
In den frühen Zehnerjahren vollzog Michael Groß einen „Beziehungswechsel“: Von seiner ersten großen Liebe Hip-Hop zog ihn der Techno in seinen Bann. Und es war mehr als nur eine Romanze, es wurde zur großen Leidenschaft. Gegen Ende des Jahrzehnts entschied sich der gebürtige Ravensburger und Wahlberliner, seine berufliche Karriere – unter dem Künstlernamen A.D.H.S. – in die Hände der Musik zu legen. Auf Thomas Schumachers Label Electric Ballroom veröffentlichte er seinen ersten Track, eine Collab mit Jose Bonetto, der ihm schon eine Menge Aufmerksamkeit bescherte. Sein erster Solo-Track knüpfte an diese Aufmerksamkeit nahtlos an, was ebenso auch die weiteren Veröffentlichungen taten und noch immer tun. Wie es dazu kam, wie man mit der Aufmerksamkeit umgeht und welche Projekte demnächst anstehen, hat uns der 32-Jährige im Interview erzählt.
Es sind gerade einmal zweieinhalb Jahre vergangen, dass du deinen ersten Solo-Track „Zulu“ veröffentlicht und damit auch ein großes Ausrufezeichen gesetzt hast. Nun steht mit „Kerala“ deine erste Single auf einem Majorlabel an. Bevor wir dazu gleich ins Detail gehen, erzähle doch mal kurz, wie die letzten zweieinhalb Jahre für dich waren.
Die waren wirklich intensiv und sehr aufregend. Ich habe sowohl an meiner Künstlerpersona als auch an mir als Mensch sehr viel gearbeitet, meine Vision von meiner Kunst weiter vertieft und hatte das große Glück, mit tollen Menschen an unterschiedlichen Projekten zusammenzuarbeiten. In den letzten zwei Jahren bin ich bin ich nochmals viel tiefer ins Produzieren eingetaucht, habe dort noch mehr meine eigene Handschrift gefunden und bin neue Wege gegangen. Das ist in einem wirklich großen Output resultiert. Ein paar Sachen davon wurden bereits releast, wie z.B. mein „When I Rock“-Remix, die Collab-EP mit Thomas und ein Solo-Track, aber das meiste steht noch in den Startlöchern und wird nun endlich nach und nach in die Welt gelassen.
Außerdem habe ich als DJ ein paar absolute Wunschfestivals bespielen dürfen, wie die Fusion, Extrema Outdoor, Mayday und gerade erst letztens die Nature One. Darüber hinaus habe ich dieses Jahr meine ersten Fashion-Pieces und klassischen Merch gedroppt, in Zusammenarbeit mit Artur Kechter und Marek Papke mein eigenes Visuals-Konzept zur Welt gebracht und noch an weiteren Projekten gearbeitet, die noch nicht spruchreif sind.
Es macht mir einfach ultra Bock, mit meinem kleinen Team alle meine Ideen und Visionen auszuprobieren. Auch wenn davon auch manches scheitert, ergibt sich aus diesem Immer-in-Bewegung-sein ständig etwas Neues, das mich wieder zu Neuem inspiriert.
Lass uns gerne von vorne anfangen. Wie, wann und wo war dein erster Kontakt zu Techno?
Das war Mitte 2012. Einer meiner besten Freunde hat mir damals ein paar elektronische Mixtapes und Tracks gezeigt, die er gepumpt hat, wie z. B. das Mixtape „Lebenslänglich“ von Falscher Hase. Das hat mich seinerzeit komplett geflasht und mich erst einmal von meiner ersten großen Liebe, dem Hip-Hop, weggezogen.
Und wie entstand dann der Wunsch, selbst aktiv zu werden?
Ich habe mich davor schon als Hip-Hop-DJ versucht und fand es einfach ultraspannend, hinter dem Mixer zu stehen. 2013 musste ich dann einen sehr schweren Schicksalsschlag hinnehmen, den ich nur gut bewältigen konnte, weil ich mich komplett in das Auflegen vertieft hatte. Das war also zunächst kein Wunsch, den ich klar geäußert hatte, sondern etwas, das ich einfach tun musste, um klarzukommen und zu verarbeiten. 2018 traf ich dann bewusst die Entscheidung, Musik als Karriere zu verfolgen und mein Studium zwar fertig zu machen, mich aber danach mit vollem Fokus auf die Musik zu stürzen. Ab da begann ich auch mit dem Produzieren eigener Musik.
Hattest du früher auch besondere Vorbilder/Idole?
Oh ja, definitiv, das fing schon früh an – im Alter von 13, 14 Jahren – mit Rappern wie 2Pac, Savas oder Eminem. Und als dann Techno kam, waren das Maceo Plex, Solomun, Stephan Bodzin, aber auch – nachdem ich das erste Mal bei einem Gig von ihm war – mein Habibi Thomas Schumacher.
Wie ist es eigentlich zu dem Namen A.D.H.S. gekommen? Man könnte es erahnen, oder?
Haha ja, das kann man, denke ich, wenn man mal eine Show von mir gesehen hat und mich ein bisschen kennt. Die Idee zu dem Namen kam von demselben Freund, der mich auch zum Techno gebracht hatte, spontan bei einer Afterhour.
Wie hast du deinen Stil im Laufe der Zeit entwickelt?
Ich bin von dem ausgehend, was damals trendy war – Edit-Deep-House würde ich es mal nennen – immer tiefer eingetaucht. Ich habe dann längere Zeit so um die 125 bpm mit Melodic-Techno, Afro-House und Bassline-Tech-House herumgespielt, aber dabei immer ein bisschen die Energie vermisst. Mit der Zeit bin ich dann immer und immer schneller geworden und habe dabei stets versucht, meine unterschiedlichen musikalischen Einflüsse einfließen zu lassen.
2018 hast du zusammen mit Jose Bonetto den Track „Decipher“ auf Electric Ballroom, dem Label von Thomas Schumacher, veröffentlicht. Ein Track, der auch schon Spuren in der Technoszene hinterlassen hat. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Thomas, die sich ja bis in die Gegenwart zieht?
Ich hatte Thomas Anfang 2017 auf eine meiner Partys in Innsbruck gebucht und wir haben echt von Minute eins an gevibet. Darauf folgte dann mal ein spontanes b2b-Set, einige weitere Partys zusammen und irgendwann hat er mich mal zu sich ins Studio eingeladen, um mir als Mentor Hilfe bei meinen Produktionen zu geben. He’s like a brother from another mother.
2022 erschien oben erwähnter Track „Zulu“ auf Monika Kruses Label Terminal M, der natürlich von Kruse selbst gepusht wurde, aber auch von Größen wie Adam Beyer, Lilly Palmer oder Joseph Capriati. Wie hat sich das angefühlt bzw. wie fühlt sich das jetzt noch an
Das war wirklich einfach nur insane zu diesem Zeitpunkt. Das war mein erster Solo-Track, den ich überhaupt mal an ein Label geschickt hatte – und dann wird der einfach auf den größten Stages der Welt gespielt und die Leute drehen komplett am Rad – das war so surreal für mich, weil ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, ob das, was ich da in meinem Studio bastle, überhaupt jemandem gefällt und ob es funktioniert auf dem Dancefloor. Das war so ein unglaublich schönes Glücksgefühl, das ich niemals vergessen werde.

Die Reise ging weiter mit diversen Tracks – u. a. auch auf Adam Beyers Drumcode – und hat dich nun zu einem Major-Release geführt, dem beeindruckenden Track „Kerala“, der im August erschienen ist – ein Track, der auch durch deine Tour-Erfahrungen aus Indien geprägt wurde. Erzähle uns doch, wie der Track entstanden ist und wie du bei Warner gelandet ist.
Ich habe den Track bei einer local Family in Kerala produziert, bei der ich ein paar Tage während meiner Indien-Tour wohnte. Warner hatte sich bei mir zunächst wegen eines anderen Tracks gemeldet, der auf TikTok viral ging. Auf dieser Basis kam es dann zu gemeinsamen Gesprächen und ich durfte ihnen noch weitere Musik vorstellen, die sie ebenfalls spannend fanden.
„Kerala“ war also nur der erste von drei Tracks, die ich über Warner releasen werde. Die zwei weiteren Singles sind ebenfalls auf Tour in unterschiedlichen Ländern entstanden. Wie auch „Kerala“ sind sie für mich eine Art Schnappschuss meiner Emotionen und Erlebnisse vor Ort. Für mich sind alle drei Tracks als ein gemeinsames Werk zu verstehen.
Welchen Einfluss hat dein Tourleben rund um den Globus auf dich und dein Schaffen generell?
Es gibt fast nichts, das mich mehr inspiriert, als irgendwo auf der Welt neue Kulturen, Menschen und deren Lebensweise kennenzulernen. Wo immer ich bin und etwas Zeit habe, versuche ich, so viel wie möglich von der lokalen Musik, dem Vibe der Menschen und natürlich dem Essen aufzusaugen und das direkt vor Ort in Form von Musik festzuhalten. Es ist also so etwas wie mein Reisetagebuch.
Nach diesem eindrucksvollen Weg in den letzten Jahren: Muss man sich nicht ab und zu erden, um nicht durchzudrehen? Hast du evtl. ein spezielles Rezept oder ein Hobby, das gar nichts mit Musik zu tun hat? Wie schaltest du ab?
Absolut! Ohne meine mittlerweile sehr strikte Routine würde ich das so nicht durchhalten bzw. es einfach nicht genießen können. Tägliches Meditieren hilft mir, mit dem ganzen Stress des Tourlebens und mit negativen Gedanken, die bei so einem Job und der permanenten Auseinandersetzung mit Social Media leider unausweichlich sind, meistens gut umzugehen. Außerdem praktiziere ich ebenfalls täglich Yoga. Das sind oft nur kurze Sessions von 15 bis 20 Minuten, die aber einen riesigen Impact auf meine körperliche und geistige Verfassung haben. Und das Beste daran ist, dass beides wirklich überall und ohne Hilfsmittel möglich ist. Das rettet mir bei so richtigen hardcore Festival-Wochenenden echt den Arsch (lacht).
Ansonsten habe ich meine große Liebe für wirklich gute Filme wiederentdeckt. Dabei kann ich mega entspannen und habe meistens direkt neue Ideen fürs Studio am nächsten Tag. Aber nichts erdet mich mehr, als Zeit mit meinem Doggo Papito, den ich, so oft es geht, bei meiner Mum besuche oder zu mir hole.
Vielleicht noch ein kleiner Blick ins Studio: Wie arbeitest du dort und mit welcher Software und welchen Geräten?
Ich arbeite mittlerweile eigentlich ausschließlich „in the Box“ in Ableton 12, mit einer Soundkarte und einem Midi-Keyboard mit genug Knöpfen zum Mappen. Dieses Setup hat sich für mich durchgesetzt, weil ich damit überall auf der ganzen Welt Musik in Studioqualität produzieren kann und trotzdem am MIDI Piano-Riffs einspielen und meine ganzen VST-Synths mittels Mapping live spielen kann. Die armen Synths im Studio stehen bis auf wenige Ausnahmen leider nur herum. Im Studio benutze ich dann gerne noch zusätzlich den Push von Ableton, um meinen Workflow zu beschleunigen.
Wie sehen deine Pläne für die kommenden Wochen abseits der bereits erwähnten Releases aus und was hast du dir mittelfristig vorgenommen?
Bis zum Ende des Jahres wird noch eine EP auf einem absoluten Wunschlabel von mir herauskommen sowie eine Single auf einem weiteren Label meiner Bucketlist. Außerdem werde ich mittelfristig ein, zwei EPs selbst releasen, die mit einem Gesamtkonzept kommen werden – also mit einer eigenen Visual Identity, einem Merch-Drop und auch so etwas wie einem Video bzw. Visualizer. Gerade auf diese 360-Grad-Erlebnisse eines Releases habe ich ultra Bock, weil mir dies die Möglichkeit gibt, mich vollständig auszudrücken und mehr zu schaffen, als nur einen Track herauszubringen.
Kurz & knapp:
Mein erster Gig: auf einem illegalen Open-Air an einem winzigen See
Meine erste Gage: Freigetränke
Meine drei liebsten Tracks ever:
„Best Day Ever“ – Mac Miller
„Lose Yourself“ – Eminem
„Dear Mama“ – 2Pac
Mein Glücksbringer: Papito
Dieses Album höre ich gerade rauf und runter: „iimini“ von Bongeziwe Mabandla
Diesen Ort muss ich unbedingt noch besuchen: Japan
Hierhin komme ich wieder gerne: in die Berge und ans Meer.
Aus dem FAZEmag 151/09.2024
Text: Tassilo Dicke
Crédit: Paula Schu
Web: www.instagram.com/_a.d.h.s._/
A.D.H.S. hat für das Heft den Mix des Monats September beigesteuert. Hier geht es zum exklusiv für unsere Leser angefertigten Mix.