Als der gebürtige Bremer 1999 von Hamburg in die Hauptstadt zog, hatte er seinen ersten Superhit bereits in der Tasche: „Loverboy“, Poker Flats Katalognummer 001, dürfte wohl jedem Clubgänger ein Begriff sein. Dass sein Label zu einem der wichtigsten und prägendsten der gesamten Szene avancieren würde, konnte Steve Bug damals wohl kaum ahnen. „Nichts ist vorhersehbar“, sagte er vor einigen Jahren in einem Interview. Doch mit legendären Veröffentlichungen wie dem Debütalbum von Trentemøller 2006, von Resident Advisor auf Platz 26 der besten Alben des Jahrzehnts gewählt, John Tejadas „Sweat“ oder „1000 Miles“ von Martin Landsky wurde immer und immer wieder wahre Musikgeschichte geschrieben. In diesem Jahr feiert Poker Flat sein 20-jähriges Bestehen – und sowohl Steve Bug als auch das Label genießen ein glorreiches Image. Neue, frische Acts wie Tim Engelhardt sorgen dafür, dass auch in Zukunft der Erfolg nicht ausbleiben dürfte. Ein Interview.


Steve, 20 Jahre Poker Flat. Wie rekapitulierst du diese Zeit?

Mit großer Zufriedenheit und Stolz; die letzten zehn vergingen schneller als die ersten. Ich erinnere mich noch an den zehnten Geburtstag. Zu dieser Zeit habe ich überlegt, das Label einzustellen. Nicht, weil es schlecht lief, ganz im Gegenteil. Es waren damals 100 Veröffentlichungen und es hätte einfach als Dekade Sinn gemacht – ein Label, zehn Jahre, 100 Releases. Aber ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt schlussendlich doch nicht gegangen bin. Das Artist-Roster hat sich in all den Jahren immer wieder sehr gewandelt. Für viele sind wir eine feste Konstante und es fühlt sich gut an, gemeinsam mit den Acts zu wachsen. Eine Sache, die im schnelllebigen Business der elektronischen Musik mittlerweile nur selten zu finden ist.

Lass uns zurück an den Anfang gehen. Du hast das Label 1999 gegründet, im selben Jahr bist du nach Berlin gezogen. Zu dem Zeitpunkt hattest du aber mit Raw Elements bereits drei Jahre ein Label geführt.

Korrekt. Lustigerweise war die Idee hinter Raw Elements, mit sehr simplem Artwork den Fokus rein auf die Musik zu legen – wie bei den Labels aus Chicago. Zu dieser Zeit änderte sich aber einiges in der Szene und die ersten Künstler avancierten zu richtigen Stars. Auch waren wir etwas festgefahren mit unserem Distributor, weil mein Partner etwas vertriebsgebunden war. Ich hatte letztendlich Dessous Records gegründet, um dort die Disco-Sachen unterzubringen und auch den Vertrieb über andere Kanäle zu testen. Irgendwann ist dann Poker Flat entstanden, mit der Idee, strukturierter im Sound zu sein. Nicht mehr ganz so rough wie Raw Elements, wo es zum Teil ja schon gebrochene Beats bzw. Electro zu hören gab. Wir hatten damals das Gefühl, die Leute ein Stück weit zu überfordern. Aus diesen Gründen und mit entsprechenden Intentionen ist schließlich Poker Flat an den Start gegangen.

Und dann wurde die erste Katalognummer veröffentlicht. Ein riesiger Hit.

Genau, „Loverboy“ ist allerdings noch in Hamburg entstanden, wo ich vorher gewohnt habe. Ich erinnere mich noch daran, wie ich den Track quasi uraufgeführt habe. Kai, von Container damals – jetzt Wordandsound –, war überhaupt nicht angetan von dem Stück. Er war damals in der für Hamburg typischen sehr housigen und souligen Ecke unterwegs. Als wir dann abends im Club standen und ich diesen Track zum ersten Mal gespielt habe, ging er so dermaßen durch die Decke, dass danach keine Fragen mehr im Raum standen. Allerdings hatten wir anschließend eine Pause von rund drei Monaten. Wir hatten damals auf Container releast, aber genau zu diesem Zeitpunkt erfolgte der Umbruch zu Wordandsound, sodass zwischendurch die Platte einfach nicht verfügbar war. Wilde Zeiten, der Rest ist Geschichte. (lacht)

Wie wirkte sich Berlin damals auf dich und das Label aus?

Unglaublich inspirierend. Ich war tatsächlich einer der Ersten, die überhaupt hergekommen sind. Erst danach folgte die internationale Welle mit Richie Hawtin und anderen. Eine Zeit lang hatten wir alle das Gefühl, dass wirklich die gesamte elektronische Szene in Berlin lebt – außer Laurent Garnier und Carl Craig natürlich. (lacht) Der Vibe in Berlin war damals komplett anders als in Hamburg, es gab eine totale Abgrenzung zu dem ganzen House, der die Hamburger Szene schon immer charakterisierte. Mein musikalischer Horizont wurde extrem erweitert, sodass ich automatisch auch experimentierfreudiger wurde – mit allem, was da war.

Das Label etablierte sich und ist bis heute eines der wichtigsten der Szene. Was sind deine persönlichen Meilensteine?

Ich persönlich nehme mich und auch das Label gerne ein wenig zurück. Wir hauen mit dem, was wir erreicht haben, nie so wirklich auf die Kacke, um es auf gut Deutsch zu sagen …

Wahrscheinlich deine norddeutsche Art?

Sehr wahrscheinlich, ja. Ich denke, mein persönlicher Geschmack zeigt sich immer wieder in allen Releases von Poker Flat. Ich war schon immer jemand, der nach eher Tiefgründigem statt Funktionalem gesucht hat. Musik muss mich catchen, dazu gehört immer ein guter Groove, auf dem das Ganze reitet, gepaart mit melodiösen Elementen, die einen auch mental davontragen und in andere Sphären bringen. Ohne dabei jedoch cheesy zu klingen. Und genau das ist die Kunst bzw. die Gratwanderung, die es als Labelchef zu machen gilt. Und ja, anscheinend hatte ich in diesen 20 Jahren hin und wieder ein sehr glückliches Händchen. Aber man darf natürlich auch nicht vergessen, dass wir uns ebenfalls glücklich schätzen, dass uns so viele Künstler ihre großartige Musik anvertraut haben.

Gab es dennoch Sachen, die du heute so nicht mehr machen würdest?

Wenn man auf den Back-Katalog zurückblickt, muss sich Poker Flat eigentlich für nichts schämen. Wir haben nicht umsonst den Slogan „Out of fashion since 1999“ – in meinen Augen zeigen wir klar, dass es nicht zwingend notwendig ist, jeden Hype oder Trend mitzugehen, und man vielmehr seine eigene, kleine Welt kreieren kann. Ich bin immer mal wieder unseren gesamten Katalog durchgegangen, weil man ja ab und an Best-ofs oder Ähnliches herausbringt, und es gab noch nie den Moment, in dem ich etwas bereuen musste.

Welche Ur-Philosophie vertrittst du mit Poker Flat?

Die Aufgabe eines Labels ist in meinen Augen immer noch die gleiche wie damals, als alles noch neu war. Für uns geht es darum, sich mit einem jungen, aufstrebenden Künstler zusammenzutun und gemeinsam einen Weg zu gehen. Natürlich geht das heute nicht mehr mit einem Exklusiv-Vertrag, dazu machen die Acts zu viel Musik und die Möglichkeiten sind auch andere. Auch ist es wichtig, seiner Musik den Raum zu geben, auch auf anderen Plattformen stattzufinden, um zu wachsen, ohne dabei jedoch die ursprüngliche Vision aus den Augen zu verlieren.

Anders als viele Labels heutzutage fokussierst du dich mit deinem Kerngeschäft ausschließlich auf die Veröffentlichung von Musik. Nur sehr selten gibt es zum Beispiel ein Label-Showcase.

Wir haben viele Jahre Showcases gemacht, zum Beispiel zur Off Week in Barcelona oder bei wichtigen Releases. Irgendwann wurden diese Showcases aber immer mehr Business als Spaß. Wir haben uns vor Jahren auch einheitlich dagegen entschieden, eine Agentur zu gründen. Ich finde die Idee eines 360-Grad-Vertrags für einen Künstler nicht wirklich spannend, um ehrlich zu sein. Meist läuft das nämlich darauf hinaus, dass der Künstler die gesamte Verantwortung bei dir an der Tür abgibt und denkt, sich anschließend um nichts mehr kümmern zu müssen. Diese Verantwortung und der Rattenschwanz, den man sich einkauft, sobald ein Bereich von den vielen nicht läuft, entsprechen nicht unserem Naturell. Wir sind ein klassisches Musiklabel, das Musik herausbringt. Genau wie du es sagst. Und darauf wollten wir uns ausschließlich konzentrieren. Natürlich machen wir dennoch hin und wieder eigene Abende, wie kürzlich erst im Hive in Zürich zum Jubiläum. Dann allerdings intimer und ausgewählter.

In einem Interview mit „15 Questions“ äußerst du dich etwas „kritisch“ zu Social Media und vertrittst die Meinung, ein Social-Media-Hype verkaufe nicht zwangsläufig mehr Musik und ein DJ mit mehr Likes sei nicht zwangsläufig ein besserer DJ. Wie begegnest du bzw. begegnet Poker Flat diesem Thema?

Als diese Generation damals mit MySpace losging, habe ich die neuen Möglichkeiten sehr genossen. Man war plötzlich mit Leuten connectet, die man nicht wirklich kannte, und hatte über Nacht eine riesige Hörerschaft an Gleichgesinnten. Auch bei Facebook war das damals zu Anfangszeiten eine riesige Sache, nur durchdachter und besser als bei MySpace. Eine schöne Form, mit Leuten in Kontakt zu sein, ohne dafür stundenlang in eine Bar gehen zu müssen. Irgendwann vor einigen Jahren wurde es mir aber wirklich zu viel. Ich fühlte mich eine Zeit lang schon fast gezwungen, jeden Tag auf allen relevanten Plattformen abzuliefern. Dieser Umstand hat mich extrem genervt und mich viel Energie und Zeit gekostet, die ich nicht mehr in meine Musik investieren konnte.

Wie hast du das Problem gelöst?

Ich stand vor der Wahl, jemanden zu engagieren, der das für mich macht, oder einen Weg zu finden, damit umzugehen. Und den habe ich mittlerweile gefunden, in meinen Augen. Einen Fremden zu haben, macht unterm Strich noch weniger Sinn, weil es sehr unpersönlich ist und man den Content sowieso selbst anliefern muss. Generell tue ich mich ein wenig schwerer mit neuen Technologien als mein Labelpartner zum Beispiel. Auch wenn ich einer der ersten Acts überhaupt in Deutschland war, der mit Final Scratch aufgelegt hat. Ich würde wahrscheinlich noch immer ausschließlich mit Vinyl spielen, wäre es nicht so unglaublich schwer, neue und gute Musik zu finden. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich jeden einzelnen Song noch selbst entcodet habe. Das hatte allerdings auch den großen Vorteil, dass man viel bewusster mit Musik umgegangen ist. In Vinyl-Zeiten ist man in Plattenläden häufig fündig geworden. Es gab sowieso schon eine Art Vorselektierung von jemandem, der deinen Sound kannte. So hat man bei 40 bis 50 Platten einige gute Nummern finden können. Heute muss man ja mehrere Hundert E-Mails anklicken, bis mal eine nennenswerte Ausbeute dabei ist.

Was bedeutet dieses neue Zeitalter für dich als Künstler bzw. Labelinhaber?

Ich hatte irgendwie immer Respekt davor, dem typischen Sell-out zu verfallen. Wobei das heutzutage schon fast gar nicht mehr machbar ist, glaube ich. Heute kann man sich viel mehr Dinge erlauben als früher. In den Neunziger- oder frühen Nullerjahren wurde einem sehr schnell sehr viel übel genommen, zum Beispiel wenn man es gewagt hat, mit dem Teufel ins Bett zu gehen und sich leicht kommerzielleren Dingen hinzugeben. Heute geht es schon fast nicht ohne das, wenn man relevant sein, werden oder bleiben möchte. Vor diesem Sell-out habe ich mich immer etwas gescheut. Wir hatten zum Beispiel in der Zeit nach dem Trentemøller-Album die Möglichkeit, diesem Stil treu zu bleiben. Ich habe mich aber bewusst dafür entschieden, den Sound in eine andere Richtung zu lenken.

Hat sich das an euren Zahlen bemerkbar gemacht?

Ja, definitiv. Aber auf lange Sicht gesehen war das eine richtige Entscheidung. Hätten wir uns auf diesen einen Sound beschränkt, wären wir wohl oder übel schneller in der Versenkung verschwunden, als uns lieb gewesen wäre.

Gleiches gilt wohl auch für „Loverboy“ …

Korrekt. Ich hätte ohne Probleme fünf solche Dinger hinterher schießen können, aber das ist bzw. war für mich schon immer ohne jeglichen Reiz. Glaubwürdigkeit war für mich schon immer sehr wichtig, sodass ich fest daran glaube, dass man sich schlussendlich doch immer treu bleibt, was den Sound angeht, wenn man sich von äußeren Einflüssen nicht triggern lässt – egal, wie lange eine Karriere andauert.

Ein gutes Stichwort. In einem Interview mit „Deep House Amsterdam“ sagst du, dass du kein Künstler bist, der jeden Tag ins Studio geht, sondern vielmehr eine bestimmte Laune brauchst, um Musik zu machen.

Ja, allerdings war das auch schon mal anders bei mir. Das hat wiederum dazu geführt, dass ich nur noch halbgar gearbeitet habe. Ich hatte mein Studio zu Hause und irgendwie war ich trotzdem unproduktiver als jetzt. Nach einer so langen Zeit lernt man, zu erkennen, wann man einen kreativen Moment hat und wann nicht. Manchmal braucht man auch Zeiten im Studio, in denen man einfach experimentiert und gar nicht die Absicht hat, etwas fertig zu bekommen. Und auch das ist okay und genau richtig so. Irgendwie habe ich gelernt, die Tage, an denen es läuft, zu nutzen und allgemein kompakter und produktiver zu sein.

Somit bleibt wohl auch mehr Zeit für das Label-Management. Du hast Talente immer gefördert – zuletzt zum Beispiel Tim Engelhardt.

Ich denke, heute ist Ungeduld ein großes Problem in unserer Szene. Es ist unabdingbar, mit dem eigenen Sound zu wachsen und die Tugend der Geduld an den Tag zu legen bzw. diese zu erlernen. Daher finde ich es extrem schwierig, wenn man sich heute als junger Künstler einen professionellen Ghost-Produzenten an die Seite holt, direkt Qualität auf höchstem Niveau abliefert, dabei jedoch keine Möglichkeit hat, sich zu entwickeln und als Künstler zu reifen. Ich habe absolut nichts dagegen, wenn man sich Hilfe bei dieser Entwicklung sucht. Aber viel zu oft erlebe ich zum Beispiel den Fall, dass der Draht zum Künstler superharmonisch ist, bis sich plötzlich ein Manager dazwischenschaltet, der mit teils abstrusen Vorstellungen um die Ecke kommt, die weder zum Künstler noch zum Label passen. Von daher ist sowohl auf Künstler- als auch auf Management- und Label-Seite eine gesunde Mischung aus Geduld und Kontinuität gefragt. Und das funktioniert bei Tim Engelhardt beispielsweise absolut fantastisch. Mittlerweile zähle ich ihn fast gar nicht mehr zur jungen Generation, so erfolgreich wie er ist. Aber selbst er hat noch einen langen Weg vor sich. Mit seiner klassischen musikalischen Ausbildung in der Tasche sowie dem jahrelangen Support von Robert Babicz hat er schon jetzt ein super Level erreicht, das ihm alle Türen offenhält.

Verlässt man in solch einem Fall auch mal das Muster des reinen Labelchefs?

Ja. Wenn man an den Sport denkt zum Beispiel: Die meisten Sportler hören mit Mitte 30 auf und sind danach noch in der Lage, sehr viel in dem Bereich zu machen und ihr Wissen, das sie in sehr jungen Jahren erworben haben, weiterzugeben. Immer mehr Spieler werden zu Trainern. Unsere Szene ist in den letzten Jahren so rasant gewachsen, dennoch existiert noch keinerlei fundierte Ausbildung außer der klassischen des Eventmanagers zum Beispiel. Ich denke, dieses Thema „Weg vom klassischen Management, hin zur umfassenderen Guidance“ wird immer größer und wichtiger in der Zukunft. Marcel Janovsky macht das bei Tim Engelhardt fantastisch und es ist wichtig, dass man sein Wissen an die jüngere Generation weitergibt. Es profitieren alle davon.

Tim hat im Rahmen eures Jubiläums bereits Output geliefert. Aktuell sind einige weitere Remix-Pakete erschienen, mit Interpretationen von Michael Mayer, Mathias Kaden, Butch und auch den Märtini Brös.

Zum Zehnjährigen hatten wir eine schöne Compilation mit einem besonderen Package. In diesem Jahr wollten wir wieder aus unserem riesigen Fundus schöpfen, die Sachen aber in neuem Gewand präsentieren. Es hat leider nicht alles geklappt, aufgrund von äußerst komplizierten Managements und Ähnlichem, aber wir sind mit dem Ergebnis mehr als glücklich. Mit dem Künstler-Aufgebot haben wir einen guten Round-up in der Szene. Die Remixe hauchen den bekannten Nummern noch mal ordentlich frischen Wind ein.

Von dir erscheint ebenfalls eine EP, gemeinsam mit UNER.

Genau, die EP heißt „Mantis On The Moon“. Eigentlich war das Stück für UNERs Album geplant, das allerdings nie wirklich fertig wurde. Deshalb bringen wir es jetzt bei uns heraus. Animal Trainer haben einen Remix geliefert.

Du hast in den 20 Jahren nahezu alle Entwicklungen der Szene mitbekommen und erlebt. Wie siehst du den aktuellen Status quo?

Ich stelle immer mehr infrage, wenn ich ehrlich sein soll. Die Szene wird immer größer und ich habe in den letzten Jahren daneben koexistiert. Aktuell habe ich allerdings das Gefühl, mich von dem Ganzen eher wegzubewegen. Nicht nur aufgrund der Themen bezüglich Social Media. Auch der Hype, jeden Augenblick einer Nacht auf dem Handy festhalten zu wollen bzw. müssen, killt jeglichen Vibe. Dass die meisten großen DJs heutzutage mit eigenem Fotografen anreisen, macht die Geschichte leider nicht besser und bewegt auch niemanden zum Umdenken. Daher finde ich die Idee, Fotos strikt zu verbieten und zum Beispiel die Handys abzukleben, sehr begrüßenswert und produktiv.

 

Wo geht diese Entwicklung deiner Ansicht nach in den nächsten Jahren hin?

Das ist eine gute Frage. Ich persönlich fühle mich immer weniger dazugehörig und frage mich, wo mein Platz ist in der ganzen Story. Den Dancefloors heutzutage, vor allem denen großer Festivals, fehlt es immer mehr an Vibe. Da mangelt es meines Erachtens an musikalischer Sozialisierung und auch Offenheit, sich dem DJ hinzugeben, ihm zu vertrauen. Aus solchen Gründen spiele ich immer mehr in kleineren, intimeren Clubs. Generell ist Musik für mich eine intime Angelegenheit; Intimität ist vielmehr genau das, was Musik ausmacht, wenn man sie in so einer Umgebung wie einem guten Club mit einer guten Anlage erlebt. Auch als DJ hat man in kleineren Venues ganz andere Möglichkeiten, mit dem Publikum zu kommunizieren – viel mehr sogar als auf einem Festival in 90 Minuten mit einer riesigen Masse an Menschen.

Welche Schlussfolgerung ziehst du daraus für dein Label?

Wir treffen die Künstler-Auswahl – genau wie in dem Fall der Remix-Pakete – meist mit sehr viel Bedacht. Wir haben uns für Künstler entschieden, die eine gewisse Vision für sich und ihren Sound haben und nicht nur aktuell einen kleinen Hype auf der Instagram-Party. Im Ergebnis wurde plötzlich auch die Kommunikation anders. Entspannter, sachlicher und produktiver. Und es sind einige Namen als Remixer bestätigt, über die ich noch gar nicht sprechen kann. Wir werden das komplette nächste Jahr Remixe veröffentlichen, neben einigen Originalen natürlich.

Inmitten der ganzen Festlichkeiten hast du auch noch die Zeit gefunden, ein neues Label zu gründen.

In der Tat. Bei Sublease Music konzentrieren wir uns etwas mehr auf „Modern-House-Minimal-Deep-Techno“, etwas trackiger und DJ-freundlicher. Nicht unbedingt nur Tools, aber in die Richtung gehend. Das erste Release war von Kellie Allen, das zweite ist gerade draußen und stammt von MANIK. Katalognummer 003 von Buraq kommt auch noch in diesem Jahr.

Mit welcher Intention hast du Sublease Music gegründet?

Ich habe im Club öfter gemerkt, wie gerne ich Stücke wieder lange ineinander mixe und wie schön es sein kann, wenn zwei Tracks gemeinsam einen völlig neuen Vibe kreieren. Und für diesen teils etwas reduzierteren Sound wollten wir eine neue Plattform gründen. Generell glaube ich, dass diese Fähigkeit, besondere Momente zu erschaffen, bei einem DJ wieder wichtig sein wird in der Zukunft. Wie man mixt mit der heutigen Technik, ob mit oder ohne Sync-Button, ist jedem selbst überlassen. Aber ich glaube, uns DJs wurde es in letzter Zeit doch sehr einfach gemacht. Nachdem ich öfter solche Tracks gechartet und bei Facebook und Co. angeregte Gespräche mit anderen Künstlern darüber geführt hatte, die dann auch noch Musik geschickt haben, die super gepasst hat, starten wir jetzt einfach mal und schauen, wohin die Reise geht. Es fühlt sich gut an.

An zahlreichen Wänden fühlst du dich ebenfalls gut, verfolgt man deine sozialen Kanäle. Du gehst mit großer Passion bouldern. Wie läuft diese Leidenschaft?

Richtig gut. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich musikalisch wieder zufriedener bin. Das Bouldern hat mir einen enormen Ausgleich gegeben. Ich habe generell schon immer sehr viel Sport gemacht. Früher, als ich mein Studio noch zu Hause hatte, bin ich immer laufen gegangen. Irgendwann wurde es aber so extrem, dass ich dreimal pro Woche rund 13 bis 15 Kilometer gelaufen bin und danach noch nicht wirklich kaputt war. Marathons zu laufen ist aufgrund der Termine am Wochenende nicht möglich gewesen. Anschließend kam dann Beachvolleyball, da ist man allerdings immer auf andere angewiesen. Das kann manchmal richtig ärgerlich werden, wenn dann einige kurz vor knapp absagen. Irgendwann bin ich dann zum Bouldern gekommen. Und ich liebe es.

Was fasziniert dich daran am meisten?

Die Tatsache, dass man sofort abschaltet. Beim Laufen hat es meist rund eine halbe Stunde gedauert, bis sich meine Gedanken beruhigt haben und ich quasi frei im Kopf war. Jetzt ist das anders. Man beschäftigt sich sofort mit Sachen wie „nicht herunterfallen“ und stellt sich Fragen wie „Wie komme ich da jetzt am besten hoch“? Ich muss zugeben, dieser Sport hat meine Leidenschaft ähnlich impulsiv geweckt wie die Housemusik damals. Dadurch ist der Ausgleich natürlich um ein Vielfaches höher. Die Community erinnert mich auch sehr an die Technoszene der Anfangstage. Ein großes Miteinander, wo man sich selbst bei Wettbewerben sehr für andere freut und mitfiebert – auch dann, wenn man kurz vorher noch von der Wand gefallen ist. Da kann sich die Technoszene mittlerweile eine große Scheibe von abschneiden. (lacht)

Aus dem FAZEmag 093/11.2019
Text: Triple P
Credit: Marie Staggat