Credit: Alisson Demetrio


Es ist das artenreichste Land der Erde, die Heimat von Samba und Karneval. Die Casablanca mit ihren legendären goldenen Sandstränden. Riesige, imposante Wasserfälle, die zum UNESCO-Welterbe zählen. Der Amazonas-Regenwald und natürlich der sensationelle Blick vom Zuckerhut auf die sechs Millionen Einwohner zählende Stadt Rio de Janeiro. Klingt nach dem Text in einem Reisekatalog? Klingt für euch Musikliebhaber*innen vor allem nach der Heimat eines der erfolgreichsten Künstler weltweit: Alok. Der Brasilianer, der vor wenigen Wochen seinen 30. Geburtstag gefeiert hat – Glückwunsch nachträglich! – wurde vom Forbes Magazin als „einer der einflussreichsten jungen Künstler Brasiliens“ gekürt. Produktionen wie „Never Let Me Go“, „Big Jet Plane“ oder „Piece Of Your Heart“ erzielten Milliarden Streams auf den größten Plattformen dieser Welt. Alok ist DJ, Musiker, Produzent, Labelbetreiber. Alok ist aber auch Ehemann und Familienvater. Und fast wäre er Außenpolitiker geworden. Über dies, das und jenes habe ich mit dem sympathischen Kreativkopf im virtuellen Raum geplaudert – und über seine neueste Single „In My Mind“, die seit dem 30. Juli erhältlich ist.

„In My Mind“ klingt für mich wie ein sanfter Downtempo-Track mit sommerlichem Flair, eingängigen Vocals und einer einprägsamen Melodie. Wie würdest du den Song beschreiben? 

„In My Mind“ ist eine Zusammenführung zweier Welten mit mir und John Legend. Ich würde es als einen brodelnden Track beschreiben, der eine Kombination aus radiotauglichen Beats mit Johns Gesangsflair ist. Ich wollte eine Produktion schaffen, die allen unseren Fans hoffentlich gefällt.

John Legend – eine Koryphäe der internationalen Musikindustrie. Deshalb interessiert uns natürlich sehr, wie es zu dieser Zusammenarbeit gekommen ist. Erzähl doch mal.

Ich war schon immer ein Fan von Johns Musik, von seiner frühen Karriere bis heute. Er ist ein unglaubliches Talent, und mit ihm zusammenzuarbeiten, war etwas, das ich schon eine Weile im Auge hatte. Als ich ihm die Ursprungsversion von „In My Mind“ schickte, erkannte sein Team meine Vision und fand, dass es perfekt passen würde, eine Topline hinzuzufügen. Es war großartig, als wir Ideen austauschten und etwas schufen, an das wir beide wirklich glaubten.

Im Video sitzt John am Flügel und singt. Und ein Mann und eine Frau scheinen sich nach langer Zeit zufällig in der U-Bahn wiederzutreffen. Worum genau geht es in dem Video? Und: Wie wichtig sind Videos in der heutigen Zeit für den Erfolg eines Songs?

Mit dem Video wollten wir eine Emotion generieren, die dieser Geschichte von zwei verlorenen Liebenden folgt, die mit der Energie der Nacht durch die Stadt tanzen. Videos sind ein wichtiger Teil einer Single-Veröffentlichung, aber unser Hauptziel ist es, unser Publikum visuell in unsere Welt zu bringen und unserem Projekt zusätzliche Tiefe zu verleihen. 

Die Liste deiner Kooperationspartner ist lang. Sie reicht von Armin van Buuren, Vini Vici und Felix Jaehn über Steve Aoki, Gavin James, Jason Derulo und KSHMR bis hin zu VIZE und Sofi Tukker. Wie wählst du deine Gastmusiker*innen aus? 

Für mich kann eine Zusammenarbeit genauso fruchtbar sein wie die Solo-Arbeit im Studio. Jede Produktion kann etwas anderes bewirken und erzeugen. Es muss ein gegenseitiges Verständnis und eine Wertschätzung für die Arbeit des anderen vorhanden sein, unabhängig von Genres und Subgenres. Wenn ich etwas von einem Künstler oder einer Künstlerin höre, das ich gut finde und in meinen Sets spiele, dann will ich einfach mehr.

Während sich viele fragen, was zuerst da war – das Huhn oder das Ei – frage ich mich: „Was kam bei ‚In My Mind‘ zuerst: die Melodie, der Gesang oder die Basslinie?“

Für mich war es die Melodie! Das Brummen der Bassline darunter folgte nicht allzu lange danach. Als ich das Album kreierte, war die Melodie etwas, auf das ich total fixiert war, noch bevor ich den Text und die Geschichte des Albums aufbaute.

 

Du bist die Nr. 1 in vielen Rankings und du hast weltweit einen enormen Bekanntheitsgrad. Und sicherlich wirst du auch von vielen im Supermarkt erkannt. Wie gehst du mit solchen Situationen um, und mit Ruhm im Allgemeinen?

Ich habe das große Glück, eine wunderbare Familie zu haben, eine tolle Frau, großartige Kinder. Sie geben mir Halt und haben mir, besonders während der Pandemie, geholfen, die wichtigsten Dinge im Leben zu erkennen: Liebe, Gesundheit und Wohlbefinden. Ich liebe es, Musik zu produzieren und als DJ für meine Fans aufzulegen, und der Ruhm ist ein Teil davon. Aber Gleichgewicht und Abwechslung zu finden, ist wichtig für meine geistige Gesundheit und für mein Privat- und Berufsleben.

Lass uns auf den Tag Null zurückblicken. Was war der Grund dafür, dass du in die Musikbranche eingestiegen bist?

Nun, ich bin in einer Familie mit starken musikalischen Wurzeln aufgewachsen. Meine Eltern (Swarup und Kanta) sind ebenfalls DJs und frühe Pioniere des Psytrance in Brasilien, daher hatte ich schon immer eine große Liebe zur Musik und zur Kreativität. Als ich ein Kind war, haben mein Bruder Bhaskar (der auch DJ ist) und ich lieber mit dem CDJ aufgelegt, als Videospiele zu spielen. Und es dauerte nicht lange, bis wir mit unserem Projekt „Logica“ in der elektronischen Musikszene auftraten. Meine Anfänge machten mich zu einem sehr proaktiven Produzenten, aber schon in meinen frühen Tagen als DJ, bevor ich meinen eigenen Stil und Sound fand, wurzelte das alles in einer Leidenschaft für Musik verschiedener Stile aus der ganzen Welt. 

Es ist kein Geheimnis, dass du gutes Geld verdienst. Aber: Du unterstützt auch ärmere Menschen. Stichwort „Fraternidade Sem Fronteiras“. Erzähl doch mal ein wenig über deine Wohltätigkeitsorganisation.

„Fraternity Without Borders“, wie man auf Englisch sagt, wurde aus einer Reise nach Afrika geboren, wo ich verstand, wie ich dem Allgemeinwohl helfen kann. Mein Ziel war es, so gut wie möglich zu helfen, das Bewusstsein zu schärfen und Gelder zu sammeln, um die Armut zu bekämpfen, Klassenzimmer zu bauen und Bildung zu fördern, sowie Transport, Gesundheitsfürsorge, Lebensmittel- und Wasserversorgung und mehr zu unterstützen. Es ist mir ein großes Anliegen, den weniger Glücklichen persönlich und finanziell zu helfen.

Du bist nicht nur DJ und Produzent, sondern auch Labelbetreiber. Welche Acts hast du bei Controversia unter Vertrag genommen und was sind hier die Zukunftspläne?

Wir haben viele Acts unter Vertrag. Ich veröffentliche selbst auf dem Label, aber ich möchte auch neue Künstler*innen signen, vor allem aus Brasilien/Südamerika. Ich möchte die vielversprechendsten Talente supporten und sie unserem Publikum vorstellen. Leute wie Future Class etwa, von denen ich ein Fan bin. Und kürzlich haben wir Musik von Künstler*innen aus der ganzen Welt veröffentlicht, wie von Zootah aus Europa und vom schottischen Duo Able Faces. Wenn ich an eine Veröffentlichung und einen Künstler*in glaube, dann möchte ich für sie Controversia zur Heimat machen.

Lass uns die Türen zu deinem Studio virtuell öffnen. Welches Equipment verwendest du für die Produktion deiner Songs?

Logic ist meine Lieblings-DAW. Ich bin es seit zehn Jahren gewohnt, mit diesem Programm zu produzieren, sogar auf Tournee!


SHORTCUT

Facebook oder Instagram? Instagram.

Urlaub: Chill-out am Strand, Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer oder Party auf Ibiza? Chill-out am Strand.

Veggie-Burger oder Hotdog? Veggie-Burger.

Kleiner Club oder großes Festival? Großes Festival.

Netflixen oder ein Buch lesen? Netflix.

Bitte vervollständige die folgenden Sätze:

Privat höre ich am liebsten …
Ich mag alle Arten von Musik. Natürlich höre ich immer elektronische Musik als Referenz für meine Arbeit, aber ich mag auch etwas Rap und Hip-Hop. 

Der Lockdown war für mich persönlich …
ein Moment, um über die Welt, meine Familie und mich selbst nachzudenken. Nicht in der Lage zu sein, irgendetwas zu tun und rund um die Uhr nur von meiner Frau und meinen Kindern umgeben zu sein, hat mich noch mehr schätzen lassen, wie glücklich ich bin, sie zu haben. 

Mein letzter Auftritt war …
… Anfang 2020 in der Stadt Francisco Beltrão, im Süden Brasiliens, wo ich die Gelegenheit hatte, vor mehr als 50.000 Menschen zu spielen. Dieses Jahr werde ich am 12. September auf dem UNTOLD Festival in Rumänien auf der Mainstage spielen und ich kann es kaum erwarten. 

Musik ist für mich …
… mein Leben. Sie bringt die Menschen zusammen und ist mein Weg, mit ihnen in Kontakt zu treten. 

Das Gefühl, vor 50.000 Menschen zu spielen …
… ist ein wahres Vergnügen. Atemberaubend! 

Wenn ich nicht DJ und Produzent wäre, dann …
Als ich jünger war, habe ich angefangen, an der Universität Außenpolitik zu studieren. Wenn ich also kein DJ wäre, würde ich wahrscheinlich in einem Bereich arbeiten, der mit dieser Thematik zu tun hat. Aber ich persönlich wusste immer, dass ich DJ werden würde, denn das war schon immer Teil meines Lebens, seit ich ein Kind war.

Meine Botschaft an die deutschen Fans lautet:
Danke schoen for all your support. Can’t wait to see you next year at Airbeat One Festival!

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Text: Torsten Widua
Foto: Alisson Demetrio
www.aloklive.com.br