Mit ihrem Debütalbum „Vera“ hat die australische Band Crooked Colours vor zwei Jahren ihre Heimat im Sturm erobert, wandelte sich von der Vorband zum Headliner und konnte auch schon in den USA und in Europa eine Menge Fans gewinnen. Philip Slabber, Leon De Baughn und Liam Merrett-Park haben nun ihr zweites Album veröffentlicht und es sieht so aus, als könnten sie mit „Langata“ ihren rasanten Aufstieg nahtlos fortsetzen. Einen kleinen Zwischenstopp gab es dennoch, Drummer Liam stand uns Rede und Antwort für ein Interview.


 

Herzlichen Glückwunsch zum zweiten Album. Kannst du uns etwas über den Titel „Langata“ sagen?

Langata ist ein Vorort von Nairobi, der Hauptstadt Kenias und als Phil sich dort für eine Weile aufhielt, wuchs das Album zusammen. Der Ort markiert den Punkt, an dem sich unsere Ideen zu einer zusammenhängenden Struktur zusammengeschlossen haben. Die Songs nahmen Form an, wurden zu einem Album, anstatt nur ein Durcheinander von Ideen zu sein.

Viele Bands und Musiker berichten, dass das zweite Album im Vergleich zum Debütalbum viel schwieriger zu bewältigen sei. War es bei euch genau so?

Ich glaube nicht. Es gab natürlich Herausforderungen, aber wir hatten vom Entstehungsprozess des ersten Albums viel gelernt, so dass wir auf diesen Erfahrungen aufbauen konnten. Das Schwierigste an der Sache ist, die eigenen Erwartungen zu dämpfen: Du hoffst natürlich, dass es besser ist als das erste – und so entsteht dann der Druck.

Wann habt ihr mit der Arbeit am zweiten Album begonnen und wie lange hat es gedauert?

Wir starteten direkt nach dem Erscheinen von „Vera“ und vollendeten es im Februar dieses Jahres.

Wie sieht eure Rollenverteilung im Studio aus, wer ist für was verantwortlich?

Phil und Leon haben die Kontrolle über das Studio. Sie schreiben erstmal die meisten Songs allein und danach schicken wir sie uns hin und her. Leon schreibt beispielsweise einen Song, schickt ihn dann an Phil, damit er ein paar Vocals aufnimmt, und dann checke ich, ob die Drums ein Tuning brauchen. Das brauchen sie normalerweise nicht, weil beide einfach großartige Produzenten sind!

Euer musikalischer Stil ist facettenreich, bedient sich verschiedener Genres. Wie würdest du euren Sound beschreiben? Und wie schwierig war es, diesen Sound zu entwickeln?

Wir haben einen so bizarren Stil, der sich auch von Song zu Song ändert. Er beinhaltet Pop, Elektronik, Dance und ein wenig Indie, aber das war noch nie etwas, das wir bewusst in Betracht gezogen haben, bevor wir einen Song geschrieben haben. Wir schreiben nur Songs, die uns gefallen und die uns Spaß machen würden, live zu spielen. Wir haben nie eine vorgefertigte Idee für einen Song, bevor wir loslegen. Jedes Mal, wenn wir es doch so gemacht haben, ist der Song sowieso ganz anders ausgefallen.

Welche Musiker oder musikalischen Trends haben euer Album denn besonders beeinflusst?

Während wir das Album geschrieben haben, waren wir auf Tour um den Globus, daher hat uns vor allem das inspiriert, was wir unterwegs wahrgenommen haben und was wir fühlten. Und es gab Künstler wie Jungle, James Blake, Tourist, Methyl Ethel, die wir dabei gehört haben und die sicherlich ihre Spuren hinterlassen haben.

Und generell, was sind eure musikalischen Vorbilder?

Crystal Castles, The Presets, Daft Punk und Van She sind diejenigen, die uns inspiriert haben, Dance-Musik zu machen.

Der Winter steht in Australien vor der Tür. Auch wenn es nicht so kalt wird wie hier in Deutschland, werdet ihr dennoch dem Winter entfliehen und in Richtung Nordhalbkugel reisen?

Ja! Wir sind direkt nach unserer Australien-Tour auf dem Weg in die USA und wir freuen uns schon sehr darauf! Dem Sommer zu folgen ist etwas, das wir lieben. (lacht) Wir werden vier Monate in den USA auf Festivals verbringen und dann unsere eigene Headliner-Tour starten.

Kommt ihr auch bald nach Deutschland? Und erinnerst du dich noch an euren ersten Deutschland-Gig?

Deutschland ist immer auf unserer Agenda! Unsere erste Show in Deutschland war in München und die war wirklich surreal! Es war unsere erste internationale Show und wir hatten keine Ahnung, wie uns die Leute aufnehmen würden. Es war ausverkauft und ich erinnere mich, dass ich das ganze Set über gelächelt habe! Ich dachte mir nur: „Die Leute kennen unsere Lieder?“ Es war wirklich etwas Besonderes, weil wir auch keine ausverkaufte Show und mitsingende Fans erwartet haben.

Ihr habt auch im Vorprogramm eurer Landsleute Rüfüs Du Sol gespielt. Wie habt ihr euch kennengelernt und in welchem Verhältnis steht ihr zu ihnen?

Wir trafen sie vor vielen Jahren, als wir gerade erst als Band anfingen. Sie baten uns, sie bei einer kleinen Serie von Shows in Australien zu unterstützen. Wir spielten dann auf ihrer nächsten Tour durch Australien und sie zeigten uns, was Touren wirklich bedeutet. Sie waren sehr fleißig und engagiert und das hat sich bei uns eingeprägt. Rüfüs Du Sol waren wirklich großartige Mentoren für uns und wir sind unglaublich dankbar für die Lektionen, die wir von ihnen gelernt haben.

Seit eurem Debütalbum hat eure Karriere an Fahrt aufgenommen, ihr habt Australien im Sturm erobert, jetzt folgt der Rest der Welt. Wie siehst du eure Entwicklung?

Wenn man mal inne hält und sich ansieht, wie gut es bisher gelaufen ist und wie weit wir gekommen sind in den letzten Jahren, fühlt man sich sehr demütig. Wir sind so dankbar und glücklich, dass wir so viele Menschen erreichen und ihre Tage mit unserer Musik ein wenig besser machen können, auch wenn es nur für einen Moment ist.

Für euren 2017er Hit „Flow“ habt ihr eine Goldene Schallplatte bekommen, wie fühlte sich das an?

Als wir die Band gründeten, hatten wir keine Ahnung, dass die Leute unsere Musik hören würden, außer unseren Freunden vielleicht. Es ist etwas ganz Besonderes, diesen Punkt zu erreichen und eine Goldene Schallplatte zu bekommen!

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt und wie seid ihr dann als Crooked Colours zusammengekommen? Übrigens, auch ein eher ungewöhnlicher Bandname.

Phil und Leon lernten sich in der lokalen Surfszene kennen und begannen, daraufhin auch Musik zu machen. Ich habe sie durch Freunde von Freunden kennengelernt, als sie auf der Suche nach einem Schlagzeuger waren und seitdem sind wir auch zusammengeblieben. Der Name wurde von der Band, in der Leons Vater spielte, inspiriert, sie hießen The Crooked Cat’s.

Was kannst du uns über die australische Musikszene erzählen? Und wie unterscheidet sie sich zur europäischen?

Wir wissen nicht allzu viel über die europäische Musikszene, aber wir wissen, dass unsere Szene sehr übersichtlich ist! Die australische elektronische Musikszene ist letztlich ein recht enger Kreis an Musikern und Bands, die sich gegenseitig unterstützen. Wir treffen uns regelmäßig auf Tour und soweit wir das erfahren haben, sind alle sehr freundlich.

Habt ihr ein gemeinsames Ritual vor euren Auftritten?

Wir pushen uns gerne körperlich vor einem Gig! Wir machen gemeinsam Stretching oder Liegestütze, um die Nerven im Zaum zu halten.

Ihr habt bisher schon in vielen Länder gespielt, aber gibt es einen Ort, der noch auf eurer Liste fehlt?

Japan! Wir haben zwar dort schon einmal gespielt, aber wir wollen eine komplette Tour machen. Die Menschen, das Land, das Essen – einfach unglaublich.

 

KURZ & KNAPP

Deine erste Schallplatte:
“Affirmation” von Savage Garden

Dein erster Gig:
Das war bei einem Schulwettbewerb für Bands, da war ich 14 Jahre alt.

Dein erster Job:
Ich habe in der Nachbarschaft Autos gewaschen.

Dieses Album höre ich gerade:
“Assume Form” von James Blake.

Australien ist …
ein sehr großes Land. Man kann nicht einfach so durch Australien fahren, wie man es in Europa kann …

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Jacques Lafitte
Foto (c): Crooked Colours
www.crookedcoloursmusic.com