Es war am 17. Juni 2013, als der aus Düsseldorf stammende und damals in Berlin lebende Alex Niggemann die erste Katalognummer seines Labels AEON veröffentlichte. „Just A Little“ hieß der Titel, zu dem Jonny Cruz die Vocals beisteuerte und Glimpse sowie Steve Bug je eine eigene Interpretation. Mittlerweile ist das Label bei Katalognummer 036 angelangt, lieferte in den letzten Jahren zahlreiche Hits und beschließt das Jahr des fünfjährigen Bestehens mit einer Compilation mit exklusiven Tracks aus dem Label-Dunstkreis. Gratulanten mit Input sind dabei Namen wie Echonomist, Third Son, Speaking Minds & Amarcord, Uriah Klapter und natürlich der Label-Chef persönlich. Ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft.

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Wir haben Dezember. Wie war das Jahr 2018 für dich, sowohl beruflich als auch privat?

Es war leider nicht das einfachste Jahr, um ehrlich zu sein. Dadurch, dass ich privat vieles um die Ohren hatte, was mit großem Stress verbunden war, hatte ich wenig Zeit im Studio und somit bis November auch nur ein einziges Release mit „Exos“. Aber dafür gibt es nun fünf Releases in sechs Monaten. In Sachen Gigs war es auf jeden Fall wieder ein gutes Jahr. Ich bin viel rumgekommen, habe viele gute Shows gespielt und hoffe, dass es noch einige Zeit so weitergeht.

In diesem Monat feiert dein Label fünfjähriges Bestehen. Glückwunsch dazu. Wie rekapitulierst du diese Zeit?

Vielen Dank. Es war eine ziemlich intensive und aufregende Reise bis hierhin. Der Anfang ist immer etwas holprig. Du musst viele Kompromisse eingehen, neue Talente finden und sie von deiner Vision überzeugen. Es ist nicht immer ganz einfach, denn sie müssen dir vertrauen in Bezug darauf, auf welche Art und Weise du die Dinge angehen willst. Es ist schwierig genug, selbst geduldig zu bleiben, aber du musst das auch deinen Künstlern vermitteln. Es braucht viel Überzeugungskraft, zu erläutern, dass der Weg, den wir mit dem Label gehen, ein anderer Weg ist und es deswegen ein wenig länger dauern kann, bis das passiert, was sie sich erhoffen. Nach fünf Jahren, 36 Veröffentlichungen und vielen Events hat das Label nun seinen Platz in der Szene und Künstler wie Denis Horvat und Speaking Minds, die seit dem ersten Tag an Bord sind und zusammen knapp ein Viertel aller Releases gemacht haben, haben sich auch durch unseren gemeinsamen Weg als eigenständige Künstler etabliert. Das sehen auch andere und deswegen ist nun alles einfacher. Die Zukunft sieht gut aus und Releases von neuen Talenten wie Anii, Kincaid oder TVA sind auf dem Weg.

Bevor wir über die Zukunft sprechen: Was hat dich 2013 überhaupt dazu bewogen, ein eigenes Label zu starten?

Ich bin als Künstler selbst schon immer meinen eigenen Weg gegangen und daher war es auch nicht immer einfach, mit meiner musikalischen Vielfalt eine Label-Heimat zu finden. Das war damals für mich die Initialzündung. Meine eigene Base mit einem Kollektiv, das ebenfalls für Vielfalt steht und die Liebe zur Musik mit mir teilt.

Wie hat sich AEON deiner Meinung nach in diesen fünf Jahren entwickelt?

Ich bin mit der Entwicklung sehr zufrieden. Wir haben ein super Team aus mittlerweile fünf Leuten, die mit mir arbeiten und mir viel Arbeit abnehmen, sodass ich mich mehr auf das Wesentliche konzentrieren kann: Musik. Wir erfreuen uns ausreichender Bekanntheit, veröffentlichen echt gute Musik, haben coole Artists und auch die Verkaufszahlen sind recht ordentlich. Selbst wenn dieses Label nicht dazu erschaffen wurde, um damit Geld zu verdienen, sondern eher aus der Passion heraus entstand, so ist es doch wichtig, dass es sich selbst finanziell tragen kann. Das macht vieles einfacher. In den ersten zwei Jahren sah das noch deutlich anders aus.

Dein Leitsatz für AEON war, ein Label „mit Diversität“ zu führen. Hast du dieses Ziel deines Erachtens erreicht?

Ein Label von Grund auf neu zu gründen, das für Vielfalt und Qualität stehen soll, aber gleichzeitig sicherzustellen, dass es sich nicht um eine „gemischte Tüte“ handelt, ist keine leichte Sache. Es muss trotzdem eine Linie geben. So gut, wie es geht, glaube ich, habe ich das geschafft. Normalerweise neigen Labels ja dazu, für ein bestimmtes Genre zu stehen, was es einfacher macht, es zu promoten, da die Leute wissen, was sie auf den nächsten Veröffentlichungen erwarten können. Aber ich kann sagen, obwohl nicht jeder immer jede einzelne Veröffentlichung feiert, wissen die Leute dennoch, dass die Musik, die wir veröffentlichen, qualitativ hochwertig ist und das nächste Release vielleicht wieder „ihr Ding“ ist. Der Vorteil ist, dass wir eine breitere Masse von Menschen erreichen. Artists von Laurent Garnier über Gerd Janson oder Dixon bis hin zu Adam Beyer spielen unsere Releases. Leider gibt es natürlich auch immer einige Schubladen-Denker, die uns – nachdem wir ein bis zwei Hits hatten, die sich mit einem musikalischen Hype des gegenwärtigen Zeitgeists überschnitten haben – in eine Ecke mit Afterlife stecken. Das sehe ich nicht so und das wollten wir mit den acht Tracks auf der 5-Jahres-Compilation auch noch einmal zeigen. Wir wollen individuell bleiben in unserer Vielfalt und keinen Sell-out betreiben.

Gibt es Dinge, die du heute vielleicht anders machen würdest?

Es gibt immer Dinge oder Entscheidungen, die man im Nachhinein vielleicht hätte anders machen oder treffen können, genau wie im täglichen Leben auch. Aber ich denke, dass auch das Teil der Entwicklung eines Labels ist. Genauso wie im Leben. Es gibt jedoch nichts, was ich bereue.

Welche Releases auf dem Label sind deine persönlichen Favoriten, welche Tracks haben dich am meisten überrascht?

Nun, es ist schwer zu sagen und ich tue mich auch ein bisschen schwer damit, hier irgendwelche Tracks in den Vordergrund zu stellen. Die erfolgreichsten waren definitiv Denis Horvats „Lodi“, Speaking Minds’ „Yaoundé“ und meine „Divergent“-EP. Musikalische Highlights gab es viele. Dazu gehören auch das kommende Album von TVA, die jetzt erscheinende 5-Jahres-Compilation, die „Lost Tapes Vol. 2“ oder die allererste Veröffentlichung auf AEON. Überraschungen könnte man jetzt nur anhand der Verkaufszahlen bemessen. Das will ich aber gar nicht. Da ich bei der Auswahl von Tracks sehr kritisch bin und mir grundsätzlich viel Zeit dafür nehme, gab es musikalisch auch nicht wirklich Überraschungen in diesem Sinne.

Wie hat sich in deinen Augen das Format „Label“ in den fünf Jahren geändert?

Wenn wir es objektiv in der gesamten Szene betrachten und generell sprechen, braucht es heute nicht mehr viel für die Einrichtung eines Labels. Und deshalb gibt es auch viel da draußen, das wie eine Kopie von etablierten und erfolgreichen Labels klingt. Mit weniger Labels war die Qualität der Musik in meinen Augen höher. Im Moment klingt sehr oft eine Menge Musik einfach nach etwas, das schon mal da war bzw. gerade aktuell ist oder schon woanders veröffentlicht wurde. Außerdem scheint es eine Art Mode oder Marketing-Tool geworden zu sein, sich ein Label „zu halten“. Das macht es ziemlich schwierig für mich als A&R eines Labels, Talente in der Masse zu finden, und es macht es deshalb auch schwieriger für Talente, die nicht sehr extrovertiert sind und bereits viele Anhänger in sozialen Medien haben, Aufmerksamkeit zu erhalten. Auch weil Musik heute einfacher zu machen ist und somit viele Leute denken, nach einem Jahr mit Ableton und mit ein paar Loops könne man veröffentlichen – weil es eben so viele Labels gibt, die nach Musik suchen. Ich will nicht sagen, früher sei alles besser gewesen, im Gegenteil, die Aufmerksamkeit, die elektronische Musik bekommt, ist deutlich gewachsen. Aber es ist schwieriger geworden, qualitativ Hochwertiges und Innovatives zu finden, da oftmals die Musik nicht an erster Stelle steht.

Oft geht es auch um die Nacht, denn neben dem Label gibt es zahlreiche AEON-Showcases. Was hast du mit dem Label in den nächsten Jahren vor?

Ja, dieses Jahr gab es viele Showcases rund um den Globus und ich hoffe, es werden noch mehr. Es ist einfach was anderes, wenn du mit deinen Jungs und Mädels eine Nacht komplett selbst gestaltest. Es fühlt sich an, als hättest du deine Familie um dich herum, und musikalisch weißt du, was passieren und dass es dir gefallen wird. Ich hoffe, wir können die Zahl der Shows 2019 noch weiter ausbauen. Die Familie wächst stetig und somit gibt es auch einiges an Releases. Wir eröffnen das neue Jahr mit Output von Speaking Minds, Kincaid und mir. Es wird ein Album von TVA geben und Follow-ups von Denis Horvat und Anii. Die Demos von etablierten Künstlern werden auch mehr … Weiter vorausgeschaut, werden wir auch mehr Musik veröffentlichen, die nicht zwangsweise nur auf der Tanzfläche funktioniert.

Das bringt mich zu meiner nächsten Frage. Du hast aktuell ein Release auf Mule Musiq und auch hast du ein neues Projekt gestartet, das eher abseits der Tanzfläche seinen Platz finden soll. Welche Pläne hast du für 2019?

Neben den turbulenten Wochenenden in Europa geht es jetzt im Dezember und Januar durch Südamerika. Danach nehme ich mir ein paar Wochen frei, mache Urlaub, reise und besuche Freunde und Familie – einfach mal die Batterien wieder aufladen. Das mache ich viel zu selten. Was das Musikalische angeht, habe ich gerade ein Album mit meinem Projekt The Shadow Self fertiggestellt, das nächstes Jahr endlich das Licht erblicken wird. Als Alex Niggemann gibt es neben der bereits erwähnten EP auf Mule Musiq meinen Beitrag auf der „AEON 5 Years“-Compilation, eine EP auf Crosstown Rebels im Januar und noch eine weitere EP auf AEON im Februar oder März. Außerdem werde ich auf einem anderen Label mein Debüt geben. Die Tinte ist leider noch nicht trocken und somit werde ich das erst in den nächsten zwei bis drei Wochen bekanntgeben können.

Zeit mit der Familie inmitten der ganzen Aktivitäten klingt gut. Wie feiert Alex Niggemann Weihnachten?

Mit der Familie geht’s nach Portugal. Ich werde auf Madeira eine Woche verbringen, gut essen, ausspannen, ein bisschen golfen und einen Gig spielen.

An Silvester bist du in diesem Jahr in Nijmegen. Bist du jemand, der Vorsätze fürs neue Jahr fasst?

Ich habe meine Vorsätze dieses Jahr schon etwas früher gefasst und zum Teil auch schon umgesetzt. Mehr Zeit für mich und meine Familie zu haben, ist einer. Deswegen bin ich an Neujahr auch in Holland und spiele in Nijmegen und Rotterdam. Ich bin vor Kurzem von Berlin nach Rotterdam gezogen, da meine Freundin und mein Kind von dort kommen. Außerdem bin ich somit näher an meiner Heimat Düsseldorf. Mehr Musik selbst zu machen und weniger im Tagesgeschäft des Labels zu fungieren, war ein anderer Vorsatz – und das habe ich bereits Mitte des Jahres in die Wege geleitet. Ich will wieder mehr auf meine innere Stimme hören und das machen und genießen, was mir am wichtigsten ist: Musik und Familie.

 
Aus dem FAZEmag 082/12.2018
Text: Triple P
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