
Die Wiesn hat ihre Klassiker: Bier, Brezen, Hendl, Fahrgeschäfte – und offenbar immer häufiger auch Kokain. Nach Einschätzung der Münchner Staatsanwaltschaft erlebt Bayern derzeit eine regelrechte „Kokainschwemme“. Besonders während des Oktoberfests wird sichtbar, wie präsent die Droge inzwischen ist. Seit Beginn der Wiesn berichtet die Polizei nahezu täglich von Fällen, bei denen Kokain sichergestellt wird. Da bekommt der Begriff „Wiesn-Zeit“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Das Bemerkenswerte: Kokain ist auf dem illegalen Markt offenbar nicht nur leichter verfügbar, sondern auch günstiger geworden.Nach aktuellen Angaben kostet ein Gramm Kokain mittlerweile ungefähr 68 Euro. 2021 waren es noch rund 93 Euro. Gleichzeitig wird der Stoff nach Angaben der Ermittler immer reiner – eine Kombination, die die Droge gefährlicher macht. Oder anders gesagt: Das Bier wird teurer, das Koks billiger. Allerdings sollte man diesen Preisvergleich besser nicht als neue Oktoberfest-Empfehlung verstehen.
Kokain längst nicht mehr nur ein Promi-Problem
Lange galt Kokain als Droge der Reichen, Schönen und besonders Feierfreudigen. Dieses Image gehört offenbar zunehmend der Vergangenheit an. Nach Einschätzung der Münchner Ermittler ist Kokain mittlerweile in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen angekommen. Der Konsum beschränkt sich also längst nicht mehr auf das klassische Klischee vom Partygänger mit Designerhemd. Das macht die Entwicklung für die Behörden besonders problematisch. Denn während die Zahl der gesamten Rauschgiftdelikte in Bayern unter anderem wegen der veränderten Rechtslage bei Cannabis zurückgeht, nimmt Kokain einen anderen Weg.
Auf dem Oktoberfest wird die Entwicklung besonders sichtbar. Im Jahr 2025 wurden auf der Wiesn 148 Anzeigen nach dem Betäubungsmittelgesetz registriert. In den überwiegenden Fällen ging es um Kokain. Auch die aktuelle Wiesn bestätigt den Trend. Bis zur Halbzeit des Oktoberfests 2026 registrierte die Polizei bereits 122 Rauschgiftdelikte – etwa doppelt so viele wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Auch hier handelte es sich überwiegend um Kokain. Da kann man die Wiesn-Wache inzwischen fast als zusätzliche Attraktion betrachten. Nur dass dort weder Musik läuft noch Bier ausgeschenkt wird.
Händler kommen gezielt zur Wiesn
Dass während des Oktoberfests Kokain angeboten wird, überrascht die Ermittler nicht. Laut Staatsanwaltschaft kommen Händler gezielt auf die Theresienwiese. Gleichzeitig betonen die Behörden, dass es sich bei den dort sichergestellten Mengen meistens um vergleichsweise kleine Mengen zum Eigenkonsum handelt. Von einer speziellen Kokain-Aufrüstung unmittelbar vor dem Oktoberfest gehen die Ermittler dagegen nicht aus. Der Grund ist ziemlich simpel:
Es ist ohnehin genügend Kokain vorhanden. Das Problem liegt also offenbar weniger darin, dass zur Wiesn plötzlich riesige Mengen angeliefert werden. Vielmehr ist die Droge inzwischen generell deutlich verfügbarer. Die wirklich großen Lieferungen spielen sich ohnehin nicht zwischen Achterbahn und Bierzelt ab. Ermittler gehen davon aus, dass größere Mengen Kokain unter anderem über den Hamburger Hafen nach Deutschland gelangen. Dort wird die Droge teilweise in Lieferungen versteckt – beispielsweise zwischen Früchten oder in Zementverpackungen. Eine Größenordnung macht deutlich, worüber wir sprechen: Im Mai 2026 wurden in München 28 Kilogramm Kokain sichergestellt. Dagegen wirkt das Gramm in der Hosentasche eines Wiesnbesuchers beinahe wie die Kleingeldversion des Problems.
Und es wird gefährlicher
Der Preis ist allerdings nicht der einzige Punkt, der den Ermittlern Sorgen bereitet. Das Kokain auf dem Markt wird nach Angaben der Behörden reiner. Gleichzeitig steigt damit das Risiko für die Konsumenten. In Bayern starben 2025 insgesamt rund 250 Menschen infolge ihres Drogenkonsums. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums München waren es 42 Menschen. Nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft war bei etwa der Hälfte der Münchner Drogentoten Kokain die Todesursache. Das ist dann endgültig kein Wiesn-Scherz mehr.
Die Wiesn bleibt also vor allem das, was sie sein soll: ein Volksfest. Nur zeigt sich dort inzwischen auch ein Problem, das weit über München hinausgeht. Kokain ist billiger geworden, wird nach Einschätzung der Ermittler häufiger konsumiert und ist in immer mehr gesellschaftlichen Gruppen angekommen. Das Oktoberfest macht diese Entwicklung lediglich besonders sichtbar. Und so bekommt der Satz „Noch eine Runde?“ auf der Wiesn inzwischen leider eine zusätzliche Bedeutung. Bei der einen Runde kommt Bier ins Glas. Bei der Anderen kommt das Nasen-Taxi.
Quelle: augsburger-allgemeine.de
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