In Scampia geboren, einem der härtesten Viertel Neapels, zog es Deborah De Luca im Teenager-Alter recht zügig nach Modena, in den Norden Italiens, wo sie Modedesign studierte und nebenbei als Kellnerin und Tänzerin in verschiedenen Nachtclubs ihren Lebensunterhalt bestritt. Irgendwann merkte sie, dass das Hören von Musik nicht ihre einzige Leidenschaft ist und das Schaffen von Musik noch viel mehr Emotionen in ihr auslöst. Sie schlug ihre Zelte erneut in Neapel auf und traf auf den DJ und Produzenten Guiseppe Cennamo, der sie supportete. Im März 2013 gründete sie mit Sola_mente Records ihr eigenes Label. Seit einigen Jahren ist die Karriere von De Luca ein Paradebeispiel dafür, wie man binnen kürzester Zeit zu einem der gefragtesten Akteure der elektronischen Szene avanciert. Mit ihrer Interpretation von groovigem und teils melodischem Techno tourt sie durch die Clubs und Festivals dieser Welt. Im Jahr 2018 erschien mit „Ten“ ihr Debütalbum. In den einschlägigen sozialen Netzwerken setzt sich die Italienerin gekonnt in Szene, gewährt aber nur selten Einblick in private Gefilde. Das kreiert einen ungemeinen Hype um ihre Person – mitsamt einigen Fragezeichen. Ein Interview.


Deborah, wie geht es dir und wo bist du im Moment?

Hey, mir geht es super und ich freue mich auf dieses Interview! Ich bin derzeit in Neapel in meinem Zuhause, habe ein sehr arbeitsreiches Tournee-Wochenende hinter mir. Ich hatte einige tolle Partys bei der Off Week in Barcelona, am Ostend Beach in Belgien und beim Electronica Festival in der Türkei. Aber jetzt ist es schön, endlich zu Hause zu sein.

Du warst in diesem Jahr bereits sehr oft unterwegs. Wie rekapitulierst du 2019 bislang?

Mit einer Menge Zufriedenheit. Ich habe viele positive Veränderungen in meinem Leben vorgenommen, sodass ich mich wirklich nicht beklagen kann. Eine große Last wurde mir von den Schultern genommen, was persönliche Ängste und auch den Umgang mit verschiedenen Menschen betrifft, die nicht an mich glaubten und meinen Weg verlangsamten. Es war wichtig, diese Änderungen vorzunehmen, daher war es ein tolles Jahr bis jetzt.

Fangen wir bei null an. Wie bist du zur Musik gekommen? War das damals, als du noch hinter der Bar standst oder getanzt hast?

Ja, definitiv. Im Bereich der elektronischen Musik und der Nachtlebenskultur war mein erster Kontakt mit dieser Szene während meines ersten Jobs als Kellnerin in einem Nachtclub in Italien. Danach wurde ich Barkeeperin und dann Tänzerin. Ich tourte schließlich mit einer Gruppe durch Europa und wir tanzten sogar im Pacha auf Ibiza. Von da an wusste ich, dass ich in der Musikbranche Karriere machen möchte. 2008 habe ich mit dem Tanzen dann komplett aufgehört, aber ich wusste, dass ich immer noch mitten in der Musik sein wollte, sie fühlen und lieben wollte. Ich schaute mich um und erkannte, dass ich den Weg der Produzentin und des DJs gehen sollte, denn dadurch konnte ich die Musik nicht nur hören, sondern auch auswählen und gestalten. Ich sah es als eine recht schwierige, aber mitnichten unmögliche Aufgabe an.

Wer oder was hatte damals den größten Einfluss auf dich?

Mit Sicherheit mein Vater und die Musik, die ich als kleines Mädchen mit ihm gehört habe. Jeden Nachmittag hörten wir uns im Esszimmer unseres Hauses Dutzende über Dutzende von Schallplatten aus seiner Vinyl-Sammlung an. Mein Vater ist seit seiner Kindheit ein begeisterter Vinyl-Sammler und seine Musik beeinflusste mich von klein auf stark. Etwas später war es Nina Kraviz – und sie ist es nach wie vor. Ihre mutige Reise, die sie dorthin geführt hat, wo sie jetzt ist, war eine große Inspiration für mich. Sie ist Kunst in allen Richtungen. Eine Sängerin, eine Schauspielerin, eine Performerin. Sie kann alles sein und hat keine Angst vor Veränderungen – das gefällt mir am besten an ihr.

Du stehst nun auf den gleichen großen Bühnen wie sie. Erinnerst du dich an deinen ersten Auftritt?

Na klar. Es war ein Gig, den ich gratis gespielt habe und ich möchte mich lieber nicht daran erinnern, um ehrlich zu sein … Ich war so unglaublich nervös, es war unangenehm –ich habe fast alle Übergänge verhauen. Ich wollte in dieser Nacht einfach nur verschwinden!

Du bist in Neapel geboren. Was vermisst du an deiner Heimat, wenn du von Club zu Club reist?

Normalerweise versuche ich mich immer so zu organisieren, dass jede Tour maximal fünf bis sechs Tage dauert, auch wenn Locations mit 15 bis 18 Flugstunden Anreise dabei sind. Ich habe immer das Bedürfnis, in meine vier Wände zurückzukehren und mich um meine Dinge zu kümmern und um meine Hunde. Zudem wohne ich direkt am Meer und wenn ich morgens aufwache und das Meer nicht sehe, dann fehlt mir das schon sehr.

Wie sieht ein normaler Tag in deinem Leben am Meer aus?

Mein typischer Tag ist der eines ganz normalen Mädchens. Ich bereite das Mittagessen vor, gehe mit den Hunden spazieren, kaufe ein und verbringe viel Zeit mit den paar Freunden, die ich habe. Damit meine ich die echten, denen es egal ist, wenn ich mich mal daneben benehme. Ich liebe mein „normales“ Privatleben. Es hält mich auf dem Boden und hat von Montag bis Donnerstag Hausarrest.

Wie betrachtest du die Szene in Neapel und in Italien im Allgemeinen in diesen Tagen?

Die elektronische Musik in Italien hat in den letzten zehn Jahren eine ziemlich schwierige Zeit durchgemacht, muss ich sagen. Viele der großen Nachtclubs und Venues schließen, zuletzt Cocoricó, das in den letzten Monaten in den Nachrichten zu sehen war. Die italienischen Gesetze schützen das Nachtleben in unserem Land nicht und leider geht die Kultur des Clubbers langsam, aber sicher verloren. Es gab eine Zeit, da sind die Leute stundenlang durch das Land gereist, um ihre Lieblings-DJs zu sehen. Jetzt ist es schwer, sie von ihren Aperitifs wegzuziehen und sie an besondere Orte zu locken. Wenn es allerdings um Ibiza geht, steigen alle ins Flugzeug, ohne Fragen zu stellen, und sind wieder ganz wie früher, warum auch immer. (lacht)

Auch wenn die Frage bei deinem derzeitigen Erfolg eher pathetisch klingen mag, stelle ich sie dennoch: Gibt es Dinge, die du heute anders machen würdest?

Vielleicht eine Sache, ja. Ich würde besonders in den Jahren, als alles anfing, nicht mehr so sehr an mir und meinen Entscheidungen zweifeln und bereits früher das Selbstvertrauen entwickeln, meinem Bauchgefühl zu folgen. Es gab Momente, in denen ich mich von der Kritik, die ich bekam, leicht überwältigt fühlte. Wie beispielsweise die dumme Schlussfolgerung „Wenn du süß bist, kannst du nicht wirklich gut sein“ oder Ähnliches. Und so versuchte ich, mich zu verstellen, um den anderen ähnlicher zu sein als mir selbst. Im Laufe der Zeit habe ich diese Fehler identifiziert und die beste Veränderung, die ich vorgenommen habe, war es, nur das zu tun, was mir ein gutes Gefühl gibt.

Der Erfolg gibt dir Recht. Wie fühlt sich das an für dich?

Ich bin wirklich glücklich darüber, dort zu sein, wo ich gerade bin. Und das umso mehr, da ich nun in einer Position bin, von der ich nie wirklich erwartet hätte, dass ich sie jemals einnehmen würde. Es wurde alles noch viel besser als erwartet. (lacht) Als ich meine Karriere startete, war es mein Hauptziel, meine Absicht, mich selbst zu finanzieren, dabei etwas Spaß zu haben und meinen Eltern helfen zu können. Ich hatte sicherlich nicht erwartet, große Musikfestivals als Headliner zu betreten, auf den Covers von Zeitungen und Zeitschriften zu sehen zu sein oder im Verkehr Autos neben mir zu haben, aus denen meine Musik zu hören ist.

Letztes Jahr ist dein Debütalbum „Ten“ erschienen. Wie blickst du auf dieses Projekt zurück und wie sieht es mit einem Nachfolger aus?

„Ten“ ist ein Werk, das die ersten zehn Jahre meiner Karriere in der Musikindustrie widerspiegelt. Es ist im Wesentlichen eine zehnteilige Reise durch Genres, die mir gefallen. Es gibt Acid, Techno, härtere Tracks und fast hauseigene Vocal-Tracks wie „The Moon And The Sun“. Das Album endet sogar mit einem Remix eines alten neapolitanischen Songs! Ich bin sehr stolz auf dieses Album. Aber das nächste wird sicherlich anders sein, denn ich habe mich ohne Zweifel entwickelt. Mal sehen, wann es so weit sein wird.

In den nächsten Wochen erscheinen gleich zwei neue EPs, eine auf deinem eigenen Label und eine weitere auf Tronic.

Das Release auf Tronic ist eine 3-Track-EP mit Titeln, die ich vor einigen Monaten bereits produziert habe. Wie du sicher weißt, dauert es viel länger, wenn man auf anderen Labels veröffentlicht. Mit meinem eigenen Label Sola_mente Records kann ich völlig frei entscheiden und Musik veröffentlichen, wann immer es mir passt. Manchmal bin ich sogar zu schnell und muss mich von allen Seiten bremsen lassen. (lacht) Der erste Track der Tronic-EP heißt „A Vision Of Ecstasy“ und enthält ein Sample aus dem Rihanna-Track „Diamond In The Sky“. Für „I Started Writing This Song“ habe ich tatsächlich einen Dialog zwischen Lady Gaga und Bradley Cooper aus dem Film „A Star Is Born“ genommen und bin sehr happy mit dem Resultat. Die Veröffentlichungen auf meinem Label unterscheiden sich in Bezug auf den Stil dadurch, dass sie weniger hart sind und etwas mehr Vocals enthalten. Im Prinzip ist alles Techno bzw. melodischer Techno.

Lass uns über deine Arbeit im Studio sprechen. Wie läuft bei dir dieser Prozess ab?

Ich habe zu Hause ein tolles Studio mit allem, was man braucht, um Musik zu produzieren. Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich zu Hause oft nicht konzentrieren. Meine Hunde, mein Telefon, das Meer – das sind alles Ablenkungen, die extrem verführerisch sind, sodass ich zu Hause eher semiproduktiv bin. Die meisten meiner Produktionen entstehen im Flieger, wenn ich auf Tour bin. Und da ich mindestens ein- bis zweimal im Monat Langstrecke fliege und dann 13 Stunden oder mehr zur Verfügung habe, kann ich diese Zeit dann tatsächlich effektiv nutzen, um mich zu konzentrieren. Ich hatte vor ein paar Jahren beispielsweise einen Rückflug von Rom nach Miami, in dieser Zeit habe ich ganze vier Tracks produziert. Ich fühle mich im Flugzeug immer unglaublich inspiriert. Und die Tatsache, dass man durch so gut wie nichts abgelenkt wird, ist ein großes Plus.

Dann greifst du wohl nahezu ausschließlich auf digitale Tools zurück, oder?

Ja, so ist es. Obwohl ich alle möglichen Geräte und Synthesizer im Studio habe, bevorzuge ich es, Sounds mit Vocal-Samples zu kreieren, teilweise sogar mit meiner eigenen Stimme. Ich liebe es, Stimmen und Seufzer zu benutzen – richtig behandelt, werden sie zu Klängen, die ich wirklich liebe.

Was sind deine Pläne für den Rest des Jahres?

Ich habe bereits einen komplett vollen Kalender bis zum Februar 2020. Es stehen einige tolle europäische Festivals und Clubshows bevor, dazu weitere Termine auf Ibiza und eine kleine US-Tour Ende September, bei der ich unter anderem im Space Miami spiele. Darauf freue ich mich sehr. Daher lautet mein Plan für diesen Sommer, jeden Moment unbeschwert und glücklich zu genießen.

Wie sieht es mit deinem Label Sola_mente aus?

Diese Plattform, auf der ich mich sehr gerne austobe und die mir für alle Spielarten des Technos dient, gibt mir immer wieder die Freiheit, Dinge auszuprobieren und mich so auch weiterzuentwickeln. Von vollen, tiefen Klängen bis hin zu Remixen alter, neapolitanischer Songs – es ist alles möglich. Diesen Weg möchte ich fortsetzen, ohne von den Gedanken Dritter beeinflusst zu werden. Musik ist keine Mode. Es ist etwas, was man fühlt. Oder eben nicht. (lacht)

 

Aus dem FAZEmag 090/08.2019
Text: Triple P
Foto: Valerio Natale