Zwei Jahre nach ihrem letzten Album veröffentlicht Ellen Allien ihren nächsten und bereits achten Langspieler. Auf „Alientronic“ präsentiert die Berlinerin neben peaktimetauglichen Technostücken auch Ambient und Breakbeat. Kurz vor den Ostertagen fand die umtriebige Künstlerin noch etwas Zeit, uns mehr über ihr neuestes Werk zu erzählen.


Nach der Gründung deines neuen Labels UFO Inc. hatte ich damit gerechnet, dass das Album dort veröffentlicht wird.

UFO Inc. ist eine Plattform für 12Inch-Clubmusik, die sich roh und hypnotisch gestaltet. Die Veröffentlichungen dort sind sehr ausgewählt. BPitch hingegen hat eine bessere Struktur und eignet sich allgemein deutlich besser für Alben.

Wie lief der Entstehungsprozess bei „Alientronic“? Aufgenommen hast du es ja erst letzten Winter – ging also alles recht flott.

Zwei Tracks waren ja schon länger fertig. Die anderen entstanden im Winter, wenn ein richtiges Berlin-Gefühl aufkommt – für mich die beste Zeit, um ins Studio zu gehen. Im Winter bin ich am liebsten im Studio und entwickle neue Ideen. Die perfekte Jahreszeit, um Musik zu machen. Mein Kopf ist klarer, wenn es kühl ist. Ich mag auch die grauen Tage oder wenn es mittags noch sonnig ist und gegen Nachmittag sich alles grau zuzieht. Irgendwie betont das die Melancholie der Stadt, und das empfinde ich als ein sehr starkes Element. Ich werde dann nachdenklicher und erlebe vieles noch mal neu.

Es ist ja bereits dein achtes Album. Haben sich da mittlerweile gewisse Routinen oder Rituale eingeschlichen, gerade im Hinblick auf Konzeption und Produktion?

Eine Routine nicht wirklich, da ich in verschiedenen Studios arbeite, mit unterschiedlichen Produzenten zusammen, oder dann doch wieder andere, neue Synths benutze. In meinem Home-Studio, wo sich Routine breit machen könnte, skizziere ich lediglich meine Ideen und bereite verschiedene Dinge vor. Ich gehe aber nicht jede Woche ins Studio, damit sich erst gar nicht so etwas wie Routine einschleicht. Wirklich nur dann, wenn konkrete Ideen da sind oder ich dem Drang, wieder Musik zu machen, nicht mehr widerstehen kann. Der ist nämlich immer da, denn Musik ist meine Art, mich auszudrücken, Erfahrungen und Erlebnisse zu verarbeiten und nachzufühlen. Und ganz egal in welchem Studio dann ein Track entsteht, er ist immer ein Zeitdokument meiner Gefühle.

Wie viel Selbstdisziplin ist nötig für ein neues Album?

Nun, es macht mir Spaß, Musik zu machen. Wenn ich krank bin und trotzdem ins Studio gehe, ist es etwas wild, aber ansonsten bin ich gerne dort. Manchmal lernt man dann nur neue technische Elemente kennen oder probiert neue Sachen aus.

Bleiben wir noch kurz in Berlin. Du bist ja „Stadtkind“ durch und durch. Welchen Eindruck hast du von Berlin aktuell?

Bei meinem Album „Stadtkind“ habe ich meinen Lebensstil verarbeitet und mich der Stadt verbunden gefühlt, vorher war das noch nicht so. Heute jedoch genieße ich es, wenn ich viele Sprachen in der Tram höre. Dass Berlin reizvoll ist für viele Menschen, die auch herziehen und sich wohlfühlen möchten, das finde ich wichtig. Wenn Mauern und Pässe nicht mehr nötig sind, dann gibt es weniger Konflikte und mehr Respekt anderen Kulturen gegenüber. Ein Beispiel ist auch der Zwist zwischen Katalonien und Spanien. Die Regierung bringt die Menschen dazu, sich zu hassen und sich nicht zu akzeptieren. So fällt es gar nicht erst auf, wie viel Kohle sie sich selbst in die Taschen stecken. Das tut den Menschen nicht gut. Aber auch dort demonstrieren die Menschen nun endlich und tun öffentlich ihre Meinung kund.

Die Sommersaison startet nun langsam, aber sicher. Wo wirst du dieses Jahr spielen, wo freust du dich auf ein Wiedersehen, wo auf dein Debüt?

Auf dem Melt Festival spiele ich Sonntagmorgen auf dem „Sleepless Floor“. Darauf freue ich mich schon sehr. Da ist immer so ein schöner Ausnahmezustand und es entsteht ein wahrer Rave. Zum Zeitpunkt unseres Interviews stehe ich kurz vor dem Gig bei Pollerwiesen, auch darauf bin ich schon sehr gespannt. Über die warmen Monate hinweg sind dann natürlich noch viele andere tolle Shows geplant.

Welche Pläne hast du 2019 mit BPitch und UFO? Welche Releases sind geplant? BPitch wird dieses Jahr doch auch 20 Jahre alt – wird das gefeiert?

Auf BPitch kam gerade die Debüt-EP von Regal aus Madrid raus – „The Eyes“. Hammermäßige Mucke! Dann erscheint im Mai, also diesen Monat, mein Album „Alientronic“, zu dem es auch einige tolle Remixe geben wird. Und auf UFO Inc. kam jetzt auch die zweite Platte raus: Alien Rains „The Arrival“. Ansonsten verrate ich hier aber noch nichts!

Eine ganze Menge interessanter Output! All diese Veröffentlichungen gibt es ebenfalls auf Vinyl. Da bist du ja auch vorne mit dabei. Wie steht es denn um deine Vinylism-Reihe?

Wir hatten gerade eine Session in Mailand. Es war wirklich klasse, die Atmosphäre und die Sets von Hiver sowie von MCMXC waren einfach richtig gut. Über die nächste Vinylism kann ich jedoch auch noch nichts sagen, denn wir kündigen die Sessions immer erst eine Woche vorher an.

 

Aus dem FAZEmag 087/05.2019
Bild: Stini Roehrs
Text: Julian Haußmann
www.ellenallien.de