl mit Asche verstopft. Stille Nummer zwei. Und das vor 40.000 Menschen. Den Rest meiner anderthalbstündigen Playtime musste ich dann mit den 15 Platten füllen, die ich als Backup dabeihatte. Die Leute haben mich gelangweilt angeguckt und ich wollte am liebsten im Boden versinken.

Aus dem FAZEmag 141/11.2023
Foto: Edith Bergfors
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