dubfire HYBRID
Mit an die Spitze zu gelangen und es sich anschließend von der eintreffenden Welle des Erfolges so lange wie nur möglich bis in den persönlichen Lebensherbst tragen zu lassen – so oder so ähnlich sieht wohl der grobe Plan bzw. die Wunschvorstellung der Künstler der Jetztzeit aus. Das jemand diesen Weg mit zwei Projekten allerdings gleich zweimal geht und damit gleichermaßen Ruhm erntet, verdient zweifelsohne besonderen Respekt. So im Falle von Ali Shirazinia, der gemeinsam mit Sharam Tayebi als Deep Dish zu den Akteuren gehört, die für viele maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Szenerie hatten. Zurecht, denkt man nur an Titel wie „Say Hello“, „Flashdance“ oder ihrem Remix zu Dido, mit dem sie in 2002 gar einen Grammy gewannen. Sie wurden von den verschiedensten Gazetten und Institutionen mehrfach mit Preisen überhäuft. Dennoch ist Shirazinia den meisten wohl eher als Dubfire ein Begriff. Unter diesem Alias ist der gebürtige Iraner seit nunmehr neun Jahren hauptsächlich unterwegs. Nun ist er mit seiner „HYBRID“-Show auch als Live-Act.


Sein Label Sci + Tec veröffentlichte Output von Paul Ritch, Butch, Boris oder Oliver Huntemann. Mit Tracks wie „Ribcage“ oder„Roadkill“ und vor allem mit seinem Remix zu Radio Slaves „Grindhouse“ wurde er bekannt. „Ich versuche meiner Musik eine gewisse Punk-Ethik aufzuerlegen. Sie muss für mich bahnbrechend, futuristisch, einzigartig und organisch klingen“, so lautet das Credo des im vergangenen Monat 44 Jahre alt gewordenen Producers. Nach zwei Proben und dem anschließendem Debüt seiner Live-Show beim letztjährigen Amsterdam Dance Event – für viele der Höhepunkt der gesamten Woche –, gab es erst kürzlich bei der Time Warp in Mannheim die Premiere auf deutschem Boden. Wir trafen Dubfire wenig später zum persönlichen Gespräch.

Du bist seit Jahren als DJ in der Szene unterwegs und hast schon mehrfach den Globus umkreist. Erzähl uns etwas zur Geschichte hinter „HYBRID“.

In meiner Jugend habe ich schon immer in Bands gespielt, mit denen wir vor Leuten aufgetreten sind. Sogar bei einigen Talentwettbewerben waren wir, egal wo uns die Musik hingeführt hat. Irgendwann hat das auflegen diese Art von ‚Performance‘ abgelöst bzw. hat sich daraus entwickelt. Ich war ständig auf der Suche nach neuer Musik, neuen Künstlern und Gruppierungen. Nach Jahrzehnten in dieser Szene habe ich beschlossen, zurück zu meinen Wurzeln zu gehen – auch weil ich einfach so viel eigenes Material, Kollaborationen und Remixe habe. Mit dem Zusatz, meine Kunst mittels neuer Wege wie Soft- und Hardware sowie audio- und visueller Technologien zu ergänzen, war dieser Gedanke äußerst verlockend, sodass ich irgendwann alles in die Tat umsetzen musste.

Wann war dieser Moment und wie lange hast du für die Vorbereitungen gebraucht?

Über solch ein Live-Konzept denke ich tatsächlich schon einige Jahre nach. Eigentlich in dem Moment, wo ich für meine neue Homepage damals meine Diskografie mit meinen sämtlichen Produktionen zusammenstellen sollte. Da habe ich erst bewusst wahrgenommen, wieviel bis zu diesem Zeitpunkt herumgekommen ist. Ich begann damit, mir alles nochmal anzuhören und irgendwann manifestierte sich dieser Gedanke in meinem Kopf, alles Live zu präsentieren. Ich erkannte eine Art Entwicklung, die sich wie ein roter Faden durch sämtliche Tracks zog. Manche Sachen machten mich noch immer stolz, bei einigen kamen mir neue Ansätze oder Ideen, wie man sie neu interpretieren könnte. Zunächst habe ich die Titel ausgesucht, die in jedem Fall dabei sein mussten, weil sie einfach mich und meinen Sound ausmachten. Anschließend habe ich ein paar Remixe von mir hinzugefügt und habe das gesamte dann bearbeitet. Statt einfach Track an Track hinzuzufügen, nahm ich aus jedem Stück vielmehr ein paar Sequenzen heraus, und vermischte sie mit anderen. Gewisse Elemente lagen plötzlich übereinander und liefen über Minuten nebenher, dass sie eine gänzlich neue Version ergaben. Das ganze hat großen Spaß gemacht und Sachen, die vielleicht auch schon etwas älter waren, definitiv aufgefrischt. Zeitlich war das jedenfalls eine Mammutaufgabe, an der ich mit meinem Team lange gesessen habe.

Wer ist alles Teil dieses Teams und für was verantwortlich?

Die Programmierung der Musik war wie bereits erwähnt der erste Schritt. Diesen hätte ich definitiv nicht ohne meinen Musikdirector Cristiano Nicolini gehen können, den ich vor einigen Jahren kennengelernt habe, als er so wie ich in Barcelona gelebt hat. Er war schon damals ein scharfsinniger Experte, Sound-Ingenieur und später Koryphäe in Sachen Ableton Live, das heutzutage ja als die Live-Standartbasis gilt. 2013 haben wir ungefähr sechs Monate miteinander verbracht, um das Grundgerüst von HYBRID fertigzustellen. Als ich das hatte, wandte ich mich an Jarret Smith von Derivative, der verantwortlich für die Visuals von Richie Hawtins Plastikman-Shows zeichnet. Nach einigen Wochen als Hauptverantwortlicher bekam er allerdings so viele neue Projekte rein, dass er mich Kamil Nawrati von VOLVOX Labs in Brooklyn, New York vorstellte. Dieser nahm sich der Aufgabe an war von Anhieb Feuer und Flamme für das Projekt. Wir haben uns direkt verstanden und eine gemeinsame Sprache gesprochen. Er hat genau das realisiert, was ich in meinem geistigen Auge in dieser Show visuell vor mir hatte. Wir haben stetig kommuniziert und am gesamten Vorhaben gefeilt. Dabei schickte er mir immer wieder Aktualisierungen und Skizzen.

Das klingt nach mehr als nach einem herkömmlichen VJ-Auftrag…

Bildschirmfoto 2015-06-21 um 17.20.00Das Einzige, was ich dabei unbedingt nicht wollte, war es, irgendwelche lieblos ausgewählten Bilder an die Wände oder auf das Publikum zu projizieren. Daran haben sich meiner Meinung nach, vor allem aufgrund der riesigen EDM-Welle, nahezu alle satt gesehen und stellt für niemanden mehr etwas Besonderes dar. HYBRID sollte vielmehr eine cineastische Erfahrung, die wie ein wahrer Spielfilm mit Konzept und Charakteren eine neue Welt erschafft rüberkommen. Kamil hat mit seinem Team bei VOLVOX, Javier und Pa, dafür gesorgt, dass meine Erwartungen sogar übertroffen wurden. Danach haben wir angefangen, am Stage-Design zu arbeiten. Ursprünglich hatten wir eine Art schlauchförmige LED-Struktur gedacht, die mich umhüllen sollte, zumal ich auf Displays übertragen oder vor den Visuals sein – mein Ziel war es, genau darin zu sein, also ein integrierter Teil davon. Mit diesem Vorhaben haben wir uns an VT Pro Design in Los Angeles gewandt, die dann mit angemessenem Budget die Dinge ausarbeiteten und anschließend produzieren ließen. Während dieses Projektes bahnte sich nach einer achtjährigen Pause die große Wiedergeburt von Deep Dish zur Winter Music Conference im letzten Jahr in Miami an. Genau dafür haben wir zeitgleich ebenfalls Bühnen-Designs kreiert. Warum auch immer, haben wir dann letztlich die LED-Tube-Version für Deep Dish benutzt und mussten uns für meine Dubfire-Show etwas völlig Neues ausdenken. Das Ergebnis mit den multiplen Screens war dabei sehr effektiv, um ein futuristisches Design zu schaffen. Techniker Andy Kayll hatte ich mir zu diesem Zeitpunkt schon lange gesichert, da ich ihn schon seit Jahren aus dem Space sowie dem DC10 auf Ibiza kenne und er einer der ersten war, mit dem ich über mein Vorhaben gesprochen war. Seine Zusage hatte ich direkt im Sack. Den Light Jockey BeMo habe ich durch unseren gemeinsamen Freund Matthias gefunden, der das Licht für Richie Hawtin macht. Wir verstehen uns super und er war auch schon bei einigen DJ-Gigs von mir dabei, sodass wir uns auch auf der Bühne einspielen konnten. Er hat immer ein gutes Händchen für den richtigen Look zur richtigen Zeit und ich bin mehr als glücklich, ihn dabei zu haben.

Jetzt musste das ganze nur noch koordiniert werden, oder?

Richtig, dafür habe ich Rosalya Ly engagiert. Neben meinem Tourmanager Tim Price hat sie wundervolle Arbeit geleistet, diese ganzen Puzzleteile zusammenzufügen und von der Planung bis hin zur Realisation war sie die Live-Tour-Verantwortliche, die sich um jedes kleinste Detail gekümmert hat. Anatol vom Cosmopop-Team aus Deutschland ist erst kürzlich ebenfalls zu uns gestoßen. Er kümmert sich um die Produktionen in Europa und bringt mit der Time Warp als Referenz die besten Voraussetzungen mit, die man sich vorstellen kann. Dazu gesellen sich noch typisch deutsche Tugenden wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Effizienz. (lacht)

Das Resultat, das über 20.000 Leute in den Maimarkthallen in Mannheim zu sehen bekamen, war eine beeindruckende Kombination aus Mensch und Maschine. Wie würdest du das ganze beschreiben?

Genau diese Schnittstelle soll HYBRID darstellen. Die Umgebung spielt in der Zukunft, in der Technologien noch mehr als heute ständigem Fortschritt unterzogen werden und dadurch zu einer harmonievollen Symbiose mit der Menschheit herangewachsen sind. Die Musik dient dabei eher als Soundtrack dieses evolutionären Zyklus, beginnend mit der Geburt der Mensch-Maschine durch Zellgeneration und der Aufnahme in die Maschinenumgebung. Das Ergebnis ist in jedem Fall einzigartig und bislang noch nie so dagewesen, vor allem nicht in Verbindung mit einem Techno-Live-Act. Es war ein unglaubliches Gefühl, Komplimente von Leuten wie Sven Väth, Carl Cox oder Richie Hawtin zu bekommen, die sich die Show in Mannheim aus nächster Nähe angeschaut haben. Zumal ich erst vor nicht allzu langer Zeit zu ihnen aufgeschaut habe.

Auch die internationale Pressekritiken fallen durchweg positiv aus. Erzähl uns etwas zu deinem genauen Setup auf der Bühne und wie du dieses einsetzt.

Aufgrund der komplizierten und nahtlosen Verbindung zu den Visuals und Lichtern, muss ein Großteil der Show genau konzipiert werden. Dennoch habe ich die komplette Kontrolle über den Sound, den ich in all seinen Einzelteilen zerlegen bzw. zum Erliegen bringen kann, um ihn dann erneut Stück für Stück aufzubauen. Ich kann von einer Sequenz zur anderen fliegen und bei Belieben ineinander verschmelzen lassen. Dabei habe ich alle wichtigen Pfeiler gruppiert und angelegt, die anschließend alle durch einen DS1 Controller, der wiederum mit einigen Effekten gemappt ist, geschickt werden. Und da ich schon immer ein großer Fan von Dub-Reggae war und glaube, dass dieser Style der Grund für die heutigen Remixe und Club-Mixe ist, benutze ich eine Anzahl an Tape Delays, Reverb Effekten und Filtern. Ich habe quasi ein Arsenal an Geräten, mit der ich den Sound einzigartig manipulieren und steuern kann während der Show.

Viele Fans haben sich nach dem Anschauen der Videos gefragt, welches Pult du benutzt.

Das ist maßgeschneidert und extra für mich angefertigt. Darüber hinaus benutze ich auch noch ein iPad, dass mit einem Lemur-Template läuft. Damit kontrolliere ich die Software-Instrumente jedes einzelnen Songs sowie ein paar Effekte. Auch ein iPad mini, das mir anzeigt, wo und in welcher Sequenz genau ich mich aktuell befinde. Es war mir einfach wichtig, nicht einfach einen Laptop vor meiner Nase zu haben. Der Fokus soll eindeutig auf das pure Live-Konzert liegen. Bei den beiden Probe-Shows vor dem ADE im letzten Jahr, ist uns aufgrund der starken Vibration auch zweimal das USB-Kabel aus der Buchse gefallen. Zum Glück haben wir immer ein Backup-System laufen, das unbemerkt hin und her geschaltet werden kann. Nun laufen beide – der Haupt- sowie der Ersatzrechner nur abseits der Bühne bei Cristiano.

Was für Erkenntnisse gab es außerdem aus diesen beiden Shows und welche Veränderungen gab es im Vergleich zum heutigen Status Quo?

Wir habe definitiv eine Menge gelernt. Die erste Show fand beim Bonusz Festival in Budapest statt. Dort gab es nur wenige, fast keine technischen Probleme – sowohl musikalisch als auch visuell. Das war irgendwie schön, aber dennoch irgendwie beunruhigend. So ein komplexes Konstrukt, so viele Monate der Planung und dann fast keine Probleme? Mitnichten. Die traten dann in Form von Akustik-Herausforderungen in Amsterdam sowie der Time Warp in New York auf. Aber auch das haben wir in den Griff bekommen. Aus jeder Show gab es gewisse Erkenntnisse, die wie bei einem Fußball-Team in das nächste Spiel mitgenommen und verbessert wurden. Und es macht von Mal zu Mal mehr Spaß. Es war großartig in Mannheim diesen wunderschönen Floor einmal auf links zu drehen.

Ist nach der HYBRID-Tour weiteres im Live-Bereich geplant? Vielleicht eine zweite Show?

Witzig, dass du fragst. In der Tat haben mein Team und ich gerade begonnen, am nächsten Konzept für die nächste Show zu arbeiten, die dann auf einem neuen Album basieren wird. Somit dauert das ganze bestimmt noch eine Weile, da ich noch inmitten der Kompositionsarbeiten stecke.

Apropos Album. Ein Vögelchen zwitscherte, dass es nach der Reunion im vergangen Jahr schon bald ein neues Album von Deep Dish geben wird?

Ursprünglich hatten Sharam und ich nicht geplant oder die Intention gehabt, nochmals gemeinsam an neuer Musik zu arbeiten. Vielmehr wollten wir einfach nur raus und den Fans das geben, wonach sie Jahrelang gebettelt hatten – ein paar neue Shows. Dennoch wurde unser Ehrgeiz und diese Neugier, ob wir es noch immer zusammen drauf haben, relativ schnell entfacht. Anfang 2014 haben wir ein paar Tage im Studio verbracht und dabei entstand die Single „Quincy“. Wir hatten danach das Gefühl, dass unsere beiden einzigartigen und eigentlich vollkommen verschiedenen Musik-Ästhetiken ihren Platz gefunden haben. Dies nahmen wir als Anlass und auch als Startschuss, im vergangenen Februar ganze vier Wochen im Studio zu sitzen. Ich denke, all‘ das haben wir über die Jahre gebraucht. Aber mehr verrate ich noch nicht.

DJ, Live-Act und eine offizielle Deep-Dish Vereinigung. Wie sieht die Zukunft des Ali Shirazinia aus und welches Projekt erhält mehr Gewichtung?

Nun ja, es stehen einige sehr spannende Shows für die kommenden zwei Jahre an. Die Arbeit mit Sharam bedarf auch einiger Zeit und Kraft und dazu gesellen sich noch meine DJ-Sets, die ich nach wie vor sehr liebe. Ich denke, dass jede Aufgabe von mir genügend und gleichermaßen Engagement erhält und das soll auch sicherlich so bleiben.

Wie sieht es mit neuen Dubfire-Releases aus?

Nach meinem Remix für Plastikmans ‚Exposed‘, der im Januar erschienen ist, kam im März meine Interpretation zu Barems ‚A‘ auf SCI + TEC sowie ein Remix für Hot Since 82 an. Auf Drumcode steht ebenfalls ein Remix an, in diesem Fall für Joseph Capriati. Eigentlich wohne ich aktuell im Studio ­­– bei so vielen Projekten zeitgleich. Mit Radio Slave und Danton Eeprom arbeite ich an ‚Grindhouse II‘, für die nächste ENTER.-Compilation wird es einen neuen Mix geben und auch mit Miss Kittin arbeite ich an einer neuen Single. Ach, und da wäre noch ein Remix für Interpol. ‚Humano‘ heißt der finale Teil der Kollaboration mit Oliver Huntemann, der auch noch kommt. Der Track wird Teil eines großes Paketes sein, dass alles, was wir jemals zusammen gemacht haben plus einiger neuer Remixe, beinhaltet und von einigen gemeinsamen Shows abgerundet wird.

Und dazwischen gehst du noch deiner non-musikalischen Passion Sake nach?

(lacht) Es ist keine Frage, dass ich mich sehr für die Gastronomie interessiere. Ich erkenne einfach sehr viele Parallelen in der Arbeit eines Chefkochs und der eines DJs oder Produzenten. Ich bin sehr in der japanischen Küche und der Kultur und ja, vor allem auch in Sachen Sake. Ich möchte so viel wie möglich von diesem faszinierenden Getränk erfahren und habe daher den ‚Sake Professional‘-Kurs im Januar in Japan besucht. Level 1 habe ich geschafft, der zweite steht kommendes Jahr an. Wünscht mir Glück! / Rafael Da Cruz

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