Ich habe ein Date mit Angie Taylor. Mit dem „I’M SOUND®“-Kamerateam fahre ich in den Mannheimer Norden, um die Künstlerin in ihrem Refugium zu treffen. „Willkommen in meiner Höhle!“ Angie Taylor, Bassistin und DJ, begrüßt uns gut gelaunt an der Tür und winkt uns ins Dunkle. Ihre Höhle, das ist der Panic Room, der sich nach Club anfühlt, aber in erster Linie Studio ist. Hier entstehen neue Songs und Taylors Online-Streams. „Viel zu oft habe ich hier auch schon übernachtet, weil es sich einfach nicht gelohnt hat, nach Hause zu gehen.“ Dabei ist der aufwendige Ausbau des Gewerbekellers ursprünglich aus einer Not heraus entstanden. Taylor, aus dem klassischen Bandkontext kommend und neu im elektronischen Musikmetier, wollte in Clubs auflegen. Die Clubs aber wollten Referenzen. Also baute sie sich ihren eigenen „Club“, um etwas vorweisen zu können. Reichweite zu generieren. Der Ausbau erfolgte komplett in Eigenregie. „Ich habe hier drin tatsächlich alles selbst geschraubt, gebohrt und verkabelt und dann begonnen, Live-Sessions aus dem Panic Room zu streamen.“ Machen und los. Das ist Angie Taylor.

AngieTaylor_Pic_2Thorsten Dirr5


Begonnen hat alles am Bodensee, in Friedrichshafen. Der Vater sozialisiert sie mit Rockmusik, die Mutter kommt aus Bayern. „Da kommst du ums Akkordeon einfach nicht rum. Mein erstes Instrument.“ Zum Bass findet sie eher zufällig. „Für das Schlagzeug fehlten mir, die ich damals 13 Jahre alt war, im Laden 150 DM. Das zweitlauteste Instrument war der Bass – also habe ich den gekauft.“ Erst Autodidaktin in Punk-Bands, dann Studentin an der Jazzhochschule. Es folgen abgeschlossene Ausbildungen zur Feinmechanikerin, Musikalienhändlerin und letztlich der Master an der Popakademie. Angies Weg klingt länger, als sie alt ist und führt beeindruckend stringent von einer Männerdomäne in die nächste. „Mich fragt ab und zu jemand, ob er mir bei etwas helfen solle. Dann gebe ich ihm meinen Koffer und sage ,Danke’ (lacht). Von anderen Frauen habe ich schon ganz andere Storys gehört, aber für mich ist alles in Ordnung.“

Der Bass bleibt ihr Instrument, auch wenn Formationen und Genres über die Jahre wechseln und sie sich immer wieder neu (er)findet. Sie ist Session- und Live-Musikerin, spielt in TV-Showbands und diversen eigenen Bandprojekten, bis sie schließlich Techno und Live-Producing für sich entdeckt. „Da ging plötzlich noch mal eine ganz neue Tür, eine neue Welt auf.“
Sie denkt, hört und fühlt sich rein. Fliegt regelmäßig nach Ibiza. „Ein guter Ort, um andere DJs zu beobachten, Kontakte zu knüpfen. Ich mag den Flow dort.“ Berührungsängste hat sie keine. Ehrgeizig mag sie sich aber nicht nennen: „Ich will nicht immer besser sein, eher so gut, dass ich meine Probleme selbst lösen kann. Ich lese mittlerweile Bedienungsanleitungen, das ist neu für mich. Aber dabei lernst du eine Menge.“

Künstlerisch sieht sie sich als Hybrid aus Techno-DJ und Live-Act, arbeitet auf der Bühne mit Traktor und Ableton Live, spielt Bass, mischt Effekte, Snippets und ihre Stimme zu energiegeladenen, meist dunklen Tracks. „Ich habe im Club insgesamt vier verschiedene Spuren gleichzeitig laufen und spiele live Instrumente oder verschiedene Keyboards und Drums wie die 909 oder 808 darüber. Das macht mich sehr flexibel, sodass ich je nach Stimmung der Tanzfläche – oder meiner eigenen – variieren kann.“

Der DIY-Weg hat für Angie Taylor funktioniert. Der Panic Room brachte die Aufträge und öffnete die Tür zu den Clubs. Die erste Anfrage kam direkt vom Londoner Promoter M!SF!T. „Der Rest kam Schritt für Schritt!“ Jeff Mills schreibt sie über Facebook an – „Hey, I like your basslines“ – und lädt sie zu einem gemeinsamen Gig ins Louvre in Paris ein. Sie spielt bei Pure Ibiza Radio und auf renommierten Festivals wie der Fusion, dem Pollerwiesen Boot, Tanz der Bässe oder dem Mannheimer Hafenfestival. „2017 war ein gutes Jahr für mich. Mit Größen wie Sven Väth, Tobi Neumann, Matthias Tanzmann oder Richie Hawtin eine Bühne zu teilen, ist schon Wahnsinn!“

Ihre Tracks veröffentlicht Taylor bisher über ihr eigenes Label, ihre Singles „Floating“ und „Dawn“ ließ sie unter anderem von John Hayden remixen. Die im Januar veröffentlichte EP „FIRE“ ist deutlich melodischer als die Vorgängerproduktionen, mit spürbarer Nähe zu Jean Michel-Jarre, den sie bekennend verehrt. Auch als Remixerin und Co-Produzentin wird man in Zukunft von Taylor hören. Zudem startete jüngst ihre eigene Radio-Show „Panicroom ON AIR“ bei Evosonic Radio (evosonic.de). Auf die Frage, ob live oder Aufzeichnung, kennt sie nur eine Antwort: „Auf alle Fälle live. Wenn du aufzeichnest, spielst du ganz anders. Wenn du live spielst und du weißt, die Leute hören dir jetzt zu, dann gibt es dem Ganzen eine ganz andere Energie. So sind vielleicht mal ein paar Bananen dabei, aber das ist dann egal.“

Ob sie angekommen sei in der neuen, elektronischen Welt, will ich abschließend wissen. „Ich würde sagen, dass ich meinen Fuß in die Tür gequetscht habe und meinen Körper noch irgendwie reinpresse – ob sie es wollen oder nicht, ich bin da!“ (lacht)

Das Interview führte Janina Klabes von I’M SOUND® – Versicherungsschutz für Musik am Stromkreis. Das Video vom Date im Panic Room gibt es hier zu sehen: sicher-laut-leben.de/news

 

 

Aus dem FAZEmag 072/01.2018
Text: I’M SOUND®
Foto: Thorsten Dirr und Johannes Kraemer
www.panicroom.live

Noch mehr Interviews:
Giorgia Angiuli – Talent und Stil und Talent
SonneMondSterne XXII – Mathias Kaden & Marcus Meinhardt im Interview
Julian Jeweil – Über Erfolg und Fischsuppe
Dominik Eulberg – 41 Kiebitze im Nebel

Kaiserdisco – Auf in die nächste Dimension

.