Das achte Album von Paul Kalkbrenner ist da. Es heißt „Parts Of Life“ und erscheint 17 Jahre nach dem Debüt „Superimposed“ und zehn Jahre nach dem Meilenstein „Berlin Calling“. Es ist das persönlichste Album des Wahlberliners und tatsächlich ein Meisterwerk. Wir haben uns mit Paul anlässlich seines Gigs im Kult-Club Fuse in Brüssel unterhalten.

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Wie findest du dein Album?

Es ist auf jeden Fall besser als der Vorgänger.

Du hast eine komplett andere Richtung eingeschlagen als bei „7“.

Ja. Ich hatte keine Lust, so weiter zu machen. Das machen auch schon zu viele. Dieses Durchwühlen von Archiven, um da irgendwie noch ein Vocal zu finden, das man verwursten kann …

Dann lieber im „Back To The Future“-Stil.

Genau. Vocal-Samples, die einfach quasi so wie früher abgefeuert werden. Ich habe überlegt, was ich eigentlich so machen will. Also habe ich gar nicht gleich losgelegt, sondern bevor ich startete, viel darüber nachgedacht. „Back To The Future“ hat mir gezeigt, worauf es ankommt. Was braucht es eigentlich für einen schönen Song? Manchmal gar nicht viel.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass du dir so viele Gedanken gemacht hast bei dem Album. Also zumindest weniger als bei deinem Album zuvor. Das fand ich schon ziemlich konstruiert.

War es auch, aber anders. „Parts Of Life“ ist dann doch wieder ganz meine Musik geworden. Entstanden durch die Beschäftigung mit den ganz, ganz alten Sachen, die mir schon immer gefallen haben. Und dazu, was du sagst: Es gibt unterschiedliche Arten der Konstruktion. Ich meinte damit bei „Parts Of Life“ eher das Nachdenken, so eine Art „starke Sortierung“. Das habe ich bei „7“ nicht gemacht. Da habe ich einfach gesagt: „So, jetzt geht’s weiter und jetzt mache ich hier noch den ganzen Vocal-Quatsch on top und so.“

Wobei „Feed Your Head“ schon eine Riesennummer war.

Ja, alle freuen sich immer, wenn ich das spiele. Aber die anderen beiden hätte ich mir klemmen können. Ich finde, man macht halt nur alle zehn Jahre so ein richtig gutes Album. Die dazwischen sind halt nur okay. Gerade wenn man so wie ich seit 20 Jahren dabei ist und auch die kommenden 20 Jahre noch Musik machen will. Wenn man jetzt alle zwei, drei Jahre releast, kann man nicht immer ein Überalbum erwarten, sondern anscheinend ist es so, dass so eines nur alle zehn Jahre rausrutscht. Und es ist gelungen.

Jetzt müssen wir einmal über die Benennung der Titel reden; du hast die Nummern jetzt schon sehr „runtergestrippt“ betitelt, mit Teil 1 und so weiter. Die Teile sind allerdings nicht stringent, du hast das durcheinander gewürfelt. Warum das?

Weil es die Arbeitstitel sind. Jeder Song heißt so wie auf dem Computer. Normalerweise hast du Arbeitstitel, dann ist das Stück fertig und dann geht das große Umbenennen los. Dann sitzt man da mit einem Textbook und sagt so was wie: „Kamuffel, haha, das nehmen wir! So nennen wir das!“ Und bei diesem Album habe ich es so gelassen. Bei der Produktion gab es Unterordner und immer wenn ein Track fertig war, wurde er quasi hochgelassen in diese heilige Halle. Und in dieser Halle wollte ich genau 15 Songs haben. Die Reihenfolge der Tracks habe ich mehrmals durcheinander gewürfelt und neu angeordnet.

Ich fand es überraschend, dass der erste Track auf dem Album so „jazzy“ ist.

Ja, das soll auch überraschen. Der läutet ein, der kommt nicht aus dem Knick. Da ist dann auch viel Pragmatismus dahinter. „Ja, der eine ist tatsächlich komplett ohne Kick“, dachte ich – der musste dann an die Nummer 1, das war schon irgendwie klar.

Das Album ist ein Gesamtkunstwerk; das spiegelt sich auch in dem Artwork wider, das von deinem Onkel stammt. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Das ist ein Stillleben, das ich schon immer mal gemalt haben wollte. Ich hatte in meiner Wohnung Gegenstände, die sich in seinem Bild wiederfinden sollten, wie der Fliegerhelm zum Beispiel. Ich denke, er ist der eigentlich große Künstler. Er malt seit 60 Jahren seine Stillleben. Die vor zehn Jahren waren auch schon gut, aber mittlerweile gibt es in Deutschland keinen vergleichbaren Maler mehr und in den USA nur eine Handvoll Leute, die Porträts und Stillleben so malen – wie die alten Meister. Das Bild sollte nur für mich zu Hause sein – dort hängt es auch schon. Aber wir überlegen auch, eine schöne, große Premium-Edition vom Album zu machen. Da wird das Bild dann bestmöglich fotografiert und gedruckt und dann kann man sich einen Rahmen dazu aussuchen; das ist dann eine limitierte Auflage. Aber Freunde, das wird teuer.

Bist du jetzt an einem Punkt angekommen, an dem du als Künstler endlich zufrieden bist mit deinem Werk? Du strahlst so eine unglaubliche Selbstzufriedenheit aus – das war beim letzten Mal, als ich dich getroffen habe, 2012, noch anders.

Natürlich war es da noch anders. Da war ja „Schnupperung“ jedes Wochenende und die Erwartungshaltung nach „Berlin Calling“ war noch riesengroß. Der konnte das „Guten Tag“-Album nicht gerecht werden. Jetzt habe ich aber wieder so einen Meilenstein für mich geschaffen. Damals war ich zu viel auf Tour, es gab zu viel Tralala. Für „Parts Of Life“ hatte ich mehr Zeit und ich war ständig im Studio. Da waren keine Shows in der ganzen Zeit, ich hatte mir frei genommen. 31. Dezember: Studio. 1. Januar: Studio. Um 13:00 Uhr saß ich da schon wieder vier Stunden im Studio und sah die Raver nach Hause gehen und ein Taxi suchen.

Vor dem achten Album gab es das „Back To The Future“-Projekt. Was war die Idee dahinter?

Das war ein zeitintensives Projekt und hat zweieinhalb Jahre gedauert. So etwas machen zu dürfen, ist ein großes Privileg. Zur Auflockerung und für mich persönlich war das wirklich hervorragend. Das Wichtigste waren nicht einmal die drei Kassetten-Mixe „Back To The Future“ oder die Tour – das Wichtigste war, was das Ganze mit mir gemacht hat. Das hat quasi so richtig die Batterien wieder aufgeladen. „7“ war wie mein Spätbarock – alles so langsam. Jetzt spiele ich die Songs seit Jahren live. Und wenn ich dann mal irgendwo lang gehe und meine Songs laufen in Klamottenläden, dann denke ich: „Alter, was habe ich denn für einen Quatsch gemacht.“ Seit „Back To The Future“ weiß ich wieder: schnell ist geil.

Schnell vergeht auch die Zeit. Du warst das letzte Mal vor zehn Jahren hier im Fuse in Brüssel, wo wir uns gerade befinden. Und du hast vorhin so ganz witzig gesagt: „Ich wusste gar nicht, dass das so klein ist.“

Ja, das ist immer so. Es ist schon ein paar Jahre her, da bin ich durch Mitte geradelt und dann am E-Werk vorbeigefahren. Ich bin da nie gewesen, seit es eine Event-Location ist, nachdem es vor 20 Jahren zugemacht hatte. Und dann guckte ich durch die Scheiben und dachte: „Das gibt es doch nicht, das war doch viel größer damals, das war doch eine Halle.“ Das ist halt so, wenn du innerhalb von 20 Jahren Schritt für Schritt immer ein bisschen größer wirst – dann kommt es dir klein vor.

Bist du jetzt an einem Punkt angekommen, an dem du nur noch das machst, worauf du Bock hast? Wo du nur noch die Shows spielst, die du wirklich willst? Unabhängig von der Größe?

Ja, das ist aber schon lange so. Ich spiele ja nicht so viel. Solomun spielt 200 Dinger im Jahr. Also, ich habe derzeit so um die 60 Shows, vielleicht werden es auch 65. In den Jahren 2014, 2015 und 2016, nach der Geburt unseres Babys, waren es beispielsweise nur 30 Shows oder 35 im Jahr.

Dann ist es vielleicht so die subjektive Wahrnehmung, dass du eine Zeit lang nur ganz wenig in Deutschland warst, mittlerweile aber auch hier einige Sachen spielst, die vorher nicht auf deiner Agenda standen, wie zum Beispiel die WCD Pool Sessions.

Ja, das stimmt, wir haben ja auch die Agentur gewechselt. Es ist auch schön, dass das wieder so ein bisschen zurückschwingt. Zuletzt war es ja auch ein bisschen langweilig. Ich habe auf vielen Festivals gespielt, auf denen ich der einzige elektronische Act gewesen bin. Ich hatte dann zwar einen riesigen Slot und so, aber unser Bus parkte zwischen Bands und Rappern, die man sonst nicht kennt. Seit letztem Jahr treffen wir auf den Techno-Festivals viele alte Haudegen und Leute von früher wieder.

Wie auch auf dem Sea You Festival, auf dem wir uns getroffen haben.

Das war zum Beispiel sehr schön. In diesem Jahr spiele ich auch Helene Beach. Bevor ich selbst wieder eine Halle miete, da alles rein karre und so, spiele ich lieber mehr auf Festivals.

Das heißt, das ist auch eine Rückbesinnung auf die Anfänge?

Nächstes Jahr kommt die Tour zum Album, die wird dann nicht in großen Hallen sein. Es ist schwierig, das umzusetzen. Das haben wir auch gemerkt in Frankreich und so, wenn du eine Kapazität für 5000 bis 6000 Menschen haben willst – da springt der Funke dann nicht über. Deswegen will ich mal gucken, wo ich spiele. Lieber ein bisschen kleiner, aber auch nicht zu klein. Vielleicht so Raum für 3000 bis 4000 Gäste, aber dafür echt geile Locations. Auch wenn mich das viel Geld kostet, die Böden auszulegen und so. Aber das ist mir lieber, als in irgendwelchen Mehrzweckhallen zu spielen. Es soll schick aussehen.

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Das Album zählt jetzt 15 Stücke. Wieso gerade 15?

Ich wollte das so. Wir haben geguckt bei Spotify und anderen Sachen, Dinge analysiert und so. Ich mache die Musik doch eh nicht mehr für die DJs, deswegen wollte ich auch nicht extra eine andere Scheibe mit langen Versionen herausbringen. Lange Versionen gibt es bei mir live. Du kannst dir ein Ticket kaufen und da gibt es dann ein paar richtig große Live-Versionen von jedem einzelnen Track. Ansonsten sollte es eher so sein, dass man es gut durchhören kann. Dass nicht das Gefühl aufkommt, durchgejagt zu werden. Aber es soll schon so sein, dass die Songs schnell auf den Punkt kommen. Früher war das doch so: Es wurde gesagt „So spielt das keiner, da müssen wir vorher zweieinhalb Minuten klöppeln, damit das überhaupt einer mixt.“ Und das habe ich alles einfach über Bord geworfen.

Das heißt, es wird auch keine Remix-Orgie geben, damit irgendwelche Tracks im Club gespielt werden können?

Vielleicht, wenn irgendwas passt. Wir sind jetzt sowieso gerade in Gesprächen mit Sony wegen des zehnjährigen Jubiläums von „Berlin Calling“. Da kann man ja vielleicht auch mal den einen oder anderen Song remixen.

Sony ist ja Major und auch darauf angewiesen, dass die Themen genügend Geld einspielen. Aber du hast dich da jetzt emanzipiert bzw. freigeschwommen, habe ich das Gefühl.

Ja, ich bin auch Portfolio-Künstler mittlerweile; also, ob ich bei Sony bin oder irgendwo anders, das ist so ein bisschen egal. Am Ende ist es auch immer eine goldene Schallplatte oder gar Platin in Deutschland und anderswo.

Ein Thema, das gerade durch den Tod von Avicii aufgekommen ist: der Stress der Künstler. Wie stehst du dazu?

Was hat er gesagt, er hat 800 Gigs gespielt in acht Jahren, das sind 100 pro Jahr – also, wie gesagt, da gibt es andere, die spielen genauso viel ohne Privatjet und die 5-Sterne-Hotels. Aber von null auf hundert, das ist schlimm. Es war so schwierig, sich damals einen Namen zu machen. Wir waren auch so schlecht in der Eigenwerbung. Wie das heute abgeht, hätte man nicht für möglich gehalten. Damals lief es so: „Da haste ’nen Flyer.“ – „Oh, danke, geile Filter.“ Ja, super, haha. Aber um auf das Thema zurück zu kommen: Das ist ja das, was sich alle wünschen, von null auf hundert. Wir hätten auch den kürzeren Weg genommen, wenn das gegangen wäre. Heute ist das so, dass man mit einem guten Song zum Star werden kann. Ich meine, das ist ja auch sehr demokratisch. Das schiebt auch die guten Songs an, selbst wenn sie auf ganz kleinen Plattformen rauskommen. Früher war das garantiert so, dass geile Songs, gerade aus dem Electro-Bereich, untergegangen sind. Heute bin ich der Meinung, dass ein Song seinen Weg machen kann, wenn er gut ist – egal, wie klein der ist. Vielleicht ist das für manche dann zu viel. Ich meine, mir war das auch damals schon klar, als ich mit 15 mit dem DJing angefangen habe. Damals haben da 20 Leute im Jugendclub getanzt und zehn davon waren aus meiner Schule. Ja, da hat man Bauchweh, aber das gehört dazu. Da halte ich es wie die alten Griechen: Wer auch immer diesen einen Schritt in die Öffentlichkeit wagt – egal, ob es sich dabei um große Sänger, Politiker, große Sportsmänner oder Theaterschauspieler handelt –, muss sich ab dem Moment bewusst sein, die Zielscheibe des übelsten Spottes und der schlimmsten Verleumdung zu werden. Das gehört einfach dazu. Und niemand zwingt jemanden in die Kanzel – oder aufs Spielfeld, wie bei Per Mertesacker.

Na ja, wenn man sich mit dem Manager nicht versteht oder man alles mit sich machen lässt …

Na ja, Avicii war halt wirklich sehr jung. Die haben den da anscheinend knüppelhart durchgejagt. Bei mir ist das heute so, dass ich manchmal in kleinen Venues Platzangst bekomme, da alle viel zu dicht dran sind. Das ist komisch, da das früher genau das Ding war, wie man am besten mit den Gästen feiert. Und weil ich es schon so viele Jahre gewöhnt bin, da auf meine Bühne zu gehen, wo niemand ist, nur ich bin, kann ich den Teil verstehen – wie eine Sache, die man am Anfang gar nicht hatte, die sich aber so entwickelt über die Jahre.

Weißt du noch, wann dein erstes richtiges Booking war?

Ja, das erste richtige Booking kam von Elbee Bad, das war schon sehr früh. Das war so ein halbes oder dreiviertel Jahr, nachdem ich mit dem Auflegen angefangen hatte. Noch nicht mal 16 war ich, da hat mich einer ins Kitchen geschleppt – das war die Afterhour vom Exit, im alten Ahornblatt, Leipziger Straße, 1993 abgerissen. Da hat mich morgens einer abgeholt und dahin gefahren – und ich war so „Die sind noch alle wach oder was?“ Einige Wochen später klingelte bei uns zu Hause das Telefon und die Stimme sagte: „Here is Elbee Bad und I give you 100 Deutschmarks for noch mal in da Kitchen spielen.“ 100 Mark, das war damals viel Geld.

Was hast du mit dem Geld gemacht, weißt du das noch?

Gespart natürlich, weil ich ja keine 1210er hatte.

Hast du manchmal noch Bock, als DJ aufzulegen?

Das schwarze Gold zur Hand nehmen? Ne, das ist wirklich nicht meins.

Du hast vorhin erzählt, dass du oft auf Festivals gespielt hast, auf denen du der einzige elektronische Act warst, sonst nur so Rock-, Rap-Acts und so weiter auf der Bühne standen. Gibt es aktuell irgendwelche Künstler, die du ganz gerne hörst nebenbei? Oder hörst du nur Paul Kalkbrenner?

Ich höre ja nicht Paul Kalkbrenner. Ich habe es gemacht und zwangsläufig hört man das auch ganz viel, bis es einem aus den Ohren rauskommt. Zum Runterkommen höre ich Klassik. Feinste Barock-Musik. Arcangelo Corelli zum Beispiel. Oder Tomaso Albinoni, den habe ich auch mal entdeckt.

Was hältst du von dieser seit Jahren recht gehypten Mischung aus Electro und Klassik, also Nils Frahm und so? Nimmst du das zur Kenntnis?

Ich habe mir auch mal überlegt, den einen oder anderen Song von einem Orchester spielen zu lassen. Aber das lasse ich mal besser.

 
Aus dem FAZEmag 076/06.2018
Text: Sven Schäfer
Fotos: Studio Olaf Heine
www.paulkalkbrenner.net

 

 
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