Die Gebrüder Brett: Alleine schon bei dem Künstlernamen musste ich schmunzeln. Und als ich dann das neue Album von Phillip und Rolf gehört hatte, kam ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Denn der Longplayer „Tekkno ist cool“ macht einfach gute Laune. Mal lustig, mal krass, mal albern, mal melancholisch, aber immer Tekkno. So wie bei den Schlümpfen halt. Für alle, die das jetzt nicht verstehen sollten, lest das Interview. Und ja, man kann lustig sein, den Spaß in den Vordergrund stellen und dennoch ernsthaft Musik produzieren und seinen Job professionell betreiben.

Viele Techno-Acts nehmen sich sehr ernst, ihr dagegen seid sehr humorvoll. Das merkt man nicht nur bei eurem Namen, sondern auch beim Album-Intro zu „Tekkno ist cool“. Da wir noch kein Interview mit euch hatten, fangen wir ganz vorne an. Wo kommt ihr her, wann und wo habt ihr euch kennengelernt und wieso der Name?

Phillip: Wir kommen aus Halle und Leipzig und haben uns 2013 kennengelernt. Und zum Namen; hätten wir gewusst, dass man uns das so oft fragt, hätten wir uns das aufgeschrieben. :D Unsere Tracks brettern, wir sind zwei Gebrüder, das passte.

Rolf: Ich war vorher schon DJ, und irgendwann habe ich Phillip auf einer Party kennengelernt. Später habe ich dann auf einer privaten Party von Phillip gespielt, und da ging das dann alles los.

In welchen Clubs habt ihr in eurer Jugend Techno gehört und inwiefern haben euch die damaligen DJs inspiriert? Welche waren das?

Rolf: Ich bin nie wegen der Musik weggegangen, nur zum Saufen. :D Ich habe Musik immer eher zu Hause konsumiert, also Tekkno. Und da kamen die ersten Einflüsse hauptsächlich durch meine Eltern, Sachen wie Dune, Mark ’Oh, Marusha, eben Happy Hardcore, und die ganze Loveparade-Fraktion wie Dr. Motte und WestBam. Wir sind halt Neunziger-Kinder, da lief das im Fernsehen und im Radio auf MTV und Viva und natürlich bei den Sputnik Turntable Days.

Phillip: Brauerei Dessau, BITZ Bitterfeld, KuFa Dessau, Bernabeum Bernburg, Scream Dessau, … Ich bin nie so weit weggekommen. Und wie Rolf schon sagt, wir sind Neunziger-Kinder und hatten das auf unseren Kassetten. Ich hatte eine rote und blaue Kassette, mit solchen Sachen drauf, und das habe ich dann im Walkman rauf und runter gehört. Was uns verbindet, was wir beide hatten, das war dieser Schlümpfe-Tekkno. Und deswegen haben wir unser Album auch „Tekkno ist cool“ genannt.

Wie seid ihr in der Schule gewesen und welchen Beruf wolltet ihr damals ergreifen und welchen habt ihr ergriffen?

Phillip: Realschule, durchschnittlich. Als Kind wollte ich Lokführer werden und in der Jugendzeit, da hat man dann irgendetwas gemacht. Ich habe Lagerist gelernt, was dann sechs/sieben Jahre mein Job war. Danach kam noch eine Lehre zum Mechatroniker, die ich aber abgebrochen habe, weil die Musik kam.

Rolf: Schule, naja, auch durchschnittlich. Dann Lehre und Jobs, wie Paketdienstfahrer und in verschiedenen Chemiefabriken. Danach wollte ich noch mehr in Richtung Sozialpädagogik gehen, aber da kam dann auch schon die Musik. Und jetzt sind wir eben Musiker.

Wann war euch klar, dass ihr auf die Karte Liveact setzt? Gab es einen Auslöser?

Phillip: Wir hatten einfach immer mehr Auftritte, und dann ist das einfach so passiert. Unter der Woche arbeiten und am Wochenende 1.000 Kilometer zu den Gigs zu fahren, das war dann nicht mehr unter einen Hut zu bringen.

Rolf: Es war irgendwann abzusehen, dass das immer mehr wird, also haben wir alles auf die Karte als Musiker gesetzt.

Wie beschreibt ihr euren Musikstil? Und wieso funktioniert er besser im „Osten“ als anderswo?

Phillip: Unser Musikstil ist experimentell, experimenteller Tekkno. Aber ob das im Osten besser funktioniert als im Westen, das würde ich so nicht sagen.

Rolf: Wir sind halt aus dem Osten und eben im Osten gestartet, aber mittlerweile können wir das relativieren. Die Mentalitäten sind sicher verschieden, aber das sind sie im Norden und im Süden auch. Überall wird anders gefeiert.

Phillip: Das beste Beispiel war unser Gig beim Ikarus Festival. Der DJ vor uns spielte Acid Techno auf 130 bpm, und danach kamen wir mit 166 bpm, und die Leute haben genauso getanzt, nur noch mehr. Die sind da bald abgehoben!

Andere Acts aus eurer Szene gehen ebenfalls sehr humorvoll mit dem, was sie machen, um. Ich denke da an Minupren oder BMG. Inwiefern grenzt ihr euch bewusst oder unbewusst von „seriösen“ Techno-Acts ab? Denkt ihr, dass das Gefühl bei den Fans, dass Spaß an erster Stelle steht, für Authentizität sorgt?

Phillip: Naja, wir verstellen uns ja nicht. Wir sind halt, wie wir sind.

Rolf: Es war alles aus Spaß geboren, aber ohne Plan. Wir grenzen uns da nicht ab, wir haben eben viel Humor, und machen das, was wir machen. Die Gebrüder Brett sind keine Kunstfiguren, sondern wir. Auch wenn unsere Tracks und wir sehr viel Spaß transportieren, wir selbst nehmen unseren Beruf als Musiker sehr ernst.

Wie habt ihr das verfickte 2020 überstanden? Was habt ihr getrieben? Habt ihr noch „normale“ Jobs?

Phillip: Ich hatte immer noch einen Minijob nebenher, den ich jetzt wieder etwas ausgebaut habe.

Rolf: Wir hatten gar nicht so den Fokus auf Corona, wir hatten einfach Zeit für unser Album, was schon länger geplant war, aber so sonst sicher nicht entstanden wäre, wenn wir genauso viele Gigs wie 2019 gehabt hätten. Wir haben unser erstes Musikvideo gedreht und uns musikalisch etwas ausprobiert, wie man bei dem Song „Ticket (feat. Fakkt)“ im Musikvideo hört.

Wie arbeitet ihr im Studio? Wer macht was?

Phillip: Wir produzieren beide unabhängig voneinander und packen das dann irgendwann gemeinsam zusammen. Jeder hat so seine Sachen, aus denen dann, meistens nachts, Die-Gebrüder-Brett-Tracks werden.

Wenn man eure Musik noch nicht kennen sollte, was macht die Gebrüder Brett aus?

Rolf: Unsere Musik macht einfach Spaß! Wir wollen musikalisch wie persönlich für die Fans erreichbar sein. Wir waren und sind, hoffentlich auch bald wieder, immer länger auf den Partys, auf denen wir spielen, als nur für den Gig. Jetzt läuft dieser Kontakt zu den Fans über unseren Twitch-Kanal, bis es wieder losgehen kann.

Ihr habt viele Features auf eurem Album. Schon sehr Hip-Hop-Style-mäßig. Wie kam es zu diesen ganzen Features?

Rolf: Wir sind beide aktive Rap-Konsumenten und so werden die Leute auf uns aufmerksam oder wir auf sie. Man stolpert in Social Media übereinander, da entwickelt sich so etwas irgendwie. Und wir sind halt auch immer auf der Suche nach Features und Koops.

Phillip: Tekkno-Rap ist ja unser Ding, dieser Mix der Genres. Wir machen gern Sachen, die die Leute nicht von uns erwarten, eben nicht nur Melodie oder nur „Auf die Fresse“-Tekkno, wie man ja auch bei „Ticket“ hört.

Bitte beschreibt jeden Song auf dem Album in wenigen Worten, Track für Track.

  1. Intro

Das Intro basiert auf einem Interview von uns mit Nick D-Lite beim Dusted Tuesday bei der Manege Dunkelbunt im letzten Jahr.

  1. Welle aus’m Osten (feat. SzumH)

Das ist ein Statement, wo wir herkommen, ein bisschen der Nachfolger von „Der Osten feiert besser“.

  1. 2000

Das ist schon etwas älter und wurde neu aufpoliert. Die Melodie erinnert an Acid, Feiern, Augen zu, Volllast, Autobahn, …

  1. Moshpit (feat. District 10)

Das ist ein Festival-Tekkno-Rap-Track und unser erster Track mit den Jungs aus Hannover.

  1. DOFB (Live Skit)

Eine Hommage an uns selbst. :D

  1. Ticket (feat. Fakkt)

Das ist etwas komplett Neues für uns, entstanden zusammen mit Fakkt, mit dem wir auch schon unseren Track „Schweben“ releast haben. Hier tanzen wir mal aus der Reihe und visieren neue Ufer an.

  1. One Chance

Das erste Mal Englisch und das erste Mal mit einem Frauen-Vocal. Ein Gute-Laune- und Sommer-Track.

8./9. Noot Noot

Besoffen im Studio. :D Einfach Spaß!

  1. Mit den Jungs (feat. Bullet061 & SzumH)

Die erste Tekkno-Rap-Collab mit Leuten aus unserem Studio-Komplex, und für uns der Nachfolger von unserem „Panzerband und billiges Crack“-Remix.

  1. You & I (feat. Amanic & Kalaschnirolf)

Das ist pure Neunziger. Hier hört man unsere Inspirationen und das Bunte, was unsere Musik ausmacht. Damit haben wir für uns einen Kreis geschlossen. Eine Erinnerung an die Blütezeit von Tekkno und an die Loveparade, an die Zeit, als Tekkno noch in den Charts war und auf VIVA und MTV lief.

  1. Turbo Colt (feat. Sprechgesang)

Das ist unser Maskottchen, das Auto von Phillip, das uns zu all unseren Gigs gebracht hat. Die Fans und Insider kennen und lieben es. :D

  1. Verkehrskontrolle

Das ist einfach Alltag, wenn wir mit dem „Turbo Colt“ unterwegs sind. :D

Und es ist die Einleitung zum nächsten Track.

  1. Drogenbande

Der Track basiert auf einer Nachricht von einem Fan, der wegen eines „Die Gebrüder Brett“-Aufklebers auf seiner Heckscheibe von der Polizei angehalten wurde. Turbo Colt, Verkehrskontrolle und Drogenbande – das ist zusammen eine kleine Trilogie.

  1. Striptease (feat. KomaCasper)

Die einzige Koop auf dem Album mit einem Tekk-Musiker. Entstanden ist das Feature eigentlich aus Zufall und das ist knallharter, anstößiger Tekk. FSK18!

  1. Outro

Wir hatten ein Intro, also brauchten wir auch ein Outro. :D

Diese kleinen Skits zwischendurch und auch das Intro und das Outro, das ist so der Einfluss aus den Aggro-Berlin-Zeiten.

  1. Bonussong – DGB Allstars (feat. Torso, Bullet061, SzumH, Anti & Ratok, Crystal F & Fakkt)

Hier wollen wir zeigen, dass wir auch anders können. Ein „Posse-Song“ mit Freunden, Kollegen, Bekannten, …

Was steht an, wenn es in 2021 wieder losgeht? Und was macht ihr, wenn es nicht wieder losgeht?

Wir machen einfach weiter und das, wofür wir sonst keine Zeit hatten. Vor allem mehr Musik produzieren und mehr streamen. Wenn das Auftreten gerade nicht geht, machen wir eben etwas anderes.

Eure Alltime Top Three

Rolf:

Redemption von RMB

Miss You von Fox Stevenson

Another Night von The Real McCoy

Bonustrack: Hymn von Music Instructor

 

Phillip:

Westberlin von SIDO & B-TIGHT

L’Amour Toujours von Gigi D’Agostino

Flat Beat von Mr. Oizo

 

 

Aus dem FAZEmag 108/02.2021
Text: Sven Schäfer
Foto: Tobias Sack