Es war im Dezember 2017, als der gebürtige Berliner mit „Seventeen“ seinen letzten Langspieler veröffentlichte. Nicht nur durch die diesjährigen Ereignisse fühlt sich die Zeit, die seit diesem Release vergangen ist, wie eine halbe Ewigkeit an. Hennebergs Kooperationen mit klassischen Orchestern, in deren Rahmen er unter dem Titel „Synth Happens“ unter anderem mit den Dortmunder Philharmonikern oder dem Babelsberger Filmorchester Live-Konzepte umsetzte, haben ihn nicht nur stark inspiriert, sondern auch in technischer Hinsicht weitergebracht. So machte er sich im Frühjahr – nur wenige Tage vor dem ersten Lockdown – an die Arbeit zu seinem neuen und dritten Album. Am 16. November ist „All Right Now“ auf dem eigenen Label SNOE erschienen. Stilistisch reichen die insgesamt 16 Titel von klassischem Tech-House über Melodic Techno bis hin zu experimenteller Electronica und Peak-Time-Techno. Eine Genre-Mixtur, die manch einem wild erscheinen mag, die aber im soundtechnischen Henneberg-Mantel durchaus Sinn ergibt.

 

Andreas, wie ist die Laune in den letzten Wochen eines merkwürdigen Jahres?

Den Umständen entsprechend sehr gut. Ich hatte lange nicht mehr so einen gesunden Schlafrhythmus. Seit nunmehr neun Monaten ausschließlich von Ersparnissen zu leben, ist allerdings echt heftig.

Wie hast du das Jahr erlebt, sowohl beruflich als auch privat?

Also, ich kann mich erinnern, schon ziemlich viele verrückte Jahre erlebt zu haben. Aber dieses Jahr fühlt sich eher so an, als müsste man mit zwei gebrochenen Beinen einen Marathon laufen. Das ist eine ziemliche Herausforderung für alle, die in der Veranstaltungsbranche tätig sind. Das Jahr fing für mich eigentlich sehr gut an. Ich war die ersten drei Monate in Nordamerika, Hawaii, Costa Rica, Brasilien, Argentinien auf Tour und kam pünktlich zwei Tage vor dem Lockdown im März wieder zurück nach Berlin. Da ich mir im März und April eh die Zeit nehmen wollte, um ein Album zu produzieren, kam mir das eigentlich ganz gelegen, so komisch das klingt. Zu dem Zeitpunkt wusste halt auch noch niemand, wie lange die Situation anhalten würde, und ich war guter Dinge, dass der Sommer wieder voller Festivals sein würde. Nach und nach wurden sämtliche Shows für das Jahr 2020 abgesagt oder verschoben und der Kalender war plötzlich leer. Katastrophe!

Die Situation brachte wohl Vor- und Nachteile mit sich, oder?

In der Tat. Der positive Nebeneffekt an der ganzen Sache ist tatsächlich die Freizeit und die Möglichkeit, sich mal fokussiert um die Familie zu kümmern. Zudem habe ich unglaublich viel Musik gemacht und ein wenig im Studio herumexperimentiert. Nach knapp neun Monaten wird aber auch das irgendwann langweilig. Ich war fest davon überzeugt, dass es auch eine Art Kurzarbeitergeld für Soloselbstständige geben würde. Künstler*innen sind ja am Ende nichts anderes als normale Steuerzahler*innen. Soforthilfen kamen hier aber nie an, ich bin leider auch nicht berechtigt, weil ich tatsächlich null betriebliche Nebenkosten habe – außer vielleicht die Stromrechnung … Ziemlich deprimierend und enttäuschend.

Dann lass uns über positive Dinge sprechen. Gratulation zum neuen Album! Wie sehr haben sich deiner Meinung nach die Kollaborationen mit den Orchestern auf das Werk ausgewirkt?

Seit 2017 mache ich zweimal im Jahr eine Live-Show mit unterschiedlichen Orchestern in deren Häusern. Zum Beispiel mit den Dortmunder Philharmonikern, oder zuletzt mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg. Für 2021/2022 sind bereits Shows mit Titeln von meinem neuen Album geplant. Ich habe ein großartiges Team um mich herum, und das macht so ein Mammut-Projekt überhaupt erst möglich. Meine Techno-Produktionen beeinflusst das Projekt tatsächlich kaum. Eher umgekehrt. Es inspiriert mich sehr und ich lerne dabei viele großartige Menschen kennen.

Nur wenige Tage nach Produktionsstart ereilte uns die Pandemie. Würdest du sagen, das Album hätte ohne anders geklungen?

Ich habe mich tierisch aufs Studio gefreut, weil ich mit den ganzen Ideen und Sachen, die ich dafür im Kopf hatte, endlich loslegen wollte. Zu dem Zeitpunkt konnte man ja noch nicht ahnen, dass wir den Rest des Jahres zu Hause verbringen würden. Theoretisch hätte ich also auch ein Ambient-Album machen können, ja. Wollte ich aber nicht! Das Album sollte in jedem Fall genau das widerspiegeln, was die Leute bei meinen DJ- und Live-Sets erwartet, nämlich möglichst 100 Prozent Henneberg.

Die 16 Titel sind unglaublich divers, kommen aber fast alle im Club-Gewand. Was hat deine Entscheidung beeinflusst, ausgerechnet jetzt, ohne Clubs, zu veröffentlichen?

Wie das Album in etwa klingen sollte, stand von Anfang an fest. Für mich war ganz klar, dass ich ein reines Dancefloor-Album veröffentlichen würde. Ich bin DJ und tour(t)e jedes Wochenende durch die Welt. Auf Festivals und in Clubs möchte ich die Titel halt auch spielen können. Zudem war eigentlich auch eine große Live-Show zum neuen Album geplant. Mit dem Album zu warten, bis es wieder losgeht, kam für mich aber nicht infrage.

Wie unterscheidet sich in deinen Augen „All Right Now“ von deinem vorherigen Werk „Seventeen“?

Zwischen meinen Solo-Alben liegen immer rund drei bis vier Jahre, in denen sich einiges tut. Man lernt viel dazu, Geschmäcker und Sichtweisen ändern sich, man lässt sich von Eindrücken, Reisen und Kolleg*innen inspirieren. Mein erstes Album „Mountain“ war ein Konzept-Album, das die Hörer*innen auf eine kleine Reise mitgenommen hat. „Seventeen“ war eine Mischung aus Club- und Listening-Album. Das neue Album „All Right Now“ hingegen ist für den Dancefloor gemacht, auch wenn sich der gerade auf der heimischen Couch befindet.

Das Album erscheint auf deinem Label SNOE. Was gibt es dort für News in Sachen Musik, Fashion und Co.?

Trotz der Corona-bedingt lausigen Musikverkäufe haben wir uns dazu entschieden, weiter zu veröffentlichen. Es ist wichtig, die Leute mit Musik zu versorgen, auch dann, wenn sie nicht dazu tanzen dürfen. Wir haben seit vier Jahren eine eigene Fashion-Linie mit ziemlich coolen Klamotten und Motiven von Designer*innen und Artists aus unserem Umfeld. Das hilft uns ein wenig durch die Krise und wir freuen uns tierisch über jedes verkaufte Shirt. All unsere Musik, Video-Podcasts und viele Interviews gibt es da übrigens auch. Schaut gern mal rein, ist ja bald Weihnachten. (lacht)

Mit The Glitz bist du ebenfalls sehr erfolgreich, das letzte Album kam allerdings 2015. Wann können wir hier mit neuem Material rechnen?

Wir sitzen tatsächlich schon seit über einem Jahr an unserem neuen Album. Daniel wohnt in Rostock, mein Studio ist in Berlin. Das macht es nicht immer einfach und da kann es schon mal länger dauern. Musikalisch probieren wir uns gerade etwas aus. Das Album wird sicherlich einige Leute sehr überraschen, denn diesmal wird es kein Techno-, kein House- und auch kein Tech-House-Album sein.

Für Desert Hearts hast du einen wahnsinnigen 15-Stunden-Livestream abgeliefert, ausschließlich mit eigenen Sachen. Erzähl uns mehr zu dieser persönlichen Zeitreise aus 22 Jahren.

Die 15 Stunden waren so nicht geplant. Der Stream hatte knapp 3 Millionen Klicks und konstant 15000 bis 20000 Zuschauer, als ich gespielt habe. Das ist ja quasi ein kleines Fußball-Stadion voll mit Leuten, und da kann man nicht einfach so aufhören zu spielen. Ich war gut vorbereitet und die Sticks waren mit all meinen Releases sowie etlichen unveröffentlichten Produktionen beladen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr stehen und wir mussten abbrechen. Das war eine ziemlich intensive Angelegenheit. Die besten 30 unveröffentlichten Titel, die ich aus meinem Archiv ausgebuddelt habe, gibt es jetzt übrigens bei Bandcamp.

2020 neigt sich dem Ende zu. Wie sehen in diesem Jahr Weihnachten und Silvester im Hause Henneberg aus?

Seitdem ich denken kann, wollte ich die Silvesternacht einfach mal durchschlafen. Sieht so aus, als könnte es dieses Jahr tatsächlich mal klappen. Da meine Frau aus Norwegen kommt, wechseln wir uns jedes Jahr ab mit dem Ort, an dem Weihnachten gefeiert wird. Letztes Jahr waren wir in Norwegen, dieses Jahr sind wir dann also bei meiner Familie hier in Berlin.

Was steht für die kommenden Wochen und Monate auf der Agenda?

Das wird wohl die lausigste Agenda aller Zeiten sein. Ich werde zusammen mit meinem Arrangeur an den Orchester-Shows für 2021/2022 arbeiten und dafür organisatorisch alles auf die Beine stellen. Mich hier und da für Musikstipendien bewerben, an diversen Demos für den Erhalt der Veranstaltungsbranche teilnehmen. Mein Mastering-Service beschert mir ab und an ein paar Aufträge, wobei auch hier eine echte Flaute zu spüren ist. Niemand in der Musikindustrie gibt zurzeit gerne Geld aus. Mit meinem The-Glitz-Kollegen Daniel und der Sängerin Mulay arbeite ich weiter an dem gemeinsamen neuen Album. Da stecken wir gerade sehr viel Energie rein. Mein Label SNOE fordert auch einiges an Aufmerksamkeit. Wir veröffentlichen trotz Corona monatlich und betreiben zusätzlich das Fashion-Label snoemusic.com. Sobald die Grenzen zu Norwegen dann wieder öffnen, geht’s mit dem Snowboard unterm Arm in die verschneiten Berge und zur Familie meiner Frau. Jede weitere Minute gehört meinen Freund*innen, der Familie und natürlich der First Lady.

 

 

 

Aus dem FAZEmag 106
Text: Triple P
Foto: Marie Staggat
www.andreas-henneberg.com