
Jedes Jahr am zweiten Augustwochenende verwandelt sich die Kulturmetropole der Schweiz, Zürich, in das Mekka für elektronische Musik. Am vergangenen Samstag fand die nunmehr 32. Ausgabe der Street Parade statt, der weltweit größten Rave-Veranstaltung. Wir waren vor Ort.
13 Uhr. An die 30 Grad. Viele Menschen haben sich schon um das Becken des Zürichsees versammelt. Die Bühnen konnte man schon am Vortag betrachten. Manche Besucher sind auf dem Weg zum Opening-Truck, manche versammeln sich schon an der Opéra Stage, manche chillen am Ufer oder gar im Wasser oder auf ihren Booten. Ein heißer, lauter und vor allen Dingen schöner Tag bahnt sich an. Die Musik setzt ein. Ab jetzt heißt es die nächsten elf Stunden lang: Raven. Lachen. Tanzen.
Um 14 Uhr erfolgt die Ansprache zur größten Demonstration für Liebe, Frieden, Freiheit und Toleranz. Dann ein ganz besonderer Moment: Gemeinsam zählt man den Countdown von 10 runter: Die Menschen jubeln. Gänsehaut. Die Parade unter dem diesjährigen Motto „Live Love, Love Life“ ist eröffnet.
Die Street Parade lebt. Techno und elektronische Musik in Zürich leben. Das beweist nicht nur die Anerkennung der Zürcher Technokultur als UNESCO-Kulturerbe noch vor jener in Berlin, sondern besonders die Street Parade als Highlight des Jahres und als größte Veranstaltung für elektronische Musik nicht nur in der Schweiz, sondern global.
800 000 Besucher feierten in diesem Jahr zu der Musik, die von 29 sogenannten Love Mobiles, das heißt fahrenden Musiktrucks, gespielt wurde – und zu acht Bühnen, manche davon groß, manche kleiner. Über 200 Artists spielten.
Die Zahl der Paraden-Teilnehmer ging zwar im Vergleich zum Vorjahr um 120 000 zurück, doch dennoch war es auf den Straßen entlang des Ufers des Zürichsees vor allen Dingen eines: voll. Dass weniger Besucher kamen könnte vor allen Dingen an den heißen Temperaturen gelegen haben, bis zu 34 Grad waren vorausgesagt, 33 Grad gemessen.
Genauso voll wie es war, war es auch bunt – denn im Gegensatz zur Berliner Szene trägt man zur Street Parade vorrangig bunte Outfits, die an die Loveparade-Zeiten der 90er- und 2000er-Jahre erinnern. Es scheint ein wenig, als wäre hier die Zeit stehen geblieben.
Apropos Loveparade: Dr. Motte und das Team von Rave The Planet waren ebenfalls mit einem Love Mobile vertreten. Spätestens an diese Punkt wurde klar: Der Spirit der ehemaligen Loveparade lebt – nicht derjenigen, die an McFit ausverkauft wurde, sondern derjenigen, die in Berlin die Technokultur auf die Straße brachte, genauso, wie es die Street Parade ebenfalls seit den frühen 90er-Jahren in der Schweiz bis heute tut.
Auch wir vom FAZEmag durften einem Truck beiwohnen. Wir wurden auf das Love Mobile von SUNSHINE LIVE eingeladen, mit denen wir eine Woche zuvor noch eine Bühne auf dem 30-jährigen Jubiläum der NATURE ONE teilten. Ein besonderer Dank hierbei geht an die Schweizer Trance-Ikone Dave202. Dave, der in der Schweizer Szene und darüber hinaus fest verankert ist, spielte dann auch überraschend das Warm-up. Trance-Classics wie „For An Angel“ von Paul van Dyk und „The House of House“ von Cherry Moon Trax, aber auch Perlen wie „Melt To The Ocean“ von Cosmic Gate schallten durch die Lautsprecher. Die Stimmung? Einzigartig. Friedlich, liebevoll, Party-lastig.
Auch wenn der Schweiß aufgrund der hohen Temperaturen von allen Stellen tropfte, war uns vor allen Dingen nach einem: Tanzen. Nach dem Warm-up-Set übernahm dann unser Cover-Held des August-Heftes, Grammy-Nominee EDX, Geschäftsführer des Schweizer Labels Sirup Music, die Decks. Im Heft verriet er uns im Interview Fakten über 25 Jahre als Label-Chef und spricht über seine neue Single „Moyo“. Sein Set passte genau zur sommerlichen Atmosphäre rund um den See und brachte sogar ein Stück Ibiza-Feeling nach Zürich.
Zuvor waren wir bereits zwischendurch an der großen Opéra Stage, der Hauptbühne neben der Parade. Vom Medien-Center aus bot sich uns hier ein atemberaubender Blick, sowohl auf die Paradenstreck als auch auf die Bühne – ein buntes Meer aus Hunderttausenden Menschen. Gespannt warteten wir auf das Set von Kölsch. Darüber hinaus spielten hier internationale Headliner wie Ben Böhmer (live), Massano, Kevin de Vries, Deborah de Luca, Pan-Pot und Adiel. Ein Dank geht an Stefan Epli von der Street Parade.
Danach folgten wir der Einladung von Nader Rizk, von Terrazzza Zürich. Terrazzza veranstaltet einzigartige Daytime Events, Festivals und Clubnächte, sorgt für unvergessliche Visual- und Live-Shows. Von der VIP-Zone aus ließt sich das Geschehen rund um die Mainstage und die Parade bestens beobachten. Das 360°-On-Stage Family VIP Ticket kann über die Website der Street Parade übrigens käuflich erworben werden und bietet Zugang zu sechs VIP-Areas und On-Stage-Zugang zur Hauptbühne – ein Tipp für alle, die es exklusiv mögen.
Zurück in der Masse: Hier herrschte das wahre Rave-Feeling. Rund um die Love Mobiles und Bühnen waren wir mittendrin. Hier zählte nur eines: die gemeinsame Verbindung zur Musik. Und hier merkte man auch am ehesten: die Street Parade lebt, die Technokultur lebt.
Über die Quaibrücke verlief die Parade auf die andere Seite des Sees, dessen türkisblaues Wasser durch den Sonnenschein glänzte. Am Ende der Paradenstrecke bot sich Schatten – und bis 24 Uhr Hardtechno. Denn mit dem letzten Truck, der bis 24 Uhr nach Ende der Parade stehen blieb, ließen wir unseren Tag powerful ausklingen. HÖR Berlin traf auf Technoabteil aus Zürich. Somewhen, Trym und Clara Cuvé spielten.
Der Rave setzte sich dann für alle Feierwütigen auf den Afterpartys in den zahlreichen Locations der Stadt fort. Die wohl größte und offizielle Afterparty fand in der Halle622 in Zürich statt. Dort präsentierte das Berliner Duo Pan-Pot ihre Reihe Human und lud dazu mehrere Headliner der Parade, Adiel, Kevin de Vries oder auch Pan-Pot ein.
Ein ganz besonderer Tag ging zu Ende – und wir schauen schon wehmütig und mit einem Lächeln im Gesicht zurück. Für alle Liebhaber elektronischer Musik, die bisher eher auf Deutschland geschaut haben, können wir die Street Parade nur wärmstens empfehlen. Bis zum nächsten Jahr!
Auch interessant: