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Erlend Øye hat Lust auf eine Cola. Hungrig ist er auch. So sitzt er da und schaut trotzdem recht freundlich durch die großen Gläser seiner Brille. Draußen herrscht jene angenehm träge Stimmung, die frühe Montagnachmittage im Sommer so mit sich bringen. Das milde Sonnenlicht wärmt Berlin-Mitte. Vor ein paar Monaten haben The Whitest Boy Alive ihre Auflösung bekannt gegeben. Die einst sehr gehypte Band von Erlend Øye war vielleicht auch so etwas wie der elektronische und ungezügelte Gegenpol zu seinen braven Kings of Convenience. Doch irgendwann schienen die Geschichten auserzählt. Jetzt steht der Solokünstler Øye wieder im Mittelpunkt. Oder auch nicht, denn sein neues Werk „Legao“ wurde zusammen mit der isländischen Band Hjálmar eingespielt. Diese hatte der Norweger auf einem holländischen Festival entdeckt. Gemeinsam traf man sich zu Sessions in einem Studio in Island, das ideal dafür war, die Klangästhetik der 70er Jahre, von Bands wie Steely Dan oder 10cc heraufzubeschwören. Die war ebenso Inspiration für das Album, wie der Lovers Rock Sound. Auf „Legao“ hören wir Balladen, Folk-Gefühle und Reggae-Songs. Und Erlend Øye bekommt seine Cola, worüber er sich sehr freut. Das Essen empfindet er jedoch als etwas zu wenig.


Erlend, war es für dich eigentlich schwierig, nach den Jahren mit The Whitest Boy Alive wieder zu deiner Solokarriere zurückzufinden?
Mit The Whitest Boy Alive haben wir viel Zeit damit verbracht, eine nicht-existierende Band und einen bestimmten Sound zu entwickeln. Wir haben etwas sehr einzigartiges erschaffen. Das nahm eine längere Zeit in Anspruch. Bei meinem neuen Soloalbum war es so, dass ich direkt zu einer Band gekommen bin, mit der ich zusammengespielt habe. Es ist eine Band, die schon einen eigenen Sound hatte. Wenngleich auch niemand außerhalb Islands sie kennt. Dort aber kennt sie jeder. Ich hoffe, dass die Musik von Hjálmar durch unsere Zusammenarbeit auch ein größeres Publikum erreichen wird.

War es denn wichtig, die Songs von „Legao“ in diesem speziellen Studio in Island aufzunehmen?
In diesem Studio arbeitet eines der Bandmitglieder als Engineer, es ist sein Studio. Die Band kennt diese Umgebung daher ganz genau. Sie waren sich sehr sicher beim Spielen, das machte alles sehr einfach. Es gibt auch eine echt lustige Geschichte zu dem Studio, das 1975 gebaut wurde. Als die ersten Inhaber es verließen, verkauften sie ein Drumkit, das von Anfang an dort gestanden hatte. Es lagerte dann lange Zeit in irgendeiner Garage. Als einer aus der Band nach einem Drumkit suchte, stieß er irgendwann darauf. Vom Vorbesitzer erfuhr er, dass es einst in irgendeinem Studio gestanden hatte. Und es war tatsächlich jenes Drumkit. Es hat diesen original 70s Sound. Das hört man auf dem Album.

Fiel es dir bei „Legao“ leichter, das Album aufzunehmen als bei vorherigen Platten mit The Whitest Boy Alive oder Kings of Convenience und den damit verknüpften Erwartungen?
Ich hätte bei diesem Album auch einen anderen Namen verwenden können. Doch eigentlich war es schon ungefähr so, wie die Platen, die ich mit Kings of Convenience und Whitest Boy Alive gemacht habe. Natürlich ist „Legao“ viel mehr meine eigene Platte als jede, die ich mit den anderen Bands gemacht habe. Aber es ist nach wie vor das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit anderen Menschen.

pressfotoERL_HJALMAR5Was war denn die wichtigste Erkenntnis, die du aus der Zusammenarbeit mit Hjálmar gewonnen hast?
Ich habe hier etwas gelernt, was ich schon vorher begriffen habe: Wenn ein Musiker gerade dabei ist, etwas echt cooles zu erschaffen, mit Gitarre, Keyboards oder Drums, dann kommentiere es nicht! Kein „Yeah“, kein „Versuch es noch etwas mehr wie…“… Bleib ruhig! Sag nichts! Lass ihn einfach machen! Ich habe kapiert, dass wenn man im falschen Moment etwas sagt, dann stirbt die ganze Entstehung,

Welche Dinge sind für dich als Künstler einfacher geworden?
Nun, heute bin ich viel besser darin, Touren so zu planen, dass es Spaß macht.
Auch war „Legao“ eine Platte, die sehr leicht zu machen war. Ich habe viel darüber gelernt. Man muss die Leute zusammenbringen, man muss die Zeit finden… Es gibt so viele Dinge, die man da beachten muss. Der Band muss es sehr viel Spaß gemacht haben, mit mir zu spielen. Denn meine Songs sind sehr simpel, wenn ich mit ihnen ankomme. Ich lasse der Band genügend Raum, um kreativ zu sein.

Wie viel Musik hörst du jeden Tag? Ist es dir wichtig, Woche für Woche neue Klänge zu entdecken, oder versuchst du es eher zu vermeiden, andauernd Musik zu hören?
Ich höre nicht so viel Musik. Wenn ich dann von Plattenaufnahmen und Touren zurückkomme, möchte ich einfach das Geräusch der Bäume hören. Wenn es jedoch eine Weile her ist, seit ich das letzte Mal etwas aufgenommen habe, oder auf Tour war, dann kommt das Verlangen nach Musik zurück. Ich höre auch sehr viel Musik live. Wenn ich um die Welt reise, höre ich mir lokale Musiker an. Wenn ich einen guten Gitarrenspieler treffe, fordere ich ihn auf, für mich einen Song zu spielen. Das ist meine Lieblingsmusik, jemandem zuzuhören, der sie live spielt.

Spielt elektronische Musik überhaupt noch eine Rolle in deinem Leben?
Bum-Bum-Musik ist wirklich extrem langweilig. Sie läuft überall. Bum Bum Bum Bum Bum. Sie wird ganz offensichtlich bald sterben, denn jeder ist von ihr so gelangweilt.
Ich hab die Bassdrum einfach satt. Ich vermisse die elektronische Musik von 2000/2001 sehr. Damals gab es viele Stücke, bei denen es nur um den Aufbau und die elektronischen Klänge ging, nicht ums Tanzen. Ich vermisse das echt. Als Leute Maschinen verwendet haben, um einen bestimmten Sound zu erzeugen. Künstler wie Prefuse 73 oder Dabrye. Leute, die eine Art instrumentalen Hip-Hop machten. Das war echt gut. Oder „Like Gold“ von meinem 2002er Album. Ein Stück, das mit Schneider TM entstanden ist. Das ist solch ein toller Song. Ich habe gehört, dass Schneider TM bald endlich wieder ein neues Werk herausbringt. / Benedikt Schmidt

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Erlend Øye – Legao (Bubbles Records)

Erschienen im FAZEmag 032/10.2014
Fotocredits: de mayda