(2/3) Ist die Szene wirklich inklusiv? Wie FLINTA*-Acts noch heute vernachlässigt werden

Ist die Szene wirklich inklusiv? Teil zwei unserer Reportage / Foto: Lola Schmalbuch

Bereits im ersten Teil unserer Reportage haben wir euch in das Thema eingeführt. Die Situation von FLINTA*-Personen innerhalb der elektronischen Musikszene ist komplex und vielschichtig, weshalb wir nicht alle Aspekte in einem einzigen Beitrag behandeln konnten. Im ersten Teil haben wir die Hintergründe der Debatte beleuchtet und uns mit der Vernetzung innerhalb der eigenen Szene sowie unbezahlter Kurationshilfe beschäftigt. Nun widmen wir uns All-Male-Line-ups, Quoten-Booking und der Frage, ob Diversität manchmal lediglich als Schutz vor öffentlicher Kritik dient.

Doch wofür steht FLINTA* eigentlich? Die Abkürzung steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen. Der Begriff wird häufig verwendet, um Menschen zu benennen, die innerhalb patriarchaler Strukturen von Diskriminierung und gesellschaftlicher Ungleichbehandlung betroffen sind. Gerade in der elektronischen Musikszene spielt die Bezeichnung eine wichtige Rolle, da sie auf bestehende Ungleichheiten aufmerksam macht und Menschen sichtbar macht, die in der Vergangenheit häufig weniger Raum und Anerkennung erhalten haben. Dabei geht es nicht nur um Repräsentation, sondern auch um die Frage, wer Zugang zu Bühnen, Netzwerken und Entscheidungsmöglichkeiten erhält.

Wie bereits angesprochen, ist es trotz der nach außen sichtbaren Diversität der Szene problematisch, dass FLINTA*-Personen häufig stärker um Anerkennung und Respekt kämpfen müssen als Männer. Dabei muss auch differenziert werden, was tatsächliche Diversität bedeutet. Von außen mag es so wirken, als hätten zahlreiche FLINTA*-Acts mittlerweile feste Residencies in Clubs und sich eine etablierte Position in der Szene erarbeitet. Doch diese Sichtweise bildet nur einen kleinen Teil der Realität ab. Auch etablierte Künstler:innen erleben immer wieder Diskriminierung und Ungleichbehandlung. Nicht ohne Grund existieren nach wie vor All-Male-Line-ups.

Foto: Lola Schmalbuch

Hinzu kommt, dass Männer sich häufig angegriffen fühlen, wenn solche Ungleichheiten angesprochen werden, und argumentieren, dass sie es heutzutage genauso schwer hätten. Doch die Ausgangslage ist nicht dieselbe. Ein Mann kann beispielsweise oberkörperfrei auf der Bühne stehen und dafür gefeiert werden. Macht eine FLINTA*-Person dasselbe, muss sie hingegen häufig mit Beleidigungen und Hasskommentaren rechnen. Dabei werden ihre Musik und ihre Kunst oft auf ihr Äußeres reduziert.

Uns geht es ausdrücklich nicht darum, Männer pauschal zu kritisieren oder schlecht darzustellen. Vielmehr möchten wir einem Problem eine Plattform geben, das innerhalb der elektronischen Musikszene noch immer zu selten offen thematisiert wird.

Quoten-Booking: Diversität als Imagepflege?

Wenn man ein Line-up von außen betrachtet und feststellt, dass nur eine FLINTA*-Person vertreten ist, kann schnell der Eindruck entstehen, dass diese Person vor allem gebucht wurde, um eine Quote zu erfüllen. Dass Diversität im Booking auch als Imagepflege eingesetzt werden kann, kritisiert medea, die unter anderem durch ihr Projekt R.I.O.T.-Reclaiming Indentities On Turntables bekannt ist und eine feste Residency im Tresor.West hat: „Ich habe selbst erlebt, wie Diversität im Booking durchaus auch als Imagepflege eingesetzt wird. Man kann sich nach außen progressiv und feministisch präsentieren, FLINTA* Artists buchen und sich dadurch einen gewissen progressiven Anstrich verpassen. Aber sagt das tatsächlich was über deine eigenen Werte und das eigene Handeln aus? Nur weil du FLINTA* Personen in deinem Umfeld hast, bist du nicht automatisch Feminist. Und nur weil du diverse Lineups zusammenstellst, hast du noch lange keine diskriminierungsfreien Strukturen geschaffen. Ich finde es problematisch, wenn die Sichtbarkeit marginalisierter Personen dazu benutzt wird, die eigene Progressivität zu demonstrieren, während man sich mit den eigenen Privilegien, dem eigenen Machtmissbrauch oder dem problematischen Verhalten im eigenen Umfeld gar nicht auseinandersetzt. Man kann nach außen Diversität repräsentieren und gleichzeitig Strukturen aufrechterhalten, die Menschen ausschließen oder gefährden. Und ganz ehrlich: Wir sind keine moralische Absicherungen für irgendwelche Backstage-Macker. Wir sind keine Beweisstücke, die man vorzeigen kann, um zu demonstrieren, wie progressiv man selbst angeblich ist. Du kannst dich nicht mit FLINTA*Personen schmücken und gleichzeitig so tun, als wäre damit automatisch alles in Ordnung. Veränderungswille zeigt sich nicht durch ein diverses Umfeld, sondern darin, wie du mit Macht umgehst, welche Menschen du unterstützt, welches Verhalten du tolerierst und ob du bereit bist, Konsequenzen zu ziehen, auch und besonders, wenn es um Menschen aus deinem eigenen Netzwerk geht. Denn solange Diversity vor allem dazu dient, das eigene Image aufzupolieren, ist es keine strukturelle Veränderung. Dann ist es PR.“

Genau diesen Aspekt könnte man unter dem Begriff Quoten-Booking zusammenfassen. Dabei werden FLINTA*-Acts gezielt gebucht, um mehr Diversität in Line-ups zu schaffen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dadurch tatsächlich Chancengleichheit gefördert wird oder Diversität lediglich dazu dient, nach außen ein progressives Image zu vermitteln.

Auch die Kölner Drum-and-Bass-DJ Miezibub beschreibt kritisch, wie sie diese Form des Bookings wahrnimmt: „Ich seh bei den bookings dicken cashgrab headliner ( meistens männlich) dann wird eine local flinta dazu gepackt zur besten Spielzeit womit man ja quasi das gender Pendant zu einer greenwashing Methode macht. Man steckt eine Flinta-DJ dazu weil man es muss um gut dazustehen. Und wahrscheinlich hat man auch nie ihre Sets gehört. Dann wiederum bucht man Flinta die ein größeres standing haben damit man selber booking mässig profitieren kann. Die juckt es überhaupt nicht und wenn machen die das nur damit es von außen gut aussieht. Es ist oft oberflächlich. Ich spreche nicht von der NRW dnb Szene- (big up an den Ruhrpott- Wuppertal und Bonn) diese ist wirklich wholesome aber I’m side eyeing manche Booker bzw. Techno Veranstalter“

Das Wuppertaler Duo groovHer beschreibt das Problem ebenfalls: „Oft wird mit FLINTA* DJs geworben als wäre es etwas krass besonderes, so als müsste man sich damit hervortun.“

Und ganz unrecht haben sie damit nicht. Für viele scheint es noch immer etwas Besonderes zu sein, eine FLINTA*-Person auf einem Line-up zu sehen. Doch warum ist ein einzelner Name für uns so besonders? Seit wann ist das absolute bare minimum zum Maßstab geworden – etwas, für das wir bereits einen einzigen Namen feiern? Die Norm sollte sein, dass mehr als nur eine FLINTA*-Person vertreten ist.

Foto: Lola Schmalbuch

All-Male-Line-ups und die Logik der eigenen Netzwerke

Ein Grund dafür, dass wir uns als Gruppe bereits über einen einzelnen Namen auf einem Line-up freuen, sind die nach wie vor verbreiteten All-Male-Line-ups. Bis heute wird die Szene von männerdominierten Line-ups geprägt. Das passt jedoch nicht zu dem Anspruch, eine inklusive Clubkultur zu schaffen. Wer sich einerseits als offen und divers versteht, andererseits aber nicht berücksichtigt, dass auch andere Menschen auf die Bühne gehören, widerspricht diesem Anspruch.

Stattdessen greift häufig eine Art Bro-Logik: Veranstalter buchen Menschen aus ihrem eigenen Umfeld, empfehlen sich gegenseitig weiter und bleiben dadurch in denselben Netzwerken. FLINTA*-Künstler:innen werden bei solchen Entscheidungen oft kaum berücksichtigt. Auch hinter den Kulissen sind sie seltener in Entscheidungsprozesse eingebunden. So bleiben Perspektiven außen vor, neue Kontakte entstehen nicht und die musikalische Vielfalt wird eingeschränkt. Ohne echte Bereitschaft zur Veränderung und mehr Inklusion droht die Szene, bereits erreichte Fortschritte wieder zu verlieren.

Die Wuppertaler Künstlerin Allerbestefreundin beschreibt diesen Widerspruch folgendermaßen: „Es handelt sich um eine Musik Szene, die immer wieder von sich behauptet so frei und tolerant zu sein. Sogar behaupten viele bunt und divers zu sein. ‚Jede*r darf sein, wie man ist‘. Aber das sind gefühlt leere Floskeln.“

Zwischen Fortschritt und Rückschritt

Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass es zwischenzeitlich auch positive Entwicklungen gab. Die in Wien ansässige DJ und Produzentin Philo beschreibt die wachsende Sichtbarkeit von FLINTA*-Acts in den vergangenen Jahren so: „In den letzten Jahren, vor allem post-lockdown, konnte man zum Glück eine gewisse Erweiterung beobachten. Die jüngere Generation hat sich ihren Platz genommen und durch sie, eine meiner Meinung nach emanzipiertere und feministischere Generation, sind sehr viele FLINTA*-DJs dazu gekommen.

Subkultur und damit auch Clubkultur muss man aber immer im Kontext des gesellschaftlichen Wandels und gesamtgesellschaftlicher Strukturen sehen. Da wir aktuell politisch und gesellschaftlich leider wieder konservativer werden und weiter nach rechts rutschen, sehe ich denselben Trend auch in der elektronischen Musikkultur: Es wird wieder egaler, ob man diverse und inklusive Line-ups bucht.“

Die elektronische Musikszene steht weiterhin vor der Herausforderung, ihren eigenen Anspruch an Offenheit und Toleranz auch in der Praxis umzusetzen. Diversität bedeutet mehr, als einzelne FLINTA*-Acts auf Line-ups zu platzieren oder sich nach außen progressiv zu präsentieren. Entscheidend ist, bestehende Strukturen zu hinterfragen, Zugänge zu Netzwerken und Bühnen gerechter zu gestalten und Diskriminierung aktiv entgegenzuwirken. Auch wenn in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt wurden, zeigen die bestehenden Ungleichheiten, dass Inklusion kein abgeschlossener Prozess ist. Letztlich stellt sich daher nicht nur die Frage, wer auf der Bühne steht, sondern auch, welche Strukturen dahinterliegen und wer tatsächlich von ihnen profitiert.

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