kraftwerk
Der Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand
David Buckley schreibt eine kuriose Biographie über die Düsseldorfer Elektropioniere Kraftwerk


Neunzehn ehemalige Mitglieder zählt Kraftwerk, “wenn man alle Musiker mitrechnet, die live und im Studio je in der Gruppe mitgespielt haben.” Der Brite David Buckley hat es selbstverständlich nicht geschafft, mit jedem Einzelnen zu reden – zu verschwiegen sind die Düsseldorfer Mensch-Maschinen. “Interviews, Veröffentlichungen über ihre Arbeit oder Fotos lehnen sie so gut wie immer ab – es sei denn, sie wollen ein neues Produkt bewerben, was bei der momentanen kreativen Arbeitsgeschwindigkeit ungefähr einmal alle zehn Jahre vorkommt.” Somit ist diese “unautorisierte Biographie” vor allem ein Kompendium des Nein-Sagens. Kraftwerk lehnten es ab, mit ihrem großen Verehrer David Bowie auf Tour zu gehen und ließen nach Aussage vieler Begleiter den legendären Musikproduzenten Conny Plank (Brian Eno, La Düsseldorf, Eurythmics, Ideal, Annette Humpe) schlichtweg im Regen stehen. Nein, sympathisch werden einem diese Düsseldorfer zu keiner Zeit. Sie erscheinen eher als reich geborene Schnösel, die mit Ellbogen und Arroganz ihren zwar beachtlichen, aber für viele Weggefährten ebenso enttäuschenden Weg gegangen sind. Dazu kommt die Gleichgültigkeit gegenüber Bewunderern. Zwischenzeitlich haben sie sich gegen das lästige Touren entschieden, auch wenn sie damit in Musikerkreisen nicht allein dastehen. “Kate Bush absolvierte in ihrer gesamten Karriere nur eine einzige Tournee, und die beschränkte sich auf Großbritannien.” – Am interessantesten ist dieses ausufernde Buch in den ohnehin wichtigeren Anfangsjahre, wenn über die  Beeinflussung durch Karlheinz Stockhausen erzählt wird, dessen Mitte der Fünfziger entstandener “Gesang der Jünglinge” als erstes Stück moderner elektronischer Musik gilt. Es gibt Exkurse zu Bauhaus, John Cage, Pierre Boulez. “Sie haben mehr gemein mit Gilbert & George und Andy Warhol. Die Glamour-Welt der Musikindustrie ist jedenfalls nichts für sie.” Man versteht, weshalb Kraftwerk sich deshalb zum Stampfen deutscher Industriemaschinen heimischer Bosch- oder Siemensprodukte hingezogen fühlten. Industrie war ihnen näher als amerikanischer Blues. Dazu gibt es den üblichen Fanklatsch: “Kaffee war obligatorisch. Wir tranken alle Kaffee; Ralf ein bisschen mehr als die anderen. Jeder trinkt gern Kaffee. gelegentlich gab es auch Süßigkeiten. Manchmal aßen wir Eis. Manchmal gab Florian Quark, Schlagsahne und gefrorene Himbeeren in eine Schüssel, mit Zucker und Vanille. Er verrührte alles und stellte es in den Kühlschrank.” Buckley zieht zugleich stets eine Linie ins jetzt, wenn er beispielsweise daran erinnert, dass die Melodie von Kraftwerks “Computerliebe” einer neuen Generation aus dem Coldplay-Song “Talk” bekannt ist. / Jan Drees

David Buckley: “Kraftwerk – Die unautorisierte Biographie”
Metrolit, 400 Seiten, 24,99 EUR
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