Am 13. November hat Poker-Flat-Boss Steve Bug sein neues Album „Never Ending Winding Roads” veröffentlicht. Im Interview mit uns spricht er über die Message des Albums und seinen Alltag während der Krise.

 

„Never Ending Winding Roads“ – Steckt hinter diesem Titel eine Anspielung auf die aktuelle Zeit oder einfach nur dein Faible für lange kurvige Straßen? Vielleicht auch beides?

Ich mag Titel, die mehrdeutig sind und Raum für Spekulationen lassen, die zum Nachdenken anregen. Man kann hier vieles hineininterpretieren und das soll auch so bleiben.

Nochmal zum Titel: Gibt es denn tatsächlich eine Straße oder eine Strecke, die dich besonders begeistert? Wir denken da beispielsweise an die Lombard Street in San Francisco, die als kurvenreichste Straße der Welt gilt.

Ich würde mich nicht als großer Fan von Straßen bezeichnen, da ich mich lieber in der Natur aufhalte. Seit 20 Jahren besitze ich kein eigenes Auto mehr und bin vorzugsweise mit dem Rad unterwegs. Aber klar, es gibt natürlich auch wunderschöne Berg- oder Küstenstraßen, die ich liebend gerne mal mit einem alten VW Käfer entlang cruisen würde.

Keine Auftritte, keine Touren, keine Festivals – „Dank“ Corona konntest du dich zu 100 Prozent auf dein neues Musikprojekt fokussieren. Doch wird ein Künstler bzw. die Musik des Künstlers nicht auch durch das Drumherum (was ja aktuell mehr oder weniger gänzlich entfällt) geprägt? Wie spiegeln sich diese neuen Gegebenheiten in deinem neuen Album wider? Einige Titel springen uns da direkt ins Auge …

Gänzlich entfallen tut das „Drumherum“ ja nicht. Insbesondere Emotionen sind wichtig für die Musik und davon gab es Corona-bedingt in letzter Zeit eine ganze Menge. Die Krise zeigt, dass die Menschheit immer noch nicht verstanden hat, dass ewiges Wachstum und ungehaltener Konsum auf Dauer nicht funktionieren. Einige der Titel auf dem Album haben deshalb einen tieferen Hintergrund. „The Clock Is Ticking“ bezieht sich beispielsweise auf den Klimawandel, ist aber auch auf viele andere Dinge anwendbar – Die Uhr tickt schließlich überall. „Lucid Loops“ thematisiert die Manipulation durch die Sozialen Medien. Der Begriff stammt aus der Psychologie und bezeichnet etwa Strategien, wie man eine Person mit gezielten, kleinen Belohnungen immer wieder ins gleiche Handlungsschema lockt.

Aktuell verbringst du eine Menge Zeit im Studio. Wie sieht derzeit ein typischer Studiotag bei dir aus? Hast du spezielle Vorkehrungen getroffen, um es dir in deinem, sagen wir „neuen Zuhause“, gemütlicher zu machen?

Um ehrlich zu sein, habe ich die Zeit genutzt, um mich von Teilen meines Studio-Equipments zu trennen – vieles davon benötige ich einfach nicht (mehr) und zudem ziehe ich Ende des Jahres samt Studio um. Gegönnt habe ich mir allerdings einen neuen Sequential Prophet 5 (REV4), eine Neuauflage des Klassikers. Unabhängig davon, habe ich natürlich sehr viel mehr Zeit im Studio verbracht und unzählige Tracks produziert. Einen typischen Alltag gibt es aber aufgrund der Umstände nicht. Abseits der Studio-Tätigkeiten erledige ich Office-Kram oder gehe Bouldern.

Wie gehst du außerhalb des Studios mit der Corona-Krise um?

Als jemand, der direkt von der Krise betroffen ist und der zwei Personen aus der Risikogruppe in der Familie hat, würde ich mir wünschen, dass weniger Menschen die Pandemie auf die leichte Schulter nehmen. Ich wundere mich zudem, dass die Bundesregierung scheinbar den ganzen Sommer verschlafen hat und nun auch ideenlos auf den Winter zusteuert. Auch den leichtsinnigen Umgang mit Reiserückkehrern finde ich seltsam. Aber naja, jetzt soll es ja endlich den erhofften Impfstoff geben. Bis dieser für alle verfügbar ist, wird aber wohl noch eine ganze Weile vergehen. Am meisten ärgert mich der bewusst ignorante Umgang mit der kreativen Branche. Dennoch versuche ich, optimistisch zu bleiben und das Beste aus der Situation zu machen. Das Auflegen vor einem echten Publikum, und sei es mit nur einer kleinen Anzahl an Gästen und mit Maske, vermisse ich aber schon sehr.

„Never Ending Winding Roads“ ist am 13. November via Poker Flat Recordings erschienen.

 


Aus dem FAZEmag 106
Text: Milan Trame
Foto: Robert Schlesinger
www.pokerflat-recordings.com