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1995 startete der Compost Records-Macher Michael Reinboth die Reihe „Future Sound Of Jazz“, die in den Jahren darauf ziemlich flott zu einer der angesehensten und beliebtesten Compilations mutierte. Ende März hat Reinboth das Dutzend voll gemacht und beantwortet uns hier im Interview ein paar Fragen rund um den (Future) Sound Of Jazz …


Was bedeutet Jazz für dich? Was für (elektronische) Musik allgemein?

Die Freiheit über eine klar definierte Grundstruktur (Rhythmus, Melodie, Song) zu improvisieren, jedoch die vorhandenen Elemente mit Respekt zu bearbeiten und entsprechend zu verändern. Die totale Freiheit gibt es auch im Jazz nicht und würde im Chaos enden. Jazz bedeutet insofern auch genau zuhören. Für die elektronische Musik fällt meistens unweigerlich der Jam Session-Charakter weg, insofern ist sie als programmierte Version vielleicht durchdachter, dafür weniger spontan, weniger organisch, eher aseptisch.

In den letzten Wochen/Monaten gab es viele öffentliche Diskussionen über Jazz, dessen Förderung und Stellenwert, was sagst du dazu?

Die Tatsache, dass der klassische Jazz spätestens ab den 70er Jahren quasi ein Subventions-Genre war oder oft von Förder- und Sponsorenmitteln abhängig war (Insbesondere Festivals, die sich selten selbst tragen), tat dem Jazz in jeder Hinsicht nicht gut. Ich bin ein Gegner solcher Subventionen, einfach weil ich der Meinung bin, dass sich alle Kultur zunächst aus sich selbst heraus entwickeln und tragen muss, um den gesellschaftlich kulturellen und letztendlich auch wirtschaftlichen Stellenwert – den es verdient – autark zu erreichen. Übrigens sind genau so viele andere Musiker arm gestorben.

Gibt es bestimmte Kriterien, die ein Track erfüllen muss, um auf die Compilation „Future Sound Of Jazz“ zu kommen?

Ja, die Kriterien sind: Das Stück muss einen Vibe haben, der sollte auch noch positiv ausstrahlen, wenn ein klitzekleines Detail auch nur entfernt an etwas erinnert, was man im Jazz schon mal gehört hat, um so besser. Ferner sollte das Stück vom Sound zeitgeistig sein, vom Hörgenuss aber auch zeitlos sein. Weitere Kriterien sind:  Zwitterhaftigkeit (also mehr als ein Genre berühren), Verfügbarkeit (nicht so oft auf anderen Compilations, exklusiv oder rar sein), Groove und Tanzbarkeit (dabei egal ob im Downtempo oder House-Tempo). In jedem Fall soll es kein DJ Tool sein.

Du sagtest, dass du zwischen 2007 und 2010 eine Art eine gewisse Leerstelle bezüglich FSOJ. Was war genau der Grund, was war mit der Musik los und gab es dann einen bestimmten Track /Künstler, der dich wieder inspiriert/umgestimmt hat?

Um und ab 2007 dominierte Neo-Disco, Disco-Edits, House, Deep House, etwas später dann Post-Dubstep. Der Vibe, ob das ein Xylophon im House-Tune oder ein Jazz-Sample im Detroit-Brett, oder bsw. so ein Feeling wie bei Isolée „Beau Mot Plage“ im Freeform Reform-Remix war, so etwas war Mangelware, oder oft nicht gut. Jazzanova und die vielen Adepten (4Hero und und und), die die elektronische Clubmusik mit einem jazzigem Mysterium erweitert hatten, waren wieder weg vom Schaufenster der Medien und aus den Clubs oder Festivals so gut wie verschwunden. Der junge Nachwuchs entdeckte und erforschte halt klassischen House, zimmerte Tools (wie z.B. die Mannheimer, die es zum Groove Cover schafften, aber denen nach einem Jahr kein Hahn nach krähte). Kurz gesagt, die Musikalität und Zwitterhaftigkeit, gar Fusion ließ zu wünschen übrig. Heute sind genau diese Leute weiter, offener und beziehen andere Einflüsse ein, ebenso kommt die Dubstep- und Disco-Fraktion aus ihrem Trott und baut mehr Jazz oder Soul in ihre Tools und vor oder über allem ist das BPM-Diktat Gott sei Dank aufgeweicht, d.h. alle Geschwindigkeiten sind erlaubt und funktionieren im Club.
Machst du dir jetzt schon Gedanken über eine neue Ausgabe?

Ja, wenn weiter so viel Gutes rauskommt, bin ich der Sache geneigt.

Deine Lieblingsausgabe?

Vol. 2 …War der erste zeitgeistige Höhepunkt dieses inzwischen ja schon bei Discogs, Wikipedia und sonstwo geführten Genres „Future Jazz“ und weil die so unterschiedlichen Leute wie Aphex Twin, Kruder & Dorfmeister, Patrick Pulsinger, Max 404, Drum & Bass Produzenten oder der Lounge-König Nightmares On Wax da vereint sind.

Die Schwierigste?

FSOJ 10 und 11, weil  auch schon vor 2007 sich das kreative Loch ankündigte.

Die erste Ausgabe von heute aus betrachtet, was fällt dir dazu ein?

Das Cover zeigt den schönsten und besten Club (das ATS-Studio), den es je in München gegeben hat. Leider existierte der Raum nur für ein Jahr. Die vielen Name-Droppings auf der Innenseite des Klappcovers (und CD-Booklets) sind eigentlich der Wahnsinn: Alles Leute aus 70 Jahren elektronischer Musik die uns damals beeinflusst haben. Das Gefühl war 1994 so, die digitale Produktion war am ersten großen Zenit und uns schien musikalisch alles möglich, sowohl im Club als auch diese Musik zu Hause weiterzuhören.

Es war auch eine der ersten VÖs auf Compost, wie kam es, dass du das Label gegründet hast?

Es gab in Deutschland kein Label, dass ähnlich wie die noch ganz frischen Mo Wax, Talking Loud, Ninja Tune sich zwittriger Clubmusik widmeten – also ein Stil-Konglomerat aus HipHop, House, Disco, Soul, Funk, Ambient und trippiger Elektronik (damals TripHop). Ich habe Techno und Acid House seit der ersten Stunde richtig erlebt, jedes fucking Wochenende und jede Afterhour. Aber ich war auch an HipHop, Jazz, Funk und Soul interessiert und wollte spätestens um 1989/90 herum, dass sich diese meine erste Liebe wieder mit Techno und House verbrüdert. Daran habe ich Jahre als DJ, Musikjournalist, ab 1994 dann auf der Labelseite dran gearbeitet.

Hast du es irgendwann zwischendurch mal bereut?

NÖ!

Und wie siehst du der Zukunft entgegen.

Musikalisch positiv, ist wie oben erwähnt gerade eine gute kreative Zeit mit vielen musikalischen Optionen. Wirtschaftlich eher pessimistisch, nichtsdestotrotz bin ich dagegen, dass man Future Jazz subventioniert, hihi.

Welche Alben werden dieses Jahr noch auf Compost veröffentlicht?

Marbert Rocel „Small Hours“

Indoor Life – der komplette Back-Katalog dieser genialen Westcoast Kultband der frühen 80er. (zusätzlich mit neuen Remixen!

Compilations von raren oder schönen Stücken von Jaki Liebezeit, Can, Holger Czuckay und anderen frühen Kraut-Elektronikern. Das wird eine Serie!

John Daly „Sunburst“ auf Drumpoet Community

2013: neue Alben von Trüby Trio, Felix Laband, Beanfield

 

„Future Sound Of Jazz“ ist am 30. März 2012 als Download, Doppel-CD & 3er Vinyl erschienen.

www.compost-rec.com

Peter Kruder – Root Down (FSOJ Vol. 7)

Dave Aju & The Sol Percussion Ensemble – Vibra (FSOJ Vol. 12)