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Die ältesten und bekanntesten Musiker der Natur sind die Vögel. Seit mehr als 150 Millionen Jahren erfüllen sie unsere Welt mit ihren Melodien. Vielleicht haben sie sogar uns Menschen erst zum musizieren angeleitet? Jedenfalls sind sie seit jeher eine große Inspirationsquelle für Dichter und Musiker. Manche Komponisten kopierten gar ihre Melodien. In Beethovens 6. Sinfonie etwa, wird der Nachtigallgesang von der Flöte imitiert, der Wachtelschlag von der Oboe und der Kuckucks-Ruf von der Klarinette. Auch Vivaldi und Wagner benutzten Vogelmotive in ihren Opern. Messiaen war der große Ornithologe unter den Musikern. Er sammelte ein Leben lang Vogelstimmen direkt aus der Natur und schrieb diese in Noten um. Da er versuchte den Gesang möglichst rhythmisch und melodisch genau zu imitieren, übernahm er auch die Unregelmäßigkeiten der Vögel, da sie ja keine menschlichen Tonleitern kennen.


Unter den Vögeln gibt es Meistersänger wie etwa die Nachtigall. Ihr Gesang setzt sich aus über 100 verschiedenen Strophen zusammen. Ihr Name rührt daher, dass sie bis spät in die Nacht hinein singt. Mit ihrem perlenden und variationsreichen Gesang hat sie viele Künstler und Dichter inspiriert. Jeder kennt die Zeile „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ aus Shakespeares „Romeo und Julia“ oder die berlinerische Redewendung „Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen“.

Die in Städten sehr häufige Amsel, singt fast rein in Dur und klingt deshalb so angenehm für unser menschliches Gehör. Sie ist besonders begabt in der Erfindung und Variation von Strophen und Motiven, die auf uns eingängig und gefällig wirken.

Manche Arten imitieren in ihrem Gesang auch artfremde Stimmen und Klänge. Diese Arten nennt man Spötter. In früherer Zeit wurden sie auch als Bastardnachtigallen bezeichnet. So können Stare etwa Hundebellen, Pferdewiehern, Handyklingeln, quietschende Reifen oder Polizeisirenen spotten. Diese Fähigkeit Geräusche nachzuahmen, kann allerdings nur im Nestlingsalter erlernt werden.

Bei machen Arten sind die äußeren Merkmale so ähnlich, dass nur ihr Gesang sie leicht voneinander unterscheiden lässt. Man nennt diese Arten Zwillingsarten. Fitis und Zilzalp etwa sehen äußerlich, außer leichten Farbunterschieden der Beine, nahezu identisch aus haben aber völlig unterschiedliche Gesänge. So klingt der Gesang des Fitis wehmütig abfallend, wie das Herunterfallen eines Blattes; der Zilzalp hingegen ruft zackig seinen Namen: „Zilpzalp, Zilpzalp“.

Doch gibt es auch Gesellen unter den gefiederten Freunden, deren Gesang auf uns Menschen nicht so lieblich wirkt. Wer kann schon dem Gekrächze einer Krähe etwas schönes abgewinnen. Dennoch gehören auch sie zu den Singvögeln. Ein Vogel hat es sich aber bei mir aber besonders verscherzt: die Kohlmeise. Mit ihrem harten und lautem „zi-zi däh, zi-zi däh“ hat sie mir schon so manches mal im Morgengrauen Schlaf und Nerv geraubt. Doch nicht nur ihr penetranter „Gesang“ macht das so possierlich anmutenden Vögelchen zu einem echten Schurken: Verlogen und verdorben ist sie auch. So verscheuchen sie ihre Artgenossen mit fingierten Warnrufen. Das Futter bleibt ihnen somit ganz allein. Oder sie singen mit „verstellter“ Stimme, um mehrere Reviere gleichzeitig für sich zu beanspruchen und Neuankömmlingen vorzugaukeln, dass diese Reviere schon besetzt sein. Auf ein stolzes Repertoire von 8 verschiedenen Individual-Gesängen bringen es die gewieften Betrüger dabei.

Es singen meist nur die Männchen. Der Gesang erfüllt in erster Linie zwei Zwecke: der Revierabgrenzung und dem Anlocken von Weibchen. Neben dem Gesang unterscheidet man auch noch in Ruf und Laut. Laute dienen ebenfalls der Revierabgrenzung und der Attraktion von Weibchen, werden aber von Vögeln ohne die Nutzung des Stimmorgans dargeboten, wie etwa das Trommel der Spechte oder das Schnabelklappern der Störche. Rufe sind nicht artspezifisch, sondern universeller und werden auch von anderen Vögeln verstanden. Sie dienen dem Warnen vor Luft- oder Bodenfeinden. Singt ein Blaukehlchen etwa neben einem Feldsperling stört es diesen ziemlich wenig, da er die Information nicht versteht, so als würde jemand neben uns auf der Parkbank irgendetwas auf Chinesisch über Liebe erzählen. Ruft aber jemand ganz laut „Ejjj!!“ verstehen auch wir das als Aufmerksamkeitssymbol und springen auf.

Vögel haben ein vom Menschen gänzlich verschiedenes Stimmorgan. Statt Stimmbändern haben sie einen zweiten, unteren Kehlkopf, der Syrinx genannt wird, was sich aus dem Griechischen von Panflöte ableitet. Hier finden sich Membrane, die durch Muskeln in Schwingungen versetzt werden. Einige Singvögel können die Membrane beider Seiten unabhängig voneinander bewegen und somit zwei verschiedene Töne gleichzeitig erzeugen.

Was für das menschliche Ohr so spielerisch klingt ist für Singvögel eine komplexe Leistung. Denn Vögel müssen den Gesang erst von Grund auf erlernen. In der ersten Lernphase hört der Jungvogel den Gesang der ausgewachsenen Artgenossen aufmerksam zu und bildet eine Art Schablone dazu in seinem Gehirn, die festlegt, wie der Gesang klingen sollte. In der zweiten Lernphase, die manchmal erst Monate später beginnt, übt der Jungvogel schließlich zu singen. Zunächst erzeugt er dabei einen sogenannten Untergesang. Dieser ist noch leise, unstrukturiert und wenig spezifisch. Danach folgt der plastische Gesang. Er ist bereits lauter und strukturierter, aber immer noch sehr unspezifisch. Auf den plastischen Gesang folgt der Kristallgesang, der dem Gesang entspricht, den der Jungvogel in der ersten Lernphase gehört hat und weitestgehend der im Gehirn angelegten Schablone entspricht. Während der Übungsphase passt der Jungvogel die selbst erzeugten Laute jedoch auch immer wieder dem Gesang seiner Artgenossen an. Daher zeigen isoliert aufgewachsene Männchen deutlich andere Muster im Gesang als ihre Artgenossen, die in natürlicher Umgebung aufgewachsen sind. Zudem gibt es einerseits Arten, die den einmal erworbenen Gesang ihr Leben lang nicht mehr verändern und anderseits Arten, die sich immer nur für eine Saison ein Gesangsrepertoire zulegen. Bei einigen Singvögeln wie etwa beim Buchfink entwickelt sich eine Art Dialekt, also ein sich Anpassen an die Gesänge der Artgenossen in unmittelbarer Umgebung, so dass regionale Unterschiede im Gesang entstehen. Auch die Schneeammern in Grönland entwickeln regionale Dialekte. Man sagt, dass sich die Inuits auf Grund der Gleichförmigkeit der Landoberfläche seit jeher an den Dialekten der Schneeammern orientieren, um zu erhören wo sie sich gerade befinden.

Die Art des Gesangs gibt dem Weibchen Hinweise, welches Männchen für die Paarung am besten geeignet ist. Zunächst wird der Gesang durch das Hormon Testosteron beeinflusst. Hohe Testosteronspiegel lassen das Männchen länger und häufiger singen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Lautstärke des Gesangs noch eine wichtigere Rolle spielt, denn die Weibchen werden von lautem Gesang eher angezogen als von leisem. Gut genährte und fitte Männchen singen lauter als weniger gut genährte. Damit ist die Lautstärke des Gesangs ein guter Indikator für die körperliche Fitness des Männchens und beeinflusst so das Weibchen bei der Wahl des Paarungspartners.

Die Lautstärke des Gesangs wird allerdings auch durch die Umgebung beeinflusst. Denn damit der Gesang auch paarungswillige Weibchen oder rivalisierendes Männchen erreichen kann, muss er seine Stimme an die Akustik der Umwelt anpassen. Daher stellt der vom Menschen produzierte Lärm in den Städten, wie etwa der Auto-Verkehr die Vögel vor eine große Herausforderung. Zunächst versucht das Männchen den Lärm durch lauteres Singen zu kompensieren. Wenn dies nicht ausreicht, ändert das Männchen die Frequenz. Deshalb singen Vögel in Städten meist hochfrequenter als ihre Artgenossen auf dem Land was als eine Anpassung an den tieffrequenten Verkehrslärm zu verstehen ist. Außerdem verschieben viele Vögel in den Städten ihre Sangesarien auf die Nacht, da hier der Geräuschpegel deutlich niedriger ist.

Der Gesang der verschiedenen Arten beginnt häufig zu unterschiedlichen Tageszeiten. Während die Nachtigall bereits in der Nacht ihr Lied anstimmt, beginnt die Amsel etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, die Kohlmeise kurz vor Sonnenaufgang, der Grünfink hingegen etwa eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang. Aus dem unterschiedlichem Beginn des Gesangs der verschiedenen Arten kann man grob die Uhrzeit schätzen, weshalb die zeitliche Abfolge der verschiedenen Vogelstimmen auch als Vogeluhr bezeichnet wird.

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Foto: Eichelhäher (Garrulus glandarius)
Fotocredit: Luc Viatour / www.Lucnix.be