Jedes Mal, wenn ein mir bekannter Musiker ein Album veröffentlicht und es bereits in der Pressemitteilung heißt, dass es endlich wieder so weit sei, oder sie mit der Phrase „nach all den Jahren“ beginnt, stelle ich mir selbst kurz ein paar Fragen: Wie alt bin ich gleich noch mal? Was habe ich in den letzten Jahren Nennenswertes geleistet? Und was verdammt noch mal mache ich hier eigentlich? Mit einer Mixtur aus Angst, Witz und Erkenntnis erlebte ich dann also auch diese Neuigkeit. Da es in dem Fall jedoch um ein Albumrelease ging, wandelte sich mein Gefühl schnell in große Freude – und ich sage es mit den Worten aus dem letzten Interview von 2014: Caribou ist wieder da!


Beinahe sechs Jahre hat es gedauert, bis du dein neues Album „Suddenly“ veröffentlicht hast – das tröstet mich, insbesondere hinsichtlich der gerade beschriebenen Fragezeichen in meinem eigenen Kopf. Welche Ausrede hast du parat, Dan?

Es hat sich herausgestellt, dass es für Leute in meinem Alter von Zeit zu Zeit doch Wichtigeres gibt als Musik.

Das hört sich doch sehr drastisch an!

Ich glaube, dass es bis zur Fertigstellung des Albums so lange gedauert hat, liegt daran, dass ich viel mit meinen eigenen Gedanken zu kämpfen hatte. Zwar habe ich sehr viel Musik gemacht – um ehrlich zu sein habe ich sogar die meiste Zeit an neuer Musik gearbeitet –, ich musste mich allerdings auch mit einer Problematik auseinandersetzen, die früher oder später bei jedem Musiker zum Thema wird: dass es mit den eigenen Ideen nicht mehr sehr weit her ist, dass es mit der Qualität bergab geht, die musikalische Relevanz leidet und es vielleicht besser wäre, es gut sein zu lassen, aufzugeben. Gegen diese Gedanken habe ich eine regelrechte Abneigung, gar Allergie entwickelt. Bis zu einem gewissen Grad ist das vielleicht auch eine ganz natürliche, unvermeidliche Entwicklung, aber ich kämpfe dagegen an und tue alles, um solchen Schwierigkeiten zu trotzen. Das heißt aber auch, dass es mich noch mehr Zeit kosten könnte, etwas zu Ende zu bringen, dass es mehr harte Arbeit oder mehr Frustration mit sich bringt. Ich will jedoch sichergehen, dass ich, wenn es dann so weit ist, zu 100 Prozent zufrieden bin mit meiner Musik.

Und um diese 100-prozentige Zufriedenheit zu erreichen, hast du unter anderem über 900 Tracks skizziert. Allein um mich in dieser Masse zurechtzufinden, bräuchte ich wohl sechs Jahre.

Das ist auch keine Übertreibung, es sind wirklich so viele geworden. Bei manchen handelt es sich zwar lediglich um 30-Sekunden-Aufnahmen, bestehend aus einem Beat, einer Handvoll Akkorden und einer Melodie, aber andere sind beinahe ausproduzierte Songs. Ich hatte dann alle 900 Schnipsel in einer Playlist und versuchte, sie zu ordnen, einen roten Faden zu finden. Das hört sich nicht nur verrückt an, das ist auch verrückt. Ich wünschte, ich wüsste einen besseren, einen einfacheren Weg, um zu einer zusammenhängenden Platte zu gelangen! Ich meine, ich liebe meine Arbeit und alles, was damit zu tun hat. Jedes Mal bei null anzufangen, zu jammen und frische Ideen zu entwickeln – das ist genau mein Ding! Doch die Ideen zusammenzusetzen, den Kleber zu finden und zu definieren, das ist bisweilen eine sehr frustrierende Herausforderung. Aber hey, wenn man mal überlegt, dass ich in den letzten fünf Jahren beinahe jeden Tag Musik gemacht und eine Idee skizziert habe, dann sind 900 Aufnahmen gar nicht mal so viel.

Guter Gedanke! Ein Puzzle mit 900 Teilen klingt ja auch irgendwie machbar. Wie bist du vorgegangen? Erst alle Randteile aussortiert?

Das Gute an der Puzzle-Metapher: Sie suggeriert, dass es nur einen Weg gibt, die Tracks zusammenzusetzen. Das lässt sich anhand eines einzelnen Stücks noch besser erklären. Wenn ich zum Beispiel die Strophe eines Songs fertiggestellt habe, dann probiere ich verschiedene Refrains aus. Jeder dieser Refrains spielt mit völlig unterschiedlichen Klängen, Melodien und Akkorden. Wenn ich alle ausprobiert habe und keiner passt, dann muss ich so lange weitersuchen, bis es tatsächlich Klick macht und es sich so anfühlt, als ob nichts anderes so gut gepasst hätte – wie in einem Puzzle eben. Diese Klick-Momente fühlen sich verdammt gut an.

Aber bei 900 Aufnahmen – was ist, wenn es dann doch mehrere Möglichkeiten der Zusammenstellung gibt?

Wenn es viele verschiedene Ergebnisse gibt, nun, dann will man sichergehen, dass man am Ende das Beste ausgewählt hat. Und dieses Abwägen gehört dann definitiv wieder zu diesen Gedanken, die einen lange und intensiv beschäftigen!

Am Ende hast du das Ganze jedoch erneut gemeistert und wir können uns über „Suddenly“ freuen. Was steckt hinter dem Titel?

Die Frage nach dem Titel für das Ganze stellte sich zu einem Zeitpunkt, als die Produktion abgeschlossen und das Cover bereits gestaltet war. Das Label kam auf mich zu und wollte dringend wissen, welchen Titel sie nun kommunizieren sollten. Aber ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, mit welchem Namen ich diese ganz unterschiedlichen Erfahrungen zusammenfassen sollte. Nach all den genommenen Hürden offenbarte sich hier also noch eine weitere, die mich ernsthaft ins Schwitzen brachte. Zur selben Zeit lernte meine Tochter, die da gerade etwa drei Jahre alt war, das Wort „suddenly“ und benutzte es zu jeder Gelegenheit. Sie hatte noch nicht ganz verstanden, in welchem Kontext das Wort Sinn ergibt und wann nicht. Meine Frau und ich hatten daran eine ziemlich große Freude, weshalb sie mir vorschlug, „Suddenly“ als Titel zu nutzen. Mir fiel auf, wie gut das Wort die verschiedenen Aspekte des Albums einfing, sowohl musikalisch als auch auf persönlicher Ebene. Als ich später das Album Freunden vorspielte und die ihre Eindrücke dann laufend mit „suddenly“ beschrieben, war die Sache klar.

Die Credits gehen also an deine Tochter! „Suddenly“ ist ein insgesamt sehr intimes Album, vielleicht noch persönlicher als „Our Love“. Oder wie siehst du das?

Auch wenn die Lyrics das nicht deutlich machen, hat die Platte diese Stimmung, diese Zeit in meinem Leben wirklich gut eingefangen, und sie ist in der Tat persönlicher als die vorherigen. Die Texte dieser Songs beschreiben ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Sachverhalt auf eine Weise, um die ich in der Vergangenheit immer irgendwie einen Bogen gemacht habe. Was vielleicht auch zum Teil daran lag, dass die Umstände es so erforderten. Es sollte eben noch nicht sein. Dann kam jedoch die Zeit, sich mit all diesen Dingen, Erlebnissen und Gedanken auseinanderzusetzen, und ich hatte das Gefühl, das aufschreiben und festhalten zu müssen – bis mir klar wurde, dass auch meine Musik diese persönlichen Dinge über mich enthalten kann und sollte.

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Julian Haußmann
Foto: Thomas Neukum
www.caribou.fm

CARIBOU ist in 2020 auf Deutschland Tour

21. April HAMBURG, Große Freiheit 36

25. April MÜNCHEN, Muffathalle

28. April KÖLN, E-Werk

15. August BERLIN, Zitadele Spandau

Tickets findet ihr hier!