Das weltweite Echo auf ihren ersten selbstbetitelten Langspieler aus 2017 war schlichtweg enorm. Sowohl medial als auch auf Seiten ihrer seit Jahren stetig wachsenden Audienz digitaler sowie physischer Art, regnete es regelrecht Lobeshymnen. Die Groove-Leser kürten das Werk zum Album des Jahres, die Single „Glue“ gewann sowohl in der Groove als auch im DJ Mag die Kategorie „Track des Jahres“. Das dazugehörige Musikvideo schrieb ebenfalls Geschichte und gehört nun zusammen mit ihrer damaligen Performance für Resident Advisor zur „Electronic“-Ausstellung, die im vergangenen Jahr in der Pariser Philharmonie erstmals gezeigt wurde und derzeit im Londoner Design-Museum zu sehen ist. Es folgte eine Tournee rund um den gesamten Erdball, die Bicep u.a. zum Primavera, Coachella und zum Glastonbury Festival brachte, ehe es zu drei aufeinanderfolgenden ausverkauften Nächten ins Londoner Printworks ging. Ihre zwei Shows in der Brixton Academy mit jeweils 5.000 Gästen waren binnen weniger Minuten ausverkauft und türmten eine Warteliste mit weiteren 10.000 Anwärtern an. Mittlerweile residieren Matt McBriar und Andy Ferguson in London. Genau dort haben die beiden rund zwei Jahre an ihrem zweiten Album gearbeitet.

„Isles“ erscheint am 22. Januar via Ninja Tune und hat schon jetzt das Potenzial, zu einem erneuten Meilenstein im elektronischen Kosmos zu avancieren. Die ersten Single-Auskopplungen „Atlas“, „Apricots“ und „Saku“, die konsekutiv seit März 2020 veröffentlicht wurden, enterten die Playlisten zahlloser führender Radiosender weltweit und generierten Millionenfache Streams auf sämtlichen Plattformen. Bei Apple Music launchten die gebürtigen Nordiren vor wenigen Wochen ihre „FeelMyBicep“-Radioshow. Ebenfalls großen Erfolg hatten Bicep mit ihrem kürzlich ausgestrahlten Livestream, der in über 70 Ländern in fünf verschiedenen Zeitzonen gesehen wurde. Der nächste Stream ist bereits in Planung. Ein Interview.

Andy und Matthew, normalerweise müsste ich als Journalist etwas neutraler sein. Aber es sieht schon jetzt so aus, als würdet ihr mit „Isles“ erneut Geschichte schreiben.

Andy: Haha, danke. Das freut uns immens. Vor allem, weil wir so lange auf Feedback außerhalb unseres Dunstkreises gewartet haben. Unsere Freundinnen können das Album nicht mehr hören, sie haben während des Mixing-Prozesses jeden Track wahrscheinlich tausendfach auf allen erdenklichen Lautsprechern in unserer Umgebung gehört. Wir haben die Tracks insgesamt dreimal geremastert, das hat den ganzen Prozess natürlich unheimlich in die Länge gezogen. Wir freuen uns also extrem, solch ein positives Feedback zu bekommen.

Wie verlief der Prozess? Ihr habt rund 14 Monate daran gearbeitet.

Matt: Es war ein unheimlich langer und steiniger Weg bis hierhin. Wir haben ungefähr 150 Demos produziert in dieser Zeit, und das hat uns ziemlich fertig gemacht. Wir haben so viele Ideen ausprobiert und in die Tat umgesetzt, dass das gesamte Projekt zu einem richtigen Kraftakt wurde. Umso glücklicher sind wir jetzt mit dem Ergebnis, denn das war lange Zeit nicht der Fall.

Andy: Wir haben angefangen an diesem Album zu arbeiten, als „Glue“ immer noch erfolgreicher und erfolgreicher wurde. Daraus entstanden ein gewisser Druck und auch eine Erwartungshaltung an uns selbst, ob wir es überhaupt schaffen, ein neues „Glue“ für das neue Album zu schreiben. Das führte dazu, dass wir in eine komplett konträre Richtung produziert haben. Irgendwann haben wir uns dabei erwischt, wie wir plötzlich reinen Techno produziert haben. Es war ein Jahr voller „Vors“ und „Zurücks“. Endlich drückt das Album genau das aus, was wir darstellen wollten.

Bei unserem letzten Gespräch 2017 zu eurem Debüt-Album habt ihr von 60 Demos berichtet. Nun waren es 150. Welche Parameter habt ihr euch selbst bei der Produktion gesetzt?

Matt: Wir haben uns ganz bewusst einige Regeln gesetzt vorher, ja. So haben wir zum Beispiel recht früh beschlossen, dass wir keinen Track mit klassischem 4/4-Takt auf dem Album wollen. Der Plan ist, das gesamte Album erst für die Liveshow clubtauglich aufzubereiten und die Titel tanzbarer zu präsentieren. Es war also ein klares Ziel, „Isles“ als eine Art Homelistening-Werk zu verpacken. In diesem Rahmen haben wir uns daraufhin bewegt, auch hier wieder ohne klare Vision. Wir haben einfach drauflos gejammt und geschaut, wo die Reise hingeht. Und dieses Mal haben wir in der Tat mehr als das Doppelte an Material produziert.

Andy: In der Idealvorstellung eines jeden Produzenten, der an einem Album arbeitet, produziert man zwei Titel, die hintereinander wunderbar klingen. Die Realität sieht aber extrem anders aus und dieser Umstand kommt äußerst selten zustande. Es passiert auf sehr natürliche Art und Weise, dass man auf einmal feststellt, wie gut zwei Stücke harmonieren. Wir haben also dem Prozess völlig vertraut und waren sicher, dass wir trotz aller Mühen irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem vieles Sinn ergibt und mit dem wir zufrieden sind.

Matt: Jeden verdammten Abend saßen wir im Studio, haben Demos gehört und abgewogen, welche davon am Ende auf das Album kommen. Teilweise haben wir nach einem halben Jahr wieder an verschiedenen Stücken gearbeitet, hier und da noch ein Element hinzugefügt oder entfernt. Alles verlief in Zeitlupe, teilweise haben wir uns aufgeteilt, um den Prozess zumindest ein wenig zu beschleunigen.

Wie unterscheidet sich „Isles“ in euren Augen zur ersten LP?

Andy: Auf dem ersten Album passierte vieles in Blocks, die nacheinander einsetzten. Wir mögen aber sehr die Bewegung innerhalb eines Stückes, wenn quasi alle paar Bars etwas Neues passiert und sich stetig verändert. Drei bis vier Elemente schweben nun permanent neben- oder ineinander. Das haben wir auf diesem Album definitiv verstärkt. Es ist für uns so z.B. extrem schwierig, Radio-Versionen von Tracks zu erstellen, da diese ja bekanntermaßen wesentlich kürzer sind. Würden wir also zu große Teile wegnehmen, würde dies das Gesamtbild zerstören. Diese neue komplexere Form macht natürlich auch die Liveshow anspruchsvoller, da sie schwieriger zu strukturieren ist. Aber darauf freuen wir uns sehr.

Hat sich eure Technik bzw. Hardware dadurch verändert?

Matt: Wir haben in der Tat eine Menge neuer Sachen benutzt, darunter unfassbar alte Sampler aus den 80er-Jahren. Teilweise war sogar Kinderspielzeug von Yamaha darunter, das wir mit einem eingebauten Midi-Anschluss quasi in unser Studio-Set-up eingebaut haben. Wir haben einige Geräte für unsere Zwecke customized. Auch sind wir groß in das Thema Effektgeräte eingestiegen, sowie in die modulare Welt. Wir haben versucht, einen Mix aus neuester Technologie und antiken Sachen zu kreieren. Wir könnten wohl Stunden über verschiedene Kompressoren und Effekte sprechen, die wir beide lieben. Und es wäre wohl vieles einfacher gewesen, hätten wir uns auf jeweils ein Gerät begrenzt. Aber wer weiß, wie das Ergebnis dann wäre. Erst heute ist ein neuer Synthesizer geliefert worden (lacht).

Ein verrücktes Jahr liegt hinter uns. Inwieweit wurde das Album durch die Pandemie rund um Covid-19 beeinflusst?

Andy: Wir haben das Album vor der Pandemie produziert, daher war die Entstehung der finalen Titel zumindest dahingehend unbeeinflusst. Allerdings glauben wir, dass die Menschen das Album während bzw. nach der Pandemie anders wahrnehmen, als sie es noch davor getan hätten. Es passt schon sehr gut, dass das Album nicht zur klassischen Club-Platte geworden ist und sich eher zum Zuhören eignet.

Matt: Wir waren in der glücklichen Lage, die Tracks zu Beginn der Pandemie bereits im Kasten gehabt zu haben und dann immer noch entscheiden zu können, wie das fertige Produkt aussehen soll. Aktuell gibt es ja mit dem Impfstoff Licht am Ende dieses langen Tunnels. Wir können es kaum abwarten, das Album live zu performen. Bis dahin versuchen wir, uns der Situation anzupassen und haben gerade unseren neuen Stream aufgenommen, der bald veröffentlicht wird. Auch dieses Mal haben wir mit Black Box Echo in Sachen Visuals gearbeitet und das Ergebnis ist fantastisch geworden, wie wir finden.

Die Visuals beim ersten Stream sahen schon ziemlich beeindruckend aus.

Andy: Danke. Auf Tour würde die Kooperation so aussehen, dass wir die Musik liefern, die VJs die Visuals und wir beides irgendwie aufeinandermatchen. Durch die Pandemie hatten wir viel mehr Zeit, um die Sachen mit ihnen gemeinsam zu entwickeln und eine visuelle Identität zu kreieren.

Matt: Wir haben in diesem Jahr sehr viel Zeit gehabt, uns mit Dingen zu beschäftigen, die sonst etwas zu kurz gekommen sind. Aber wir konnten auch viele Dinge intensivieren, wie z.B. unser Mixing. Beim ersten Album sind wir auf Tour gegangen, da war das Album gefühlt erst ein paar Stunden fertig. Es war alles extrem hektisch damals. Dieses Mal konnten wir sogar wieder ausschlafen zwischen den ganzen To-dos und hatten für alles ordentlich Zeit, auch für neue Musik.

…wird es somit beim nächsten Album 500 Demos geben statt 150?

Andy: Oh nein, wir hoffen nicht (lacht). Am liebsten würden wir nur 30 Demos schreiben. Wir glauben, dass es wirklich Sinn ergibt, sich selbst zu begrenzen. Aber am Ende kommt es sowieso anders als geplant. Außerdem gibt es ja noch die aktuellen Demos, die es dieses Mal nicht geschafft haben. Eventuell stecken wir da nochmal etwas Arbeit rein, vieles davon wird auch für unsere Shows aufbereitet.

Ihr beiden seid auf einer Insel aufgewachsen. Welche Bedeutung hat der Titel?

Matt: Ja, und dadurch haben wir recht gemischte Gefühle dazu. Einmal wollen wir weggehen, dann wollen wir wieder zurückkehren. Es war für uns immer ein Thema, das wir nie wirklich einschätzen konnten. Generell fanden wir Themen wie Inseln, Gemeinschaften und Identitäten irgendwie schwierig. Wir sind nicht religiös, aber wir haben beide unterschiedliche religiöse Hintergründe. Es gab immer ein großes Interesse daran, von uns zu hören, wie wir über diese Themen sprachen, aber eines der Dinge, die wir schon immer an Dance-Musik liebten, war die Möglichkeit, davon befreit zu sein, über diese Dinge zu sprechen. Das gab uns den Impuls zum Titel.

Veröffentlicht wird, wie auch zuvor, bei Ninja Tune. Wie würdet ihr eure Verbindung beschreiben?

Matt: Unsere Connection ist fantastisch. Ninja hat eine großartige Geschichte und gehört zu den traditionsreichsten Labels unserer Szene. Sie pushen uns extrem und auch wenn wir hin und wieder verschiedene Meinungen haben, gibt es nur wenige Label, die so professionell arbeiten und stets das gesamte Bild des Projektes sehen. Als wir vor Jahren anfingen, Musik zu machen und damit irgendwann Erfolg hatten, trafen wir uns mit unzähligen Labels. Die meisten davon haben unsere Musik ausschließlich aus der Dancefloor-Perspektive betrachtet. Bei Ninja Tune hingegen hast du als Künstler die Freiheit, dich außerhalb dieses Korsetts zu entfalten. Es ist in Ordnung, Musik zu kreieren, ohne dabei an Clubs oder Festivals zu denken. Sie challengen uns oft und das pusht beide Parteien zu guten Resultaten. Es ist schön, so einen Partner an seiner Seite zu haben, dem man blind vertrauen kann.

Das letzte Release auf eurem Label FeelMyBicep stammt von Extrawelt aus dem August 2020. Was ist dort geplant?

Andy: Es sind bereits einige Sachen in der Pipeline, davon können wir jetzt aber noch nichts offiziell verkünden, leider. Wir freuen uns sehr, eine eigene Plattform zu haben, wo wir Sachen veröffentlichen, die uns gut gefallen. Meist kommen diese von jungen talentierten Künstlern, denen wir eine Chance geben möchten, sich zu präsentieren. Extrawelt im August 2020 waren da natürlich eine Ausnahme. Wir finden die Jungs so großartig und wollten schon länger etwas mit ihnen machen. Generell fokussieren wir uns beim Label sehr auf undergroundigere Sachen, die wir auch in kleineren Clubs spielen würden.

Und was steht außerdem für 2021 auf der Agenda?

Matt: Wir werden abwarten, wie die Pandemie sich entwickelt. Bis dahin werden wir weiter Musik machen, vielleicht etwas Gartenarbeit nachgehen und kochen. Wir versuchen, das Leben trotz aller Umstände zu genießen. Ohne Deadlines. Und es ist so schön, über einen längeren Zeitraum ins Studio zu kommen, ohne zwingend an einem Album, einem Remix oder etwas anderem Superwichtigen arbeiten zu müssen. Wir jammen herum und schauen, was passiert.

Aus dem FAZEmag 107/01.2021
Text: Rafael Da Cruz
Foto: Dan Medhurst
www.facebook.com/feelmybicep