
Anja Schneider gehört seit den 1990er-Jahren zu den prägenden Stimmen der elektronischen Musik in Deutschland. Was ihre Arbeit heute auszeichnet, ist weniger die bloße Addition verschiedener Rollen als vielmehr deren enge Verzahnung: DJ und Produzentin, Radiomacherin und Podcasterin, Initiatorin interdisziplinärer Projekte. Mit ihrem Label Sous Music hält sie seit 2017 einen kreativen Kern aufrecht, der bewusst jenseits kurzfristiger Marktlogiken funktioniert. Parallel dazu hat sie sich mit Clubroom Backstage ein eigenes journalistisches Sprachrohr geschaffen, in dem sie Clubkultur als gesellschaftlich relevanten Raum verhandelt – persönlich, biografisch und weit über Szenecodes hinaus.
Der Podcast, der inzwischen zu einem ihrer wichtigsten Medien geworden ist, setzt auch 2025 klare Akzente. In den kommenden Folgen spricht Schneider unter anderem mit dem Berliner Grafikdesigner Paul Snowden, mit der Tresor Foundation sowie mit der Mixing- und Mastering-Ingenieurin Julia Borelli. Hinzukommen angekündigte Gespräche mit Modeselektor, Âme und Acid Pauli. Clubroom Backstage versteht sich dabei weniger als Szeneporträt denn als Archiv von Lebenswegen, Haltungen und kulturellen Zusammenhängen, die ihren Ursprung in der Clubkultur haben.
Diesen Anspruch übersetzt Schneider auch ins Clubformat. Mit ihrer seit April 2024 laufenden Reihe PUMP im Berliner OHM Club etabliert sie bewusst einen Daytime Rave von 16 bis 22 Uhr – als Gegenentwurf zu Afterwork-Events und Sunset-Ästhetik. PUMP richtet sich an ein Publikum, dessen Beziehung zu elektronischer Musik geblieben ist, auch wenn sich Lebensrealitäten verändert haben. Nach Stationen unter anderem in Nürnberg geht das Konzept weiter auf Tour. Das nächste Event findet am 17. Januar im OHM Club Berlin statt, mit Cassy und Anja Schneider am Pult. Zwischen Club, Podcast, Labelarbeit und Projekten wie etwa der Wagner-Interpretation „Heartbroken“ bei den Salzburger Festspielen zeichnet sich so ein Bild, das über klassische Künstlerbiografien hinausgeht. Im folgenden Gespräch spricht Anja Schneider über Verantwortung, kulturelle Räume, Zusammenarbeit – und darüber, warum Clubkultur auch heute kein Lifestyle, sondern Haltung ist. Darüber hinaus zeichnet Anja Schneider in diesem Monat auch für den offiziellen FAZEmag-Download-Mix verantwortlich.
Wie hat sich für dich in den letzten Jahren das Zusammenspiel deiner drei Standbeine – DJ/Produzentin, Journalistin und interdisziplinäre Arbeit – entwickelt und warum greifen sie heute stärker ineinander als früher?
Die drei Säulen meiner Arbeit – Radiojournalismus, DJing und Musikproduktion – sind über die Jahre ganz natürlich ineinander übergegangen. Das war nie strategisch geplant. Ich komme ursprünglich vom Radio und habe lange hinter den Kulissen gearbeitet, bevor ich selbst moderiert habe. Daraus ergaben sich später die ersten DJ-Anfragen. Parallel habe ich in meinen Radiosendungen viel neue Musik gespielt, was schließlich zur Gründung meines ersten Labels führte. Mit der Zeit wuchs dann der Wunsch, nicht nur Musik zu präsentieren, sondern auch selbst zu produzieren und einen eigenen Sound zu entwickeln. Heute, nach rund 30 Jahren in der Szene, ist mir vor allem wichtig, meine Erfahrungen weiterzugeben und aufzuzeigen, welche Bedeutung Club- und Subkultur auch heute noch haben. Gerade weil sich gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen stark verändert haben, braucht es diese Einordnung mehr denn je.
Was bedeutet dir Sous Music heute, acht Jahre nach der Gründung, und welche künstlerische Vision verfolgst du mit den geplanten Wiederveröffentlichungen und neuen Produktionen für 2026?
Sous Music ist für mich kein klassisches Label im Business-Sinne, sondern ein kreativer Raum. Ich arbeite nicht mit großen Strategien oder Wachstumszielen, sondern mache Musik, hinter der ich voll und ganz stehen kann. Dieser Freiraum ist mir extrem wichtig und war von Anfang an die Grundlage des Labels. In den letzten Jahren habe ich mich stärker mit meinem Backkatalog beschäftigt und gemerkt, dass viele Tracks auch heute noch für mich funktionieren. Deshalb habe ich mich entschieden, diese Musik neu zu betrachten – mit Remixen jüngerer Artists, aber auch mit Künstler*innen, die mich seit Jahren begleiten. Sous Music ermöglicht mir, diesen Weg ohne äußeren Druck weiterzugehen und gleichzeitig im Austausch mit neuen Generationen zu bleiben.
Du hast angekündigt, unter anderem mit DJ Minx zusammenzuarbeiten. Was verbindet euch künstlerisch und was dürfen wir von dieser Kollaboration erwarten?
DJ Minx war Gast in meinem Podcast Clubroom Backstage. In unseren Gesprächen wurde schnell deutlich, wie viele Parallelen es zwischen unseren Biografien und den Szenen in Detroit, Manchester oder Berlin gibt. Frauen wurden lange nicht ernst genommen und mussten sich ihren Platz oft über Umwege erarbeiten. Beim Schneiden des Podcasts ist mir Minx’ Stimme besonders aufgefallen. Aus reiner Neugier habe ich gemeinsam mit meinem Partner einen Track produziert und ihre Stimme testweise darübergelegt – ohne konkreten Plan oder Erwartung. Das Ergebnis hat sofort funktioniert. Die Zusammenarbeit ist sehr organisch entstanden, aus gegenseitigem Respekt und einer gemeinsamen Geschichte, die sich trotz geografischer Distanz erstaunlich ähnelt.
Produktionstechnisch scheint aktuell vieles in Bewegung zu sein. Wie gehst du heute an neue Tracks heran, und hat sich dein kreativer Prozess über die Jahre verändert?
Ich habe schon immer mit anderen Produzenten und Engineers gearbeitet und tue das bis heute. Seit vielen Jahren arbeite ich eng mit meinem Partner zusammen, unsere Prozesse sind sehr eingespielt. Grundsätzlich hat sich meine Herangehensweise kaum verändert. Oft entstehen Tracks aus Skizzen oder ersten Ideen, die wir gemeinsam weiterentwickeln. Ich schätze den Austausch sehr und mag es, wenn meine Ansätze hinterfragt werden. Technisch hat sich vieles verändert, aber im Kern bleibt der Prozess gleich: gemeinsam denken, offen bleiben und sich gegenseitig inspirieren lassen.
Du legst weiterhin international auf. Was suchst du heute in einem DJ-Set, und was macht für dich einen gelungenen Clubabend aus?
Für mich hat sich das Wesentliche nicht verändert: Ein guter Sound und eine stimmige Atmosphäre sind entscheidend. Ich bin DJ „from the heart“ und möchte, dass die Menschen am Ende glücklich nach Hause gehen und das Gefühl haben, Teil von etwas gewesen zu sein. Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, wie sehr Clubs unter Druck geraten. Die überteuerte Festivalkultur und hohe Eintrittspreise gefährden viele kleine, subkulturelle Orte. Früher war der Club selbst der Grund hinzugehen, heute stehen oft Namen im Vordergrund. Ich sehe es als Verantwortung von DJs, diese Orte aktiv zu unterstützen – denn dort entsteht die Kultur, aus der wir kommen.
Nach über 30 Jahren Radio hast du mit Clubroom Backstage ein sehr persönliches Podcast-Format geschaffen. Was konntest du dort anders machen als im klassischen Radio?
Im klassischen Radio ist man stark formatiert und zeitlich begrenzt. Es bleibt wenig Raum, wirklich tief in Biografien einzutauchen oder Gespräche organisch wachsen zu lassen. Genau das hat mir oft gefehlt. Der Podcast gibt mir diese Freiheit. Ich kann Menschen jenseits ihrer öffentlichen Rollen zeigen und Gespräche führen, die nicht auf schnelle Pointen ausgerichtet sind. Mir geht es darum, Clubkultur als Lebensraum sichtbar zu machen und ihre gesellschaftliche Relevanz verständlich zu vermitteln.
Dein Podcast bringt sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen. Nach welchen Kriterien wählst du deine Gäste aus?
Mich interessieren Menschen, deren Lebenswege durch Clubkultur geprägt wurden – nicht nur DJs oder Musiker*innen, sondern auch Designer*innen, Fotograf*innen oder Menschen aus Politik und Gesellschaft. Entscheidend ist für mich nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Haltung. Clubkultur formt Perspektiven, Denkweisen und Biografien. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist für mich ein zentrales Anliegen des Podcasts.

Viele Gespräche in Clubroom Backstage sind sehr intim. Wie entsteht dieser Vertrauensraum?
Viele Gäste kennen mich seit Jahrzehnten aus dem Radio oder aus der Szene. Dieses Vertrauen ist über Jahre gewachsen und basiert auf gegenseitigem Respekt. Ich begegne meinen Gästen ohne Agenda und ohne Sensationslust. Die Gespräche sind bewusst offen, persönlich und fast ohne Tabus. Dass kaum Inhalte im Nachhinein gestrichen werden mussten, zeigt mir, dass sich die Gäste sicher fühlen und das Format genau so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe.
Du willst Clubkultur aus der Schmuddelecke holen. Wo siehst du aktuell die größten Missverständnisse?
Clubkultur wird zwar offiziell gefeiert, aber real oft nicht ernst genommen. Förderungen werden gekürzt, Clubs schließen, kleine Festivals verschwinden. Zwischen symbolischer Anerkennung und tatsächlicher Unterstützung klafft eine große Lücke. Das größte Missverständnis ist, Clubkultur als verzichtbaren Luxus zu betrachten. Dabei sind Clubs wichtige soziale Räume, in denen Austausch, Identitätsbildung und kulturelle Entwicklung stattfinden – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung.
Aus dem Podcast ist mit „Heartbroken“ ein Projekt für die Salzburger Festspiele entstanden. Wie hast du diesen Schritt erlebt?
Sven Marquardt war Gast in meinem Podcast, daraus entstand eine engere Verbindung. Als die Anfrage kam, Wagner neu zu interpretieren, war für mich schnell klar, dass ich das nur gemeinsam mit ihm umsetzen möchte. Wir arbeiten an einer urbanen, elektronischen Wagner-Interpretation, ergänzt durch visuelle Ebenen und orchestrale Elemente. Mir geht es nicht darum, Hochkultur zu imitieren, sondern einen eigenen Zugang zu Wagner zu finden, der aus meiner Perspektive heraus funktioniert.
Was hat dich persönlich an dieser Wagner-Interpretation gereizt, und was erhoffst du dir vom Publikum?
Natürlich ist es reizvoll, sich in einem Hochkultur-Kontext zu bewegen und sich dieser Herausforderung zu stellen. Gleichzeitig weiß ich selbst noch nicht, wie das Publikum reagieren wird – und genau diese Ungewissheit macht das Projekt spannend. Ich möchte überraschen, ohne zu provozieren, und zeigen, dass sich klassische Stoffe zeitgemäß übersetzen lassen. Die Zusammenarbeit mit Sven gibt mir dabei große Sicherheit.

Welche Rolle spielen Vertrauen und gemeinsame Haltung bei der Zusammenarbeit mit Sven Marquardt?
Unsere Biografien haben viele Parallelen, auch wenn sich unsere Wege nicht ständig gekreuzt haben. Wir teilen ähnliche Erfahrungen und eine klare Haltung zu Kunst und Öffentlichkeit. Diese Klarheit schafft Vertrauen und macht die Zusammenarbeit sehr fokussiert. Am Ende geht es nicht um Kontexte oder Labels, sondern um Menschen und gemeinsame Werte.
Du bewegst dich zwischen Clubkultur, Hochkultur und gesellschaftlichem Diskurs. Siehst du dich selbst als kulturelle Vermittlerin?
In erster Linie bin ich DJ und Künstlerin der elektronischen Musik. Ich bin Raver „from the heart“, und dieser Kern wird sich nicht verändern – egal, in welchem Kontext ich arbeite. Wenn daraus eine vermittelnde Rolle entsteht, dann eher als Nebenprodukt, nicht als bewusstes Ziel.
Mit der geplanten Akademie 2026 setzt du verstärkt auf Wissensvermittlung. Welche Lücken möchtest du dort schließen?
Mir geht es darum, Erfahrungen weiterzugeben und unterschiedliche Wege aufzuzeigen. Viele kreative Menschen haben Ideen, wissen aber nicht, wie sie diese umsetzen können oder welche Optionen es jenseits klassischer Strukturen gibt. Ich möchte Perspektiven eröffnen, Mut machen und zeigen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sondern viele Möglichkeiten, die man selbst gestalten kann.
Was hat sich für Frauen in der elektronischen Musik verbessert – und wo gibt es nach wie vor strukturelle Baustellen?
Es gab Phasen, in denen sich vieles positiv entwickelt hat. Aktuell sehe ich jedoch wieder sehr männlich dominierte Line-ups, gerade auf großen Festivals. Frauen müssen sich nach wie vor stärker behaupten und werden anders bewertet. Besonders problematisch finde ich Zuschreibungen wie „beste DJ-Frau“ oder „Queen“. Wir sind nicht gut für Frauen – wir sind einfach gut. Trotz allem bleibe ich optimistisch: Der Weg ist noch lang, aber wir bewegen uns weiter.
Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text: Rafael Da Cruz
Fotos: Sven Marquardt
www.instagram.com/anjaschneiderofficial