In Wien hat der Club Grelle Forelle eröffnet, und nach längerem Hinschauen oder Hingehen muss man fast philosophisch werden, denn wer auf der Grellen Forelle reitet, kann weder lenken noch absteigen. Inmitten des morbiden Sumpfs der Donaustadt ist nun aus einem Ideen-Ei von vier Freunden dieser Fisch geschlüpft. Direkt am Ufer des Donaukanals breitet sie sich aus. Weit und breit kein Flächennutzungsplan des Kanals als urbane Copacabana. Keine Berlin-Nachmacherei komplexbeladener Provinzler. Unterm kahlen Parkhaus in Wien-Spittelau und der Rauchsäule der Stadtwerke findet man den 1001 qm großen Club. (Die Lage der Forelle ist bezeichnend. Im geographischen Scheitelpunkt zwischen dem Wiener Beverly Hills Döbling, the Jewish Hood Leopoldstadt und dem Paris für arme, dem 9. Wiener Gemeindebezirk ist sie gestrandet.) Aus dem Wasser geholt haben es die vier Freunde, die vorher als Turbo-Kollektiv diverse Locations der Stadt auszuzzelte und besamte. Nun haben sie ihren eigenen Grund zum beatsablaichen gefunden. Das man dafür ein wenig gegen Strom des Donaukanals schwimmen musste, scheint ein Zeichen von Gesundheit zu sein. Zudem: die Terrasse im Sommer entlang der Donau ohne direkte Anrainer oder Gegenüber wird sie entschädigen. Und damit den Besucher natürlich auch. Wie sich die Forelle als Hecht im Karpfenteich behauptet, wird man noch sehen. Die Partys der vergangenen Monate lassen einen jedoch nicht nur hoffen, sondern auch zufrieden zurückdenken.

So waren seit der Eröffnung im Dezember wöchentlich schon Acts wie Damian Lazarus, Carl Craig, Radio Slave, Chez Damier, Len Faki, DJ Sneak, Shonky & DOP usw hier. Doch der Einstieg in die Grelle Forelle erfolgt natürlich über die Tür. Das Treffen mit der Tür begann (für mich) jedoch in der Wiener Bahnhofs-Bar Novi Beograd. Türsteher und Conférencier Jakob Steiner meinte, die Mischung aus jugoslawischen Prostituierten, Kleinkriminellen und zahnlosen Barfraueunprätentiösern könne mir einen Aspekt der Grellen Forelle näher bringen. Und grell war der Ort auf jeden Fall. Ein unprätentiöser Ort mit Identität. Die Message ist da. Allein die Tatsache, dass ich den Türsteher interviewe, sagt viel über den Club aus. Wiener Fatalismus und Gemütlichkeit – im deutschsprachigen Raum auch als Faulheit missverstanden – führen dazu, dass die Leitung der Grellen Forelle gerne delegiert und eine Beschreibung des Club dem Türsteher überlässt. Wer sollte denn sonst das Publikum besser kennen als er?

Gleichzeitig zeigt sicher dieser stehengebliebene Dr. Alban-Höhrer, der im Novi Beograd die Jukebox okkupiert, als nichts ahnend, was die Bookings angeht. Das wiederum wird einzig der Leitung des Clubs überlassen. Und die Bookings sind wahrlich das Rückrat der Forelle. Sie sind Träger der Identität dieses Clubs. Gemäß des konfuzianischen Sprichworts „wenn der Stamm stark ist, kann der Wind mit den Wipfeln spielen“ lassen sie größere Freiheit im Marketing, bei den Gästen und der Selbstdarstellung zu als vielleicht andere Clubs. Jakob Steiner sagte selbst nach seinem Whisky-Cola, den er als „Kindergeburtstags-Drink“ bestellt: „Fakt ist ja: Personen an der Tür zu selektieren, damit sie eine gute Zeit haben und guter Stimmung sind, ist ein wenig ‚fuckin‘ for virginity‘. 

Gerade weil auch zwei junge, picklige Burschen, die sich von irgendwo in die S-Bahn setzen, um Len Faki zu hören, gerne reingelassen werden, und deren Party-Fuck-it-all-Enthusiasmus dann in aller Stille auf andere Gäste überspringt, können auch Möchte-Gern VIPs (oder Party-Yoghuretten, wie sie Jakob nennt) abgelehnt werden, nehme ich an.

Trotz des LineUps und anderweitiger Nutzung des Clubs als Flohmarkt ist es klar, dass dieser Club die Sprache von musikinteressierten Partygänger spricht. Der Club ist Wien. In aller Stille und Hinterfotzigkeit stemmt er sich unbewusst gegen jede Mittelmässigkeit und arty-farty-Kultur. Klar, dass dabei auch gewisse Partygänger ab und zu abgelehnt werden. Dass dies in der österreichischen Art, sich zwischen den Zeilen auszudrücken, manifestiert, ist Geschmacksache. Fest steht: Hier sind keine Menschen am Werk, die es nötig haben, andere Clubs oder Gäste niederzumachen um selbst zu leuchten. Die Forelle mag auch noch in den kommenden Jahren Grell Foreal sein.Ich würde es als das perfekte Wohnzimmer eines elektronischen Musikliebhabers bezeichnen. / Golden G

Wer sich das Ganze selbst anschauen möchte, hier gelten strikte Hausregeln:

–  No admission under the age of 21

–  There are no presale tickets

–  There is no guestlist

–  It is not possible to reserve a table or area (first come first serve)

–  There is a strict no photo policy

 

Spittelauer Lände 12, 1090 Wien

Öffnungszeiten: Freitag & Samstag, 23:00–06:00 Uhr

www.grelleforelle.com