Erst jüngst konnte man wieder lesen, dass Vinyl die CD überleben werde. Gerade noch erzählte jemand, er sei froh, sein altes Studio- Equipment vor ein paar Jahren nicht verkauft zu haben, als es viele nur noch für unnötigen Ballast hielten. Alte Synthesizer und andere Geräte erzielen Höchstpreise bei Online-Auktionen, und Plattenpresswerke machen sich Gedanken, wie sie an Ersatzteile für ihre auf Hochtouren laufenden, aber nicht mehr gebauten Maschinen kommen. Der Müllplatz der Musikgeschichte ist längst nicht so voll, wie es noch vor Jahren prophezeit wurde, und Analog ist nicht zu einem Synonym für Retro verkommen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Kernbereich der sogenannten elektronischen Tanzmusik – der Dancefloor – längst nicht nur von Computern und mp3-Dateien beherrscht wird. Während wahnsinnige Mega-DJs auf immer größeren Bühnen das Terrain von Bands erobern, entern Drums, Keyboards, Bass, Synthies etc. den Platz neben dem DJ-Pult.

Ein wirklich spannender Vertreter dieser Zunft sind Brandt Brauer Frick. Im Berliner Clubleben hat sich das Trio mit akademischen Hintergrund vor ein paar Jahren kennengelernt und dann ihre ersten Sessions gemacht, ohne sich wirklich Gedanken zu machen, wohin diese Reise gehen könnte. Mit E-Drums, Keyboard und Groovebox starteten sie repetitive Technopatterns, veröffentlichten schließlich erste EPs und 2010 dann das Debütalbum „You Make Me Real“. Es folgte daraufhin der nächste Schritt, denn BBF entdeckten, dass eine Erweiterung des Trios auf ein zehnköpfiges Ensemble (mit Harfe, Violine, Cello, Posaune …) nicht nur Sinn, sondern auch großen Spaß macht, so dass daraus sogar das Album „Mr. Machine“ entstand. Nichtmal zweieinhalb Jahre nach dem Erstling kommt nun „Miami“ und wieder hat haben sich Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick weiterbewegt. Zuallererst haben sie sich sie Anfang letzten Jahres in ihr erstes gemeinsames Studio in Berlin- Neukölln bewegt, wo schließlich das neue Werk innerhalb eines Jahres entstand. Nach dem Ensemble-Projekt, das schon gewisse Zwänge mit sich führte, startete man einfach ins Blaue hinein, ohne sich in irgendeiner Art und Weise einzugrenzen. „Unsere Arbeitsweise hat sich auch verändert. Früher mussten wir für Aufnahmen immer nach Wiesbaden, jetzt haben wir jede Tourpause genutzt, sind direkt ins Studio gegangen. Und dadurch, dass wir oft unmittelbar vorher ein Konzert hatten, haben wir auch vielmehr einen Bandansatz entwickelt. Die Art, wie wir live gespielt haben, war immer viel energetischer und härter, als unsere erste Platte geklungen hat. Dieses Mal wollten wir das ein bisschen einfließen lassen, dass es mehr live klingt und wir einen rougheren Ansatz haben“, erzählt Daniel. Das Live-Spiel ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Trios, das ganze Wechselspiel zwischen Bühne, Aufnahme und fertigen Tracks ist eine einzige organische Bewegung, die sich immer noch weiterentwickelt und die immer andere Wendungen nehmen kann, auch bei den Konzerten selbst, erklärt Jan: „Manchmal führen wir uns auch absichtlich in die Irre. Wir beeinflussen die Signale des anderen, verändern sie, drehen Effekte rein oder ändern das Mischungsverhältnis.“ So hat jeder Einfluss darauf, wie es gerade läuft. „Wir haben immer noch das Gefühl, dass wir in der Ausprobierphase sind“, hieß es nach „Mr. Machine“ und dem Blick in die Zukunft.

Tatsächlich bemerkt man eine gewisse Abkehr vom 4/4-Taktformat und dem klassischen Trackaufbau, was sich auf den Konzerten nach und nach entfaltete. „Das haben wir schon auf unseren Touren entwickelt, dass wir Parts von alten Songs ganz anders gespielt haben, auch rhythmisch“, meint Daniel, und Paul ergänzt: „Wir hören natürlich auch zusammen viel Musik und dass das Album rhythmisch anders oder gebrochener ist, hat natürlich auch mit unseren Vorlieben zu tun und was wir an Musik kennengelernt haben. Das wäre 2008 noch gar nicht denkbar gewesen.“ Die Ideen entstehen meist zusammen – eher selten hat einer der drei schon etwas vorbereitet und mitgebracht – und auch nicht nach einem bestimmten Muster. Es ist ein Spiel zwischen Improvisieren und darin dann was Gutes zu erkennen, das dann geloopt wird. „Wir nehmen das dann auf, sortieren, schauen, was wie zusammenpassen könnte, improvisieren, komponieren und bauen neue Strukturen, teilweise ein sehr kleinteiliger Prozess“, beschreibt Paul. Spannend wurde dieser Prozess beim Einsatz der GastsängerInnen, die es auf „Miami“ gibt: Gudrun Gut, Erika Janunger, Jamie Lidell und Grammy-Niminee Om’Mas Keith. „Lidell bekam Skizzen geschickt, hat dann seinerseits Ideen geschickt, die wir strukturiert haben, bis schließlich eine finale Version gefunden wurde, für die er dann zur Aufnahme nach Neukölln kam. Keith hingegen hat unsere Skizzen, die ja nur Vorschläge waren, direkt übernommen, Vocals drüber gelegt und den Song fast fertig gemacht, was ursprünglich gar nicht so gedacht war und uns überrascht hat.“

Ende Februar startet dann wieder das Tourleben, das allerdings als Quartett angegangen wird. Neben Daniel, Jan und Paul kommt nämlich Om’Mas Keith mit, als vollwertiges Bandmitglied. Nicht nur mit Gesang, sondern auch mit Synthie und Percussion. Dann geht sie also wieder los, die Reise durch die Hallen, Clubs und auf die Festivalbühnen Europas. Dann wird wieder jeder Song gespielt, neu interpretiert, auseinandergenommen und wieder zusammengefügt. Es ist ein pures Vergnügen ihnen dabei zuzusehen. Ein verschworener Haufen, der dort auf der Bühne völlig aufblüht und die Lust am Musizieren zelebriert. Fast hart man den Eindruck, dass sie seit ihrer ersten Session in einem Durch spielen, zwischendurch ein Album aufnehmen, Gäste dazu einladen und schon wieder weiterziehen, um neue Ufer zu entdecken, wo sie doch gerade erst in ihrem persönlichem Miami gelandet sind. „Der Albumtitel ist eine freie Assoziation. Für uns ist es auch ein Konzeptalbum, ein Film der durchläuft. Es geht eher um ein imaginäres Miami, als das echte. Das Gefühl vom ewigen Reisen, von dem wir schon sehr geprägt sind. Wir fliegen überall hin, überall ist Party und man bekommt dann oft ein Gefühl zwischen voll geil und Endzeit. Volle Ladung, direkt aufs Festival oder in den Club, schließlich machen wir ja kein Wellness-Urlaub. Und dann hat man apokalyptische Visionen und wir interpretieren in diesen Ort, wo wir nichtmal 24 Stunden waren, alles hinein.“

Kaum gesprochen, hart man das Gefühl, dass sie schon wieder im Flieger sitzen, im Studio hocken oder ihr Label The Gym betreuen und irgendwelche Partys in Berlin organisieren. Viel beschäftigt, hoch begabt und immer wieder spannend. Welcome to Miami!

Hier geht’s zur Review: Brandt Brauer Frick – Miami (!K7 Records)

www.brandtbrauerfrick.de